Die Neue Welt
Nr. 42
( Fortsetzung.)
XV.
Bllustrirte Unterhaltungsbeilage.
sist Herbst, September, etwas frisch, aber es
ist geradezu ein Genuß, diese fühle, herbe Luft einzuathmen nach dem schwülen, staubigen und trockenen Sommer. Agestin hat während der letzten zwei Monate reine Martern ausgestanden. In einem kleinen Zimmer auf der Sonnenseite täglich acht Stunden Schreibarbeit, das war um aus der Haut zu fahren! Er hatte, um das Nöthige zum Lebensunterhalt zu verdienen, mit lithographischer Tinte agrarische Vorträge zum Zweck der Vervielfältigung abschreiben müssen. Seine Schüler waren entweder Studenten geworden, oder sie waren durchgefallen. Die Zeitungsartikel, lyrische Gedichte oder Novelletten, die er bei den verschiedenen Redaktionen anzubringen bemüht war, wurden alle abgelehnt. So war er auf den timmerlichen Verdienst angewiesen, den sein Abschreiben ihm einbrachte. Endlich war doch der Druck seines Buches beendet, und er bekam das ganze Honorar ausbezahlt.
Es ist Abend; Agestin hat zum ersten Mal in seinem Leben die Tasche voll Geld und befindet sich auf dem Wege nach dem" Grand", wo ihn einige Stollegen erwarten.
"
Karl- Johan ist belebt wie immer. Die neugebackenen Studenten, die jetzt von ihren Ferien zurückgekommen sind, nachdem sie in der Heimath d'e Mädchenherzen gefährdet und in Brand gesteckt haben, bilden die Majorität unter den Spaziers gängern. Sie sind jezt obenauf, denn sie haben ihren Dust". Vor ihnen liegt das Leben wie eine Rutschbahn, sie haben den Thurm bestiegen und brauchen sich nur in den Wagen zu setzen, am liebsten zu Zweien natürlich, und in den Sommerferien haben die Meisten schon vorbereitende Schritte getroffen. Sie gehen da und kosen mit ihrem Dust, der für gewöhnlich auf der Schulter getragen wird. Einige haben ihn fofett um den Hals gewickelt, andere lassen ihn von der einen Schulter bis zur anderen fliegen. Wenn eine holde Schöne vorübergeht, ergehen sie sich in einem kühnen Scherz, vielleicht zum ersten Mal, vielleicht auch nicht, aber einerlei, jegt fönnen sie sich Alles erlauben, denn sie haben ihren Dust.
Eine Droschke kommt in voller Fahrt die Straße herab. Zwei neugebackene Studenten sigen darin und zwei laut lachende und kreischende Damen. Die Leute drehen sich um, Einer lacht darüber, ein Anderer schiittelt den Kopf. Hinter ihnen kommt eine von Nyquist's eleganten Equipagen, darin fizen ein Student und eine sehr junge und sehr hübsche Dame. Es sind Bastian Lange und seine Geliebte, Lovisa Borg.
* Dust ist eine riesige seidene Troddel an der Müze, das Abzeichen des norwegischen Studenten.
Zwei Menschen..
Noman von H. Fries Schwenzen.
Seit Agestin ihn an jenem Abend dem Kellner in die Arme geworfen, hat Herr Bastian eine förmliche Zuneigung für ihn gefaßt; als er am nächsten Tage kam, um seinen Lehrer zur Rechenschaft zu ziehen, und dieser ihm den Standpunkt klar machte, wurde er von der größten Hochachtung einem Manne gegenüber ergriffen, der seine Zeche in so origineller Weise zu begleichen wußte.
Bastian hat Agestin gesehen, läßt den Wagen halten und ruft seinen Namen.„ Ich muß Ihre Hand drücken, ich muß Ihnen gratuliren!" ruft er mit lallender Stimme.
,, Gratuliren?... Wozu?"
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" Zu Ihrem neu herausgekommenen Buche! Ich habe es schon gekauft, bin aber nicht dazu gekommen, es zu lesen. Aber ich habe die Kritiken gelesen. Nun, sagen Sie selbst, sind Sie jetzt zufrieden?"
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Gewiß, die Kritiken waren bis jetzt sehr gnädig, aber es ist noch nicht aller Tage Abend." Agestin tritt an den Wagenschlag heran und sieht jetzt das junge Mädchen, das im Rücksitz behaglich zurückgelehnt, ihn halb von der Seite erröthend beobachtet. Sie hat ein reizendes Gesicht; ein vollendetes Oval wird von einer schwarzen Halskrause nach unten abgeschlossen, natürlich gewelltes, tastanienbraunes Haar umgiebt die weiße Stirn.
„ Auch ich gratulire!" lacht fie.
