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Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

nischen Prairien, die stampfende Lokomotive hinweg rafen und den gemächlichen Steppennomaden immer weiter in unwirthlichere Gegenden zurückschenchen. Heute ist indeß dieser Prozeß wenigstens was den östlichen Theil der Steppe anbetrifft erst in seinen Anfängen vorhanden. Noch führen die Kir­gisen das alte Wanderleben ihrer Väter fort, und wer die vor mehr als einem Jahrhundert geschriebenen Schilderungen von Pallas und Georgi mit der heutigen Lebensweise der Kirgisenstämme vergleicht, sieht erstaunt, wie treu sie trotz aller Anfechtung doch im Ganzen ihren Volkscharakter und ihre Eigen­heiten bewahrt haben. Das liegt weniger an einer besonderen Nassenzähigkeit der Kirgisen als an den geographischen Verhältnissen ihres Landes. Mit Aus­nahme einiger Flußniederungen und der Unter­gebirgszone des Thian Schan und Alai - Tag ist die Kirgisensteppe wenig zum Anbau geeignet; es blieben daher bislang den Kirgisen weite Gebiete zur Fort führung ihrer alten Viehwirthschaft erhalten und mit dieser die auf ihr beruhende Lebensweise. Ja, in gewisser Hinsicht hat sogar die Festsetzung der Russen in den anbaufähigen Theilen des Thian Schan die südlichen Kara- Kirgisen zum Rückfall in eine rein nomadische Viehwirthschaft veranlaßt. Vor Ankunft der Russen trieben sie hier stellenweise mittelst künstlicher Bewässerung nicht unbeträchtlichen Acker­bau; nachdem aber die Kolonisten ihnen die besten Landstriche der Untergebirgszone abgenommen haben, sind die halbnomadisirenden Kirgisischen Ackerbauer nach und nach wieder zur reinen Viehzucht über­gegangen. Mit dem russischen Anbau vermochten sie doch nicht zu rivalisiren, während der Absatz ihrer Vichprodukte an die russischen Eindringlinge im Aus­tausch gegen deren Bodenerzeugnisse ihnen mancherlei Vortheile versprach.

Die eigentliche Kirgisensteppe oder, wie sie offiziell genannt wird, das Steppen- Generalgouvernement, umfaßt die drei Gebiete Afmolinst, Semipalatinsk und Semiojetschensk: ein Areal von ungefähr fünf­undzwanzigtausend Quadratmeilen, das außer dem südlichen Irtisch und dessen Nebenfluß, dem Ischim, nur noch wenige Steppenfliisse besitzt, die entweder in Binnenſeen miinden oder in den Sandablagerungen der Steppe verschwinden. Hier in diesem weiten, von kaum zwei Millionen Menschen bewohnten Ge­biet lebt, in unzählige kleine Haufen zersplittert, die Hauptmasse der Kirgisen die Nussen zählen nur achtzehn, die Tataren, Sarten, Dunganen, Tarant­schen 2c. nur sieben Prozent der Gesammtbevölkerung - und hier hat sich deshalb auch der Kirgisische Volfscharakter weit besser erhalten, wie im west­lichen Turgai- und Uralks- Gebiet und in West­Turkestan am Syr Darja , wo der Einfluß der Russen und der südlichen Türkenstämme manche alt­hergebrachten Sitten der Kirgisen verwischt hat.

In der gewöhnlichen Vorstellung haftet dem Hirtenleben in der, Steppe etwas Freies, Ungebun­denes an. Ganz nach eigenem Ermessen, heißt es in so mancher Reiseschilderung, schweift der Sohn der Steppe durch die weite Ebene, so weit der Himmel blaut. Solche Schilderungen des Steppenlebens mögen ja ihren poetischen Reiz haben, aber der Wirklichkeit entsprechen sie recht wenig. Wie der jagdtreibende Wilde in den Urwäldern Amerikas und Australiens , hat auch in den Steppen Asiens jeder Stamm und jedes Geschlecht sein bestimmtes Gebiet, dessen Grenzen nicht von den Viehheerden überschritten werden dürfen, soll es nicht zu Streit und Kampf kommen. Der nomadische Viehzüchter kann nicht gehen, wohin er will. Die Sorge um die Erhaltung seiner Heerden, die Rücksicht auf Vege­tation und Wasserreichthum der Steppe, auf Boden­beschaffenheit und Witterung, zwingen ihn, in seinen Wanderungen einen bestimmten Kreislauf einzuhalten. Er muß zu bestimmten Jahreszeiten bestimmte Gegenden aufsuchen und der Kampf um diese, die Konkurrenz um die besten Futterpläße, hat überall zur Ver­theilung der Triften unter die einzelnen Geschlechts­gemeinschaften und Verwandtschaftsgruppen geführt. Besonders gilt das von den im Winter aufgesuchten Gegenden, den sogenannten Winterfißen. Im Früh jahr und Sommer, wenn überall das junge, faftige Griin hervorschießt, findet der Kirgise leicht auf der

weiten Steppenebene oder auf den Terrassen der Ge­birge die Weiden, deren er für seine Heerden bedarf; schwieriger aber ist es, für die langen Wintermonate ein vor den rauhen Unbilden der Witterung mög­lichst geschiißtes Heim zu finden, das dem Vieh die nöthige Nahrung bietet, Holz und Wasser enthält. Fast alle Kämpfe zwischen den Kirgisenstämmen, Fast alle Kämpfe zwischen den Kirgisenstämmen, die uns aus früherer Zeit berichtet werden, haben sich, im Grunde genommen, nur darum gedreht, einander die am besten zum Ueberwintern geeigneten Gebietstheile abzunehmen.

