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Die Neue Welt. Jülustrirte Unterhaltungsbeilage.
geheuerlichsten Schandthaten sind in diesen Romanen ohne jede Spur ſittlicher Entrüstung mit einer der= artigen fast liebevollen Breite und Ausführlichkeit geschildert, daß jeden Gebi deten nach fürzester Leftüre cin unwiderstehlicher Ekel anwandelt. Wie verrohend eine derartige Lektüre auf nicht sittlich gefestigte, zumal jugendliche Gemüther einwirken muß, liegt auf der Hand, ist aber auch in unzähligen Gerichtsverhandlungen beim Befragen der Ange lagten, welche Einflüsse und Anregungen bei ihrer verbrecherischen That mitgewirft hätten, erwiesen worden. Mehrfach haben die ins kleinste Detail gehenden Schilderungen von Einbruchsdiebstählen in Verbrecherromanen ihren Lesern flare und deutliche Fingerzeige bei der Begehung ähnlicher Delifte gegeben.
Der zeitgeschichtliche Kolportageroman ist seit Retcliffe mit ebensoviel Eifer als Glück fultivirt worden. Fast jedes der Kriegsereignisse der letzten Zeit hat seinen Niederschlag in einem Hintertreppen roman gefunden. Eine neuerdings iel gepflegte Abart dieser zeitgeschichtlichen Nomane möchte ich als patriotischen Rolportageroman" fennzeichnen. Es sind dies zeitgeschichtliche Kolportageromane gewöhnlichen Genres, die die Ereignisse eines der letzten deutschen Striege mit ausgesprochen patriotischer und monarchischer Tendenz behandeln, die freilich im Verein mit der gewöhnlichen, auf die Ueberbietung eines rohen Effeftes durch den anderen gerichteten Mache um so widerlicher wirkt. Diesem Genre gehören die heute in Norddeutschland noch vielgelesenen Romane:" Der Krieg von sieben Tagen" oder„ Die Hyänen von Königgräß", der die Greig nisse des Krieges von 1866, und„ Der Spion", der die Ereignisse der Jahre 1870 71 behandelt, an.
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Eine größere Anzahl von Kolportageromanen aus dem letzten Jahrzehnt läßt sich in keine der aufgeführten Kategorien einreihen. Sie nehmen als Vorwurf irgend einen das große Publikum jeweilig beschäftigenden sensationellen Vorfall aus den höheren und höchsten Kreisen, namentlich einen solchen, dem sich eine friminell intereffirende Seite abgewinnen läßt. Da sich das Interesse des Publikums auf derartige Ereignisse zwar auf das Schnellste fonzentrirt und jede Beleuchtung des die allgemeine Aufmerksamkeit be sch ftigenden Vorfalles mit Freuden begrüßt wird, das Interesse aber ebenso schnell wieder erlahmt und sich neueren Zeitereignissen zuwendet, müssen Verleger und Schreiber von derartige Stoffe behandelnden Kolportageromanen stets auf dem Posten und zur sofortigen literarischen Ausschlachtung der ihrer genaueren Kenntniß auch noch so fernliegenden Begebenheiten bereit sein. Oft muß ein kurzes Zeitungstelegramm genügen, um in fliegender Eile das vollständige Gerippe eines detaillirten, den ganzen Apparat der Hintertreppen- Literatur aufbietenden Romans zusammenzustellen. Knappe vierundzwanzig Stunden nach dem Tode des unglücklichen Kronprinzen Rudolf von Oesterreich waren bereits die Prospekte einer ganzen Reihe von Verlagsanstalten für Kolportageliteratur mit der Ankündigung eines neuen,, Das Drama von Meyerlinck"," Krone und Liebe" usw. betitelten Romans auf dem Wege nach allen vier Himmelsrichtungen, und nach drei Tagen kam bereits das erste Heft des Romans zum Versand. Eine ähnliche Firigkeit bewiesen die Kolportage Nomauschreiber bei dem Ableben des Königs Ludwig des Zweiten von Bayern .