Zu meinem Buch? Was wissen Sie davon?" " Bis jetzt garnichts, aber ich will es mir kaufen." " Ich schenke es Dir, mein Engel!" lispelt Herr Bastian.
Der Wagen ist fort, Agestin geht weiter. „ Das Abendblatt, das Abendblatt! Kaufen Sie das Abendblatt! Ich habe gerade noch eins."
Agestin bleibt auf dem Trottoir stehen, holt ein Zehnöreſtück hervor und steckt die Zeitung in die Tasche. Er erwartet jeden Tag, daß dieses Blatt eine Besprechung seines Buches bringen soll. Einige Minuten darauf kehrt er im„ Grand" ein, findet einen freien Tisch und setzt sich hin.
"
Kellner... ein Glas Bier!"
Jezt kommt die Zeitung dran: Literatur. Zwei Novellen von Augustinus Klöften. Ammerthal's VerNovellen von Augustinus Klöften. Ammerthal's VerTag.
Nach einer längeren Auseinandersetzung der Handlung und des Milieus folgt eine äußerst an erkennende Besprechung der Stimmung und der stilistischen Behandlung. Der Artikel schließt mit folgenden Worten:„ Wir dachten, die Zeit der idyllischen Bauern- Novelle wäre vorüber. Vom modernen realistischen Standpunkt aus betrachtet, liegt unleugbar die Romantik der sechziger Jahre, in deren Sphäre Herrn Klöftens zwei Novellen eigentlich hineingehören, etwas fern. Indessen bietet sie uns etwas Nenes. Es ist eine Art Symbolik, poetisch geistreich
1898
und fesselnd, wie nichts von alledem, was uns bis jezt von dieser Gattung bekannt wurde. Somit bezeichnet Herr Klöften's Debut einen neuen Durchbruch in der Literatur, den wir mit Freude begrüßen."
Agestin steckt die Zeitung in die Tasche. Dann ruft er den Kellner und bestellt eine importirte Havanna - Zigarre. Auf diese Kritik hin kann er sich das leisten. Er lehnt sich behaglich in den Fauteuil zurück und beobachtet mit einem eigenen Gefühl des Wohlbehagens den zierlichen, blauen Rauch seiner ersten echten Havanna . So war es doch wirklich wahr, er, Agestin Klöften, war durchgedrungen! Wie würde Ragnhild sich freuen! Er wollte ihr die Kritik schicken, morgen noch wollte er ihr einen langen Brief schreiben, er hatte sie wirklich etwas vernachLässigt. Jegt war sie also Schülerin der Hochschule, wer weiß, wie viel Kampf es ihr gekostet hatte, ihren Willen durchzusetzen, denn Knud war nicht dumm. Er hatte schon verstanden, daß für sie der Unterricht eine Brücke zu ihm hinüber sein würde, zu ihm, der mit jedem Jahre, das er in der Metropole der Kunst und der Literatur verlebte, sich einen gewaltigen Schritt von ihr, dem einfachen Landmädchen, entfernen mußte.... Ja, that er das wirklich?.. Er sah nachdenklich dem blauen Rauch seiner Zigarre nach und fuhr sich mit der Hand über das Kinu. War es wirklich so, daß er sich von ihr entfernte? Aeußerlich vielleicht, aber innerlich doch nicht. Aber das Aeußere spielt oft eine ausschlaggebende Rolle hier im Leben in der Liebe auch....
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Die großen, verschiebbaren Spiegelglaswände, die das Café von der auf demselben Niveau liegenden Straße trennten, waren herabgelassen. Agestin's Tisch befand sich hart an einer solchen Glaswand, er konnte deutlich Alles sehen, was draußen auf dem Trottoir vor sich ging. Das intensiv pulfirende Hauptstadtleben, das raftlos Genußsüchtige, das darin wob und summte, sang und klang, proẞig brauste, listig säuselte, das zog ihn an und füllte ihn mit Sehnsucht nach Genuß und Freude... und plötzlich sieht er sie, das junge Mädchen im Wagen neben Bastian Lange, vor sich, fühlt ihren Blick auf sich ruhen, und ein sinnlicher Schauder durchfährt ihn.
Da kommen seine Kollegen, Christian Johnsen, Peter Lie und Arne Bing.
,, Agestin ist der Erste, wie ich sehe," sagt Johnsen mit einem müden Lächeln und hängt seinen Hut auf. Johnsen ist still und verschlossen, seit er seine Braut verloren. Sie starb in seinen Armen, acht Tage nach jenem Abend im Mai, da er telegrapisch an ihr Krankenbett gerufen wurde.
Wenn Du nicht so halsstarrig gewesen wärest, hätten wir auch die Ersten sein können," bemerkt Peter Lie.