daß in der letzten Februarwoche in mehreren sächsischen und preußischen Garnisonen bei den Mannschaften der- schiedener Truppenabtheilungcn unvcrmuthete und strenge Durch- suchungen nach sozialdemokratischen Schriften stattgefunden haben. So geschah es z. B. in Dresden , wo die Kavalleriekaserne von unten bis oben, zum Theil selbst die Unter- offiziersräume nicht ausgeschlossen, durchsucht wurde. Es sollen in diesem Fall nicht sowohl Denunziationen die Schuld getragen haben, als vielmehr beobachtete„allererdenklichste Manipulationen einiger waghalsiger Kolporteure, sozialistische Broschüren in die Kasernen einzuschmuggeln" und Berichte über den unzufriedenen Geist mancher Abtheilungen. Gegen Beides dürsten indessen Durchsuchungen und Strafen erfahrungsgemäß sehr wenig nützen, vielmehr werden dadurch diejenigen Soldaten, welche sich noch wenig mit dem vielverfolgten Sozialismus beschäftigt haben, desto mehr auf denselben aufmerksam gemacht. Der Sozialisten werden auch im bunten Rock gleichwie in der schlichten Arbeiter- blouse mit jedem Tag mehr— wie die Gegner darüber und namentlich über die wachsende„Ansteckung" des letzten Hortes ihrer Herrschaft auch zitternd und schäumen mögen. Und wer weiß, wie kurze Zeit es noch währt, bis die vermeintlich sicherste Waffe gegen das Volk sich gegen sie selbst wendet und ihren Untergang beschleunigt! — Sociales Verständniß ist bei den Gegnern ein überaus seltener Artikel. Dr. Rudolf Meyer drückte sich einmal aus, daß zwei socialdemokratische Abgeordnete allein dreimal mehr ökonomisches Wissen haben als der ganze übrige Reichstag. Man könnte diesen Ausspruch mit gutem Gewissen dahin aus- dehnen, daß sich unter den Socialdemokraten eines einzigen Zentralpunktes unserer Partei in Deutschland mehr sociales Ver- ständniß und politischer Scharfblick(Politik nicht in dem Sinne der kleinlichen, intriganten, dynastischen Handwerkspolitik, sondern im weiteren tiefcrem Sinn, wo nach Lassalle's treffenden Ausspruch das Sociale„politischer als das Politische selbst" ist) findet, als in der ganzen deutschen Bourgeoisie und Bureaukratie (mit wenigen Ausnahmen) zusammengenommen. Desto mehr Beachtung verdient es aber, wenn sich einmal eine solche seltene Ausnahme findet, welche sich Unbefangenheit genug bewahrt hat, um Vorurtheile und Parteileidenschaft, welche die Sinne der andern umhüllen, scharfen Auges zu durchdringen, und Muth. genug findet, um sich das Gesehene, so unwillkommen es auch ist, auch selbst einzugestehen. Solch ein weißer Rabe zeigt sich uns in einer der letzten Nummern der. Christlich -socialen Blätter", des Organes der »katholisch-socialen Propaganda". Es wird dortselbst der von uns bereits entsprechend gekennzeichnete„neue Cancan an der Börse" scharf kritisirt und mit bitterer Ironie als„seitheriges Facit der Wirthschaftsreform" bezeichnet. Der Gewinn der Börse aus der Hausse der Eisenbahn- und Jndustrie-Aktien wird auf zirka 340 Millionen Mark angegeben und diese Herrlichkeit im Gegensatz zu dem Nothstand der übrigen Klassen als„Zerreißung des Volks in eine kleine Schaar von Millionären und in große Hungermassen" gebrandmarkt. In derselben Trostlosigkeit erblickt die Redaktion der christlich- socialen Blätter dir ganze Situation.