Scene Weft

Nr. 32

Im Morgengrauen schritt ich fort Nebel lag in den Gassen..

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In Qualen war mir das Herz verdorrt Die Lippe sprach kein Abschiedswort Sie stöhnte mir leise: Verlassen!

Auf der Walze.

Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

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Aus den Papieren eines Fechtbruders. Von F. Riebeck.

( Fortsetzung.)

m anderen Tag erschien der Pfarrer in der Schule; er ließ mich vortreten und schlug sogleich mit schwerer Hand auf mich los. Er schlug mich auf den Kopf, daß ich betäubt war und bei der Rückkehr auf meinen Plaz zum Gelächter der Kinder an den Ofen taumelte. Aus der Straf­predigt, die er mir hielt, erfuhr ich, daß ich in der Kirche umhergegafft" hatte, ohne auf die Predigt zu achten.

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Von jenem Ereigniß an empfand ich eine Scheu vor der Kirche und auch vor dem Herrn Pfarrer. Ich haßte ihn nicht, sondern achtete und ehrte ihn als den Stellvertreter Gottes, eine geheime Macht zwang mich jedoch, ihm aus dem Wege zu gehen, wo ich nur konnte. Alles an ihm war finster, be= sonders sein Blick; ich sah ihn nie lächeln, und ich erinnerte mich nun, daß ich nie ein freundliches, versöhnliches Wort aus seinem Munde vernommen hatte. Nun, da ich mich in Gedanken lebhaft mit ihm beschäftigte, empfand ich ein unbestimmtes und unerklärliches Grauen vor ihm und seinen Predigten, die immer nur auf den einen Grundton, auf die Drohung mit der ewigen Verdammniß, gestimmt

waren.

Vielleicht hätte ich das Unglück, in das ich durch das Anschauen des Schweißtuches der Veronika ge= rathen war, bald vergessen, da doch ein Kind gar leicht vergißt und verzeiht, wenn nicht durch den Herrn Pfarrer ein neues Unglück über mich ge­kommen wäre, das mich noch tiefer berührte.

Ich hatte eine närrische Freude am Zeichnen und, obgleich wir in unserer nach verjährter Scha­blone arbeitenden Dorfschule keinen Zeichenunterricht genossen, in dieser Kunst eine Fertigkeit erlangt, die mich noch heut in Erstaunen segt. Gern saß ich an Sommersonntagen am Rande unseres Gartens, ein Zeichenheft auf dem Schooß und den Bleistift in der Hand, blickte über die flache Landschaft und suchte die Bilder, die mein bewunderndes Auge sah, auf das Papier zu bannen. Am liebsten zeichnete ich ein fernes Dorf, das mit seinem Kirchthurm

Verlassen! iden

Von Hermann Conradi .

Verlassen! Kennst du das Marterwort? Das frißt wie verruchte Schande!

In Qualen war mir das Herz verdorrt Im Morgengrauen ging ich fort Hinaus in die dämmernden Lande!

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und einigen hohen Häusern aus dem Dunkel eines davor liegenden Waldes emporragte; und nicht minder reizten mich einige Bäume und Sträucher, die die Ebene belebten und meinen Zeichnungen eine schöne Staffirung gaben. Gewiß war diese Zeichnerei nichts Staffirung gaben. Gewiß war diese Zeichnerei nichts weiter als ein tindisch werthloses Spiel; doch wie die dämmernde Ferne mit poetischer Zaubergewalt auf mein sehnsüchtiges Knabengemüth einwirkte und ich in dem verschwommenen Spiel der Duftlinien allerlei Wunder und Geheimnisse ahnte, so gewannen auch meine Zeichnungen für mich eine Bedeutung, als sei meine ganze Seele in ihnen verkörpert; ich hütete sie als kostbare Schäße, die mir ein nie ver­siegender Quell der reinsten Freude waren; ich ar= beitete unverdrossen an einem Bilde, bis ich mir einbildete, daß es vortrefflich gelungen sei, und ich gewährte nur solchen Knaben Einblick in meine Sammlung, von denen ich annahm, daß sie wirk­liches Verständniß dafür besaßen.

