Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

gemacht sei und keinen Widerspruch gesunden habe und daß man sich jetzt darüber äußern möge, ob ein Abc- Buch mit Bildern aus Deutschland heraus­gegeben werden solle.

Die Frage wurde bejaht.

So war der Beschluß gefaßt und der Vorsitzende hatte das Gefühl, als wenn eine schwere Last von ihm genommen wäre. Alle waren von dem Bewußt sein erfüllt, daß man doch zu etwas tauge, und von einem muthigen Vertrauen auf die Zukunft, welches diese Gewißheit mit sich brachte. Deswegen beschloß man auch, nachdem ein Ausschuß von fünf Mit­gliedern für die Herausgabe des Abc- Buches ernannt war, sich gemeinsam in das Kasino zu begeben, um das neue Unternehmen mit einer Flasche Wein zu begießen.

Anderthalb Monate waren vergangen. Die Illustrationen waren bestellt und eingetroffen. Und abermals wurde die Genossenschaft berufen, um die Vorschläge des Vorstandes zu hören und einen defi­nitiven Beschluß zu fassen.

Die Clichés für die Bilder wurden betrachtet und bewundert. Unter ihnen war eines, welches Josef darstellte, der seine Heerde hütete.

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ist es ja auch, daß der Hund sich fragt und das Schwein im Schuße wühlt, aber ist das Kunst, und ist das solche Kunst, wie sie für die Kinder, die Kinder des Volkes, passend ist? Ich frage nur."

,, Na, na," fiel der Postmeister ein, der die ganze Kälberschwanzfrage angeregt, aber sich nicht gedacht hatte, daß die Sache zu einer so heftigen Auseinanderseßung führen würde, und außerdem sehr wandelbar in seinen Ansichten war. Man braucht ja die Sache nicht von einer so häßlichen Seite zu betrachten, so schaut es auch das Kind nicht an. Wenn man sich die Sache recht überlegt, so sehen Wenn man sich die Sache recht überlegt, so sehen ja die Kinder jeden Sommer die Kälber so auf den ja die Kinder jeden Sommer die Kälber so auf den Wiesen herumspringen, und abgebildet kann das doch nicht gefährlicher sein."

" Nicht?" rief der Oberlehrer mit Nachdruck. " Wir haben nach meiner Meinung unsere Pflicht ganz falsch aufgefaßt, und es wäre viel besser, wenn wir garnicht mit dem Druck eines Abc- Buches oder überhaupt nicht mit dem Druck von Büchern an gefangen hätten, wofern wir die Absicht haben, solchen Schmutz zu verbreiten. Und wohin verbreiten wir ihn? In die noch unverdorbenen Glieder des Volkes. Sollen wir wirklich die glückliche, reine Kindlichkeit

Zukunft unseres ganzen Volkes und dessen sittliche

" Sehen Sie das Vieh, wie natürlich! Schafe der Kinder des Volkes verderben und dadurch die und Kühe." " Ja, weiß Gott . Und ein Kalb, das wie toll Kraft vernichten?" umiherspringt, mit erhobenem Schwanze."

" In der That, mit erhobenem Schwanze." " Eigentlich ist es doch überflüssig, daß das Kalb so mit unanständig emporgehobenem Schwanze ab= gebildet wird. Ein schönes Bild ist das eigentlich nicht" fühlte sich der Postmeister sofort berufen zu sagen, um auch etwas zu bemerken zu haben.

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Ein ganz überflüssiger Scherz mit einer ernſten Sache," fügte der Rektor hinzu.

,, Nicht nur überflüssig," meinte der Oberlehrer, sondern geradezu anstößig; es verletzt nicht nur den Schönheitssinn, sondern auch das Schamgefühl."

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Was soll denn dabei anstößig sein ein Kälberschwanz der muß doch hierhin oder dort­hin zeigen," meinte der Gerber und reichte das Bild dem Rektor. Ich finde das Bild sehr nett, trotz des Schwanzes."

Ich bin der ganz entgegengesetzten Ansicht und begreife nicht, wie man für ein Kinderbuch solch ein schamloses Bild schicken kann." Der Rektor ließ das Bild ärgerlich auf den Tisch fallen. So was können wir in unser Abc- Buch nicht hineindrucken, und ich schlage daher vor, das Bild ganz fort zu laffen."

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Das geht nicht," erklärte der Händler vom Markte. Wir haben die Bilder nun einmal bestellt und bezahlt. Sie müssen daher auch verwendet werden! Und was den Kälberschwanz anbetrifft, so drucken wir einfach nicht das ganze Bild; man kann ja den Schwanz fortgraviren das ist leicht zu machen."

