№ 11.
Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.
Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Bostämter zu beziehen.
Vom Baume der Erkenntnis.
Bon J. Badeck.
Burghardt lachte." Nun, ganz so schlimm werde ich es wohl nicht machen, sagte er belustigt. Aber schmeichelhaft bleibt mir Ihr Vertrauen immerhin, wie wenig nach meinem Geschmack dieser blinde Glaube auch sonst ist. Ist der Vater zu Hause?" Ja, entgegnete sie. Der Franz ist bei ihm und liest ihm
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1883
( 3. Fortsezung.)
Die beiden Kinder, welche ihm seine Frau geschenkt und die nach ihrem Tode den kleinen Haushalt ohne jegliche fremde Hilfe so flug und umsichtig zu führen wußten, wie man es ihrem zarten Alter kaum zugetraut, kannten feinen Willen als den des Vaters. Sie hatten es von Kindheit an so vor sich gesehen und glaubten nicht anders, als daß es in Ewigkeit so bleiben müsse. So hatte die kleine Familie viele Jahre in bescheidenen Verhältnissen gelebt und sich in ihrer Beschränkung wohl und glücklich gefühlt. Bis eines Tages über diese drei Menschen eine Katastrophe hereingebrochen war, welche mit grausamer Hand den Frieden und das Glück des Hauses für immer zerstört zu haben schien. Es war eine sehr alltägliche Geschichte
eine einfache Herzensgeschichte, wie sie sich seit Menschengedenken unzählige Mal wiederholt hat, deren düstere Tragik aber darum nicht weniger herzzerreißend wirkt. Die Geschichte einer armen Seele, die sich vertrauensvoll hingegeben und in
ihrem Glauben grausam getäuscht worden ist. Was dann weiter geschehen, wie es gekommen war, daß das arme Mädchen mit dem sanften, lieblichen Gesicht und dem fröhlichen Naturell, die von jedermann gern gesehen war und der niemand etwas Böses nachzusagen wußte, das väterliche Haus eines Tages verlassen hatte, um nicht wieder zurückzukehren, erfuhr niemand. Der alte
" Und da bringen Sie es fertig, hier zu sizen, Kind?" Sie wurde rot wie das Röckchen, das sie trug und wandte sich schmollend ab. Er lachte und öffnete die Tür, die in das Nebenzimmer führte. Der junge Mann, der dort am Fenster saß und dem Alten aus der Zeitung vorlas, die er in Händen hielt, kam ihm entgegen und begrüßte ihn respektvoll. Er war bon kräftiger, wohlgebildeter Gestalt, mit einem Gesicht, aus welchem eine unbeugsame Willenskraft und daneben eine so find liche Gutmütigkeit sprach, daß man den jungen Riesen auf den ersten Blick liebgewinnen mußte. Der Alte ihm gegenüber, der bei Burghardts Eintritt flüchtig aufgesehen und den Eintretenden mit einem scheuen Blick gestreift hatte, war dagegen so schmal und schmächtig gebaut, daß man kaum begriff, wie er dem tückischen Nervenleiden, das ihn nun schon seit länger als Jahresfriſt heimsuchte, so lange widerstehen konnte. Seine bleichen, eingefallenen Züge sprachen von Kummer und Entbehrungen mancherlei Art und die glanzlosen Augen sahen mit einem Ausbruck starrer Verzweiflung drein, der ins Herz schnitt. Bis vor Jahresfrist war der Alte bei all seiner förperlichen Schwäche ein heißblütiger, jähzorniger Mann gewesen, der in seinem Hause ein strenges Regiment führte und mit der ihm eigenen Härte und Rücksichtslosigkeit seinen Willen durchzusezen wußte. Er war allen Neuerungen abgeneigt. Mit mißtrauischen Blicken mitangesehen und dachte ihrer noch heut, nach Jahren, mit innerhalb der gewerblichen und Arbeiterkreise geltend machte und Zittern und Zagen. Auch sehnte sie sich nach der Schwester, mit unwiderstehlicher Gewalt immer weitere Kreise in Mit- die sie sehr geliebt hatte. Doch wäre über kurz oder lang die leidenschaft zog. Er hielt sich geflissentlich davon fern und war Erinnerung an das Geschehene in ihrem jungen, fräftigen Geiste vor Jahresfrist etwa unbeirrt von dem Strom der Zeit, das alte Abhängigkeitsver- mit dem Vater, der so lange noch aufbrausender, noch gewalt hältnis aufrecht zu erhalten, das seinem herrischen, eigenwilligen tätiger zwar als zuvor, unausgesezt mit derselben Kraft und Geiste sein gutes Recht und von der Natur für ewige Zeiten Ausdauer sein früheres Leben fortgeführt hatte, eine auffallende
jah
gegeben schien.
Stelter sprach den Namen seiner Tochter nicht wieder aus und sah einen jeden, der sich herausnahm, auf das Geschehene anzuspielen, mit einem Blicke an, daß auch dem Kecksten die Lust zu weiteren Fragen verging.
Grete war zur Zeit, als sich das Fürchterliche ereignete, noch viel zu jung, um das Vorgefallene verstehen zu können. Sie hatte mit heimlichem Bangen die Wutausbrüche des Vaters
Veränderung vorgegangen wäre. Wie mit einem Schlage war