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Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

ihm sein eigenes Kind das schwere Unglück, das ihn getroffen hatte, auch noch als Vorwurf in's Gesicht.

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Ernestine wußte nicht, was sie that!- Jene naive Grausamkeit der Jugend war ihr eigen, die in dem alten Menschen etwas linangenehmes, Lästiges sieht. Was wußte sie denn von dem, was in der Seele des Vaters vorging, der am Abende des Lebens sein ganzes Lebenswert: Arbeit, Sorge, Hoffnung, in nichts zerrinnen sah!-

Sie sette den väterlichen Befehlen ihr schnippisches Besserwissen entgegen. Wiederholt betonte sie, es sei nur ihr guter Wille, nicht ihre Pflicht, wenn sie für den Vater etwas besorge; seine Magd sei sie nicht! Sie habe es in der Fremde besser kennen gelernt. Und wenn er sie etwa zwingen wolle, dann werde sie auf der Stelle gehen; sie habe keine Pflicht, ihm zu gehorchen, da er ihr das Erbtheil verthan habe.

Der Büttnerbauer hatte in den letzten Monaten gelernt, Vieles zu ertragen; es schien fast, als wolle er auch den Ruthenstreichen, die ihm seine Jüngstgeborene ertheilte, geduldig den Rücken hin­halten.

Eines Tages aber besann er sich auf seine Mannes- und Vaterwürde. Ernestine hatte sich ge­weigert, die Grube hinter dem Hause auszuschöpfen; diese Art Beschäftigung sei unter ihrer Würde, erklärte sie. Das brachte bei dem Alten das Maß zum Ueberlaufen.

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Seit Menschengedenken hatten im Büttner'schen Hause die Frauen diese Arbeit versehen. Nun wollte das junge Ding hier sich auf einmal gegen die alt­hergebrachte gute Sitte auflehnen! Diesmal machte der Bauer von seinem hausväterlichen Rechte Gebrauch. Er holte den Haselstock aus der Ecke hervor, den Ernestine aus der Jugendzeit gar wohl fannte: der hatte auf ihrem und der Geschwister Rücken gar manchen Tanz aufgeführt. Das Mädchen war flug genug, es nicht zum Aeußersten kommen zu lassen. Sie kannte den Vater in der Wuth. Schleunigst machte sie sich an die ekelhafte Arbeit; der Alte stand mit dem Stocke daneben als Wache, bis sie die ganze Grube ausgetragen hatte.

Ernestinens Antwort auf diese Demiithigung war, daß sie, ohne ein Wort zu sagen, aus dem väter­lichen Hause wegzog; ihre Siebensachen nahm sie mit sich. Sie wohnte, fortan im Dorfe zur Miethe. Der Vater dürfe sie nicht zwingen, bei ihm zu leben, erklärte sie, da er ihr nichts zum Leben gebe.

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So fand Gustav die Verhältnisse, als er nach Halbenau zurückkehrte.

Er wohnte einstweilen mit bei Frau Katschner. Sein erster Gang, nachdem er Frau und Kind be= grüßt hatte, galt dem Bauerngute.

Was hatte sich da Alles verändert seit dem Frühjahre, wo er in die Fremde gegangen war: Das Gut in fremde Hände übergegangen, zerstiickelt, ausgeraubt! Scheune, Keller, Stall leer! Im Hause Alles verwahrlost und verwildert! Die Mutter ge­storben! Dazu die Kinder alle fortgezogen! Karl mit seiner Familie in ein anderes Dorf, Toni in die Stadt. Und nun zum Leßten noch Ernestinens Auflehnung!

Gustav, der den Vater seit einem halben Jahre nicht gesehen, fand ihn furchtbar verändert. Der Alte war theilnamslos und stumpf geworden. Selbst die Rückfehr seines Lieblingssohnes riß ihn nicht aus seinem dumpfen Hinbrüten.

Sein Leben war schlechter, als das eines Hundes. Seit Ernestine das Haus verlassen, war nicht mehr gekocht worden. Kohlenvorräthe und Holz fehlten. An Eßwaaren gab es nur halberfrorene Kartoffeln und faulendes Kraut im Keller. Der alte Mann lebte von Milch, in die er sich etwas Brot schnitt. Sein Bart war ihm langgewachsen, umgab als gelbgrane struppige Krause das ausgemergelte Ge­sicht. Die Augen lagen in ihren tiefen, dunklen Höhlen. Seine Kleider starrten von Schmuß. Er ging nicht mehr aus dem Hofe. In der Kirche hatte man ihn seit Monaten nicht gesehen. Wenn er Menschen auf den Hof zukommen sah, rannte er hinauf in die Dachkammer, schloß sich dort ein und gab auf noch so lautes Klopfen und Rufen keine Antwort.

