352

Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

Im Zimmer angekommen erzählte er dann: Ich bin im Siechenhaus. Ja, ja! Gucken Sie nur nicht so! Ich bin nicht verrückt! Bin ich verrückt? He, he? Ha, ha, ha, ha! Ja, ja! Ihr Freund, der alte Christian, den kennen Sie doch, he? he? Der ist auch im Siechenhaus. Der hat mich hierher ge­schickt. Ein alter, guter Kerl, Sie kennen ihn doch, he? Der ist auch nicht verrückt, ach was! Wir sind alle nicht verrückt! Ha, ha, ha, ha? Bin ich ver= rückt? He? Ich bleib nicht mehr im Siechenhaus, ich will raus. Die können mich doch nicht halten, he? he?

"

-

-

Heute hab ich meinen Ausgehtag. Ich will Ihnen eine hochwichtige Sache erzählen, hochwichtig! Aber es bleibt unter uns, he? he?"

-

Er packte den Redakteur am Arm, zog ihn an sich und schrie ihm aus vollem Halse ins Ohr: Der König Friedrich August lebt noch!"

" Ja, ja!" erzählte er dann weiter, der ist nicht todt, bewahre! Hi, hi, hi, hi! Ich weiß es, ja, ja! Drum hat man mich ins Stechenhaus ge­steckt, ich weiß es! Ja, ja! Ich war früher Vor­sigender im katholischen Gesellenvereine. Da hab ich mal in seiner Wohnung geschrieben, da hats der Bischof einem Freunde erzählt, aber ich habs gehört, ja, ja! Dafür haben sie mich ins Siechenhaus ge= steckt. Aber jetzt bleibe ich nicht mehr! Ich will raus! Bin ich verrückt? He, he?"

Er stampfte mit seinem Stocke fest auf den Boden, dann begann er wieder: Ich war früher Tischler= meister. Hören Se, hören Se

"

-

Er ging dichter an den Redakteur heran und starrte thn mit seinen glasigen Augen fest an, dabei fortfahrend: Die Pfaffen, ja, wissen Se, die Pfaffen, Alles genommen haben sie mir, Alles! Meine Frau, ha, ha, meine Frau! Aber gesehen hab ichs! Einen Kuß hat ihr der Pfaff gegeben, gesehen hab ichs!"

Seine Augen traten noch weiter hervor, er hob seinen Stock mit der rechten Hand in die Höhe, ballte die linke Hand zur Faust und schritt langsam auf den Redakteur zu, dabei laut schreiend: Der Pfaff, der Pfaff, der Pfaff!"

Dem Redakteur lief der Schweiß von der Stirne herunter, langsam wich er bis zum Fenster zurück.

"

Hier klopfte ihm der Irrsinnige mit der linken Hand auf die Schulter, ficherte und bemerkte dann ganz ruhig: Nichts für ungut! He? he? Es bleibt doch unter uns? He? Ich nehme mir' n Rechts­anwalt, ich will raus, ich bleibe nicht im Siechen­haus! Ich wills den Pfaffen schon zeigen!"

Dem Redakteur fam ein rettender Gedanke, uni sich des Geisteskranken, der keineswegs ungefährlich war, zu entledigen. Er bedeutete ihm, daß er jetzt eilig gehen müsse, sonst treffe er keinen Rechtsanwalt mehr an.

" Ja, ja, ich gehe! Nichts für ungut!"

Damit wandte sich der Kranke um und ging. In der Vorplaythür blieb er stehen und wollte nochmals umkehren. Er habe noch was Hochwichtiges zu er­zählen, meinte er. Jedoch der Redakteur hatte genug; er schlug die Thür zu und eilte die Treppe hinunter.

Jammer.

Von Willy Wach.

sist Vormittags gegen elf Uhr. Der Welt­stadt brausendes Leben durchrollt die Adern Berlins , seine Straßen, und über dem ge= schäftig hastenden Getriebe ruht der milde Sonnen schein eines klaren Herbsttages. Auch in die Pots­damerstraße, int Viertel der Vornehmen, ergießt die allgütige Segenspenderin ihre lanen Lichtwellen. Das welfe, dem Tode verfallene Laub der großen Bäume am Straßenrande erschauert noch einmal wonnig unter dren liebevoller Berührung und es erglänzt in den wunderbarsten Farbenmischungen. Leis, ganz leis umsänselt die Luft die Wanderer all, die zwischen den großen Steinhaufen der Häuser hindurchfluthen, die aber achten das nicht. Vorwärts immer vor

-

wärts! ist ihr rastlos Streb: 11. Nur Lier und da halten sich Einige auf, zur Befriedigung ihrer Wünsche und Begierden, oder um den Auftrag Auderer aus­zuführen, die sie zu ihrem willenlosen Werkzeug ge­macht.

