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Der Sozialdemokrat

Juferate sib

die dreigespaltene Petitzeile

25 Cts.<= 20 Pfg.

No. 44.

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Zentral- Organ der deutschen Sozialdemokratie.

Briefe an die Redaktion und Erpedition des in Deutschland und Oesterreich verbotenen Sozialdemokrat" wolle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lassen. In der Regel schide man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Decadressen. In zweifelhaften Fällen eingeschrieben.

Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten aber, ob mit dem Opfer dieser Summe die Befreiung Deutsch­

und Gemaßregelten nicht!

( Schluß der Fondsquittungen folgt in Nr. 45.)

Kabinetspolitik und Völker interessen.

O Schicksal der Völker, wovon hängst du ab!" So ist man versucht, mit Scribe's Bolingbroke auszurufen, wenn man die Vorgänge verfolgt, welche sich augenblicklich aus Anlaß der bulgarischen Vorgänge in der diplomatischen Welt ab­spielen.

Ist es erhört, daß ein, laut Eingeständniß seiner Anhänger, von allerhand Idiosynkrafien"( krankhaften Vorurtheilen) besessener Staatsmann", gestützt auf die Gunst eines vor Altersschwäche findisch gewordenen Monarchen, maßgebend ent­scheidet über die Geschicke des deutschen Volkes?

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Ist es erhört, daß das Schicksal ganz Europas , d. h. nicht blos des offiziellen, durch eine Handvoll Potentaten und ihre Subjekte repräsentirten, sondern des wirklichen, des Europas der Völker, abhängt von den Launen eines halbwahnsinnigen Despoten?

Ist es erhört, daß dieses brutale Ungeheuer, das seine Re­gierung mit Mordakten begonnen, dessen Hände noch befleckt sind von dem Blute des von ihm in wahnsinniger Feigheit hingemordeten Adjutanten Reutern, nur einen Wink zu geben braucht, um einen Weltkrieg zu entfesseln, der Hundert­tausende von Menschenleben kosten, Millionen von Menschen ihr Lebensglück rauben wird?

Ja, es ist erhört, so sehr sich auch unser Gefühl dagegen empören mag, denn es ist unbestrittene und unbestreitbare That sach ſa che. Nicht die Völker entscheiden über Krieg und Frieden,

fordern die Kabinette, und in den Kabinetten entscheiden die Souveräne oder ihre Vertreter, die Diplomaten. Freilich, auch ihre Macht hat eine Grenze, leider aber viel weniger im Willen ihrer Völker, die sich vielmehr noch immer weit zu wil­lig von ihnen lenken lassen, als in der Lage ihrer Finan­zen, ihren ökonomischen Machtmitteln.

Aber welcher Spielraum bleibt ihnen noch innerhalb dieser

Grenzen!

Kriege kosten Geld, und das ist gut. Denn kosteten sie blos Menschen, wir fämen wahrscheinlich aus den Kriegen gar nicht mehr heraus. Was kommt es Väterchen auf ein paarmal­hunderttausend Menschen an? Von dem Material hat er im Ueberfluß. Aber keinen Ueberfluß hat er, richtiger die Staats­kasse,*) an Geld. Sonst hätte er wahrscheinlich Bulgarien schon besetzt und es ruhig darauf ankommen lassen, ob Oesterreich ihm in die Quere gekommen wäre. Aber nachdem ihm klar gemacht worden, daß die bloße Besetzung des kleinen Bulgariens das Sümmchen von 60 Millionen Rubel fosten werde, Rußland aber unmittelbar vor dem Bankrott stehe, ist er friedfertig geworden und hat erklärt, Bulaarien sich selbst überlassen zu

wollen.

In den Bismarck 'schen Reptilienblättern wird für die deutsche Regierung, d. h. Bismarck, das Verdienst dafür reklamirt, daß die bulgarische Frage in das Fahrwasser friedlicher Besprech­ungen unter den Mächten gelenkt worden. Das ist aber nichts

als leere Renommiſterei. Erstens ist es noch gar nicht sicher,

daß es nicht doch zum Kriege kommt, zweitens sucht Väterchen selbst möglichst um den Krieg herumzukommen, und drittens hat Bismarck allerdings insofern zum Frieden beigetragen, daß er Rußlands Ansprüchen in demonstrativer Weise Borschub leistete und damit Deutschlands Zukunft in unerhörtester Weise kompromittirte.

Rußland, d. h. das offizielle, von Väterchen repräsentirte Rußland, hatte drei triftige Gründe, es nicht auf einen Krieg ankommen zu lassen.