Dem Sohne fiel das Herz vor die Füße, als

er diese Dinge wahrnahm. Viel zu helfen war hier nicht! Das Gut konnte er dem Vater doch nicht zurückerobern.

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Gustav sorgte dafür, daß wenigstens Vorräthe in's Haus tamen. Dann machte er einen Versuch, Ernestine zum Vater zurückzuführen; aber der schei­terte an dem Eigensinn des Mädchens.

Gustav veranlaßte infolgedessen Paulinen, täglich einige Stunden auf das Bauerngut zu gehen, dem Vater das Essen zu bereiten und auch sonst für seine Nothdurft zu sorgen.

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Weihnachten war herangekommen. Eine Woche vor dem Christfeste kam ein Brief an mit dem Post­ stempel : Berlin . Toni schrieb an Ernestine, sie werde zum Heiligenchrist nach Halbenau kommen. Ihr Chef" habe ihr Urlaub gegeben, damit sie sich zu Hause austuriren solle. Sie habe nämlich vom vielen Stehen geschwollene Beine bekommen, daß sie kaum noch Schuhe über die Füße ziehen könne.

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Ernestine ließ Toni's Brief unter den Freunden und Verwandten herumgehen. Er war auf feinstem rosa Papier geschrieben und duftete süß; der Inhalt war Kauderwelsch. Schreiben schien Toni auch in Berlin nicht gelernt zu haben.

Niemand freute sich sonderlich auf Toni's Kommen. Die Geschwister hatten sie schon so gut wie vergessen. Man wunderte sich höchstens, wo sie das Geld zu der weiten Reise hernehme.

Eines Tages in der letzten Woche vor dem Feste kam Therese von Wörmsbach nach Halbenau herüber. Sie suchte Gustav und Pauline auf und erzählte, Toni's Kind sei am Tage zuvor gestorben. Sie war. hauptsächlich nach Halbenau gekommen, um bei den Familiengliedern eine Beisteuer für das Be­gräbniß zu erbitten.

Man fand es allgemein als Segen, daß das Würmchen gestorben.

Ernestine und Pauline gingen mit zum Begräbniß. Sie waren Beide noch nicht bei den Geschwistern in Wörmsbach gewesen. Wörmsbach gewesen. Als sie zurückkamen, konnten sie nicht genug davon erzählen, wie traurig es dort sei. Das Haus, eine Hütte, die jeden Augenblick einzustürzen drohte, die Kinder, elend und zerlumpt, Karl dem Trunke ergeben und schlecht gegen seine Frau, Therese völlig herunter von dem Jammerleben!

Die Schwägerin war nie beliebt gewesen bei den Büttners, ihres streitbar zufahrenden Wesens wegen. Aber jetzt beklagte man sie allgemein. Was war aus der rüſtigen, thatkräftigen Frau geworden!

Toni kam furz vor dem Feste mit dem Post­wagen an. Sie begab sich ohne Weiteres nach dem Elternhause.

Aber der alte Bauer, der eine Frauensperson in städtischer Kleidung, gefolgt von einem Burschen, welcher den Koffer trug, auf den Hof zuschreiten sah, schloß die Hauptthür ab und zog sich in die Dachkammer zurück, aus der er sobald nicht wieder zum Vorschein kam. Er hatte in dem Fräulein" die Tochter nicht wieder erkannt.

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Toni war darauf zu Frau Katschner gegangen, wo sie Pauline und Ernestine traf.

Das Erstaunen der Beiden über Toni's Aufzug war nicht gering. Wenn Jemand bäuerisch aus­gesehen hatte, so war es Toni gewesen, jezt kam fie als Stadtdame wieder.

Dick schien sie immer noch zu sein, aber die rothbraune Farbe war von ihren Wangen gewichen. Das Haar war gepflegt und zu einer hohen Frisur aufgesteckt, über die Stirne fiel es in vereinzelten Fransen fast bis auf die Augenbrauen herab. Ihr Mieder mußte ziemlich eng sein, nach der Art zu schließen, wie sie sich steif bewegte. Sie hatte den mit Seide gefütterten Mantel, den Hut mit Strauß feder, Muff, Handschuhe und Schirm abgelegt, und ließ diese Bracht nun von den Frauen bewundern. Von jedem Stiicke nannte sie bereitwilligst den Preis. Frau Katschner war auch hinzugekommen. Es wurde Kaffee gekocht. Toni bildete den Mittelpunkt des Interesses.

Man erzählte ihr, daß ihr Kindchen gestorben sei. Zeichen allzu großer Bestürzung gab sie nicht zu erkennen. Einige Thränen hatte sie wohl dafür übrig. Dann meinte sie, die Kinderkleidchen, die sie

aus Berlin mitgebracht für die Kleine, wolle sie nun Paulinen schenken.

