Die Neue Welt

Nr. 50

Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

ie Eisenbahnarbeiten waren beendigt. Der Aufseher zahlte Jedem seinen Lohn aus, spickte dabei seine Tasche soviel als möglich; und schaarenweise begannen die Leute sich zu entfernen, ein Jeder nach seinem Dorfe.

In der nächsten Schänke herrschte bis um Mitter­nacht reges Leben. Der Eine füllte mit Brezeln den Korb, ein Zweiter faufte Branntwein für's Haus ein, ein Dritter betrant sich an Ort und Stelle. Dann knüpften sie Biindel aus grobem Linnen, warfen sie über die Schultern und gingen fort, in­dem sie dem Zurückbleibenden zuriefen: Gehab' Dich wohl, dummer Hans!"

Er aber stand regungslos anf dem kahlen Felde und blickte nach den glänzenden Schienen, die so weit, weit weg, in eine unbekannte Ferne liefen. Der Wind zauste sein dunkles Haar, blies in seinen weißen Kittel und trug die letzten Töne des in der Ferne verhallenden Liedes der Davongegangenen zu ihm heriiber.

Bald waren die Bündel, Kittel und runden Müßen hinter den Wachholdersträuchern verschwunden, endlich auch das Lied verstummt, er selbst aber stand noch immer mit verschränkten Armen da und wußte nicht wohin.

Hinter dem sandigen Hügel ließ sich ein Rasseln, Pfeifen und Schnauben vernehmen. Rauchwolfen stiegen auf, und immer stärker fam's herangebraust. Es war ein Arbeiterzug, der da einfuhr und vor der unvollendeten Station stehen blieb. Der beleibte Maschinist und sein jugendlicher Gehilfe sprangen von der Lokomotive und liefen in die Schänke. Dasselbe thaten auch die Arbeiter, und es blieb nur der Ingenieur zurück, der nachdenklich die öde Gegend betrachtete und dem Geräusche im Dampffessel lauschte. Der Bauer, welcher den Ingenieur kannte, verneigte sich vor ihm bis zur Erde.

Der dumme Hans.

Von Boleslav Prus.

Neuerdings vor sich hinsummend, verlor sich der Ingenieur im Anblick der Gegend, während es in Ingenieur im Anblick der Gegend, während es in der Lokomotive brummte und zischte. Endlich kam die ganze Zugbemannung mit Flaschen und Bündeln die ganze Zugbemannung mit Flaschen und Bündeln beladen aus der Schänke herausgelaufen. Der Maschinist und sein Gehilfe stellten sich auf die Lokomotive, und vorwärts ging es.

Ungefähr eine Meile weiter, an einer Biegung des Weges, zeigten sich Rauchsäulen und ein ärm­liches, großes, zwischen Sümpfen liegendes Dorf. Bei diesem Anblick kam Leben in Hans, er begann zu lachen, zu rufen und mit der Müße zu winken. Da schrie der Maschinist zu ihm herunter: Heda, was bückst Du Dich so hinaus? Du fliegst noch hinunter, und der Teufel holt Dich!"

"

Das ist ja unser Dorf, Herr... Ach ja... Dort, o dort!"

Nun, wenn es Euer Dorf ist, so siz' ruhig!" lautete die Antwort.

Auf diesen Befehl setzte sich Hans ruhig hin, aber da es ihm so sonderbar um's Herz war, fing er zu beten an. Ach, wie gerne wäre er in sein aus Lehm und Stroh zusammengepattes Dorf zurück­gefehrt, dort.. zwischen jenen Siimpfen!... Doch wozu? Wenn sie ihn auch den Dummen nannten, so viel verstand er doch noch, daß es in der großen Welt leichter Arbeit und eher ein Nachtlager giebt, als im Dorfe. O, in der großen Welt ist das Brot weißer, zum Fleisch kann man wenigstens riechen; Häuser giebt's die schwere Menge, und die Menschen sind nicht so elend wie bei uns.

Eine Station nach der anderen war vorbeigeflogen, mit bald fürzerem, bald längerem Aufenthalt. Um Sonnenuntergang ließ der Ingenieur dem Bauer zu essen geben, wofür sich dieser wieder bis zur Erde verneigte.

Sie tamen auf ihrer Fahrt in eine ganz neue , Ach, Du bist es, dummer Hans! Was machst Gegend. Da gab es keine Sümpfe, aber Hiigel­Du hier?" fragte ihn der Ingenieur.

"

Nichts, Herr!" entgegnete der Bauer.

