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Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

" Ich kann nicht," stöhnte er, sie ist doch meine Schwester. Ich habe sie so lieb gehabt!"

Lieblieb? Du thust es ja auch nur aus Liebe für sie. Aber sie liebt Dich nicht. Ich allein liebe Dich, ich!" Mit Heftigkeit riß sie seinen Kopf an sich und preßte ihn. Er konnte faum athmen; ein Erschrecken lähmte ihn, er wollte sich aufbäumen gegen die Frau vergebens!

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Versprich mir, daß Du morgen schreibst! Ich werde Dir dabei helfen. Wir wollen nicht zu streng sein, uns kommt es zu, zu richten. Versprich es mir!" Er nickte stumm; er konnte nicht sprechen, ihr Er schwerer Körper lastete auf ihm wie ein Alp. Er war sehr müde.

Jezt ließ sie ihn los. Du armer Mann," sagte sie plötzlich mit einer seltenen, ungewohnten Weichheit so viel Undank zu erfahren! Armer!"

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Da war's Mitleid! Mitleid, das er so nöthig brauchte, das er so sehr ersehnte!

Matt ließ er seinen Kopf an ihre Schulter sinken. Ant nächsten Morgen schrieb Landgerichtsrath Langen an seine Schwester einen Brief, der diese im Innersten treffen mußte; Bredenhofer's that er darin keinerlei Erwähnung, er schwieg ihn todt. Als er selbst sein Schreiben zur Post trug, stand er ein paar Momente in tiefem Sinnen vor dem Kasten, dann plöglich als verbrenne ihm der Brief die Finger ließ er ihn hineinfallen.

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" Aus," sagte er traurig, als er mit hastigem Schritt von dannen ging.

XII.

Magdalene Bredenhofer stand vor dem Spiegel und setzte sich einen großen schwarzen Hut mit Federn auf; die nickten in ihr blasses Gesichtchen und gaben ihm einen eigenthümlichen Reiz. Auf der Leipziger­straße in einem eleganten Schaufenster hatten sie gestern den Hut gesehen; er war nicht billig, aber Richard bestand darauf, ihn zu kaufen.

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, Er wird Dich fleiden," sagte er zu seiner Frau, ,, er ist durchaus malerisch. Und die Federn kannst Du ja immer gebrauchen. Jezt, wo mein Bild auf der Ausstellung ist, brauchen wir überhaupt nicht ängstlich zu sein. Avanti, Avanti! Ich will auch, daß Du morgen hübsch bist!" Er drängte sie in den Laden hinein, und sie hatte sich ganz gern drängen lassen.

hatte er nicht mehr das feurige Interesse; er dachte Lena nur an sein Bild, sprach von seinem Bilde. mochte kaum mehr fingen. Wozu auch? Sie brachte es ja doch zu nichts, selbst die Begleitstunden hatte sie nicht annehmen dürfen. Nun war der Professor böse. Aus Alles aus!

Nun kam sie sich selbst hübsch in dem Hut vor; auch das weiße Wollkleid, noch von ihrer Mädchen­zeit her, stand ihr gut. Nur röthere Wangen hätte sie haben müssen und ein glücklicheres Leuchten in den Augen, die leicht gerötheten schweren Lider kamen von durchwachten Nächten, von heimlich vergossenen Thränen.

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Mit einem miiden, gleichgültigen Blick wandte sich Lena vom Spiegel ab wozu sich noch an­starren? In diesem weißen Kleide hatte sie als Mädchen oft gesungen und Beifall geerntet, stolze Hoffnungen, fröhliche Erwartungen hatten ihr darin die Brust geschwellt; jezt hätte sie sich's vom Leibe reißen mögen. Sie hatte so gar keine Lust auszu­gehen; ob sie nun die fremde Signora kennen lernte, von der Doktor Neuter so viel Wesens machte, oder nicht. Könnte sie allein zu Hause bleiben, welche Wohlthat!

Die Thiir des Schlafzimmers klappte; Breden­hofer trat jetzt ein, den Hut schon auf dem Kopf, Spazierstöckchen und Handschuhe in der Hand.

Die letzten vierzehn Tage hatte Lena wenig ge­schlafen. Nachts lag sie wach im Bett, die Hände auf der Brust gefaltet, mit weiten Augen in's Dunkel starrend. Sie dachte immer und immer nur an ihren Bruder. Das hatte sie nicht geglaubt, daß er ihr so zürnen würde; das hatte sie nicht gewollt! Wie ein Peitschenschlag hatte sie jedes seiner falten Worte getroffen hinter diesen Zeilen war nichts mehr von Liebenein, er hatte abge­schlossen mit ihr, er fand sie undankbar! Erst hatte sie die Tragweite seines Briefes garuicht begriffen; als Richard ihr denselben mit einem verlegenen Lachen in den Schooß schleuderte, hatte sie auch gelacht, im Troß. Als die Mutter, der der Sohn ebenfalls geschrieben, diesen Brief nicht zeigen wollte, sondern nur bitterlich weinte, war sie ungeduldig geworden. Aber jetzt, mit jedem Tage mehr, empfand sie, was sie angerichtet hatte.