Die Wittwe Katschner wollte dafür, daß sie den Kaffee schenkte, auch etwas zu hören bekommen. Toni wurde aufgefordert, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Sie that es in der Weise beschränkter Menschen, die sich einbilden, daß gerade ihnen Dinge passirt seien, die keinem anderen Menschen wider­fahren könnten. Halb und halb sprach sie noch den heimischen Dialekt; in der altgewohnten Umgebung legte sie schnell ab, was sie sich etwa an groß­städtischen Redewendungen angewöhnt hatte. Sie schwazte Alles durcheinander.

Zuerst war sie Amme gewesen, in jener von Samuel Harrassowiß verschafften Stelle. Das wäre wunderschön gewesen, erzählte Toni. Sie machte eine Beschreibung von ihrem Spreewälder Kostüm. Täglich sei sie mit dem Kinde im Thiergarten ge­wesen, bei gutem Wetter zu Fuß, bei schlechtem im Wagen.

Ernestine fragte, warum sie denn nicht in der Stellung geblieben sei, wenn sie es da so gut gehabt.

Toni meinte, sie hätte da nicht essen und trinken dürfen, was sie gewollt, vom Arzte hätte sie sich auch in einem fort untersuchen lassen müssen, und als das Kind eines Tages Brechdurchfall bekommen habe, sei die Herrschaft sehr böse geworden und habe sie entlassen.

Dann sei sie eine Zeit lang ohne Stellung ge­wesen, habe als privat" gelebt, wie sie sich aus­drückte, bis ihr Freund ihr endlich die jetzige Stellung verschafft habe.

Was denn das für eine Art Verdienst sei, forschte die wißbegierige Frau Katschner.

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Toni wußte Wunderdinge zu berichten. Sie sei in einem sehr feinen Lokale". In der Mitte des Lokales befinde sich ein Ding, ganz aus Glas, wie ein Häuschen sie gab sich vergebliche Mühe, einen Kiosk zu beschreiben da drinnen stehe sie und ver kaufe Würstchen an die Gäste; das Paar koste zwanzig Pfennige. An einem Abend verkaufe sie manchmal tausend und mehr. Dazu habe sie ein Kostüm an; sie beschrieb es: Sammetmieder, rothen Rock, bloße Arme und eine dreifache Kette von silbernen Münzen um den Hals. Sie sei auch schon so photographirt worden; die Photographie habe sie im Koffer mit.

Ernestine, die schon lange mit verhaltenem Spotte den Erzählungen der älteren Schwester zugehört hatte, meinte jetzt in wegwerfendem Tone: Würstchen ver­kaufen, das sei was Rechtes, dazu brauche man nicht nach Berlin zu gehen!

Aber Toni erklärte voll Eifer, ihre Stellung sei eine sehr feine, sie bekomme viel Trinkgelder, die Herren unterhielten sich oft mit ihr und machten viel Spaß. 3weimal in der Woche habe sie Aus­gehetag. Dann erzählte sie von Zirkus, Theater, Bierkonzerten, Bällen.

Die Wunder der Großstadt hatten außergewöhn­liche Bilder in die Phantasie dieses Landkindes ge­worfen. Der neuen Eindrücke waren zuviel gewesen; Alles hatte sich in dem Kopfe der Thörin verzerrt und verschoben. Nun, wo sie versuchte, eine Be­schreibung von ihren Eindrücken und Erlebnissen zu geben, wußte sie nicht, wo anfangen, fand sie feine Ausdrücke für Dinge, die sie niemals begriffen, nur wie der Wilde die Wunder der Zivilisation erstaunt angestarrt hatte.

Dann fing sie an von ihren Kleidern zu erzählen. Drei hatte sie zum Ausgehen, dazu zwei Hüte, und Striimpfe und Hemden duzendweise.

Ernestine rückte unruhig auf ihrem Blaze hin und her; daß Toni, der sie sich stets überlegen ge= fühlt hatte, jetzt als große Dame auftrat, verdroß sie. Wovon Toni denn all' den Aufwand bestreite, verlangte sie zu wissen.

Ihr Freund bezahlte ihr Alles, erklärte Toni mit Selbstgefühl.

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Mag' n schener Freind sen, das!" höhnte Ernestine.

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Boll Eifer seẞte Toni auseinander: Er is sehr gutt mit mer.' Reisegeld hat er och ge­schenkt. Weil' ch und de Fisse thaten mer duch su schwellen; da is' r selber zum Chef, und hat' n um Urlaub gebaten für mich. Su gutt is dar mit mer."