muß jezt eine Weile allein bleiben." Dann fiel ich in der Besorgnis, zu schroff gewesen zu sein, dem Papa um den Hals und sagte zu ihm:„ Verzeih mir, ich will vernünftig sein, ich werde in einer halben Stunde selbst herunterkommen.... Leben Sie wohl, Doktor Asolani, Dank für alles, was Sie getan haben, kommen Sie später wieder, ich erwarte Sie.... Adieu, Maurizio, du kannst den Kindern die gute Neuigkeit überbringen: die Tante Emilia geht nicht fort."
Als sie alle hinaus waren, warf ich mich in den Sessel vor dem Tische und öffnete mit krampshaft zitternder Hand die Briefpackete, machte das Futteral auf und riß den Umschlag der Photographie entzwei. Da lag meine ganze Vergangenheit vor mir. Ich wars, die alle diese Seiten voll von Liebe und Schwärmerei beschrieben hatte, ich wars, die diese Geschenke gemacht hatte, ich wars, die dereinst diese blühenden Wangen und diese lachenden Augen hatte. Ich war ja einmal jung gewesen, ich war vertrauensvoll gewesen, ich war schön gewesen. Und mir schien es nunmehr, als trenne mich ein Jahrhundert von jenen glückseligen Zeiten. Ich weinte lange, weinte heiß. Dann verschloß ich in meinem Kästchen die Briefe, das Futteral, die Bilder, an derselben Stelle, wo ich bis vor einigen Tagen seine Briefe, seine Geschenke und seine Bilder verwahrt hatte. Ich füllte mit die Waschschüssel mit frischem Wasser und tauchte mein Gesicht drei- oder viermal dahinein. Als ich in den Salon hinunterging, waren meine Augen zwar noch geschwollen, aber ich war gefaßt und ruhig. Der Frühstückstisch Der Frühstückstisch war bereits gedeckt worden, der Papa saß schon an seinem Plaz und zerkrümelte ein Stück Brod. Tann kam mein Bruder, und die Kinder kamen. Lisetta lief auf mich zu, mich zu küssen. Ich nippte faum an einer Tasse Bouillon, niemand machte eine Bemerkung darüber, man fonnte nicht wohl verlangen, daß ich Hunger haben sollte. Im allgemeinen die Mienen rund um mich ler ernst, finster, aber man brauchte nicht eben viel dazu, um zu begreifen, daß der Bruch meines Verlöbnisses gerade kein Unglück für die ganze Familie war. Noch ein paar Tage, und feiner würde mir mehr ein Geheimnis aus der Zufriedenheit gemacht haben, mit der ihn das bemerkenswerte Ereignis erfüllte. Liebe Maria, neune mich nicht schlecht, glaube nicht, daß ich meinen Papa oder Maurizio wenig liebe, oder daß ich sie mit Uebelwollen beurteile und ihre Zuneigung für mich in Zweifel ziehe. Sie haben sich daran gewöhnt, mich auf ihre eigene Weise zu lieben, da sie mich immer um sich sehen, als das einzige, weibliche Wesen, das im Hause geblieben ist, und es ist ihnen niemals möglich gewesen, sich klar zu machen, daß ich eines oder des anderen Tages einmal davon gehen könnte. Sie tragen feine Schuld dabei. Es ist ein Verhängnis gewesen. Die arme Mama starb, wie Du ja weißt, in der Blüte ihrer Jahre, dann hat sich mein Bruder verheiratet und seine Frau bereits mit sechsundzwanzig Jahren verloren. Meine Schwägerin war keine gute Hausfrau im strengsten Sinne des Wortes, aber sie hätte im Laufe der Zeit aus der Notwendigkeit wohl eine Tugend gemacht und sich aus der Verlegenheit gezogen. So aber kams, daß eines schönes Tages die sämmt= lichen Familienſorgen auf meine Schultern gebürdet wurden. Ich wars, die dem Papa Gesellschaft leisten mußte, ich wars, die darauf sehen mußte, daß die Garderobe meines Bruders in Ordnung war, ich, die dafür sorgen mußte, die Kinder reinlich zu halten. Ein bischen Krankenpflegerin, ein bischen Gesellschaftsdame, ein bischen Wirtschafterin, ein bischen Kinderwärterin, das waren so die mannigfachen Aemter Deiner Freundin, das wars, was aus Deiner munteren Emilia von einst geworden war. Launen des Schicksals! Erinnerst Du Dich, als wir beide junge Mädchen waren, was für fröhliche Prophezeiungen wir für meine Zukunft machten? Erinnerst Du Dich an die Komplimente, die ich wegen meiner Schönheit, wegen meines Geistes erhielt? Man glaubte, es könne gar kein Glück geben, das so groß sei, wie ich es verdient hätte. Wenn ich die Mama hörte, so mußte ich schließlich irgend einen Grafen heiraten; wenn man euch hörte, Amalia, Gustina und Dich, so würde ich sogar