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Bist Du fertig, Schaz?" fragte er fröhlich. Ein Lächeln lag ihm auf den Lippen, er sah lustig und unternehmend aus. Wie gut Dir der Hut steht! Können wir nun gehen?"

, Ich mache einen Strich unter die Vergangen­heit, hatte Langen geschrieben. Möchtest Du Dein Glück finden, ich werde mich freuen, durch Dritte davon zu hören. Direkt sind wir wohl fertig mit einander'.

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, Könnte ich nicht lieber hier bleiben?" sagte Lena; ein unüberwindbarer Widerwille gegen Luſt und fröhliche Menschen überkam sie. Laß mich hier ich bin nicht wohl ich bin nicht in der Stimmung-ich-" Sie brach in Thränen aus. " O!" Ein besorgter Blick des Mannes streifte die junge Frau." Launen, Lena? Oder am Ende gar" Er zog sie an sich. Du bist in letzter Zeit so gereizt und ungleich, pimpelst oft," setzte er angstvoll hinzu ,, um Gotteswillen, Lena, das wäre schrecklich, das könnten wir schlecht brauchen!" Er fuhr sich mit einer nervösen Bewegung durch's Haar.

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,, nein, hab' feine Angst," sagte sie kalt und trat zuriick. Ein dunkles Noth stieg ihr über Stirn, Wangen und Hals. , Er versteht Dich nicht', flüsterte es mit Bitterfeit in ihrem Innern,, er hat keine Ahmung, daß Du um den Bruder trauerst.

Ich kann ja auch mitgehen," meinte sie tonlos, ,, es ist mir am Ende ganz egal."

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Auf der Straße bot er ihr den Arm. Schlank und elegant schritten ihre Gestalten dicht neben ein­ander über's Trottoir. Welch' hübsches Paar!" sagte irgend Jemand hinter ihnen; Lena hörte es, aber sie freute sich nicht mehr darüber.

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rasch durchschnittene Luft fächelte das Gesicht ange­nehm und machte die Lider fiihl und leicht.

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Wenn ich das Bild verkauft habe," sagte er, ,, dann fahren wir öfter spazieren; ich sehe nicht ein, warum wir uns das nicht leisten sollen." Sie nickte ihm zu.

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Guter Laune famen sie im Ausstellungspark an, Reuter empfing sie schon dort. Er bot Lena den Arm und führte sie durch's Gedränge. Kommen Sie nur! Die Perriccioni ist schon da, wir sizen vor Bauer. Nun sollen Sie mal was sehen!" Mit triumphirender Miene führte er sie auf einen Tisch zu, an dem eine Dame und ein Herr saßen.

, Gestatten Sie, Signora: Meine lieben Berliner Freunde, Herr und Frau Richard Bredenhofer. Gr, ausgezeichneter Maler, sie, eine kleine Nachtigall Signora Perriccioni, unsere göttliche, unvergleichliche, berückende Diva! Und Signor Lavallo!"

Lena war sehr enttäuscht. Also das war die Perri cioni, von der Neuter schwärmte und die Zei tungen voll waren?! Eine rundliche, nicht mehr junge Person mit starken Hüften, eng zusammen­geschnürter Taille und gelbem Teint; nur die Augen waren wunderbar, funkelnde schwarze Kohlen nud sammetweich.

Schon seit längerer Zeit hatte man auf Reuter's Veranlassung mit Signora Perriccioni am dritten Orte zusammentreffen wollen; der Kunstmäcen war ganz begeistert von diesem neuesten Stern und wollte ihn durchaus mit seiner allerneuesten Entdeckung Bredenhofer als Malergenie bekannt machen. Draußen am Lehrter Bahnhof , in der Kunstaus­stellung, sollte man sich heute finden. Nicht um Bilder zu sehen, Gott bewahre! Die eigene Lei­stung beschäftigt einen doch immer mehr als fremde Leistungen; aber man wollte im Parke sigen, den Tanzweisen der ungarischen Kapelle lauschen und sich beim Plätschern der Springbrunnen und dem Summen beim Plätschern der Springbrunnen und dem Summen der vorüberfluthenden Menschheit amüsant unterhalten. Du sollst mal sehen, Lena," sagte Bredenhofer, ,, wir werden uns schon gut amüsiren. Ich bin schon jetzt fidel!"

