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Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

errungen, selbst über Brandt, dessen Maaren sonst als die feinsten berühmt waren. Er kam so früh, daß noch nicht sonderlich zu thnn war. Aber Törres und die Anderen waren noch beschäftigt, nach der Verwirrung von gestern Ordnung zu schaffen. Blitten im Laden blieb er stehen, den Hut auf dem Kopfe, und sah verächtlich den langen Tisch auf und nieder; darauf sagte er in einem Tone, den er sich unterwegs eingeübt hatte: Alles das hier einpacken; der Tisch soll ab- geräumt werden!" Fräulein Thorsen hatte fast einen Schlag vor die Brust bekommen, als er eintrat; Herr Jessen hatte noch große Macht über sie. Sie stand leichen- blaß, ohne sich zu rühren. Auch von den Anderen machte Keiner Miene anzufassen. In Herrn Jessen's Gesicht fing es an zu zucken und um den Mund zu beben. Er erhob seinen kleinen, dünnen Stock und schlug auf den Tisch: Hier soll abgeräumt werden! Wer ist's, der hier zu befehlen hat, Sie oder ich?" Er sah Törres fest in die Augen. Aber Wall that, als wäre er ganz ruhig, und lachte höhnisch: Ich denke, weder Sie noch ich." Das werden wir bald sehen!" rief Herr Jessen und eilte in's Comptoir hinauf. Unten in den Laden kamen Leute, und das Geschäft ging. Aber jedes Mal, wenn man einen Ton ans dem Comptoir hörte, sah Fräulein Thorsen ans Wall. Sie fühlte, daß diese Augenblicke über sie bestimmten. Aber sie konnte in seinen Mienen nichts lesen. Törres arbeitete munter und eifrig, als ob nichts geschehen wäre. Sobald Jessen vor Frau Knudsen stand, fing er an, schnell und heftig zu sprechen, seine Augen fest in die ihrigen bohrend. Sie beeilte sich, ihn zu unterbrechen: Ja, es war dumm, Herr Jessen! Ich gebe zu, ich hätte mit Ihnen reden sollen, ehe ich" Ach, das ist nicht das Schlimmste, Frau Knud- sen, aber" Aber," fuhr sie fort,ich selbst hatte keine Ahnung, daß die Aenderung" Es ist nicht die Veränderung, von der ich reden will," sagte er düster. Aber ich muß übrigens gestehen," sagte Frau Knudsen,daß es bis jetzt jedenfalls zu gehen scheint" Ich habe viel mit meiner Mutter gesprochen, Frau Knudsen, in der letzten Zeit, über über meine Zukunft" Sie versuchte, noch das, was sie kommen sah, abzuwehren; aber sein innerer Aufruhr strömte nun über; er vergaß seine Schüchternheit, während er dieses Eine fühlte, daß Alles für ihn auf dem Spiele stände und er siegen miißte. Und indem sich Alles in ihm darauf konzentrirte, sie zu gewinnen, schilderte er mit zitterndem Eifer, wie alle seine Träume be- ständig um sie kreisten, wie er sie liebte, und wie seine alte Mutter den Tag segnen würde, an dem sie ihn glücklich machte. Frau Knudsen hatte manches Mal daran ge- dacht, wie es ablaufen würde, wenn sie wieder auf einen Mann stieße, der sie mit der brausenden Leiden- schaft eines verliebten Mannes überwältigte. Aber obschon so viel Leidenschaftlichkeit in seinem Wesen und Reden lag, fühlte sie sich fast zu ihrer eigenen Ueberraschnng eher ruhig und kalt, wäh- rend er noch fortsprach. Seine gekränkte Eitelkeit, sein phantastischer, träumerischer Sinn gaben den Worten einen unauf- richtigen Ton, welchen sie heraushörte; es war ein heftiger Aufruhr, ein heißes Gebet; aber es war bei allem kein verliebter Mann; sie empfand es fast mit Unwillen. Sie erhob sich vom Pult, ging zur Wohnstube und sagte trocken und überlegen: Herr Jessen, ich muß Ihnen ein für alle Mal verbieten, auf diese Art mit mir zu reden sonst müssen wir uns trennen." Gut, Frau Knudsen," rief er plötzlich mit einer Art von Lachen;wir wollen uns sofort trennen, wenn Sie erlauben!" Wir wollen jetzt vernünftig sein, Herr Jessen!"