Ginen davon haben wir bereits betont: die trostlose Lage der russischen Finanzen. Indeß würde Rußland auch vor einem veritablen Bankrott nicht zurückschrecken, wenn nicht seine politische Lage ihm verböte, mit den Chancen des Krieges Hazard zu spielen. Eine militärische Niederlage würde sowohl in der inneren als auch in der äußeren Politik von tödtlicher Wirkung für das Zarenthum sein. In der inneren Politik würde sie unausbleiblich eine Revolution nach sich ziehen, die dem Selbstherrscherthum den Garaus machte, in der äußeren Politik würde sie ihm den Balkan geradezu verrammeln.

So sehr Väterchen die beiden letzten Eventualitäten zu fürchten hat, so sehr hat das deutsche Volk Ursache, sie zu wünschen. Der finanzielle Ruin Rußlands könnte ihm gleich­giltig sein, wenn nicht Bismarck dafür gesorgt hätte, den deutschen Markt mit russischen Papieren zu überschwemmen. Nicht zwei Milliarden, wie wir in der vorlegten Nummer schrieben, sondern über fünf Milliarden russischer Papiere befinden sich in deutschen Händen, zum großen Theile von

*) Denn das zusammengeraubte Familien Vermögen Väterchens ist

norm.

kleinen Leuten, die auf den Rath der Börsenblätter ihre Er­sparnisse in russischen Fonds angelegt haben. Es fragt sich lands bezw. Europas von dem Joch des Zarenabsolutismus wirklich zu theuer bezahlt wäre. Oder vielmehr fragt es sich nicht, denn früher oder später wird der Krach doch nicht ausbleiben.

Eine wirklich nationale, d. h. den Interessen des deutschen Volkes dienende Politik würde also, bei aller Friedfertigkeit, mindestens jede Stärkung Rußlands zu vermeiden suchen. Was thut statt dessen Bismard?

Er leistet Rußland in jeder Weise Vorschub, unterstützt es in allen seinen Aktionen, nicht nur aus alter Russenfreund­schaft, sondern auch um seinen Idiosynkrasien" zu fröhnen.

Da ist jüngst sein fanatischer Polen haß. Statt sich die Polen zu Freunden zu machen, die Deutschland nie gefährlich werden können, hat er Alles gethan, sie Deutschland zu ent­fremden. Die natürlichen Allirten Deutschlands hat er zu deſſen Feinden gemacht, sie dem geschwornen Feind Deutsch­ lands

überliefert.

Die zweite Idiosynkrasie ist sein Engländer haß, zu dessen Erklärung es wohl heißen muß: Cherchez l'Anglaise man suche die Engländerin. Wer sie findet, darf Viktoria Wer sie findet, darf Viktoria rufen.

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Die Kölnische Zeitung " hat es neulich unverholen aus geplaudert, daß der Battenberger fallen mußte, weil in seiner Person insofern etwas für Deutschland Bedrohliches gelegen, als dieselbe der englischen Staatskunst möglicherweise eine Handhabe bieten konnte, um die deutsch - russischen Beziehungen in Zukunft, wenn die deutsche Politik einmal in minder festen Händen liegen würde, mittelst dynastischer Beziehungen zu ver­

wickeln."

Deutlicher kann man nicht reden, jedes Schulkind weiß, wer mit den minder festen Händen" gemeint ist. Und da Bis­

march, wo seine Idiosynkrasien in Frage kommen, keine Rück­sichten kennt, so wurde der unglückselige Battenberger, der das Bech hat, einen Polen zum Großvater, und das noch größere, die deutsche Kronprinzessin zur Schwägerin zu haben,

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gehunzt, als wäre er ein beliebiger Arnim oder Lasker . Aus reinem Privathaß unterstützte der Lenker des deutschen Staates die russische Aktion gegen einen Mann, der, soweit seine persönlichen Beziehungen mitsprechen, gerade ihretwegen vom deutschen Standpunkt aus der geeignetste Kandidat für den bulgarischen Thron sein müßte. Die Wuth Väterchens gegen den Battenberger ist begreiflich, denn er hat die Pläne des Selbstbeherrschers aller Reußen durchkreuzt, Bismarc's Parteinahme gegen ihn ist, vom persönlichen Standpunkt be­trachtet, gemein, vom politischen ein Stück Landesverrath.

Nun kommen die Generalschlaumeier, für die Bismarck über­haupt nie irren kann, und sagen: Ja gewiß, den Battenberger hat Bismarck fallen lassen, aber beileibe nicht im russischen Interesse, sondern nur um durch diese Konzession Rußland von Größerem abzuhalten. Man höre nur die Katkow und Konsorten.

