Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.
fant aber unmittelbar darauf gebrochen und machtlos auf einen Stuhl. Nach wenigen Augenblicken schlug sie die Augen auf, und die Eltern empfingen den Eindruck, als habe sie still geweint. Dann aber war es, als bereue sie, ihre Schwäche gezeigt zu haben; das blasse Gesicht nahm wieder den Ausdruck ruhiger Kälte an, und ohne ein Wort zu sagen, ging fie, den Kopf hoch aufgerichtet, hinaus.
Vater und Mutter sahen einander in maßloser Verwunderung an.
" Was ist denn los mit ihr?" fragte der Alte. ,, Sie freute sich ja, daß der Hund todt ist!"
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Die Mutter aber, immer mehr in Angst versetzt durch das schreckensbange Räthsel, in das sie sich verwoben fühlte, rang die Hände und flehte unter Thrären: Du guadenreiche, goldene Himmelsmutter, stel uns bei!"
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Mathilde lag, vom Fieberkrampf geschüttelt, im Bett. Drei Aerzte hielten geheime Berathungen ab, und wenn sie fertig waren, äußerten sie mit geheimnißvollen Mienen, daß keine Gefahr vorhanden sei, falls nichts Anderes" hinzutrete. Sie verschrieben Rezepte, und die Frau Oberst, die binnen wenigen Tagen selbst ein leichenähnliches Aussehen bekommen hatte, war mit eifriger Sorgfalt bemüht, ihrem Kinde alle die verordneten Essenzen genau nach Vorschrift einzuflößen.
Das Fieber ließ nach, und die Aerzte betonten mit Genngthung, daß die Medizin genügt habe.
Die Frau Oberst beugte sich über ihr Kind, sah es mit verweinten Augen liebevoll an und sprach: " Jetzt wirst Du gesund! Sei nur recht ruhig, da fannst Du Sonntag schon in den Garten gehen!"
Die franke, abgezehrte Dulderin schüttelte leicht den Kopf und wandte das Gesicht ab.
„ Willst Du schlafen?"
Wieder machte das Mädchen eine verneinende Bewegung.
Der Mutter war es, als wolle die Tochter nichts von ihr wissen, als habe sie deren Herz verloren. Sie zog sich zurück, um ihre Qual zu verbergen.
Das war nicht mehr dieselbe Frau, die einst in frömmelnder Unnatur dem heiteren, schuldlosen Mädchen die Süßigkeiten der Jugend vergällte; das war die unerschöpflich und unergründlich liebende Mutter, d'e, nur für das Kind lebend, ihr eigenes Ich vergaß, und an der jeder Nerv und jede Faser für das Glück und Wohl des Lieblings bebte. Eine gewaltige Seelenerschütterung hatte den tief ver= borgenen, längst erstorbenen Lauterquell der Gefühle gelöst..
Mathilde wandte den Kopf und heftete den matten Blick auf das Gesicht der Mutter. Diese trat schnell und hülfbereit hinzu.
Die Lippen der Kranken bewegten sich; sie wollte sprechen, fand jedoch nicht bald die passenden Worte. Endlich fragte sie ruhig und mit dumpf klingender Stimme: Du dachtest wohl, der Jokerle ist eingegangen?"
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„ Ja, mein Herzchen, ja! Sei nur recht ruhig!" begütigte die Mutter, die den Sinn der Frage nicht richtig verstanden hatte und der Meinung war, das Mädchen phantasire noch immer.
" Da hast Du falsch gedacht!" fuhr Mathilde fort. Mit der Hacke hab ich ihn erschlagen."
,, Nicht doch, mein Engel, nicht doch! Komm, ich decke Dich hübsch zu, und Du schläfft ein!"
Die Kranke wehrte mit beiden Händen ab; wieder ging das konvulfivische Zucken durch ihren Körper, und mit einem Tone, der Wort für Wort wie ein schneidendes Wehgeschrei klang, rief sie:„ Er hat ja garnicht sterben gewollt er hat bei mir bleiben er hat bei mir bleiben gewollt, der Joker!!... Immerfort hab ich ge= hauen immerfort, immer fort... und er hat mich so angesehen... mit seinen Augen... so angesehen..
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Sie sprach nicht weiter, sie schrie nur noch schrie so entsetzlich, daß alle Dienstboten und auch der Oberst herbeigeeilt famen.
Der Frau Oberst dunkelte es vor den Augen; ihr war, als flage ihr Kind sie schrecklich an, als schreie es um Rache zum Firmament, und als könne
ihre Schuld in alle Ewigkeit nicht getilgt werden. Und sie wußte immer noch nicht flar, worin ihre Schuld bestand.