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Dann hätte das Kalb ja gar keinen Schwanz," ließ sich mahnend der Apotheker vernehmen, ohne den Kopf von seinem Protokoll zu erheben.

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,, Allerdings ist es eine leichtsinnige und unan­ständige Art, daß das Kalb so seinen Schwanz in die Höhe hebt das erkannte auch der Gerber gern an. ,, Aber mir scheint, daß es nicht so ge= fährlich ist, gerade weil es ein Kalb ist, eine einige Wochen alte Milchschnauze, von der man nicht viel Lebenserfahrung verlangen kann. Ganz etwas Anderes wäre es, wenn es sich um einen großen Stier oder eine alte Kuh handelte, aber da es nur ein Kalb ist, können wir es ihm wohl verzeihen."

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" Oho," rief der Landrichter. Ist das anständig, ist das eine Art und Weise, auch selbst für Stälber, mit emporgehobenem Schwanze herumzuſtolziren- was soll man dann erst von Anderen erwarten! Zeigt dergleichen nur Guern Kindern, damit sie sehen, wie es mit Eurer Auffassung von Ordnung und An­stand steht!"

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Ich sagte bereits soeben, daß das Unsinn ist," erklärte der Doktor. Ueber solch eine Sache einen Stälberschwanz wird Stunden lang gestritten und Ordnung und Sittlichkeit hineingemischt, obwohl es doch, weiß Gott , wichtigere Dinge zu entscheiden giebt. Lassen wir nun endlich das Kalb in Ruhe."

Hier handelt es sich durchaus nicht nur um einen Kälberschwanz, die Frage dreht sich vielmehr um den Grundgedanken, auf dem unsere Genossen­schaft begründet ist und nach welchem sie bei der Verbreitung von Wissen und Bildung handeln muß." Der Rektor wurde immer eifriger. Die Frage dreht sich um weit höhere Ideen, zwischen denen auch hier bei uns der Kampf begonnen hat, ein Kampf zwischen hohen Idealen und den Dienern des Lichtes auf der einen Seite und der Entartung auf der anderen Seite, die unter dem Schuße der

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Ja, allerdings; aber was thuts? Um so viel unschuldigen Bezeichnungen Natürlichkeit und Wahr­weniger anstößig würde das Bild sein."

Sollen wir wirklich ein schwanzloses Kalb hinein nehmen?" fragte der Vorsitzende, in Verlegen­heit, in welcher Form er diese Frage zur Abstimmung stellen sollte.

Da erhob sich der Doktor: Das ist ja der reine Unsinn. Daß das Kalb mit erhobenem Schwanze dargestellt ist, ist durchaus naturgemäß, da es einmal ein solch lustiges, junges Ding ist, welches voller Freude umherläuft, von Uebermuth erfüllt ist und längs der Wiese hingaloppirt, so daß der Schwanz emporfliegt. Es wäre einfach unnatürlich, wenn es anders abgebildet wäre! Gerade das beweist den Scharfsinn des Künstlers und seine feine Beobach­tungsgabe, und es wäre die größte Thorheit, wenn wir das Bild deshalb ausschließen wollten; und noch dümmer und lächerlicher wäre es, den Schwanz fort zugraviren. So, wie das Bild ist, ist es nett und natürlich."

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Natürlich, gewiß ist es natürlich," äußerte der Rektor, der bereits begann, erregt zu werden, aber ist es auch eine schickliche Natürlichkeit? Natürlich

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heit sich auch in unsere friedlichen Familienheime einzudrängen sucht. Ich muß die Genossenschaft warnen, daß nicht dieses Gift unsere schöne Arbeit vernichte."

Der Doktor wurde ungeduldig, und der Vor­fizzende, der dieses bemerkte und dem die Sache ebenfalls zu sehr in die Länge gezogen wurde, meinte daher: Meine Herren! Kommen wir zum Schlusse. Zwei Vorschläge sind gemacht worden, der eine, daß das Bild ganz fortgelassen werden soll, der andere, daß man nur den Schwanz fort­graviren soll, aber dieser lettere Vorschlag scheint mir keinen Beifall zu finden."

Der Landrichter bat ums Wort.

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Es war gerade meine Absicht, diesem Antrage beizupflichten. Der Schwanz ist das unanständige Moment, und darum braucht man wohl nicht den Josef mit seiner ganzen Heerde zu verwerfen."

