Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.
den Oberflächentheilen der zerfallenen Welten entstammen.
In diesen fand man nun die verschiedensten Stoffe, sogar schon winzige Diamanten und Kohle, also die Bedingungen einer Lebewelt, möglichenfalls dirette Neste einer solchen.
Ein Naturforscher, Dr. Otto Hahn , untersuchte eine große Anzahl solcher Ghondrite und fand unter diesen 18 Meteorsteine, welche anscheinend fast ganz aus versteinerten Organismen bestanden, zum Theil Pflanzengebilden, Algen und Farnen ähnelten, deren eines nach dem deutschen Kaiser Urania Guilielmi benannt ward.*
Außer diesen Pflanzengebilden fand Hahn auch forallenartige Bildungen u. A. in einem am 9. Juni 1866 zu Kuyahinga in Ungarn gefallenen, 27 Pfund schweren Meteorsteine ein Gebilde, welches die größte Aehnlichkeit mit einer in den ältesten Schichten uuserer Erdrinde sich findenden Koralle( Favosites) ausweist.
Wir hätten also in diesen Meteoreinschlüssen den direkten Beweis der Eristenz einer Lebewelt auf anderen Weltkörpern in Händen.
Leider sind diese Entdeckungen Hahns aber noch nicht ganz spruchreif, die Gebilde sind allerdings thatsächlich vorhanden, aber hinsichtlich der Deutung derse: ben herrschen in Fachkreisen noch ganz ver schiedene Meinungen, indem viele die organische Natur der Gebilde anzweifeln und darin Krystallisationen anorganischer Natur zu erblicken glauben.
Der Streit ist noch nicht endgültig entschieden, wenn auch Hahus Gegner dieses behaupten; ein jeder Unparteiische wird die frappante Aehnlichkeit der Gebilde mit Organismen nicht bestreiten.
Sollte der Entdecker schließlich Recht behalten, so wäre seine Entdeckung unzweifelhaft eine wissenschaftliche Errungenschaft allerersten Ranges und die besprochenen Vagabunden des Alls hätten eine neue Bedeutung gewonnen.
In der Redaktion einer Arbeiterzeitung.
( Schluß.)
Skizze von R. Tesselaar.
in vornehm gekleideter, wohlgenährter Herr hatte gewartet, bis sämmtliche Rathsuchende abgefertigt waren. Den linken Ellenbogen auf die Stuhllehne, den Kopf in die linke Hand gestützt, hatte er die ganze Zeit dagesessen und gedankenvoll vor sich hingeschaut. Ein angenehmer Geruch nach Kleiderparfüm verbreitete sich im Zimmer, als er letteres jczt betrat. Er mochte ungefähr fünfzig Jahre alt sein. Seine Kleidung, die goldene Brille, die schwere goldene Uhrfette, der Diamantring am fleinen Finger der linken Hand, wie überhaupt sein ganzes Aeußere ließen auf Wohlhabenheit schließen. Sein von einem wohlgepflegten Barte und dem glattgefämmten Kopfhaar umrahmtes Gesicht machte einen angenehmen, liebenswürdigen Eindruck. ,, Sie gestatten," sagte er mit einer leichten Verbengung, ließ sich gelassen auf den bereitstehenden Stuhl nieder und zog ein fleines Bündel Schriftstücke aus seiner Brusttasche.
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Mein Name ist Helmer," begann er dann im ruhigen Tone,„ bin Privatier und wohne in der L.- Straße. Ich will Ihnen einen Fall erzählen, der für Ihre Zeitung von Interesse sein dürfte. Ich gehöre nicht zu Ihrer Partei, wenigstens bis jetzt
nicht. Doch das thut ja nichts zur Sache!
