artikel, an die berliner Wollenwaaren, an die voigtländer Sticke reien; die rheinische Seidenindustrie, die Tuchfabrikation und vor allen die Teppichindustrie leisten Herzerfreuendes. Aber abgesehen von den großen Firmen, deren Leistungen uns und ihnen zur größten Ehre gereichen, schaut doch irgendwo der Pferdefuß heraus. Ich meine die hier und da vorkommende unrichtige Maß oder Gewichtsangabe auf der Verpackung von Bändern, Nähfaden, Stick- und Strickwolle, und die schlechten, unechten Farben bei Damenkleiderstoffen, die zu starke, betrüge rische Appretur bei Baumwoll- und Leinenstoffen und die Be­schwerung der Seide. Ich weiß ja recht gut, daß das in andern Ländern auch vorkommt, vielleicht öfter als bei uns(?), aber ich denke, wir schaffen uns das auch noch vom Halse. Man soll uns feines unerlaubten Gewinns mehr zeihen können! Und damit man gleich sieht, wer sich seiner Waare zu schämen hat, muß es als Ehrenpflicht aller Industriellen gelten, ihre volle Firma auf dieselbe zu sezen. Wer das dann nicht tut, der verleugnet seine eigene Arbeit, er wird schon wissen, warum."

Unsere Textilindustrie darf sich, wie wir sehen, über Mangel an Wohlwollen seitens des Sachverständigen nicht beklagen. Mit Genugttuung hebt er hervor, daß bei ihr die ihm angesichts der Erfordernisse der modernen Großproduftion besonders not­wendig erscheinende Spezialisirung der Leistungen eingetreten sei, die darin besteht, daß jeder Produzent, beziehentlich Fabri­tant, seine Tätigkeit auf einen möglichst kleinen Kreis von Waaren beschränkt, um diese desto besser und preiswürdiger liefern zu können. Auch erkennt er die Erfolge, welche gewisse Zweige der Textilindustrie in neuester Zeit errungen haben, voll und ganz an. Trozdem findet er zu tadeln und zwar: die viel fältigen Bemühungen um unerlaubten Gewinn mit Hilfe von betrügerischen Geschäftsmanipulationen!

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Daß Seelhorst, um sein Urteil nicht gar zu herb erscheinen zu lassen, meint, in andern Ländern käme solch beschämendes Gebahren auch, vielleicht öfter als bei uns" vor, ist bei Lichte besehen, ein sehr schwacher Trost, denn bei den fremden Pro­duzenten und Fabrikanten, die mit den unsern konkurriren, muß dieser arge Uebelstand garnicht oder in erheblich geringerem Maße vorhanden sein, sonst wäre dies ja keine Schwäche unserer Industrie im Vergleich mit den andern auf dem Weltmarkt.

Hören wir weiter:" In der Metallindustrie haben wir es mit ganz besondern Verhältnissen zu tun. Seit vielen Jahr zehnten, ja stellenweise seit Jahrhunderten, hat sich in einigen Gegenden aus dem handwerksmäßigen Kleinbetrieb eine durch die Zahl der Arbeiter und Menge der Produktion bedeutende Industrie herausgebildet, die aber doch keine Großindustrie ist, sondern nach wie vor handwerksmäßig arbeitet. Sie hat in den schlechten Zeiten am meisten zu leiden gehabt, da hier der Widerstand gegen den von außen kommenden Druck auf Preise und Löhne am geringsten war, und die Güte des Produkts hat darunter erheblich gelitten. Gewaltige Anstrengungen sind ge­macht worden, um die Kalamität zu überwinden, aber wenn auch die Waare stellenweise besser geworden ist, so sind doch die Schwierigkeiten nicht zu beseitigen, welche in der Natur dieser Einrichtung liegen.

" Der Umbildungsprozeß zur richtigen Fabrikation im Sinne der Großindustrie vollzieht sich nur langsam, da der zu absor­birenden Kleinbetriebe zu viele sind und die Ausdauer und Genügsamkeit immer wieder Mittel und Wege findet, der Kata­strophe zu entgehen. Heilsam für die Nation sind solche Zu stände nicht, und ein junges Land, welches sich seine Einrichtungen erst schafft und gleich zum Besten greifen kann, ist viel besser daran als wir, die immerfort mit den Traditionen rechnen

müssen.