Der Gerber sprach gegen das schwanzlose Kalb, ebenso der Postmeister, und die Diskussion flammte von Neuem auf. Der Oberlehrer erging sich wieder in allgemeinen Betrachtungen und sprach von den

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Gefahren, welche dem Volke und dem Vaterlande drohten. Der Rektor erklärte sogar, wer in kleineren Dingen das Gemeine als natürlich ver­theidige, auf dessen sittlichen Standpunkt in größeren Fragen wäre auch kein Verlaß, da seine Begriffe vom Schicklichen und von der Keuschheit völlig ver­wirrt wären.

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Da wurde der Doktor endlich ärgerlich. Moral, welche über einen Kälberschwanz erröthet, ist sehr zweifelhafter Natur. Dem Reinen ist Alles rein, aber es scheint, als wenn auch das Umgekehrte der Fall ist. Denn dazu gehört eine ziemlich schmutzige Phantasie, um darin etwas Unsittliches zu sehen, daß ein Kalb den Schwanz in die Höhe streckt, wenn es herumspringt. Das Volk hat keine solche Phantasie, noch weniger seine Kinder; die ist nur bei Leuten zu finden, welche ihre Einbildungskraft in Liederlichkeit aufgereizt haben".

Das war zu viel. Der Vorsitzende bat, alle Anzüglichkeiten zu unterlassen. Aber der Nektor hatte bereits seinen Hut aufgesetzt und erklärte im Fort­gehen: Zu seinem tiefen Bedauern sehe er die Arbeit, aus der, wie er gehofft hatte, Segen emporsprießen würde, sich in Fluch verwandeln. Aber er schüttele den Staub von seinen Füßen und könne einer Ge­sellschaft nicht mehr angehören, in der man gestatte, daß ein Mann, der nur seine Ueberzeugung offen und ehrlich ausgesprochen habe, derartig geschmäht werde, daß die Diskussion darüber vor Gericht fortgesezt werden müßte.

Er ging und ihm folgten der Landrichter und der Oberlehrer. Die Uebrigen blieben in gedrückter Stimmung über die Zukunft der Genossenschaft zurück.

Und an all Demt war der Schwanz des Kalbes oder das schwanzlose Kalb schuld.

Die Frage selbst blieb troßdem unentschieden; denn die Abstimmung hätte bei den drei völlig entgegen= gesetzten Ansichten doch zu keinem Resultat geführt, wofern man nicht der Genossenschaft den Gnadenstoß geben wollte, und die Verhandlungen konnten wegen der vorgerückten Zeit nicht weiter ausgedehnt werden. Man beschloß also, noch die Ansicht des Bürger­meisters und des Geistlichen zu hören. Das geschah, und Beide gaben nach kurzer Bedenkzeit ein schrift­liches Gutachten ab.

Der Bürgermeister schrieb: Wenn Dergleichen auf einer Straße der Stadt sich ereignen würde, nämlich, daß ein Kalb mit erhobenem Schwanze umherliefe und Jemand sähe das, so wäre es feinesfalls eine Ehre für die Stadt. Aber in einem solchen Kinderbuche könnte es wohl nicht so ge­fährlich sein.

Der Probst dagegen meinte, daß die Anbringung eines Bildes zur biblischen Geschichte, auf dem spielende Kälber die Hauptrolle spielten, nicht dem Ernst der Sache entspräche und daß solche Bilder den Sinn des Volkes mehr und mehr von den erhabenen Glaubenslehren ablenken müßten. Er könne daher die Aufnahme dieses Bildes in feinem Falle gutheißen.

Troß dieser widersprechenden Meinungen wurde das Abc- Buch doch mit dem Kälberbilde gedruckt- das Bild war nun einmal bezahlt!-, aber der Rektor, der Oberlehrer und der Landrichter traten aus der Genossenschaft aus und verkauften ihre Antheilscheine. In die Ortsschulen wurde das Abc­Buch natürlich nicht eingeführt.

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Mechanik der Gehirnflüßßigkeit.

Von Dr. B. 2.

ie kunstvolle Mechanik des menschlichen Körpers in seinen festen Theilen ist den Lesern unserer Zeitung wohlbekannt; ich brauche nur an die Winkelgelenke mit ihrer Henimung, z. B. der Finger, oder an die Kugelgelenke der Hüfte des Menschen zu erinnern. Kraft ist die Losung, die Parole des Lebens," sagte einst Friedr. Theodor Vischer ; und welche mächtige mechanische Kraft entwickeln wir in den Gelenken. Aber auch in den flüssigen Theilen