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In der That, man sah's ihm an, er wippte mit dem Stöckchen durch die Luft, und seine Augen blickten so klar und leuchtend in den reinblauen Septemberhimmel, wie sie es lange nicht gethan.

Kutscher , zum Ausstellungspark!" rief er und hob seine Frau an der nächsten Straßenede in eine Droschke.

Sie rollten durch die belebten Straßen und dann durch den Thiergarten und an Häusern und Gärten vorbei, in denen Rosen blühten und smaragdgrüner frischgesprengter Rasen duftete.

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Lena fühlte sich einigermaßen be troffen, die Sängerin empfing sie mit übersprudeln der Herzlichkeit, als begrüße sie eine langjährige Bekannte. Auch Signor Lavallo, der Begleiter der Perriccioni, that das Seine; er beugte sich über die Hand der jungen Frau und küßte sie.

Es ist doch köstlich hier!" Bredenhofer drückte Lena's Hand. Eine Seligkeit, so mit Dir zu fahren! Du siehst so hübsch aus! Ich liebe Dich un­säglich!"

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Eine Unterhaltung war bald in Fluß. Lena mußte sich eingestehen, es plauderte sich gut mit den Italienern, die Signora hatte doch einen entschiedenen Reiz. Alles an ihr sprach, die Lippen, die Hände, die Augen, und wenn sie lachte, zeigte sie perlweiße, tadellose Zahureihen. Sie war ein lustiger Vogel, frei, ohne frech zu sein; mit großer Grazie schlürfte sie ihr Eis und steckte ihre Zigarette an der Bredens hofer's an. Die Beiden schienen sich überhaupt gut zu verstehen; Lena hatte ihren Mann kauni je so gesehen, er war von einer übersprudelnden Heiterkeit, pfiff die Weisen des Orchesters leise nach und zeichnete auf den Nand des Musikprogramms die Karikaturen der vorüberwandelnden Menschen.

Neuter rieb sich die Hände, er fühlte sich stolz als Urheber dieser fröhlichen Zusammenkunft. Ja, Künstlernaturen," rief er ,,, Stiinstlernaturen finden sich zu Wasser und zu Land! Profit es lebe die Kunst!" Sie stießen mit ihren Kaffeegläsern an, die Signora flingelte mit ihrem Eislöffel.

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" Bald mit etwas Besserem, profit!" Breden hofer führte sein Glas an den Löffel der Signora. Wir werden nachher für edleren Stoff sorgen!" " O," sagte die Signora, das gefällt mir. Wir werden nachher Seft trinken; ich trinke Seft sehr gern!"

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Sie war von einer unglaublichen Naivität; deutsch sprach sie, es war erstaunlich! Signor Lavallo verhielt sich ziemlich ruhig; er hatte einen schwermüthigen Augenaufschlag und eine schlanke, durchsichtige Hand, am fleinen Finger der Rechten funkelte ein prachtvoller Brillantring. Wer war eigentlich dieser Lavallo, wie kam er zu Sängerin und sie zu ihm?

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Lavallo hier- Lavallo dort! Die Perriccioni behandelte ihn wie ihren Sklaven und doch hing fie an seinen Blick. Sprach er mit Lena, so folgte sie gespannt der Unterhaltung, wenn sie auch selbst, anscheinend interessirt, plauderte; endlich schien sie sich zu überzeugen, daß die junge Frau ungefährlich sei, sie widmete sich ganz Bredenhofer und Neuter und drehte dem anderen Paar fast den Rücken. Sie sind auch Sängerin?" fragte Lavallo mit einem Augenaufschlag, als spräche er von dem schwersten Kummer der Welt. ,, Sie singen schön?"

Aus," sagte Lena und reckte die Hände im Dunkeln empor und weinte. Sie biß die Zähne zusammen, um nicht laut zu schluchzen nur Nichard nicht stören! Er wurde heftig, wenn er ihre Thränen sah, er wollte es nicht begreifen, warum sie sich so alterirte; allein in ihm sollte sie Genüge finden und nach nichts Anderem fragen. Selbst für ihre Kunst schweren Gedanken konnten so schnell nicht mit; die

Warum nicht gar?!" Sie mußte lächeln und ihn ansehen; ja, es war nett, so zu fahren! Die

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O, das weiß ich nicht das heißt, ich Lena lächelte verwirrt, es widerstrebte ihr zu sagen: Ja, ich singe schön, und doch hätte sie's um Alles nicht verneinen mögen.

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Sie fingen gewiß schön," beharrte er. haben Augen, die von Musik reden. O," wehrte er ab, sagen Sie nichts, ich kenne das. Ich habe nicht umsonst viele Sängerinnen entdeckt. Fragen Sie

Signora Perriccioni, was sie war, ehe ich sie fand

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