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beim Militär. Er war
Ich habe, ach nein, ich hatte einen Sohn. Er starb vor einigen Tagen unser einziges Kind und, was Sie sich wohl denken können, meine Freude, mein Stolz, meine Hoffnung. Ich ließ ihn Kaufmann lernen, und er war sehr
fleißig und brav. Er war wirklich ein lieber Junge, Er vielleicht etwas verzärtelt, aber gut erzogen. liebte feine laute Gesellschaft, spielte Violine und
Vorigen Herbst kam er zum Militär nach B. Er ging nicht gern, aber er gab sich alle Wühe, um seine Pflichten zu erfüllen. Jedoch das Leben in der Käserne, der rohe Ton vieler seiner Vorgesetzten und die Kränkungen, die man ihm zufügte, machten ihn bald melancholisch. Er wurde schweigsam und forderte damit den Aerger der Unteroffiziere heraus. Oft klagte er mir über schlechte Behand= lung, ich suchte ihn zu trösten und zu ermuthigen, und er versprach mir auch, daß er ruhig aushalten werde. Die Zeit geht vorüber," meinte er. Jedoch die Klagen wiederholten sich in allen seinen Briefen, hier sind sie alle, Sie können dieselben nachher lesen. Vor vierzehn Tagen erhielt ich seinen letzten Brief. Er sagt Alles, ich will denselben vorlesen:
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Meine lieben, guten Eltern! Verzeiht mir, was ich Euch heute berichte. Ich kann es nicht länger ertragen, ich kann nicht, ach, ich kann nicht! Ihr wisset, ich liebe Euch so sehr und Ihr liebet ja auch mich, aber ich fann es nun nicht länger über mich ergehen lassen. Ich habe Euch noch nie Alles erzählt, wie es mir oft erging, auch nicht, daß ich sogar schon geschlagen wurde. Ich wollte Euch, liebe, gute Eltern, stets den Kummer ersparen. Aber es geht jetzt nicht mehr anders, verzeiht mir, ach, verzeit mir.
Liebe, herzensgute Eltern! Gestern hatten wir Ererziren. Es regnete tüchtig, und ich war. durchnäßt bis auf die Haut. Schon auf dem Eerzirplay fühlte ich mich unwohl, fror und hatte keine Aufmerksamkeit. Ich hatte ein paar Fehler gemacht und mußte deshalb eine Stunde nachererziren. Da mußte ich nun so lange auf einem Beine stehen und das andere vorstrecken, bis ich umfiel. Dann packte mich der Unteroffizier jedesmal an der Nase und schüttelte meinen Kopf hin und her." Sie Kopfhänger," sagte er, „ ich will Sie munter bringen!" Aber das ist
noch nicht Alles!
Heute hatten wir Felddienstübung. Mir war heute morgen so unwohl, mich fror wieder so und ich hatte einen so heißen Kopf, daß ich wirklich glaubte, ich sei ernsthaft krant. Ich meldete mich beim Hauptmann. Aber da fam ich schön an! Ich sei ein„ Drückeberger" sagte dieser, beim Marschiren würde ich schon munter und warm werden. Als wir im freien Felde waren, regnete es wieder so sehr, und wir mußten uns da noch in einen nassen Graben legen. Ach, liebe Eltern, ich konnte fast nicht mehr, ich war zum Zusammenbrechen. Da habe ich nun zu meinen Kameraden eine unwillige Bemerkung gemacht. Das hat ein Unteroffizier gehört, der es dem Hauptmann meldete. Nun soll ich dafür acht Tage in Arrest!
Gute Eltern, ich kann nichts dafür, ich war so frank, ich zittere jezt noch am ganzen Körper. Morgen soll ich in Arrest. Das kann ich nicht überleben. Zürnet mir nicht, verzeiht mir, verzeiht mir! Wenn Ihr diesen Brief erhaltet Liebe, gute Eltern, ich kann nicht anders, ich kann nicht anders!
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Euer unglücklicher Sohn K.
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Sie können sich denken, wie mir war! Meine Frau hat seit dieser Stunde das Bett nicht mehr verlassen. Ich reiste sofort nach B. Mein Sohn lebte noch, lag aber im Lazareth. Es war nicht so weit gekommen. Man erzählte mir, daß er Abends sehr verstört ausgesehen und im Bette ge= fiebert und irre Reden geführt habe. Im Lazareth, wohin man ihn sofort brachte, wurde eine heftige Lungenentzündung konstatirt. Ich hatte nun wieder Hoffnung, dachte, der Brief, der garnicht in dem Hoffnung, dachte, der Brief, der garnicht in dem gewöhnlichen Stile meines Sohnes geschrieben ist, sei im Fieber geschrieben und reiste nach Hause.
Vier Tage später erhielt ich ein Telegramm, mein Sohn sei gestorben.
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mit meinem blutenden Herzen und statt der Trostworte, die ich erwartete, dieser Empfang! In meiner begreiflichen Erregung, in meinem furchtbaren Schmerze kam es mir unwillkürlich über die Lippen:" Sie haben mir mein Kind gemordet!"
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Mensch," schrie der Hauptmann und packte mich feſt am Arm,„ ich werde Sie auf der Stelle verhaften lassen, wenn Sie nicht augenblicklich schweigen und machen, daß Sie fortkommen!"