„Mit dem Verfasser— bemerkt sie in einer Nachschrift— werden alle kenntnißreichen Socialpolitiker konservativer Gesinnung, auf protestantischer Seile sowohl wie auf katholischer, angesichts der neuesten Vorgänge auf religiösem, sozialem und wirthschaftlichem Gebiete immer mehr zu Pessimisten, ihre Hoffnung auf gesunde Reformen sinken von Tag zu Tag; dagegen steigt ebenso die Furcht vor der Sozialrevolution, die unserer Ansicht nach von Frankreich und von Rußland aus zugleich alle benachbarten Staaten anzünden wird. Vor einigen Tagen schrieb uns ein eifriger nnd tüchtiger Socialreformer u. A. wörtlich:„Wir haben die 80 Jahre angefangen und die werden die 70 übertreffen an großen und erschreckenden Ereignissen; ich sehe ebenso schwarz in die Zukunft Europas wie....(folgt der Name eines bekannten Social- Politikers). Es ist auch durchaus kein Grund vorhanden, rosiger zu sehen, denn was wird gethan von oben, als— Flicken und Herumstopfen? Es setzt eben Niemand einen neuen Lappen auf ein altes Kleid.- Der Geist unserer Gesellschaft erfordert neue Schläuche, gewebt aus den starken Fäden christlicher(?) Gesinnung, Liebe und Gerechtigkeit! Die Revolution halte ich für unabwendbar, und erst nach ihren Trümmern und Greueln wird man ernstlich anfangen, die Gesellschaft christlich aufzubauen(?). Lassen Sie es unser Trost sein, daß, wenn wir mal mit gehängt werden, wir dann mit gutem Gewissen baumeln werden, viele Andere aber nicht." Was nun den..Wiederausbau" der Gesellschaft„nach den Trümmern und Greueln der Revolution" und insbesondere ihren Wiederaufbau mit den Steinen„christlicher Gesinnung" und dem Mörtel„christlicher Liebe" betrifft, so dürfte sich der Verfasser wohl ebenso irren, wie mit dem„Baumeln" seiner werthen Person. Denn wenn die heutige Schandgesellschaft einmal glücklich in Trümmer gegangen ist— und das wird recht gut ohne das Aufhängen katholischer und anderer Socialreformer zu bewerkstelligen sein— dann dürfte beim Neubau wohl das Christen- thum am allerwenigsten zu schaffen haben. Im übrigen aber beurtheilt der Mann die Lage ziemlich zutreffend. — Die„Heiligkeit des Gesetzes" ist immer das zweite Wort des Bourgeois, sobald die Sonalisten„Gesetze" kritisiren und angreifen, welche lediglich zur Ausbeutung und Entrechtung des Volkes zu Gunsten der privilegirten Klassen gemacht sind. Sobald es aber eine der seltenen Einrichtungen zu Gunsten des Arbeiters betrifft, da ist die„Heiligkeit" schnell verflogen und kein richtiger Bourgeois scheut sich, das Gesetz auf jede Weise zu umgehen oder ihm geradezu zuwiderzuhandeln. Mancher Genosse erinnert sich wohl daran, wie während des ereignißvollen Sommers 1878, als die Sozialistenhetze im mun- tersten Gang war, im Reigen der Sozialistentödter auch der Verein süddeutscher Baumwollbarone das Wort ergriff und er- klärte, keinen Arbeiter mehr beschäftigen zu wollen, der einem sozialistischen Vereine angehöre, ein sozialistisches Blatt lese oder verbreite K. An der Spitze der Unterzeichner dieser Achtserklärung stand die Firma Ackermann u. Co. in Heilbronn . Man sollte nun denken, daß ein so reinliches und tugendhaftes„Haus", welches solche Vorsichtsmaßregeln trifft, um seine Arbeiter vor sozialistischer Jnfizirung zu bewahren, es auch an den nöthigen Schutzvorrichtungen nicht fehlen läßt, welche die körperliche Sicherheit der Arbeiter