Die one Woll

№o 8.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Bostämter zu beziehen.

Vom Baume der Erkenntnis.

I.

Von J. Badeck.

Im Westen Berlins , wo sich auf den schönen, gartenum­säumten Straßen, die in den Tiergarten münden, die Häuser, eines immer prächtiger als das andere, aneinander reihen und wo das unruhige Hinundherhasten der geschäftigen Menge jener behag­lichen Ruhe plaz macht, die das karakteristische Merkmal vor­nehmer Stadtteile ist und in den Geschäfts- und Arbeitervierteln der Residenz gar oft schmerzlich vermißt wird, lag vor wenigen Jahren halb versteckt hinter hochgewachsenen Kastanienbäumen ein elegantes einstöckiges Häuschen. Das kleine Haus war in jenem launenhaften Geschmack erbaut, der unsere modernen Vil­lenbauten kennzeichnet- ein Gemisch unzähliger Stilarten, dem es aber, troz aller Karakterlosigkeit, nicht an Anmut fehlt. Heut, um die dritte Nachittagsstunde eines schwülen Sommertages sah es verführerisch genug aus mit seinen lauschigen Erkern und den spizen, durchbrochenen Türmchen, die im Sonnenschein glizer­ten wie eitel Gold. Zu beiden Seiten der Freitreppe, die von dem kleinen, sorgfältig gepflegten Vorgarten zur Terrasse führte, erhoben sich dichte Reihen blühender Topfgewächse. Aus dem Springbrunnen zu Füßen der Treppe ergoß sich ein durchsich tiger Sprühregen auf die duftigen Blüten, die unter dem glühen den Hauch der Sonne verschämt die zarten Köpfchen senkten.

Die Terrasse selbst lag tief in Schatten gehüllt. Kaum daß auf Augenblicke einmal ein vorwiziger Sonnenstrahl sich hinüber­stahl und mit seinen goldenen Füßchen im Fluge eines der Bücher berührte, die dort auf dem Tische verstreut umherlagen. Weiter wagte sich der übermütige Bursche indes nicht. Auch hätten die beiden, die dort saßen und sich seine harmlosen Neckereien gutmütig gefallen ließen, feckere Uebergriffe sicherlich erfolgreich zurückgewiesen. Aus dem Nebenzimmer, dessen weit­geöffnete Flügeltüren auf die Terrasse hinausführten, tönten tiefe ruhige Atemzüge wie von einer Schlafenden. Vor der Tür selbst hatte sich ein großer Neufundländer behaglich nieder­gelassen und blinzelte schläfrig mit den Augen. Die Fliegen machten ihm viel zu schaffen. Sie summten zudringlich um ihn her und suchten ihn auf jede Weise zu reizen. Aber er, der sich sonst tapfer seiner Haut zu wehren wußte, ließ sich ihre zudringlichen Liebkosungen heut fast widerstandslos gefallen. Er

1883

schien es für das Klügste zu halten, jeder unnötigen Erhizung heut aus dem Wege zu gehen. War es doch ohnehin heiß genug!

Die beiden jungen Leute, die an dem Tische dicht beicin­ander saßen und ihre jungen Gesichter über das Buch neigten, das aufgeschlagen vor ihnen lag, schienen indes nichts von jener schläfrigen Stimmung zu empfinden, die gleichsam in der Luft schwebte. Im Gegenteil, ihr Gespräch wurde von Minute zu Minute lebhafter und mehr als einmal legte das junge Mädchen warnend die Finger an die Lippen und bat ihren Begleiter leise flüsternd, seine Stimme zu mäßigen. Dabei warf sie jedesmal einen besorgten Blick in das Nebenzimmer und atmete beruhigt auf, wenn die Atemzüge der Schlafenden ihr noch immer gleichmäßig sanft und ruhig daraus entgegentönten. Dann vertieften sich die beiden wieder eine Weile in ihre gemeinschaft­lichen Studien. Es war eine englische Grammatif, die vor ihnen lag und in die sie von Zeit zu Zeit einen Blick warfen. Doch hatte der junge Mann, dessen dunkle Augen von Lust und Leben sprühten, seiner Nachbarin jeden Augenblick etwas Neues und ungemein Wichtiges mitzuteilen. Oftmals, wenn er gerade im Begriff war, seiner jugendlichen Lehrerin ein Pröbchen seines wissenschaftlichen Eifers zu geben und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt bemüht war, einen Saz aus dem Eng­lischen in sein geliebtes Deutsch zu übersezen, bedurfte es nur eines Blickes in die braunen Augen seiner Nachbarin, um all seine guten Vorsäze wieder zunichte zu machen. Dann haschte er wohl übermütig nach ihrer Hand, die sie ihm mit verstelltem Unmut zu entziehen suchte und seine Lippen sprudelten über von neckischen Einfällen und harmlosen Scherzen. Das Mädchen hörte nur mit halbem Ohre hin. Sie schien mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt und beantwortete die zahlreichen Fragen, die er an sie richtete, nur einsilbig und mit zerstreutem Lächeln. Mehr als einmal schon war er gewahr geworden, daß sie seine Worte gänzlich überhört hatte. Doch hatte er sich immer wieder beruhigt, wenn sie auf seine Frage, warum sie heut so nach­denklich und schweigsam sei, abwehrend den Kopf schüttelte und mit einem flüchtigen Scherzwort das Gespräch auf ein anderes Gebiet hinüberspielte.