Einst sprach ich zum Sohne des Dominialschäfers von einer Landschaft, die ich gezeichnet hatte, und er nahm mir das Versprechen ab, das Bild am nächsten Tage mit in die Schule zu bringen. Das Bild befand sich in meinem Zeichenheft, und so mußte ich das ganze Heft mitnehmen. Vor Beginn der Schulstunde gab ich dem Schäferjungen das mir äußerst werthvolle blaue Büchlein und legte ihm dringend ans Herz, keinem der Kinder die Bilder zu zeigen. Bald darauf erschien unvermuthet der Herr Pfarrer, um uns in der Neligion zu prüfen. Kaum hatte er den Unterricht begonnen, so fragte er den Schäferjungen, was er unter der Bank für ein Spielzeug habe. Mein Freund hielt das blaue Buch empor; der Pfarrer entriß es ihm, durch blätterte es und fragte, wem es gehöre und wer es mitgebracht habe. Mein Name wurde genannt; der Pfarrer fam auf mich zugestürzt, schlug mich zuerst mit dem Buche, dann mit der Faust auf Kopf und Rücken, und dann zerriß er mein Buch in fleine Stücken. Hier hast Du Deine Siebensachen, Du Erzwicht!" schrie er und schleuderte mir die Papier­fezen ins Gesicht.

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Er schimpfte noch lange weiter, schlug auch noch einige Male nach mir, sagte, ich solle lieber den Katechismus lernen, als solche nichtsnußige Sachen

Entgegen dem jungen Maientag: Das war ein seltsam Passen!

1897

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Mälig wurde die Welt nun wach Was war mir der prangende Frühlingstag- Ich stöhnte nur leise: Verlassen!...

treiben, und kündete mir schwere Strafen an. Zum ersten Male empfand ich ein Gefühl der Verachtung für ihn, und der Gedanke durchzuckte mich, daß das kein Vertreter Gottes sein könne. Ich weinte nicht und klagte nicht; ich hatte das Beste meines Be­sizes verloren, mein größtes Erdenglück war ver­nichtet, doch ich bezwang meinen Schmerz und gab dem Troze, dem Stolze Raum. Ich fühlte, daß ich einen jener Menschen vor mir hatte, die in den Büchern als Barbaren bezeichnet wurden, und ich wunderte mich nur, wie ein Mensch so roh und kunst­feindlich sein konnte, die schönen Bilder zu zerreißen. Wenn ich Pfarrer wäre, sagte ich mir im Stillen, so würde ich einen Jungen, der solche Bilder zeichnen kann, bewundern und loben und mich an den Zeich­nungen erfreuen.

Meine große Frömmigkeit erlitt durch diese Vor­gänge nicht die mindeste Einbuße, wohl aber mein Verhältniß zur Kirche. Der freudige Gebeteifer, mit dem ich sonst das Haus Gottes aufgesucht hatte, war dahin; nur noch mit Zagen und Widerwillen und dem Zwange gehorchend, betrat ich es, und sobald ich den Pfarrer erblickte, konnte ich mich nicht enthalten, den heiligen Raum durch unheilige Gedanken zu entweihen.

Selten nur fam ich mit dem Manne in per sönliche Berührung, da zumeist der Herr Kaplan in der Schule die Christenlehre hielt; dennoch übte er fortan durch allerlei Handlungen einen mächtigen Einfluß auf mein Gemüthsleben. Einmal hörte ich meinen Vater klagen, daß der Herr Pfarrer den armen Leuten die Ackerpacht nicht auf einen Tag stunde, sondern sogleich mit Pfändung drohe, wenn das Pachtgeld nicht zur bestimmten Stunde auf den Tisch gezählt werde. Mein Vater fügte fopfschüttelnd hinzu, von einem Pfarrer sollte man doch mehr Barm­herzigkeit erwarten, zumal er der reichste Mensch im Dorfe sei; da sei der geizige Staupe- Bauer noch nachsichtiger gegen arme Leute. Defters erzählten die Leute im Dorfe, daß der Pfarrer bei Begräb­nissen armer Personen sich das Geld im Voraus zahlen lasse, und daß er dieser oder jener mittel­losen Wittwe, die ihren Gatten begraben wollte, grob gekommen sei, weil sie ihn um gütige Stundung der Begräbnißschuld gebeten hatte. Einige dieser Fälle,