gewährleisten. Und ferner: wenn man das noch nicht erlassene Sozialistengesetz gleichsam zum Voraus angewendet hat, so sollte man denken, daß schon in Geltung getretene Reichs- gesetze, wie dasjenige über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter, um so gewissenhafter befolgt werden.' Eine jüngste Gerichtsverhandlung beweist aber das Gegentheil. Der„Chef" der famosen Hauses Ackermann u. Co. wurde wegen gesetzwidriges Beschäftigung von im Kindcsalter stehenden Arbeiterinnen zu 200 Mark Geldstrafe, sowie wegen fahrlässiger Tödtung zu 4 Wochen(!!) Gefängniß verurtheilt. Arbeiter ihres politi- schen Glaubensbekenntnisses wegen auf's Pflaster zu werfen, ist freilich weit billiger, als das leibliche Wohl der Arbeiter auch nur im geringsten Maße wahrzunehmen. — Ein„Geschäft" zu machen, ein Profitchen herauszuschlagen — das weiß der ächte Bourgeois aus allem und jedem. Reli- gion, politische Meinung, Pratiotismus dienen ihm als melkende Kühe; warum sollte sich bei diesen schlechten Zeiten nicht mit dem Nothstand ein Geschäft machen lassen? Wir reden hier nicht davon, wie in Oberschlesien Gemcindevorstände bei der Vertbeilung der Liebesgaben den Löwenantyeil sich selbst und ihren Verwandten zusprachen, wie Handelsleute den unwissenden Nothleidenden die geschenkten Kleider um ein paar Groschen ab- schwindelten, wie andere den Nothstandskomites gefälschte und unbrauchbare Lebensmittel lieferten u. s. w. Das ist zur Ge- nüge bekannt und gehört in ein anderes Kapitel. Hier sprechen wir von einer neuen Art, wie ein Fabrikant es verstand, sich als großen Wohlthäter aufzuspielen, ohne daß es ihm auch nur einen Pfennig gekostet hätte. In Reutlingen forderte ein Fa- brikant„seine" Arbeiter auf, sich zu Gunsten der nothleidenden Oberschlesier einen Lohnabzug gefallen zu lassen. Obwohl nun die um einen erbärmlichen Lohn arbeitenden Arbeiter selbst„Lie- besgaben" hätten brauchen können und die abgezogenen Groschen sa,wer entbehrten, so getrauten sie sich nicht, dem„Wunsch" ihres gestrengen„Herrn" zu widersprechen und ließen sich daher den Abzug gefallen. Nur Einer weigerte sich; er mochte vernünftiger- weise denken, der Staat sei eher verpflichtet und auch im Stande zu helfen und, wenn schon einmal die Einzelnen an Stelle des seine Pflicht verabsäumenden Staates eintreten sollen, dann habe der Fabrikant jedenfalls mehr Geld als er, der arme Arbeiter. Sein Nachdenken sollte ihm aber schlecht bekommen, denn er wurde von dem wohlthatenwüthenden Menschenfreund von Fabrikanten wegen seiner Weigerung sofort entlassen. Das Schönste aber ist, daß der von dem Fabrikanten nachher abgesandte Betrag für die Oberschlesier genau so hoch gewesen sein soll, als sich die Summe des Abzugs der Arbeiter belief, so daß der edle „Wohlthäter" selbst keinen Pfennig gegeben hat! Auf diese und andere mehr verhüllte Weisen muß das arbeitende Volk nicht nur das ganze Schmarotzcrgethier seiner Ausbeuter erhalten, sondern auch noch die von diesen zu Bettlern gemachten ernähren! — Ein richtiger Mastbürgerstreich wurde vorder- gangene Woche in Homburg vor der Höhe gegen einen Arbeiter verübt. Ein bei der städtischen Wasserleitung beschäftigter Arbeiter, ein hübscher Bursche und flinker Tänzer, besuchte maskirt einen der im Ballsaale veranstalteten Maskenbälle. Zum