Die Fene Welt

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Nr. 9

( Fortsetzung.)

VIII.

Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

Dilettanten des Lebens.

ine warme, feuchte Dämmerung schwebt nieder. Die Tage sind schon bedeutend länger geworden; es ist noch nicht Frühling, aber man ahnt ihn. Wie schriller Schwalbenschrei tönt von fern der Ruf spielender Kinder. Wie orydirtes Silber glänzen die nackten, regennassen Stämme und Aeste der großen Bäume im Park; am Himmel ein paar verwischt gelbe, langsam schwindende Sonnenstreifen.

Die Färbung wird grauer, immer dämmeriger, die nackten Aeste zittern und schütteln Tropfen ab, der Kinderlärm veritummt. Gs riecht nach Erde, nach treibender Straft. Ein sehnsüchtiger Hauch ist in der Luft, ein geheimes, seliges Erwachen. Nun ist es dunkler.

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Hinter der langen Mauer des Botanischen Gar tens, in der einsamen Elsholzstraße, rollte ein Coupé und hielt vor dem großen, vierstöckigen Haus, das mit vielen Fenstern und Balkonen in den Garten hineinsieht.

Roman von Clara Viebig .

Er zog sie näher an sich und füiißte sie.

" Hast Du ihm viel gegeben?" fragte sie mit einer gewissen Aengstlichkeit. Du weißt doch, wir müssen sparen!"

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Du Närrchen!" Sein Lachen hallte so laut im Treppenhaus wieder, daß sie ihm die Hand auf den Mund legte. Die paar Pfennige, die spielen doch keine Rolle! Das wäre traurig, wenn wir so rechnen müßten; das wäre ja nicht zum Aushalten! Wie kommst Du auf den Unsinn?"

Weil- weil Mutter gestern sagte, wir ver­ständen Beide nicht viel von Geld, und ich müßte sparen; und da wollte ich gleich anfangen!"

,, Aber doch nicht so! Haha, Du meine einzig geliebte, kluge, dumme, kleine Frau!" Er legte den Arm um ihre feine Taille und hob die schlanke Ge­stalt von Stufe zu Stufe. ,, So trag' ich Dich mein ganzes Leben. Du sollst nichts merken von dem, was unten auf der Erde ist; das laß meine Sorge sein!"

"

Nun waren sie oben, hoch oben im vierten Stod. Du bist so außer Athem, Nichard," sagte die

Ein Herr öffnete den Schlag. Mit einem Sprung, leichtfiißig wie ein Knabe, war er auf dem Boden; die Dame, die nun folgte, hob er fast auf's junge Frau. Trottoir, ihre Füße berührten für einen Augenblick nicht die Erde, sie lachte und strebte aus seinen

Armen nieder.

Es waren Bredenhofer und Lena, und heute war ihr Hochzeitstag.

Der Portier machte höchst eigenhändig die Haus­thür auf und grinste das junge Paar an. Hinter Hinter dem verhängten Fensterchen der Kellerwohnung lauerte die neugierige Portierfrau, und die halbwüchsige Tochter reckte sich über ihre Schulter. " Verdammt dünne," sagte das Mädel und zuckte die Achseln.

"

Das macht die Freude. O, Du mein Glück!" Er legte beide Hände um ihre schmalen, weichen Wangen, und vertiefte sich ganz in ihren Blick. Was in diesen braunen Sternen doch Alles glüht, so viel Liebe für mich und der Funke des Genies! Ja, ich glaube an Dich! Du wirst eine große Künstlerin werden, wir werden glücklich sein, so glücklich, daß uns Alle beneiden. Ich fliege mit Dir auf, wir

,, Mich friert," sagte sie leise.

1899

" O, ich!" Er schlug sich vor die Stirn und riß dann an der Klingel. Dich so lange hier stehen zu lassen!" Zärtlich legte er den Arm um ihre Schultern und versuchte mit seinem Frackzipfel den Zug abzufangen. Man denkt eben, es ist schon Frühling, und doch ist's noch Winter. Wahrhaftig, es ist fühl!" Er nießte und hustete dann. Scheuß­lich, wie leicht ich mich erkälte. Jetzt habe ich bereits wieder was weg.""

"

"

Frierend, in Frack und Hochzeitskleid, standen sie vor der Thür. Bredenhofer riß noch einmal an der Klingel. Endlich drinnen eilige Schritte; das Mädchen öffnete, athemlos, mit rothem Kopf.