" Warum kehrst Du nicht in's Dorf zurück?" Ich wüßte nicht wozu, Herr?"

Der Ingenieur begann vor sich hinzusummen und sagte endlich: Fahre nach Warschau , dort findest Du immer Arbeit."

" Weiß ich doch nicht, wo das liegt."

"

Set' Dich in den Zug, dann erfährst Du e schon."

Der dumme Hans sprang wie eine Katze auf den Zug hinauf und setzte sich auf eine Steinladung. Und hast Du etwas Geld?" fragte ihn der Ingenieur.

"

" Ich habe einen Rubel, vierzig Groschen und einen Gulden."

land mit rasch dahineilenden Flüßchen. Die rauchigen Hütten und die strohbedeckten Scheunen waren ver­schwunden, und es zeigten sich prächtige Höfe und gemauerte Häuser, schöner als die Dorfkirche und Schänke bei ihm zu Hause.

Des Nachts hielten sie vor der auf einer Anhöhe liegenden Stadt. Hans schien es, als würde ein Haus auf das andere klimmen und als wären in jedem so viel Lichter als Sterne am Himmel. Auf hundert Leichenzügen gab's nicht mehr Lichter als hier in dieser Stadt.

Irgend eine wunderbare Musik ließ sich ver­nehmen, lachend und scherzend zogen ganze Menschen­haufen vorüber, trotzdem es schon so tief in der Nacht war, daß man im Dorfe nur noch den Schrei der Eule und das Gefläff der Hunde gehört hätte.

1898

Hans fonnte nicht einschlafen. Nachdem ihm der Ingenieur ein Pfund Wurst und einen Laib Brot hatte geben lassen, wurde er auf einen anderen Lastzug, der Sand führte, hinübergeschickt. Hier saß es sich weich wie in Daunen, aber der Bauer legte sich nicht hin, sondern verzehrte hockend seine Wurst mit Brot, wobei ihm die Augen übergingen und er bei sich selbst dachte: Ei, ei, was giebt's doch für wunderbare Dinge in dieser Welt!"

Nach mehrstiindigem Aufenthalt fuhr der Zug des Morgens weiter. Auf einer Station mitten im Walde hielten sie länger, und der Maschinist sagte dem Bauer, daß der Ingenieur wahrscheinlich nicht mitfahren würde, weil eine Depesche ihn zurückberufe. In der That rief der Ingenieur den Bauer zu sich. Ich muß zurückfahren," sagte er, wirst Du Dich allein nach Warschau wagen?"

" Weiß ich's denn?" flüsterte Hans. ,, Nun, Du wirst doch unter den vielen Menschen nicht verloren gehen?"

" 1

Wem sollte ich denn verloren gehen, gnädiger Herr? Habe ich doch Niemanden..

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In der That, wem sollte er verloren gehen?

Also fahr' zu!" sagte der Ingenieur. Dort, gleich bei der nächsten Station, werden neue Häuser gebaut. Du wirst Ziegel tragen und nicht Hungers sterben, d. H. wenn Du nicht trinkst, und dann kann's mit Dir auch besser werden. Auf jeden Fall hast Du hier einen Rubel."

Der Bauer nahm den Nubel, füßte dem Ingenieur die Füße und setzte sich auf seinen Sandwagen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Unterwegs fragte er den Maschinisten:" Ist's weitab, Herr, von meinem Dorfe?"- Vielleicht vierzig Meilen!"

Und zu Fuß, Herr, müßte ich da lange gehen?" Ungefähr drei Wochen... übrigens, was weiß ich!"

Ein namenloses Entseßen bemächtigte sich des Bauern. Wozu hatte sich der Aermste so weit hinaus­gewagt, daß er ganze drei Wochen nach Hause brauchte!

In seinem Dorfe erzählte man sich von einem Knecht, der vom Sturmwind erfaßt, und eh' er noch ein Kreuz hatte schlagen können, zwei Meilen weit als Leichnam fortgetragen wurde. Erging's ihm nicht ebenso? Ist diese feuerspeiende Höllenmaschine, vor der sich sogar alte Leute fürchten, ist sie nicht ärger als jener Sturmwind? Und wo wird sie ihn ausspeien?..

Bei diesem Gedanken flammerte er sich krampf­haft an den Rand des Wagens und schloß die Augen. Jetzt erst fühlte er, wie es schrecklich brauste, wie ihm der Wind um die Ohren fuhr und höhnisch lachte: Hu, hu, hu!... Hi, hi, hi!..."