Tanze engagirte er vorzugsweise die„Honoratioren"töchter und fanden dieselben an dem gewandten Tänzer auch großes Vergnügen. Aber die Scene änderte sich sofort, als er sich nach der ersten Pause demaskirte. Die Bourgeoisfrauen und-Jungfrauen, welche mit ihm gewalzt hatten, sollen sofort in Ohnmacht gefallen sein; die über diese..Schande" erzürnten Väter, namentlich ein Stadt- rath(ehemaliger Specereihändler) und ein ehemaliger Wäscherei- bescher, fielen über den„frechen Burschen" her und frugen ihn, was er auf dem Balle verloren habe. Er antwortete ihnen, daß er seine Karte bezahlt, sich anständig benommen habe und Nie- mand Rechenschaft schuldig sei. Man bot ihm hierauf die Rück- zahlung des Geldes für seine Karte an, allein er schlug es aus und wollte da bleiben. Das wurde jedoch nicht gelitten und die„gebildeten" Honoratioren setzten den„rohen Arbeiter" unter lautem Gelärme und Fauststößen an die Luft. Andern Tages wurde ihm die Arbeit auf der Straße gekündigt und seiner armen, alten Mutter die bisher genossene städtische Unterstützung entzogen.— Es ist freilich auch eine immense Frechheit, wenn ein„ganz ordinärer Arbeiter" sich das Recht anmaßt, mit Stadtvätern und andern„gesetzten Bürgern" wie mit Seinesgleichen zu verkehren, statt sie als „Brodherren" und eine höhere Menschenrasse demüthig zu respet- tiren. Also frischweg den Hungerriemen angezogen, um ihm das nöthige Verständniß für seine Stellung und unsere wohlorgani- sirte Klassengesellschaft beizubringen. Wie lange wird es noch dauern, bis die zur Erkenntniß gekommenen Arbeiter dieser Jäm° merlichkeit und Gemeinheit ein Ende machen? -i- Berlin , 25. Febr. Der Debattirklub aus der Leipstger Straße ist seit t4 Tagen versammelt, d. h. eigentlich nicht versammelt, denn e« ist fast niemals die zur Beschlußfähigkeit nöthige Hälfte der Appor- teure und Sroctspringer vorhanden; da indessen sich Niemand die MUhe gibt, die Auszählung des„hohen Hause«" zu verlangen, so geht die Abstimmungsmasckinc ihren Gang, bis etwa ein nicht zu vermeidender Hammelsprung oder eine nicht zu umgehende namentliche Abstimmung die nolbwendige Folge der Diäienlosigkcit(und der herrschenden politsschen Ver sumpfung. D. Red.) an den Tag bringen wiro; allerdings sucht man diese Unannehmlichkeit, so lange es irgend geht, zu vermeiden. Unser „großer Staatsmann" hat sich noch nicht sehen lassen, obwohl die Ge- neraldiskusfion zum Etat seine Anwesenheit nach parlamentarische» Be grissen eigentlich al« unerläßlich erscheine» ließ; aber er hat am Ende Recht: wozu soll er aus die Knechtsseelen, welche die Majorität des deuischen Reichstags bilden, irgend welche Rücksicht nehmen, sie Ihun nach seinem Willen auch aus einen Wink hin, der durch die„Nord- deulsche Allgemeine" gegeben wird. Au« den Verhandlungen ist bisher eigentlich nur die Rede Bebels beinerkenswerth, in welcher er ans die UnHaltbarkeit des modernen Mili- tariSmu« hinwies und die Nothwendigkcil für Deutschland betonte, mit Frankreich Hand in Hand zu gehen, wa« selbstverständlich nur möglich wäre, wenn man das Unrecht des Jahre« l87l wieder gut machte und Elsaß-Lothringen die Freiheit gäbe, durch Volksabstimmung zu entschei- den, ob e« zu Frankreich oder Deutschland gehören wolle. Ob Bebel in seiner anderweiten Aussührung: daß Deutschland seitens