Das ist eitel Flunkerei, genau so wie das Geschrei der Katkow und das Säbelrasseln der Meschtscherski. Bismarcks Hülfe hat Väterchen die Okkupation Bulgariens erspart, so steht die Sache. Und noch mehr. Gerade in dem Moment, in Sofia verdorben, in aller Stille in Konstantinopel wo die Katkows am lautesten schrien, wurde, was Kaulbars wieder eingeholt. Rußland, das in der Wahl seiner Mittel den Erbfeind des christlichen Europa", vor, um die befreiten Brüder" zur Räson zu bringen. Und dieser entsendet in seiner Eigenschaft als Souzerän( Oberlehensherr) Bulgariens einen Kommissär nach Sofia , Gabban Effendi, von dem alle Welt weiß, daß er seit Jahren an Rußland verkauft ist, und der sich auch richtig sofort dem Stabe des Kaulbars anschließt, mit Karaweloff und den Zankowisten gegen den Zusammentritt

niemals skrupulös war, schickt den Sultan, den Ungläubigen",

der Sobranje protestirt, und mit der Besetzung Bulgariens durch türkische Truppen droht, wenn die Bulgaren Väterchen

nicht nachgeben.

Es liegt auf der Hand, daß Rußland ein solches Auftreten weder dulden, noch die Türkei es wagen würde, wenn nicht geheime Abmachungen zwischen Beiden existirten. Und dies scheint in der That der Fall zu sein. Die Zankowisten, die noch stets über die Pläne Rußlands sehr gut unterrichtet waren, erzählen in Sofia ganz offen, daß zwischen Rußland und der Türkei eine Vereinbarung stattgefunden folgenden In­halts: Der Zar garantirt dem Sultan die Unverletzlichkeit seines jetzigen Besizes, ermäßigt die noch schuldige Kriegsent­schädigung, und erhält dagegen das Recht, die Dar­danellen zu befestigen und mit Garnisonen zu versehen. Wenn es die Situation erfordert, besetzt die Türkei Ostrumelien und Rußland gleichzeitig Bulgarien ."

Wem dieser Kontrakt unwahrscheinlich vorkommt, der sei daran erinnert, daß die Türkei schon einmal einen ähnlichen mit Rußland geschlossen: der am 8. Juli 1833 in Huntiar­Stelessi abgeschlossene Vertrag enthielt in einer geheimen Klausel die Bestimmung, daß die Dardanellen für die Kriegs­schiffe der übrigen Mächte verschlossen, dagegen für die

Erscheint

wöchentlich einmal

in

Zürich ( Schweiz ).

Verlag

ber Boltsbuchhandlung Hottingen Zürich .

Voßtsendungen

franto gegen franto. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz tosten Doppelporto.

28. Oftober 1886.

russischen geöffnet bleiben sollen. Nachdem England in Egypten, Desterreich in Bosnien sich ihm als dieselben Räuber an der Türkei gezeigt als die Russen, und bei der notorischen Unter­stützung Rußlands durch Bismarck , während Frankreich seit 1871 wenigstens an feiner russenfeindlichen Aktion theilnimmt, ist die Sache für den Sultan, der widerstandslos sich dem in die Arme wirft, der ihm momentan am meisten verspricht, gar nicht so ungeheuerlich. Väterchen aber hat mit dem Recht der Besetzung der Dardanellen alles, was er will. Das Schwarze Meer gehört ihm und Konstantinopel ebenfalls, so­bald er es für opportun hält.

Offiziell wird die Abmachung natürlich bestritten, und in der diplomatischen Welt gibt man sich auch die Miene, nicht an sie zu glauben, die Einen, um nicht als Mitschuldige zu erscheinen, die Andern, um nicht zum Losschlagen gezwungen zu sein. Namentlich Desterreich scheint seinem historischen Be­rufe treu bleiben zu wollen und alle ihm unbequemen Thatsachen zu vertuschen, bis die Russen wirklich Miene machen, die Dar­danellen zu besetzen, d. h. bis es zu spät ist.

Von dem Sultan, ihrem offiziellen Oberherrn, bedrängt, werden die Bulgaren Rußland schließlich in allen wichtigen Punkten nachgeben müssen. Rußlands Ansehen auf dem Balkan ist wiederhergestellt. Wider die Russen kein Kraut ge­wachsen ist, bleibt die Parole. Die Balkanhalbinsel wird that­sächlich eine russische Provinz, bis sie es auch von Rechts­wegen" wird.