Aber jetzt war er aus einmal der verzärtelte Knabe geworden, der es auf Tod und Leben bis zur äußersten Spitze treiben wollte; er wollte der Verstoßene, der Verhöhnte sein; er wollte Alles ans sich nehmen, je mehr, je besser. Einmal sollte es wohl noch an den Tag kommen, was Anton Jessen eigentlich wäre. Und so fuhr er ans dem Comptoir hinaus durch den Laden, ohne Gruß, ohne Adien, und heim zur Bhltter, um seine Sorgen abzuladen. Einige Zeit darauf saß Bankpräsident Christensen im inneren Direktionszimmer und rieb seine große, dicke Nase, während er Jemanden erwartete, nach dem er einen Boten geschickt hatte. Während nun Törres von dem Bankdiener hinein- geführt wurde, sah Christensen unter seiner Hand ans den jungen Mann und bemerkte, daß er blaß war und unstäte Augen hatte. Er wies ihm darauf einen Platz neben seinem eigenen Lehnstuhl an; aber Törres setzte sich mit nnsicherem Lächeln ganz an der Thür auf die äußerste Kante eines Stuhles. Ich habe öfter das Vergnügen gehabt, Sie in der Bank zu sehen, Herr Törres Wall! besonders in der letzten Zeit" Ja, wir haben ja verschiedene Papiere in laufender" Von Cornelius Knudsen's Papieren rede ich nicht," unterbrach der Bankpräsident trocken;es sind Ihre eigenen Transaktionen, welche ich nnt Interesse verfolgt habe." O, Herr Präsident! Kleinigkeiten," antwortete Törres und wand sich auf dem Stuhle. Alles in Allem ist es kein so unbedeutender Betrag, der durch Sie in der Bank angelegt wurde im Laufe der" Aber das ist nicht mein Geld," begann Törres eifrig und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. im Laufe der letzten Monate," fuhr der Präsident ruhig fort. Aber das ist nicht mein Geld, Herr Präsident!" rief Törres eifrig;es ist in Kommission" Natürlich ist das nicht Ihr Geld Alles," sagte Christensen, als ob er sich über diesen Eifer wunderte;ich kann mir ja denken, daß ein junger Mann in Ihrer Stellung nicht so viel zurückgelegt haben kann, selbst wenn er sehr hm sehr unternehmend ist." Wieder rieb er seine Nase, während er darauf lauerte, Törres unter seiner Hand hindurch anzu- sehen. Törres sank innerlich zusammen; dieser Mann wußte das Ganze und hatte ihn in seiner Hand. Es war nämlich so zugegangen, daß er, nachdem er Geschäftsführer geworden, um sein stets wachsendes Kapital unterzubringen, ein ganzes Theil kleinere Summen in Christensen's Bank angelegt hatte auf Namen, welche er selbst erfand. Er wählte am liebsten Höfe aus der Gegend von Schnurzwall, wo er bekannt war, und versah sie dann selbst mit solchen Vornamen, von denen er wußte, daß sie sich dort nicht fanden. So hatte er schon viele Kontokorrente niit der Bank, ohne daß sein eigener Name irgend- wo vorkam. Aber die Nase des Bankpräsidenten hatte wohl gerochen, aus welcher Kasse das Geld kam; das wurde Törres in diesem Augenblicke klar. Er saß auf der äußersten Kante des Stuhles, bereit lveg- zulaufen oder sich niederzuwerfen und um Gnade zu bitten, er wußte selbst nicht was. Sie müssen einen guten Namen in Ihrer Hei- math haben, wenn so viele verschiedene Leute aus der Gegend durch Sie ihre Ersparnisse anlegen lassen," sagte der Präsident nach einer kurzen Pause. Törres konnte den Mund nicht aufmachen. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn ein junger Mann Vertrauen bei seinen Leuten genießt. Ich interessire niich sehr für die jüngeren Kräfte, welche in unserer Stadt aufkommen." Nie in seinem Leben war TörreS in solcher Ungewißheit gewesen. Saß der große Mann da und spielte mit ihm, ehe der Schlag kam? Oder was in aller Welt wollte er? Ich kann Ihnen ansehen," sagte der Bank- Präsident lächelnd,daß Sie dasitzen und sich Gc-