Rußlands einen Angriff nicht zu erwarten habe, vollkommen Recht hat, darüber ließe sich streiten; eine Auskläiuug seitens der NeichSregierung wurde diesbezüglich nicht gegeben. Nach dem neuesten Austreten der offiziösen Organe jcheint es leider wenig zweifelhaft, daß da« Berhältniß zu Rußland ein immer gespannteres wird, woran» allerdings, wie ohne Weitere« zugegeben werden muß, noch lange nicht hervorgeht, daß Rußland der angreisende Theil sein wird. Bezüglich der Affaire Fritzs ch e. H ass e lm a n n befand sich der Reichstag in nicht geringer Verlegenheit. Die von ihm gegebenen miserabeln Gesetze fangen an, in unerwünschter Weise ihre Wirkung zu thun; Staatsanwalt und Gerichte rücken dem Reichstag direkt aus den Leid und die letzteren ertheilen ihm höhnisch die Lektion, daß mit seiner Deklaration zu§ 28 des Sozialistengesetzes durchaus nicht die Wirkung erzielt sei, daß nunmehr Abgeordnete, wellbe aus Berlin ausgewiesen worden sind, sich ohne Anfechtung und Bestrafung während de« Beisammenseins de» Reichstags in Berlin aushalten könnten. Polizeiver- ordnungen, so deduzirt das erkennende Gerickt, welche aufGrund gesetzlicher Bestimmungen erlassen werden, haben Gesetzeskraft, deshalb konnte die kaiserliche Ordre, durch welche der Reichstag nach Berlin berufen wurde, sich nicht aus Fritzsche nnd Hasselmanu beziehen. Die„Hebam- men des Sozialistengesetzes", wie Hasen clever die Lasker und Kou- sorten uanute, könnten es demnach erleben, daß sie au demselben Strick ausgehängt werde», welchen sie für die Sozialdemokratie gedreht haben. Uebrigens wurde der Antrag auf Sistirung des Strafverfahrens gegen Fritzsä.e und Hasselmann beinahe einstimmig angenommen, nachdem ein Antrag der Konservativen, die Angelegenheit zunächst der Geschästsord- nungskoinmission zur Berichterstattung zu überweisen, abgelehnt worden war.— Uebrigens werden wir ja gelegentlich der Debatte über den Gesetzentwurf zur Verlängerung des Sozialistengesetze« noch in dieser Session eine große Sozialistendebatte haben, wobei das Verfahren der Behörden im allgemeinen und das der Berliner Polizei gegen Fritzsche und Hasselmanu insbesondere ausgiebig zur Sprache kommen wird. Der Illusion, daß damit eine Besserung unserer Zustände herbeigeführt wer- den könnte, mögen sich unsere Freunde freilich nicht hingeben; zu dem Ende werden andere Mittel als Reden nöthig sein. Hier sind die Parteigenossen mit Eifer und Opsermnth bemüht, jede Lücke, welche durch die Verfolgungen der Gewalthaber in ihre Reihen gerissen wird, sofort wieder auszufüllen; es wird deshalb der Zweck aller Maßregelungen nicht erreicht werden, wenn freilich auch die Ex!- stenz und das Faniilienglück so manch' bravenMannes dabei zu Grunde geht. (Ein Bericht über die neuesten Verhandlungen nnd insbesondere Über die hervorragende Rede Bebel« gegen die Milaärnovelle folgt in nächster Nummer. D. Red.) — Augsburg , 25. Februar. In einer der letzten Nummern der „Freiheit" haben sich„einige Genossen" von hier bemüßigt gefühlt, der jetzigen Redaktion die Zustimmung zur jetzigen Haltung auszudrücken. Au»- wattigen Freunde», die jene Zustimmung vielleicht für den Ausdruck der Gesinnung der hiesigen Genossen halten, diene folgende» zur Notiz: Ob jene Zustimmung— gleich so vieler anderer—„bestellte Maare " oder Londoner