Ich hatte die Herrschaft noch nicht erwartet," entschuldigte sie sich. Ich mußte noch was'' rauf­holen, un bei die ollen Treppen-!"

,, Tritt ein, Geliebte!" sagte Bredenhofer und stieß die nächste Stubenthür auf.

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Eine warme, durchduftete Luft empfing sie. Auf dem Tisch Blumen, an den Fenstern Blumen Tulpen, Crocus, Hyacinthen und Maiglocken. Da stand Lena's Flügel, er war geöffnet, auf der Klaviatur lag ein Veilchenstrauß.

Noch brannte kein Licht im Zimmer, hier oben war's länger hell; das war der Vorzug der vier Treppen, keinen über sich, nur den Himmel, und der war hier so nah. Er sandte noch genug Helligkeit in die Stube. Lena umfing mit einem Blick den ganzen traulichen Raum, die Blumen dufteten ihr entgegen, fiiß, fast betäubend; die

streben zu den höchsten Höhen. Sie werden noch Bangigkeit, die sie heute den ganzen Tag empfunden,

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an uns glauben, unsere Freundschaft suchen Alle, die jetzt so wenig von uns wissen wollen!"

" O, laß fie," bat sie, und schauerte fröstelnd Ne, komplett is fe frade nich," meinte die zusammen; ein falter Zug fam von unten die Treppe Mutter, aberſt janz niedlich: det weiße Kleid läßt herauf und wehte ihren weißen Schleier zur Seite.

ihr jut!" Tochter das Brautkleid. Bredenhofer nichte den Leuten zu- wie freund­

Nu ebent!" Mit neidischen Augen musterte die

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lich waren doch alle Menschen! Mann ein paar Mark in die Hand.

und drückte dem

" Da, Herr Portier, machen Sie sich einen ver­gnügten Abend!"

"

Sie standen noch immer vor ihrer Thür; das Schild mit Richard Bredenhofer" blinkte freundlich im Gaslicht. Oben über dem Eingang hingen ein griines Tannengewinde und eine Papptafel mit großen

bunten Buchstaben: Herzlich Willkommen!"

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Das hat gewiß Mutter gethan," sagte Lena mit einem feuchten Schimmer in den Augen.

"

Etwas Geschmackloseres habe ich allerdings noch nicht gesehen," lächelte Richard. Ein paar Groschen mehr, und man hätte etwas weniger Schönheit beleidigendes; in so etwas muß man nicht sparen.

ein: Wir werden auf Ihr Wohl trinken. Sie und Ueberrascht schmunzelnd steckte dieser das Geld die junge Frau sollen leben!" " Ich jratulire die Herrschaften vielmals!" Die Portierfrau flinkte die Thür auf und knirte: Ich muß Schönheit um mich haben; darum führe

" Sie nett diese einfachen Menschen waren,"

fagte Bredenhofer fröhlich, als sie miteinander, Arm in Arm, die Treppen hinaufstiegen.

" So herzlich!

Lena, ich bin zu glücklich!"

ich Dich jetzt auch heim, heim, in mein, in unser Heim!" Er lachte in sich hinein vor innerer Glück­seligkeit, seine Augen suchten immer und immer wieder Du bist nicht so heiter, Geliebte, Lena's Blick. wie ich es wünschte ist Dir etwas?"

"

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die ahnungsvolle Schwere, die in der letzten Zeit mehr und mehr sich wie ein Schleier über ihre Freude gebreitet hatte, verschwanden mit einem Schlage.

Das war ihr Heim, das sie mit Dem theilen sollte, den sie sich so theuer erkämpft! Was sie auch Alle sagten, es würde doch gehen; sie würden so glücklich werden, so glücklich, wie vordem noch kein Mensch gewe en war!

Die Mutter hatte heute Ströme von Thränen vergossen, auch sie selbst hatte weinen müssen; nun kamen ihr die Thränen tindisch, lächerlich vor- ging sie nicht dem Glück entgegen?

Mit einem Jubellaut warf sie sich Nichard an die Brust, und dann riß sie sich los, lief im Zimmer umher, riichte an den Möbeln, roch an den Blumen, nahm die Veilchen von der Klaviatur und füßte sie

und stand dann mitten in der Stube, in ihrem weißen Kleid, schlank und unbeweglich wie eine Statue.

Sie war doch wie im Traum; sie fühlte nicht mehr, daß sie wirklich lebte. Zauberisch schnell schoß die Vergangenheit an ihr vorüber, aber der Himmel, unter dem sie bisher gewandelt, zeigte nur Grau.