Sitt Rußland aber am Balkan fest, hat es am Bosporus freie Hand, dann kann es sein Spiel im Norden und Westen von Neuem beginnen. Während der größten offiziellen Inti­mität mit Deutschland hat die russische Presse nicht aufge­hört, gegen Alles, was deutsch ist, zu hetzen, von Drangsa­lirungen der deutschen Ostseeprovinzen ganz zu schweigen. Der gute Nachbar, der Erbfreund", genirte sich gar nicht, mit dem russisch- französischen Bündniß zu drohen, die, warme Erhöhung der Zölle die preußischen Ostprovinzen in einer

Freundschaft hinderte ihn keinen Augenblick, durch fortgesetzte

Weise kaltzustellen", daß für Königsberg und Memel von wirthschaftlichem Standpunkt die russische Annexion keine

Man kann daraus schließen, wie sich die Dinge gestalten werden, wenn Väterchen es nicht mehr für nöthig hält, Freundschaft für Deutschland zu heucheln. Und diesen Zeit­punkt beschleunigt zu haben, dem wahnsinnigen Despoten auf Rußlands Thron zu einer Machtstellung verholfen zu haben, welche die Interessen des deutschen Volkes in jeder Beziehung gefährdet, das ist das große Werk der großartigen Politik des größten aller lebenden und gelebt habenden Staatsmänner.

So, deutsches Volt, wird mit deinem Wohle gespielt, wer­den deine Lebensinteressen den persönlichen Neigungen und Interessen eines Einzelnen aufgeopfert. So werden deine Rechte, wird deine Freiheit verrathen, verrathen von Dem, in deſſen Hände die Unzurechnungsfähigkeit eines neunzigjährigen Monarchen und die Unfähigkeit deiner erwählten Vertreter die Wahrung deiner Interessen gelegt.

Wann wirst du endlich erwachen und, unbekümmert um das Geschwätz vom großen Staatsmann, jener verruchten Kabinets­politik ein Ende machen, die noch stets zum Fluch für die Völker geworden?!

Die Kabinette waren von jeher die Brutstätten des Völker­verraths.

Zur

bayerischen Landtagswahl.

Die demokratische Hamburger Bürgerzeitung" bringt in einer Mün­ chener Korrespondenz eine Nachricht, die wir unseren Lesern nicht vors enthalten dürfen. Sie schreibt, daß anlagit bet beocrftehenden baye. rischen Landtagswahlen auch unsere Genoffen in Atton treten, was ficher von allen Seiten nur gebilligt wird Das Blatt bemezt aber weiter: Die Liberalen werden hier vereinigt in die Wahlich.acht ziehen, und

wird behauptet, man sei in diesen Rieisen bereit, den Sozialdemo

traten ein Rompromiß anzubieten, wenn lettere so viel Wahlmänner durchbringen, daß mit ihrer

Hilfe bie Liberalen ben Sieg einheimsen können.

Zu einem Kompromiß gehören bekanntlich zwei, und wir haben zu unseren Münchener Genossen das feste Vertrauen, daß sie sich niemals zu einem so schmachvollen Kompromis, wie es ihnen unterstellt wird, hergeben werden. Ein solches Kompromiß widerspricht allen Traditionen der Pars

tei, die bisher ihre Stärke und ihre Ehre darin gesucht hat, im Gegensat zu allen Parteien als prinzipien und klassenbewußte Partei in den

Wahlkampf zu treten.

Es ist bisher die erste Forderung aller Parteifongresse gewesen, daß die Parteigenoffen selbstständig in den Wahlkampf eintreten sollen und daß sie sich nicht zu Verbindungen hergeben dürfen, bei der unsere Partei als Anhängsel oder Kampfgenoffe irgend einer anderen Partei

erscheint.

Jm vorliegenden Falle handelt es sich obendrein in München um eine Partei, die bisher sich als die ärgste Feind in unserer zialistengefeges gezeigt hat, um die nationallibes rale Partei, denn der Münchener Liberalismus ist, abgesehen von ganz unerheblichen Bruchtheilen, ausgesprochener gemeiner Nationallibe ralismus. Einer solchen Bartei bei den Landtagswahlen zum Siege vers helfen zu wollen, wäre Parteiverrath, wäre selbst dann Parteivers rath, wenn das nationalliberale Gesindel unseren Genoffen als Gnaden

Bartei, als die eigentliche Geburtshelferin des Sos

brocken ebenfalls ein Mandat anzubieten die Frechheit haben sollte. Bisher haben unsere Genossen, wo immer sie sich an den Landtagss wahlen betheiligten, in Sachsen , in Hessen , in Württemberg , in ben