Sie empfand einen schweren Druck in der Herzgegend und dachte unwillkürlich, es sei der Tod, der sie berühre; sie fühlte, wie ihr das Blut in den Adern stockte, wie ihre Kräfte schwanden, wie der Boden unter ihren Füßen wich. Ihre Hände tasteten unsicher nach den Schläfen, sie taumelte und sank mit einem Aufschrei nieder... Im nächsten Augenblick jedoch zuckte die wunderbare Gluthkraft der leidenden Mutterliebe durch ihr ganzes Wesen, und frischbelebt und riesenstark fuhr sie empor, umschlang das schreiende Mädchen mit sanfter Innigfeit und hauchte ihm Küsse auf den schreienden Mund.
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Sei gut, sei gut, mein Tildchen!... Ich bin bei Dir!"
Mathilde beruhigte sich ein wenig; dann erbebten ihre Lippen wieder; in den Augen zitterte ein unheimlicher Schein; sie stieß die Mutter zurück, und abermals redete sie von jener finsteren Geschichte, die seit dem Tage der Beichte vollständig ihre Seele erfüllte.
„ Ich ramute fort... ich dachte, er wäre todt... und da kam er gelaufen, und er sah mich an... mit blutigen Augen sah er mich an... mit blutigen Augen... und wollte mit in das Haus... und da hab ich wieder geschlagen, immer wieder geschlagen ... und wie hat er geschrien und mich angesehen!..."
Und aufs Neue brach sie in das gelle, entseßliche Angstgeschrei aus. Sie war nicht zu besänftigen- sie schlug mit beiden Armen um sich, stieß mit den Füßen gegen die Bettwand, schnellte plötzlich, bevor ihre Lieben es hindern konnten, aus dem Bett und warf sich auf den Fußboden. Der Oberst griff herzhaft zu und rief die Mägde, die mit gefalteten Händen an der Thür standen und weinten, durch einen scharfen Zuruf zu Hülfe. Sie überwältigten die Krause, die sich wild zur Wehr setzte, und hoben fie ins Bett, wo alsbald eine große Erschöpfung über sie kam, sodaß sie nur noch zu röcheln vermochte.
Die Mutter, die in jenen Minuten wohl schlimmere Seelenqualen erlitt, als je ein Mensch erlitten hat, hielt über ihrem unruhvollen Kinde mit milden Händen die Bettdecke fest und beobachtete in ficbernder Angst jede Bewegung, jeden Athemzug ihres Lieblings. Dabei kam sie auf die unglückliche Vermuthung, Mathilde habe den Hund aus Bosheit erschlagen, um Rache zu nehmen an dem Herrn Kaplan und ihr, der Mutter, und sie werde nun von Gewissensbissen gemartert. Und mit dem reinen Wunsche, sie zu befreien von der Gewissensmarter, rannte sie dem Mädchen zu:„ Sei still, mein Kind! Ich lasse gleich den Herrn Kaplan holen; dem er= zählst Du Alles, und dann..."
Sie hatte den Saß noch nicht beendet, so fuhr die Kranke auf, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, und ihr Kopf stieß hart an den Kopf der Mutter.
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,, Nein, nein!" schrie sie und versuchte mit solcher Gewalt sich aus dem Bette zu befreien, daß alle Anwesenden Mühe hatten, sie daran zu verhindern. Ich mag ihn nicht mag ihn nicht!" rief sie mag ihn nicht!" rief sie in freischendem Tone. Er hat mich geheißen... er hat gesagt vom lieben Gott... der liebe Gott wills haben... O, die blutigen Augen... die O, die blutigen Augen... die blutigen Augen... und da habe ich ihn verflucht... .." verflucht!. Das letzte Wort der Fluch gegen den blassen Gottesdiener ging über in ein gellendes Angstgefreisch, wie es Mathilde während ihrer Leidens: tage schon wiederholt ausgestoßen hat e.
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Der Oberst befahl, rasch den Arzt zu holen, schloß in seiner Nathlosigkeit den Mund der Schreien den mit der Hand und sah sich dabei hülfesuchend rasch nach seiner Frau um.