„ Ach so herzlos, so roh!-
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Der unglückliche Mann biß die Lippen zusammen, um seine Gefühle zu unterdrücken. Zwei Thränen lösten sich von den feuchten Augen und rollten über die gerötheten Wangen. Nun vermochte er sich nicht mehr zu halten. Vom Schmerze überwältigt, brach er in ein so lantes und heftiges Weinen aus, daß es seinen ganzen Körper erschütterte.
Die beiden Redakteure im anstoßenden Zimmer schlichen auf den Zehen herbei und umstanden feuchten Auges den sich seinem Schmerze hingebenden Mann, der, wie aus einer fremden Welt, zu ihnen, den armen Proletariern, gekommen war, um die Theilnahme und Hülfe zu finden, die er bei seinen Klassengenossen vergeblich gesucht hätte.- Zu seinem großen Schmerze hatte der Mann noch eine Anklage wegen Offiziersbeleidigung erhalten.
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Den
Eine tiefe Stille herrscht im Zimmer. heißen Kopf in die linke Hand gestützt, sitzt der Redakteur unthätig vor seinem Schreibtische. Er gedenkt der armen Leute, denen man die geliebten Kinder genommen, des alten Mannes, der sein tadelloses, mühevolles Leben nun im Gefängniß beschließen soll, des armen Weibes, das heute mit ihren vier Kindern auf die Straße gesetzt wird, und der unglücklichen Eltern, die ihren einzigen Sohn beim Militär verloren haben.
Es klingelt.
Der Redakteur ist allein, seine Kollegen sind bereits weggegangen. Er geht und öffnet die Vor
saalthür.
Ein etwa fünfundzwanzig Jahre alter Mann stürzt heftig herein.
"
,, Ach, könnte ich noch den Redakteur sprechen, es ist so dringend!" rief er und die Thränen schossen auch schon aus seinen Augen.." Ich wurde ausgewiesen, ich soll morgen schon die Stadt verlassen," begann er heftig und erregt zu erzählen, und ich habe Frau und Kind. Ich bin hier geboren, habe stets hier gelebt und nun soll ich fort! Ich hab mir mal etwas zu schulden kommen lassen, eine Urkundenfälschung. Dafür erhielt ich sechs Monate, die hab ich verbüßt, vor acht Tagen hab ich das Gefängniß verlassen. Meine Frau und das jetzt ein Jahr alte kind waren so lange bei den Schwiegereltern. Jezt hab ich sie wieder hierher kommen lassen, habe eine Wohnung gemiethet und habe auch Arbeit - und trotzdem werde ich ausgewiesen! Ich muß Frau und Kind im Elende lassen und ein Vagabund
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werden. Könnt ich hier bleiben Alles wäre wieder gut geworden!"
Er weinte heftig und trippelte ungeduldig auf dem Vorplaze umher.
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Weinen Sie doch nicht, weinen Sie nicht!" rief ihm der Redakteur zu, der von den Aufregungen der letzten zwei Stunden sehr nervös geworden war. ,, Gehen Sie zum Polizeipräsidenten und bitten Sie ihn, aber, hören Sie, Sie müssen bitten, das Wörtchen„ bitte" gebrauchen. Wenn das nicht hilft, dann kommen Sie wieder her!"
Der Redakteur nahm Hut und Stock und öffnete die Thür, um fort zu gehen. Er erschrak. Ein großer, kräftiger Mann mit aufgeblähtem, gerötheten Gesicht starrte ihn mit seinen großen, hervorstechenden, glasigen Augen an: Ein Irrsinniger.
Ohne auf die Einwände des Redakteurs zu achten, schritt derselbe, bei jedem Schritte mit seinem Spazier= Mein Schmerz war unermeßlich. Ich reiste natür- stock haftig auf den Boden stampfend, in den Vor
Zither und widmete sich im Uebrigen ganz seinem lich wieder nach B. und begab mich ohne Weiteres
Berufe.
* Vergl.„ Die Meteorite und ihre Organismen" von Dr. Otto Hahu.
zum Hauptmann, in seine Wohnung. Ich weiß nicht, es trieb mich förmlich zu ihm.
"
Was wollen Sie!" schnaußte mich dieser an. Da stand ich nun in meinem grenzenlosen Schmerze,
saal. Der Redakteur wich, rückwärts gehend, zurück in das Zimmer, wohin der Geisteskranke folgte, ununterbrochen fichernd und plaudernd:„ Hi, hi, hi, hi! Ha, ha, ha, ha! Eine hooochwichtige Sache muß ich Ihnen erzählen, hooochwichtig! Ja, ja! Ja, ja!"