Jede der großen Völkerschaften oder Horden der Kirgisen, Djüs, d. h. Hunderte, genannt, besteht aus einer Reihe von Stämmen, die sich ihrerseits wieder in eine Anzahl großer Geschlechtsverbände spalten. Das Geschlecht bildet für sich ein unab­hängiges Ganze; es hat sein besonderes Gebiet und seine besonderen Abstammungstraditionen, schüßt seine Mitglieder in ihren Streitigkeiten mit benachbarten Geschlechtern und schlichtet ernstere Zwistigkeiten zwischen seinen eigenen Angehörigen im Schieds­gerichtsverfahren. Da die Geschlechtsverbände meist zu groß sind, um zusammen wandern zu können, haben sich unter ihnen durch Abzweigung kleinerer Verwandtschaftsgruppen Untergeschlechter oder Ge­schlechtsabtheilungen gebildet, die vielfach fast völlige Selbstständigkeit erlangt haben und deren Anführer oder Sultane( Bis) vor der Annektion des Landes durch die Russen oft ein recht willkürliches Regiment führten. Diese Untergeschlechter theilen sich wieder in größere Familiengemeinschaften, Aule( vom Worte Agyl- Hürde), die gewöhnlich aus fiinf bis zehn Agyl- Hürde), die gewöhnlich aus fünf bis zehn Familienhäuptern mit ihren verheiratheten und un­verheiratheten Söhnen bestehen. Das älteste und Das älteste und angesehenste Mitglied des Auls hat die Leitung. angesehenste Mitglied des Auls hat die Leitung. Dieser Verwandtschaftsgliederung ist die Vertheilung des Bodens angepaßt. Frühjahrs-, Sommer- und Herbst- Weiden gehören allen Aulen eines Geschlechts gemeinsam und können von allen gemeinschaftlich gemeinsam und können von allen gemeinschaftlich benutzt werden; dagegen sind die Weiden in den Winterſizen nicht nur zwischen den einzelnen Aulen, sondern selbst zwischen den einzelnen Haushaltungen aufgetheilt. Jeder heerdenbesitzende Kirgise, der seinen eigenen Hausstand führt, hat auch seinen eigenen Landbesitz( Kystau), der durch natürliche eigenen Landbesitz( Kystau), der durch natürliche Grenzen oder durch Pfähle und Grenzsteine von den Weiden der Nachbaren geschieden ist. Natürlich sind diese Besigtheile von sehr verschiedener Größe, denn neben reichen Kirgisen, deren Heerden aus Tausenden von Schafen, Ziegen, Nindern, Pferden bestehen, giebt es andere, die nur wenige Dußend ihr Eigen nennen. Vermehrt sich der Viehstand eines Kirgisen, und reichen die ihm gehörenden Winterterrains zu dessen Unterhaltung nicht mehr aus, so kauft bezw. tauscht er das nöthige Weideland von Nachbaren ein, dieweniger Glück mit ihrem Vieh gehabt haben. Fällt dann vielleicht auch ihm später ein Theil seines Viches durch Seuchen oder Nahrungsmangel, so ver­kauft er wieder sein überflüssiges Land. Auf diese Weise findet ein fortwährender Wechsel des Land­besizes statt. Dazu kommen die durch Erbschaft entstehenden Veränderungen. Sobald nämlich der Sohn eines Kirgisen das heirathsfähige Alter erreicht, sucht er einen eigenen Hausstand zu gründen und geht den Vater an, ihm sein Erbtheil zu geben. Hat der Alte einen größeren Viehstand, so daß ihm selbst genug übrig bleibt, geht er gewöhnlich darauf ein. Er giebt dann seinem Sohne einen Theil seiner Heerden: Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde, Kameele und theilt ihm ferner eine entsprechende Fläche seiner Winterweiden zu oder kauft, wenn er nicht so viel Land entbehren kann, von den Nachbaren einige Weideterrains für seinen Sohn an. Ebenso wird auch dem zweiten und dem dritten Sohne später sein Erbtheil ausgekehrt. Der jüngste Sohn bleibt beim Vater und erbt schließlich dessen ganzen Nachlaß.