danken niachen, was ich eigentlich damit wollte, daß ich Sie hier in mein Privatzimmer hereinrufen ließ, nicht wahr? Sie sind unsicher?" Diese Qual konnte Törres nicht länger aus- halten; das seine Gespinnst, in das er sich verstrickt fühlte, brachte ihn schließlich in Hitze; sein natür- licher Trotz brach durch, und, indem er mit einem Ruck sich ganz fest auf den Stuhl setzte, fragte er den Präsidenten gerade in's Gesicht: Haben Sie vielleicht einen Argwohn?" Ärgwohn!" rief der Präsident und fuhr auf, ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ach, Sie denken wieder an diese Wechsel, aber ich versichere Sic, ich halte Cornelius Knudsen's Geschäft für voll- ständig solide, zumal in Verbindung mit G. Kriiger's Endossement. Aber als Geschäftsführer bei Frau Wittwe Knudsen sollten Sie es sich doch angelegen sein lassen, die Schulden zu vermindern; sie sind groß genug. Aber ich nähre bei Weitem nicht Furcht oder Argwohn, wie Sie sich ausdrücken." Während er sprach, hatte der Bankpräsident sich erhoben und war zum Fenster gegangen; er hatte förmlich Sehnsucht, seinen Aplomb wiederzugewinnen. Etwas so Klotziges lvar ihm nie vorgekoinmen, und er fing an, von dieserjungen Kraft" geringer zu denken. Es war sonst seine Art, wenn er einen jungen Menschen aufschießen sah, mit Rath und Herablassung zu Hülfe zu kommen, was er sich dann auf manche Ärt bezahlt machte; aber sie mußten dann schon etwas feiner sein als Der. Und Törres benutzte seinerseits den Augenblick, während der Andere auf die Straße sah, seine Ge- danken zu sammeln. Er war fast am Rande des Abgrundes gelvesen. Noch ein Wort, und er hätte sich und sein Geheimniß verrathen und ausgeliefert. So bös war es nicht gegangen. Wie viel auch der Bankpräsident wußte oder ahnte, so war doch das nicht seine Absicht, ihm Rechenschaft darüber abzu- verlangen, woher er all das Geld hätte. Und auf alles Ändere war Törres gefaßt. Nein, sehen Sie! weswegen ich Sie habe herein- kommen lassen," fuhr jetzt der Präsident in freund- lichem Tone fort,das ist, weil ich mich, wie gesagt, warm für die jungen Kräfte in unserer Stadt inter - essire. Und wenn Sie schon so großes Vertrauen unter Ihren Leuten genießen, so werden Sie ohne Zweifel in Zukunft noch mehr Summen unterzu- bringen haben." Das will ich hoffen, Herr Präsident!" Und dazu wollte ich Ihnen meine Hülfe in Rath und That anbieten." Ich kann garnicht genug danken" O, es ist mir ein Vergnügen, den jungen Kräften aufzuhelfen," sagte der Präsident, setzte sich wieder im Lehnstuhl zurecht und setzte Herrn Wall aus- einander, wie die Einzahlung auf Sparkassenbücher gerade gut genug für alte Jungfern wäre. Aber die jungen Kräfte, welche beitragen wollten, die Stadt zu heben, die müßten auch ihre Kapitalien in die merkansilen Unternehmungen der Stadt, Schifffahrt, industrielle Anlagen usw. stecken. Jetzt war Törres vollständig dabei und über alle Maßen erleichtert. Er verstand sich gut auf Christen- sen's berühmte Spezialität, unerfahrene Fremde zu verlocken, lästige SchiffSantheile und zweifelhafte Aktien zu kaufen. Er war bereit, sich eine große Strecke lang diesem gefährlichen Manne zu fügen, der wahrscheinlich sein Spiel mit den erdichteten Namen durchschaut hatte und sein Geheimniß ahnte; aber er wollte sich geniigend vorsehen. Darum that er äußerst begehrlich und dankte für die Aussicht, das Geld vortheilhaft anlegen zu können, die der Präsident ihm eröffnete. Aber er machte noch kein bestimmtes Anerbieten, indem er die ganze Zeit daran festhielt, daß er ja kein eigenes Kapital hätte. Aber wenn er Geld in Händen haben würde, würde er gewiß nicht unterlassen, von deö Herrn Präsidenten liebenswürdigem Beistand Gebrauch zu machen. Damit trennten sie sich für dieses Mal. (ffortfctimg folgt.}