Fabrikat ist, bleibt gleich; thatsächlich widerspricht sie der Anficht der überwiegenden Mehrheit, die mich ersuchte, Ihnen da» mitzutheilen. Die „Freiheit" wird hier, in Lechhausen und Hcttenbach zusammen in ca. vier Exemplaren gelesen und ihre Leser rekrutiren sich mit Ausnahme von einigen äußerst tüchtigen Genossen aus Leuten, die seit Jahren nicht da» Geringste für die Partei mehr gethan, im Gegentheil sogar öffentlich gegen unsere Sache wirkten und in bewunderungswürdiger Logik in Einem Alhem die „Freiheit" und die Findel'sche„Volkszeitung" lobten. Erzo i e» ist die Skandalsucht, die sie augenblicklich in wohlfeiler Weise die Partei der Störenfriede und Selbstkitzler ergreifen läßt. Die Augsburger Sozialisten aber wollen bleiben wa» sie immer waren; der Sache und der Gesammtorganisation unverbrüchlich treuergebene Genossen! Mit sozialdemokratischem Gruße! R. Fischer. E. II. AugSburg , 27. Februar. Zu meiner letzten Mlttheilung über die Willkürakie de» hiesigen Polizeipascha«(Pascha auch wörtlich im moralischen Sinne zu nehmen) de» Bürgermeister» Fischer hat sich sofort ein kleine« Nachspiel gefunden. Kaum hatte er da» Drohsystem in der Riedinger'schen Fabrik mit Erfolg ausgeübt, al» er dasselbe Mittel auch gegen einen anderen ihm mißliebigen Genossen in Anwendung zu bringen suchte. Unser Genosse Fischer ist seit kurz vor dem Eingehen der„Volkszeitung" in dem literarischen Institute von Dr. M. Huttler beschäftigt. Direkt ist diesem Manne nicht beizukommen; folglich versucht man e» indirekt. Bürgermeister Fischer läßt durch einen seiner Mameluken in der„Süddeutsäien Presse" einen Artikel veröffentlichen, daß„Genosse Richard Fischer sich durch ein sozialdemokratisch-ultramontane» Bündniß bei Herrn vr. Huttler habe unterbringen lassen", um durch den Druck dieser öffentlichen Lüge Huttler zur Entlassung Fischer'» zu zwingen. Bis jetzt ist dieser Versuch an der Ehrenhaftigkeit und Unparteilichkeit de» Herrn Huttler, der trotz seiner prononcirt katholischen Stellung Arbeiter jeder Konfession und Parteirichtung beschäftigt, gescheitert; aber al» Beweis für die Schamlosigkeit der liberalen Buben, die anscheinend nach russischen Zuständen Gelüst« tragen, möge dieser Fall unseren Genossen zur Kenntniß gebracht sein. tü. Reutlingen , 24. Februar. Bor einiger Zeit fand e« der hiesige sogenannte„Arbeiter-BildungSvercin"(dessen Vorstand ein„Demokrat" Namen» Mancher ist, der da» Pulver nicht erfunden hat) für gerathen, 15 unserer Parteigenosien al»„gefährlich für die Existenz und die Prin° zipien de« Vereine»" durch ein feierliche» Suffragium hiiiauSzuwerfe». Die Fünfzehn hatten nämlich den schrecklichen Antrag gestellt, von Zeit zu Zeit Vorträge über allgemein interessante Stoffe abhalten zu lassen, worüber der gute Autschuß sammt Herrn Mancher in Krämpfe fiel, und im Nu unter den Getreuen eine große Hetze eingeleitet war, deren Resultat die Massenverbannung war.