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bis zu einem Fürsten gelangen; mein Vater, ein gesezter Mann und Beamter von reinstem Wasser, begnügte sich damit, sich den Sprossen irgend einer alten, togabekleideten Familie, einen zukünftigen Appellgerichtspräsidenten, zum Schwiegersohn zu versprechen. Als mein Unstern mich eine lebhafte Sympatie für Umberto fassen ließ, gab es einen allgemeinen Skandal. Umberto war weder ein Fürst, noch ein Graf, noch ein zukünftiger Appellgerichtspräsident; er war ein junger Mann von geringem Verstande, ein Hizkopf( Du siehst statt dessen, ein wie kühler Kopf er jezt geworden ist!), der keine Titel, keine Reichtümer, keine Stellung hatte. Aber ich war ihm zugetan, und ich besaß von jeher eine beträchtliche Dosis Halsstarrigkeit, so daß ich verstanden habe, an meinem Vorsaz festzuhalten zwölf Jahre hindurch, nichts mehr und nichts weniger. Ein schönes Gebäude, das ich mir da so aufgerichtet habe, nicht wahr? Man muß Geduld haben; c'était écrit, wie die Franzosen sagen würden. Jezt würde ich mich nicht mehr verheiraten, selbst nicht, wenn der Kaiser der Mongolei käme und mich holen wollte. Mir ist es vergangen, wie Einem, dec stunden- und abermals stundenlang vor einer gedeckten Tafel steht und die Düfte aus der Küche dichtnebenan einatmet und immer auf das Diner wartet, das niemals fertig wird. Und wenn man sich endlich entschließt, die Suppe aufzugeben, dann ist der Hunger verschwunden, der Magen ist so leer, daß er voll erscheint, der Kopf schmerzt, ist schwer, hämmert, und man ist völlig außer Stande, auch nur einen Bissen herunterzubringen. Ich habe einen Widerwillen gegen die Ehe, ohne sie erprobt zu haben. Nun ich entjagt habe, stelle Dir vor, was für einen Lärm die Uebrigen machen! Ich nehme allmälich, mit jedem Tage mehr, den Ton einer alten Jungfer an, und gerade deshalb steige ich um ein Beträchtliches in der Achtung von Papas Bekannten. Der Rat Aureli, derselbe, der nicht begreift, weshalb seine Schwiegermutter eine Grafenfrone auf der Brust, eine auf dem Kleiderärmel und eine auf ihrem Arbeitsbeutel trägt, während doch niemals jemand etwas darüber in Erfahrung gebracht hat, daß ihre Eltern adlig waren, der Rat Aureli also, der mich vorgestern über Kopfschmerz klagen hörte, bot mir eine Prise Schnupftabat an! Ich habe sie nicht angenommen, aber ich werde sie bei der nächsten Gelegenheit annehmen. Inzwischen benuze ich, um Abends zu lesen, bereits ein Lorgnon. Nach Ablauf eines Jahres werde ich eine Brille aufsezen. Ich habe vier weiße Haare, und ich habe sie ganz nach vorne gefämmit, damit man sie sieht. Darauf offener Bruch mit dem Kammer mädchen, die sie verstecken wollte; nun fämme ich mich selber. Ich fleide mich in Grau, die Ausstenerkleider werde ich zu er mäßigtem Preise in den Handel bringen.
Ich spiele sehr gewissenhaft die Tante. Ich gehe mit Hugo, der das Gymnasiumt besucht, seine Lektionen durch und vers stehe bereits etwas Lateinisch, beispielsweise: rosa pulchra est. Lisetta lehre ich lesen, schreiben, nähen, und Tonleiter auf dem Klavier spielen. Ja, mit dem Zeigefinger der rechten Hand ist sie schon imstande zu spielen: La donna è mobile. Wenn es nur gut in den Vers paßte, würde ich sie spielen faffen: l'uomo è mobile, denn nach den Erfahrungen, die ich darüber gemacht habe, ist er viel wankelmütiger als wir; aber es geht nicht, der Vers würde hinken. Was den kleinen Giulio angeht, so unterhalte ich ihn damit, daß ich ihm die bunten Figürchen ausschneide, die auf den Streichhölzerschachteln sind.
Also, um zum Schluß zu kommen, meine gute Marie, ich denke nicht mehr an die Vergangenheit und mache mir nicht die geringsten Sorgen um die Zukunft. Ich überlasse mich der Gegenwart, schließe die Augen, halte die Hände über der Brust gefaltet und komme mir wie gestorben vor. Was der Doktor Asolani auch immer sagen mag, der mich leidend findet und es gerne fähe, wenn ich manchmal weinte, ich bin vollkommen bei Gesundheit und rechne ziemlich bestimmt darauf, es noch bis zu vollkommener Rundung zu bringen. Ich werde hübsch aussehen. Lebewohl, lebewohl, grüße Deine Mama von mir und sei hundertmal gefüßt
von Deiner
Emilia."