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lleber den literarischen Charakter der Kolportageromane ist wenig zu sagen. Sie sind alle troz aller Verschie enheiten in den behandelten Stoffen nach Anlage, Entwickelung der Handlung, Charakter zeichnung und Diftion über einen Leisten geschlagen. Die Exposition pflegt eine Menge der verschieden artigsten Typen, die man indeß im Großen und Ganzen unter die Jubriken Engel und Teufel unterbringen kann, dem Leser vorzustellen. Mit ihr beginnt schon die Verwickelung, die oft so frühe und in so maßloser Art eintritt, daß man das Gefühl hat, es müsse dem Verfasser unmöglich sein, die Fäden, die er mit so fecker Hand durcheinander ge= schlungen, wieder zu entwirren. Dies geschieht denn auch in den seltensten Fällen; wenn der Autor allen seinen Scharfsinn in der Erfindung der gewagtesten Situationen und unerhörtesten Abenteuer erschöpft
hat oder ihn sein Verleger, der sein Schäfchen bereits im Trockenen hat, mahnt, dem grausamen Spiel ein Ende zu machen, wird der gordische Knoten kühn durchhauen und über das gesammte Romanpersonal, soweit es der Autor nicht schon vorher verpulvert hat, zu Gericht gesessen: die Bösen werden summarisch abgestraft, für die Guten wird eine Monstrehochzeit arrangirt.
Daß der Stil aller Kolportageromane geradezu sträflich ist, bedarf feiner weiteren Versicherung. Auch in der Diktion arbeitet der Verfasser stets mit den gröbsten Witteln; er häuft Bilder auf Bilder, von denen das eine ungeheuerlicher ist als das audere; der Dialog ist entweder mühsam und nichtssagend oder er ergeht sich in dem hohlsten Schwulst und Bombast. Jedem Versuch einer Charakterisirung der, handelnden Personen durch ihre Sprache wird sorgfältig aus dem Wege gegangen. Die Fülle der Ausrufungszeichen und Gedankenstriche, mit denen auf den äußerlichen Effekt hingearbeitet wird, wirkt erst komisch, dann ungemein ermüdend. Orthographische Schnißer sind durchaus nicht selten.
Wie der Zeichnung der Personen und ihren Handlungen jede psychologische Motivirung fehlt, so entbehrt auch der Aufbau jeder fünstlerischen Gestaltung. Der Autor fennt zumeist vier bis sechs, auch mehr handelnde Gruppen, die er mechanisch in einer Kapitelreihe nach der anderen behandelt. Dazwischen werden gr: ße Kapitel eingeschoben, in denen, wie in den großen Ensembles und Finales der historischen Oper, zur Erzielung neuer, unerhörter Situationen und weiterer Berwickelungen Alles, was Beine hat, zusammenkommen muß.
So konzentrirt sich denn die ganze Arbeit der Autoren auf die plumpe Aneinanderreihung einer unendlichen Menge von rein stofflich interessirenden Begebenheiten und Vorfällen, von denen der eine in höherem Grade nerveureizender und phantasies erregender wirkt als der andere. Was man allen diesen Romanen lassen muß, ist ihre gänzliche Sittenreinheit. Trotzdem in ihnen allen überreiche Gelegenheit zur Ausmalung die Sinnlichkeit erregender Situationen ist, wird doch nirgends der Versuch dazu gemacht. Der Kolportageroman sucht sein Publikum eben nicht in jenen Kreisen, deren lüſterne Phantasie und überreizte Geschmacksnerven die breite Ausmalung pifanter sexueller Vorgänge verlangen. Ebensowenig ist seinen Lesern freilich mit der maßvollen, auf die Darstellung tiefer seelischer Konflikte gerichteten, aber stofflich zumeist reizlosen Kunst unserer klassischen Erzähler gedient. Der feine Humor in einer Erzählung von Gottfried Keller oder die psychologische Feinheit und die unvergleichlich plastische Darstellung in einer Novelle von Konrad Ferdinand Me., er werden in den Bevölkerungsschichten, unter denen der Kolportageroman bisher sein Publifun gefunden hat und noch findet, wenig Verständniß und Liebe finden. Der Arbeiter, Handwerker, Landmann oder Dienstbote, der erst nach vielstündiger, schwerer Tagesarbeit Gelegenheit zu literarischer Beschäftigung findet, wird schwerlich an dem ebenmäßigen, ruhigen Fluß in der harmonischen, ab e- klärten Darstellung eines der Meister deutscher Erzählungskunst Gefallen finden: seine derben Nerven verlangen nach stärferen Reizmitteln und kräftigerer Würze. Er erwartet von der Lektüre feine geistige Anregung, feine Bereicherung und Festigung seines ästhetischen Urtheils; er will lediglich aus dem ewigen, öden Gleichmaß seiner arbeitsvollen Tage, seinem öden Gleichmaß seiner arbeitsvollen Tage, seinem stumpfen, reizlosen Milien herausgerissen werden, und in diesem Streben sind ihm gerade die stärksten und anregendsten Reizmittel willkommen. Dies ist die gefährliche Klippe, die bisher feines der literarischen Unternehmen, die die Verbreitung einer edleren Art von Unterhaltungslektüre im Volfe angestrebt haben, völlig zu umschiffen verm: cht hat. Nur die Hebung des sozialen Niveaus des Volfes, die Befreiung von den drückenden Fesseln der Lohnsklaverei kann die Basis für eine Veredlung und Verfeinerung des ästhetischen und künstlerischen Empfindens der ar= beitenden Klasse sein; nur auf dem Boden politischer und wirthschaftlicher Freiheit werden die goldenen Früchte einer allgemeinen Volkskultur und Bildung reifen!