Dann geht es beflügelten Schrittes von Neuem weiter, oder zurück den Weg, den sie ge= kommen. Nervöse Hast spiegelt sich auf der Stirn der Meisten, das Zeichen der Zeit, der sie angehören. So geht es die Straße hinauf und hinab, ruhelos, voller flüchtiger Reibungen, aber ohne besondere Störung. Ein ewiger Wechsel der Gestalten: Be­amte, Handwerker und Arbeiter, Handlungstreibende und Offiziere, Frauen und Mädchen aller Stände. Auch Leute, denen des Lebens bittere Sorgen fremd Auch Leute, denen des Lebens bittere Sorgen fremd sind, die an den Freuden des vorigen Abends nicht genug hatten und die erst jetzt den Weg aus den Armen der Venus vulgivaga zum eigenen Heim Armen der Venus vulgivaga zum eigenen Heim fanden. Und inmitten dieser Brandung ein Mensch, den sie nicht berührt, der das freudig- freiwillige oder gezwungene leidige Haften längst verlernt zu haben scheint. In sich zusammengesunken, den Kopf vorn­über geneigt, als wollte er sich von der Außenwelt abschließen, so lehnt er am Gitter eines Wein­restaurants. Aus den kurzen Aermeln seines schäbig dünnen Jackets, das Ordenszeichen zieren, gucken dürre Arme fast bis zur Hälfte hervor. Spuren irdischer Vergänglichkeit trägt auch die Beinumhül­lung, und ihr gleicht auch das Schuhwerk. Dazu ein Hut, dessen ursprüngliche Farbe nicht zu erkennen, ein fester Stab zum Stüßen, und um den Hals ein Ledertäschchen gehängt, wie es vor langer, langer Zeit einmal modern war. Vor sechzig Jahren und mehr mochte die Tasche schon dem Urahn des Mannes gedient haben. Verwittert, wie das Kostüm, so auch die Gestalt. Sie hängt mehr an dem Eisen aune, als sie darau lehnt, und zeugt so davon, daß ihre Kraft die Glieder längst verließ. Das Antlig voller Runen, wie sie nur förperliches und seelisches Leid mit unbarmherzigem Griffel hineinzuzeichnen vermögen. Halb beschattet vom Hute, erscheint es noch fahler und vergrämter. Da füßt es sacht ein Sonnenstrahl von der Seite, aber vergeblich müht sich der heitere Geselle, Energie, Lust zum Leben, in dem Welt­fremden hervorzuzaubern. An ihm vorbei drängen die Menschen.

-

Nur Einer bleibt stehen, als sein Blick ihn streift, wie festgebannt durch eine unsichtbare Gewalt. Un­bemerkt von Jenent, unbeachtet von der Menge. Der fennt ihn, den Todtmüden, der dort lehnt; er fennt ihn, und doch hatte er ihn vor nicht viel mehr als einer Stunde zum ersten Male gesehen. In dem Prachtbau aus Sandstein war es, der un­weit stolz und in vornehmer Ruhe emporragt zwischen Privatgebäuden mit Vorgärten, und der dazu dient, Heim zu sein einem der vielgepriesenen Wunderwerke sozialen Schaffens: dem Reichs- Versicherungsamte. Sein Hirn vibrirt in unnennbar schnellen Schwin­gungen und zaubert ihm blizschnell das Bild vor Augen, das er dort wieder einmal vom menschlichen Leide gewonnen. Fernher, aus der Provinz, ist der Unglückliche da drüben gekommen, ein Opfer der Arbeit, sich die verweigerte Unfallrente zu sichern. Man hatte ihn in der zweiten Instanz abgewiesen; des Gesetzes Wortlaut sollte der Bewilligung ent­gegenstehen. Es sollte kein Unfall beim Betriebe" vorliegen, denn sein Arbeitgeber hatte ihn just zur Unfallzeit in der Hauswirthschaft arbeiten lassen. Dann hieß es auch, die Gebrechlichkeit des Mannes in ihrer ganzen Ausdehnung sei keine Unfallfolge. Entweder wäre sie eine Krankheit für sich oder- fimmlirt. Voller Vertrauen hatte er nun an die hohe Reichsbehörde appellirt, ihm sein Recht zu geben. Mit Thränen in den Augen und bebender Stimme, die Worte halb rerschluckend, lehute er sich auf gegen den Vorwurf, sein Leiden zu erhencheln. Sein Leben wäre Mühsal und Arbeit gewesen, nie aber habe er sich vor der Arbeit gescheut. Stets hätte er auch dem Staate tren gedient und er wies auf die militärischen Ehrenzeichen an seinem Nocke. Und dann kamen bittere Anklagen über seine Lippen; Anklagen gegen die Behandlung der Aerzte, Anklagen gegen das ihm unbegreifliche Vorgehen der Verufs­genossenschaft. Nicht vermochte er zu begreifen, wie