Sie weilte nicht mehr im Kran enzimmer. Nachdem die von der großen Aufregung erschöpfte Meathi de die Besinuung verloren hatte und die Mädchen nach der Küche zurückkehrten, fanden sie dort die Frau Oberst auf einem Schemel. Sie hielt beide Hände an das Gesicht gepreßt und stöhnte und schluchzte so herzzerreißend, daß die Mädchen in neuen Schreck verfielen und den Herrn Oberst her
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beiriefen. Als er sie aurcdete, stürzte sie vor ihm auf die Kniee und schrie, die Hände ringend:„ Ich habe unser Kind umgebracht... ich... ich und der Herr Kaplan!... Schlagt mich todt!... ich hab sie umgebracht!"
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Aha, so etwas steckt dahinter!" rief der Oberst mit finsterem Gesicht und wendete ihr den Rücken. ,, Verfluchte Bande!" knirschte er im Hinaus( Fortsetzung folgt.)
gehen.
( Schluß.)
A
Von H. Thurow.
ber der Kampf des zur Besinnung über sich selbst gelangenden Proletariats ist nicht nur ein Kampf gegen den, allerdings sehr verderblichen, Einfluß der Kirche und der kirchlichen Parteien, sondern er ist ein Kampf gegen alle feindlichen Positionen zugleich, d. h. gegen alle rückständigen Faktoren und Tendenzen, die die Neugestaltung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse in irgend einer Form erschweren. Desgleichen wird die erhoffte Befreiung des Menschengeschlechts nicht nur die Befreiung von den Fesseln religiöser Sklaverei sein, sondern die Emanzipation von allem physschen und geistigen Elend, das heute auf der unendlichen Mehrheit aller Gesellschaftsglieder lastet. Gesellschaftsglieder lastet. Die Harmonie soll an die Stelle des heutigen Interessenstreits treten der Friede an die Stelle des heutigen Rassen- und Klassenkampfes. Was wir erringen wollen und müssen, ist mit einem Wort das Glück, das relativ größere Glück unserer selbst und unserer mittämpfenden und leidenden Genossen.
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Das Glück? Worin besteht es und worin ist es zu finden? Darüber sind die Meinungen, wenigstens die offiziellen Meinungen, der Dichter( und zwar meist nach ihrer Klassenangehörigkeit und per= sönlichen sozialen Stellung) sehr getheilt.
In einem fast fünftausend Verse zählenden Gedicht befaßt sich Sully Prudhomme mit dem Problemi. Cein Le bonheur"( Das Glück) betiteltes Werk ist künstlerisch hochbedeutend: Die Verse sind von vollendeter Reinheit der Form, die Gedanken sind plastisch, die Sprache bilderreich; der ganze Gegenstand ist mit philosophischem Grufte behandelt. Aber es handelt sich hier um die in der gebotenen Lösung sich widerspiegelude Grundauffassung des Verfassers, und dieser muß man seine Zustimmung versagen: die ist die Auffassung eines weltmüden, alternden Pessimisten.
Auf der Erde ist das Glück nicht zu finden. In ewig gleichem Wechsel folgen sich die Geschicke der nacheinander den Ereboden bevölkernden Generationen. Was nüßt Liebe, Streben, Kampf? Die Sonne des Glückes lächelt nie herab aus himm= lischen Fernen, und bis das lezte in der Qual der Sehnsucht sich verzehrende Herz ausgeschlagen haben wird, wird kein versöhnendes Moment die Menschheit ihrer Bestimmung, dem Glück, näher bringen. Aber der Tod tritt ein; und nach dem Tode kommt dieses endgültige Glück: Es wohnt im Raum, in der räumlich unbegrenzten Atmosphäre auf au= deren Sternen und im Bannkreise neuer Sonnen!
Es ist immer betrübend, einen Dichter geistig altern zu sehen. Die vorliegende Dichtung ist, trop ihrer Bedeutung als Kunstwerk an sich, ein Zeichen von der zunehmenden moralischen Schwäche des Autors. Und nicht dieses Wort allein legt von solcher Schwäche Zeugniß ab: Sully Prudhomme , dieser einstige grimme Hasser aller Völkert, raunei, wurde auf dem Gebiet der auswärtigen Politik zum Bewunderer der Knute! Auläßlich der Zarenfrönung im letzten Jahr empfand er das Bedürfniß, den Herrscher aller Neußen auzudichten.
Beklagenswerthe Wandlung! möchte man aus: rufen. Aber es ist so häufig die Mitgabe des Alters und der Berühmtheit, hoffähig zu werden. Gin Freiligrath wird in seinen lezten Lebensjahren zum Vewunderer der Deutschen , ein Maurus Jokai zum Verhimmler der österreichischen, ein Prudhomme zumi Aubeter der russischen Säbel- und Räuberpolitik!