Ein Lump.
Von E. Zimmermann- Hirschfeld.
( Schluß.)
unächst ließ ich mich zu meinem Bruder führen. Da ich ihn nur unter Aussicht sprechen durfte, hielt ich ihm eine Rede folgenden Inhalts etwa:
,, Lieter Grust, verzeih' mir, daß ich Dich habe unschuldig so lange schmachen lassen; ich bin der Brandstifter gewesen." Dann erzählte ich meine Brandstifter gewesen." ersonnene Geschichte und schloß:" Gleich gehe ich nun zum Untersuchungsrichter, stelle mich selbst, und Du wirst sofort freigelassen werden."
Mein Bruder, der sehr bleich und abgefallen aussah, mochte mich wohl für verrüdt gehalten haben, als er mich so sprechen hörte, denn er sah mich ganz sonderbar an, und dann fing er an zu weinen.
Vor dem Untersuchungsrichter, dem ich sofort vorgeführt wurde, machte ich dieselbe Aussage, und das Ende war, daß man mich sofort einsteckie und meinen Bruder am nächsten Tage freiließ.
Es ging Alles ziemlich so, wie ich es mir gedacht hatte, nur war die Strafe doch etwas unerwartet hoch; denn ich erhielt neun Monate Gefängniß wegen fahrlässiger Brandstiftung und allerdings unter Zubilligung mildernder Umstände noch; aber als strafschärfend fielen dagegen meine Vorstrafen ins Gewicht und die Erwägung, daß ich zu Trunksucht und Erzessen neigte. Man hatte durch eine höhere Strafe abschreckend auf mich einwirfen wollen.
Mein Bruder wohnte der Verhandlung bei; bei Verkündigung des Spruches weinte er wieder; aber gesprochen hat er mich nicht; er vermochte es jedenfalls nicht.
Jeh büßte meine Strafe ab, und nachdem ich entlassen war, zahlte mir mein Bruder zweitausend Thaler aus mit dem Versprechen, noch mehr geben zu wollen. Die Versicherungssumme hatte er erhalten und das hatte ihn einigermaßen auf die Beine gebracht, wenn es auch noch viel zu thun gab, um den Hof wieder in die Höhe zu bringen. l'eber den Brand und mein Eintreten sprachen wir garnicht, wir gingen Beide schweigend darüber hinweg.
Ich that nun, was ich schon früher hätte thun sollen: ich ging mit dem Gelde in eine fremde Stadt, nach Braunschweig. Aber meine Vergangenheit folgte mir. Die Kreise, in denen ich zu leben gewöhnt war, verschlossen sich vor mir, und das kränkte mich tief, und als ich geschäftlich thätig sein wollte, um mich zu nähren, begegnete ich überall Abneigung und Mißtrauen.
Ich sollte nun einmal ein Lump werden, und schließlich wurde ich mehr und mehr so, wie die Leute mich haben wollten.
Zwei Jahre hatte ich in der fremden Stadt zugebracht; da wurde ich an das Sterbelager meines Bruders gerufen.
Nach dem Vorkommniß, das er sich doch mehr zu Herzen genommen hatte, als man ahnte, war er nie recht gesund gewesen, und der Gram und die Arbeit und Sorge um sein Anwesen, das er in gesichertem Zustande seinen Kindern überlassen wollte, hatten seine Kräfte erschöpft.
Als ich fam, überreichte er mir, glückselig lächelnd, ein Schriftstück. Vor dem Tode hatte er dem Pastor ein Bekenntniß seiner Schuld abgelegt, und dann in dessen Gegenwart vor einem Notar die Erklärung ausfertigen lassen, durch deren lluterschrift er mich glän end rechtfertigte. Eine gleichlautende Urkunde wurde dem Archiv des Hauses einverleibt.
Zwei Tage darauf starb mein Bruder, nachdent er noch seiner Frau von seiner Schuld erzählt und ihr das Versprechen abgenommen hatte, mich nie untergehen zu lassen und meiner stets in Dank barkeit zu gedenken.
Wir begruben ihn, und nun trat die Frage an uns heran, was nun werden sollte.
Das älteste der Kinder, ein Knabe, war erst neun Jahre alt, das Mädchen gar erst sieben, und bis zu der Zeit, da der Junge das Gut selbst übernehmen konnte, wars noch lange hin.