man ihn gerade ausschließen könnte von den Wohl­thaten der Versicherung, von denen er so viel gehört hatte. Er bat fel entlich, man möge doch seine Familie nicht in Noth und Glend umikommien lassen. Ihm selbst kön e ja Niemand mehr helfen, er fönnte ja ruhig zu Grunde gezen. Darauf wurde das Gutachten einer Autori.ät auf dem Gebicte der Nervenheilkunde verlesen, das noch vom Amte ein­geholt worden war. Es gab Aufschluß über sein eigenartiges Leiden. Direkte Folge des Unfalles sei es nicht, aber doch indirekt zurückzuführen darauf; psychisch wäre es zu erklären, es sei mehr nervöser Natur. Der Kläger , ein seelisch empfindsamer, gemüthvoller Mensch, habe nicht robuste Kraft genug gehabt, den Einwirkungen seiner bedauerlichen Lage nach dem Unfalle zu widerstehen. Trostlos und öde sei ihm damals seine und seiner Jamilie Zukunft erschienen. Der Streit um ein angeblich vorenthaltenes Recht hätte ihn verbittert und in seiner Vorstellung die vorhandenen Schmerzen riesig verschärft, ihn auch da solche empfinden lassen, wo thatsächlich feine waren. Verfall der Körpers und Schwächung der Nerven seien schließlich nuausblei lich gewesen. Ohne die unbeabsichtigte Selbstbeeinflussung wäre er jetzt allerdings ein arbeitsfähiger Mann, aber jene Auto­suggestion sei nur im Zusammenhange mit dem Un­fall denkbar.

So günstig die Feststellung des berühmten Psychiaters auch war, der Arme wurde doch ab­gewiesen. Der Präsident verkündete, sichtlich bewegt, über den Wortlaut des Gesezes komme der Gerichts­hof nicht fort. Der sage nur für Unfälle bein Betriebe eine Rente zu, hier aber sei das Unglück in der Hauswirthschaft des Arbeitgebers über den Verletzten gekommen. Gebrochen wankte dieser hinaus. Während draußen leise säuselnde Winde riesige Kastanien ihrer absterbenden Blätter beraubten, da hatte man ihm der Hoffnungen lezte genommen.

Der Beobachter am Straßenrande spürt von Neuem den Schmerz schneidend seine Seele durch­zucken, den ihm der Nothschrei des Einsamen im hohen Gerichtssaale bereitet hatte; doch wie vorhin, fann er auch jezt nicht helfen. Nicht einmal trösten fann er Jenen, denn auch er muß weiter, immer weiter! Es ruft ihn die Pflicht des Berufes. Und was ist auch der Trost ohne Hülfe! Wäre er hier nicht blutiger Hohn, müßte er nicht abprallen an all dem namenlosen Jammer, der sich vor ihm aufthat? Nein, nicht quälen; vorwärts, nur- vorwärts! Noch einmal umfaßte er die Gestalt mit seinen Blicken, so inbrünstig, als wollte er das geschaute Elend ganz in sich aufsaugen. Dann tauchte auch er unter in dem großen Strome der Vorüberwallenden.-

Bu unserem Bilde.

Charon.( Zu unserem Bilde.) Erst dem düsteren, weltflüchtigen Glauben des Christenthums ist es gelungen, der großen Menge der Kulturvö.fer das Erdendasein lediglich als eine Prüfungs- und Vorbereitungszeit für ein ewiges Leben im Jenseits darzustellen; die unbeschreib­liche Herrlichkeit des Paradieses soll des Gläubigen, die nie endende Qual und Marter der Hölle des Verworfenen harren. Dem schönheitsdurstigen, freudetrunkenen hel­Jenischen Alterthum war das Leben Ein und Alles; das gleiche Düfter der Unterwelt bedte Gerechte und Ungerechte. Wie trübe klingt nicht die Klage, die Homer selbst dem Schatten des Nationalhelden Achill in den Mund legt!

Eine charakteristische Szene aus der griechischen Unter­welt sührt uns unser Bild vor. Charon , der unter­irdische Fährmann, führt die Seelen einer Anzahl Ab­geschiedener in seinem Boote über die Ströme der Unter­welt in das Reich der Schatten. Stille Ergebung, Staunen und Verwunderung und finstere Verzweiflung malen sich in den Mienen der Bootinsassen. Um das Fährboot schwimmt mit Geberden düsterer Apathie oder verzweifelter Wuth eine Reihe weiterer Seelen; es sind dies jene, denen feine mitleidige Hand einen Obolus, das Ueberfahrtsgeld für den Fährmann, mit auf den Weg gegeben und denen darum der Eintritt in die Unterwelt so lange versperrt ist, bis sie den starren Sinn Charons erweicht haben.

Nachdruck des Juhalts verboten!

Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger , Leipzig , Elisenstr. 90, richten.

-

Berantwortl. Redakteur: Edgar Steiger , Leipzig.- Berlag: Hamburger Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Auer& Co., Hamburg . Druck: Max Bading, Berlin .