Mehr als in irgendwelcher andern Branche hat sich in der Metallindustrie der handwerksmäßige Betrieb auf die Konkurrenz mit dem fabrikmäßigen Großbetrieb eingelassen und ganze Schaaren von kleinen Meistern in ungesunde Abhängigkeit vom Kapitalisten, ihrem Abnehmer, gebracht. Die Löhne werden dadurch immer schlechter, und da kein sachverständiger Leiter den ganzen Betrieb überwacht, sondern nur am Ende der Woche im

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Komptoir des Kaufmanns die Abnahme der Waare und Aus­zahlung des Lohnes erfolgt, so ist die blühendste Pfuscherei großgezogen worden. Grade so entstandene Waaren aber finden ihren Weg am meisten nach fremden Märkten und grade solche haben uns das Prädikat billig und schlecht verschafft. Hier ist von einer bewußten Verantwortlichkeit des Verfertigers gar keine Rede, denn er arbeitet auf Bestellung, meist nach vorgelegtem Muſter zu vorgeschriebenem Preise; ob er zurechtkommt, ob er verdient, ist dem Besteller gleichgiltig. Ist nun die Waare gar noch Spielwaare, dann wirds so arg wie möglich. Statt Eisen nimmt man dann Zink, statt Messing Blei, statt Blech Papier , dazu den schlechtesten, billigsten Lack; da sind krumme und schiefe Fugen und Winkel, kurz eine Waare, zu schlecht zum Ansehen, eine Schmach für die Industrie, kommt dabei zustande. Das Kind zerbricht den Schund in der ersten Stunde,- desto besser, dann muß man ja etwas neues kaufen!

Hier hat der Exporteur insofern schuld, als er den Ver­fertiger genötigt hat, zu immer niedrigeren Preisen und nach fremden, oft gesezlich geschüzten Mustern zu arbeiten.

Der kleine Meister, der vielleicht Vorschüsse vom Kaufmann empfangen hat zur Anschaffung von Rohmaterial, Werkzeug­maschinen oder zu Bauten und Einrichtungen aller Art, ist natürlich garnicht imstande, sich den Forderungen desselben zu widersezen. Er muß einfach tun, was dieser verlangt, wenn er sich nicht jede Kundschaft verjagen will. Er tuts, aber, wie ich aus Erfahrung weiß, nicht immer gern und nie ohne böse Folgen."

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Hier bei der Metallindustrie -stoßen wir nun nach den Ausführungen Seelhorsts auf einen mit der mächtigen Ent­wicklung der modernen Wirtschaftsverhältnisse im Widerspruch stehenden tiefgreifenden Uebelstand.

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Unsere Metallindustrie ist von Ausnahmen natürlich ab­gesehen hinter den hohen Anforderungen der Zeit noch zurück der Kleinbetrieb kämpft seit langem in Deutschland wie in allen Kulturländern den Kampf um Sein oder Nichtsein mit der großkapitalistischen Produktion, und auf dem Gebiete der deutschen Metallindustrie ist es ihm bis jezt gelungen, sich eben über Wasser zu erhalten, das aber nur zum Schaden der Industrie überhaupt und zum Schaden des deutschen Volkes. Uebermäßige Herabdrückung der Arbeitslöhne, billige, aber schlechte Waare, ungesunde Abhängigkeit des nicht mit großen Mitteln ausgestatteten Produzenten vom Kaufmann waren die notwendige Folge.

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Man sieht daraus, wie falsch und kurzsichtig alle jene Be­mühungen waren und sind, die darauf gerichtet wurden, den Kleinmeister als solchen zu erhalten. Alle diejenigen Leute und Parteien, welche sich damit abplacken, wirken reaktionär, indem sie sich im Endresultate troz aller Augenblickserfolge dennoch bestreben, dem Rade der Zeit in die Speichen zu erfolglos fallen. Nicht die Kleinmeister als Kleinmeister solange als möglich zu erhalten, sondern sie zur Massenassoziation- nötigen­falls mit finanzieller Staatshilfe zu bewegen, solange sie noch unabhängig und leidlich bei Mitteln waren, darauf hätte cine wirtschaftlich weitsichtige Bewegung gerichtet sein müssen. Seelhorst fährt fort:

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" Diese Zustände sind aber nicht plözlich, sondern so all­mälich entstanden, daß die Betreffenden selber anfangs garnicht gemerkt haben, daß sie auf einem Wege sind, der zum Ab­grund führt. Man hat es manchmal sogar für einen industriellen Fortschritt erklärt, daß wir die von Paris bezogenen Muster eben so schön und viel billiger nachahmen lernten, man hat den fleißigen, genügsamen Arbeiter gerühmt und ihm damit ge­schmeichelt, daß man ihm vorsagte, wohin in die weite Welt seine Arbeiten gingen.

Mit den technischen Fortschritten siehts aber dabei nicht besonders gut aus. Ich will wiederum ein Beispiel anführen, den Metallguß, besonders den in Messing und Neusilber.

" Ich habe eine zeitlang Proben von Rohgüssen in diesen Metallen gesammelt, welche als abschreckendes Beispiel dienen sollten, wie man es nicht machen soll. Nicht nur waren kom­