— Wa» die hiesige n Genossen betrifft, so halten sich dieselben sehr still; noch stiller als die„Volktparieiler", die seit der allerneuesten Zeit die„liberale" Dirne ganz verdächtig umarmen. Wa» wird wohl da» Produkt, der Bastard düse« Konkubinat» sein? Ilebcrhaupt ist die Quelle de» politischen Leben« hier am Versiegen, und die gute fromme Bevölkerung, sei sie demokratisch oder liberal, oder trinke sie viel- leicht sogar einmal ein Schüppchen auf die rothe Republik, ist und bleibt der alte träge deulsche Michel! Daß e» mitunter auch vernünftige Demokraten gibt, die einen klaren Blick in die Zukunft haben, lehrt ein Brief von Herrn G. Heerbrandt , Redakteur des„Rewyorker schwäbischen Wochenblatt", den ich vor kurzer Zeit erhielt. Dort heißt es u. A.; Ich bin ein abgesagter Feind der Geldaristokratie, der Bureaukratie, de» Pfaffenlhllm» k.... ich bin ein warmer Freund der Arbeiter; allein in den Mitteln, die bestehenden ungeheuerlichen Uebelstände zu beseitigen, gehe ich nicht mit Ihnen, weiß übrigens wohl, daß ich und gleichgcstnnte Freunde mit den unseren nicht reusflren(Bravo !) und bin fest überzeugt, daß eine Revolution»n- au»bleiblich ist, die jedoch alle früheren in Schatten st eilen wird——— denn die Elemente, die 1848 die Worte„da« Eigenthum ist heilig und unantastbar" al» Gesetz a»fstellten, werden einfach niäit mehr Meister werden gegen die rohe Masse." Diesen letzteren Ausdruck entschuldigt er jedoch sofort;„D a ß diese roh und zum Theil verwildert ist, dafür mache ich diese nicht verantwortlich, nian hat einfach die Arbeiter zu Maschinen herabgewürdigt, und den Menschen resp. dessen geistige Ausbildung in der Regel ganz und gar vernachlässigt, und die Folgen dieser nichtswürdigen Inhumanität werden wir leider mitbüßen müssen."— Mag H. Heerbrandt auch über die Lösung der sozialen Frage ander» denken, al» wir— er ist jedenfalls ein Mann, der die Achtung eine« Sozial- demokraten verdient, im Gegensatze zu den hochbornirten deutschen Durch- schnittSdemokratcn. Eine wahrhast grenzenlose Infamie erfahre ich soeben. Genosse Stau- denmaier wurde von seinem eigene» Bruder, mit dem er sich eine« geringfügigen Anlasse» wegen gezankt, al» Besitzer verbotener Schriften dennnziit. Natürlich»ahm die edle Polizei, statt die unsäglich verächtliche Denunziantenseele von Bruder im Interesse der so oft betonten„Heiligkeit" der Familienbande kurzweg abzuweisen, die Anzeige mit Vergnügen an, hielt sofort Haussuchung bei Staudenmaier und verhaftete ihn, da sie wirklich verschiedene verbotene Schriften fand. Da ihm aber die allem strafbare Verbreitung verbotener Schriften nicht nachgewiesen werden kann, so wird er wohl bald wieder in Freiheit gesetzt werden müssen. Ist e» aber nicht schmachvoll, wie weit die durch ei» fluchwürdige» Regierungssystem hervorgerufene Korruption schon gediehen ist! Für solche Menschen aber, wie der niederträchtige Denunziant, kann man wahrlich nicht Speichel genug austreiben, um vor ihnen nach Gebühr autziispiiken; die tiefste Verachtung aller ehrlich denrenden Menschen muß sie treffen und sie wie einen Aussätzigen von jeder auf Ehre haltenden Gesellschaft ausschließen l Hesterreich-Ilngarn. w. w. Aus Böhmen , Ende Februar. Au» nnserm herrlichen Kaiserstaat, dem Lande de» Konkordat» und der nicht-zu tilgenden Schulden, sei Ihnen hiedurch ein nctte« Kulturstückchen mitgetheilt, welche» einen schreienden Beweis für den imerlräglichen Druck und Uebermuth der Herr- schenden Klasse gibt, welche heuchlerischer Weise bei jeder Gelegenheit die Worte Kultur, Wissenschaft, Bildung, Humanität im Munde führt und wer
Ausgabe
2 (7.3.1880) 10
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