Die Pazifizirung des Landes durch die Russen

* Sehr reiche Kirgisen haben manchmal über 10 000 Schafe und Ziegen und mehrere Tausend Rinder und Pferde. Nach den neuesten offiziellen Angaben beläuft Pferde. Nach den neuesten offiziellen Angaben beläuft sich der Viehstand im eigentlichen Kirgisſen- Steppenrayon auf 1 800 000 Pferde, 900 000 Rinder, 7 600 000 Schafe und Biegen, 250 000 Kameele. Diese Angaben sind eher zu niedrig, als zu hoch.

hat an diesen Zuständen wenig geändert. Es werden nur jetzt die llebergriffe in fremdes Eigenthum weit strenger geahndet als früher, und außerdem hat die russische Regierung zur besseren Beaufsichtigung der Kirgisen eine Art Verwaltungseintheilung geschaffen, die sich jedoch genau an die oben geschilderte Glie­derung in Verwandtschaftsverbände anlehnt. Als kleinstes soziales Glied ist der Aul bestehen geblieben, meist in seiner alten Form. Der Vorsteher des Auls, der Aulnyi- Starschina", wird auf bestimmte Jahre vom Aul unter den ältesten Mitgliedern ge= wählt, bedarf aber vor Antritt seines Amtes der Bestätigung der ganz unter russischem Einfluß stehenden Kreisverwaltung. Mehrere Aule sind zu einem Ge­schlechtsbezirk( Wolost) vereinigt, dessen Größe sich fast stets mit der eines früheren Untergeschlechts deckt. An seiner Spize steht als Leiter ein vom Volk erwählter, von der russischen Verwaltung genehmigter Pravitel. Fünfzehn bis zwanzig solcher Wolost­Verbände bilden einen Verwaltungsdistrikt oder-Kreis, dem ein Militär- Verwaltungshof vorsteht.

Die Winterszeit ist für den Kirgisen die Zeit der Erholung, in der er von den Anstrengungen des Sommers ausruht und von den mitgebrachten Vor­räthen zehrt. Gewöhnlich siedelt jezt ein Aul zu= sammen; manchmal lassen sich jedoch auch mehrere verwandte Aule nebeneinander nieder, bei den schwarzen Kirgisen im Semirjetschensker Gebiet sogar, wenn die Winterquartiere in geschüßten Flußniederungen liegen, oft mehrere Untergeschlechter. In einer Ent­fernung von über einer deutschen Meile erstreckt sich dann eine unübersehbare Reihe von Filzzelten, so­genannten Jurten, am Flußufer hin. Sind die Winterquartiere eingerichtet, die Jurten aufgeschlagen, die Rinder- Hürden und leichten Stallungen für die Ueberwinterung der jungen Kälber und Lämmer erbaut, so bleibt für den reicheren Kirgisen, der sich für die täglichen Arbeiten seine Knechte und Mägde zu halten vermag, wenig zu thun. Das Hüten der Heerden, die auch im Winter des Tages über auf die Weide getrieben werden und sich selbst ihr Futter suchen müssen nur die ganz jungen Thiere und die Kühe und Stuten, die erst jüngst geworfen haben, erhalten einen Zuschuß an Gras und Heufällt den Hirtenjungen zu, der Hausherr führt eigentlich nur die Oberaufsicht. So bleibt ihm viele freie Zeit, die er damit verbringt, in seiner meist gut mit bunten Filzdecken austapezierten Jurte mit Gästen auf den warmen Teppichen zu liegen, zu rauchen und zu schwagen oder seine Nachbarn und Freunde zu be­suchen. Hin und wieder reitet er auch wohl mit Freunden zum Vergnügen auf die Jagd oder macht in den nächsten kleinen Kreisstädtchen Einkäufe. Schwaßen, Klatschen, Prahlen find Lieblings­beschäftigungen der Kirgisen, der Männer wie der Frauen. Auch bei uns hat ja manche Vertreterin des schönen Geschlechts durch fortgesetzte lebung sich eine ganz ansehnliche Zungenfertigteit erworben, aber mit der Kirgisin dürften doch nur wenige konfurriren

fönnen.

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( Schluß folgt.)

Herstellung künstlicher Diamanten.

( Schluß.)

Von H. Gerstmann.

II.

On den Universitätsvorlesungen über Chemie pflegt der Professor, wenn von der krystal­

linischen Form der Kohle, vom Diamanten, die Rede ist, zum Beweis dafür, daß Diamant wirk­lich nur Kohle ist, die bei der Verbrennung lediglich Kohlensäure bildet, ein kleines Stückchen der kostbaren Substanz zu entflammen es bleibt dann nichts mehr übrig, weil eben die entstandene Kohlensäure unsichtbar ist. Dieser Versuch ist nun in so vielen Hochschulen so oft wiederholt worden, daß man glauben sollte, bei irgend einer dieser vielen Gelegenheiten habe man auch die Temperatur genau bestimmt, bei der der Diamant verbrennt. Man sollte dies um so eher erwarten, als ja Schmelz -, Siede- und Verbrennungstempera­turen zu denjenigen festen Eigenschaften gehören, durch die chemische Körper wissenschaftlich und auch