solgung der berechtigtsten Arbeiterbestrebungen im deutschen Reiche ihren ungestörten Fortgang nimmt. Aber nicht blas die p oliz eilich e Verfol- gung. Mährend die P o l i z e i, heißt eS in diesem Briefe aus Deutschland weiter, eisrigst im Sinne des Herrn von Puttkamer die Streik- bewegung lahm zu legen sucht und mit ihren brutalen Maß- regeln bei den politisch indifferentesten Arbeitern die Milch der frommen Denkungsart in gährend Drachengift verwandelt, sie also mit Gewalt inS sozialdemokratische Lager treibt, streben die U n t e r n e h m e r in den Unfallversicherungsgenoffenschaften darnach, dem letzten Rest von Sym< pathie für die offizielleSozialreform" den GarauS zu machen. Vor einiger Zeit versuchten die Crimmitschauer Fabrikanten von ihren Arbeitern Unterschristen zu erpreffen, wonach sie bei gewiffen Un- fällen keine Unfallentschädigung zu zahlen verpflichtet sein sollen. Ein ganz und gar ungesetzliches Vorgehen von Leuten, die gewöhnlich nur in den Sozialdemokraten die personifizirten GesetzeSvsrächter erblicken. Wer nicht unterschreibe, solle entlassen werden, und solche Fälle sind einge» treten. Die Crimmitschauer Arbeiterschinder werden seinerzeit erfahren, daß die erpreßte Unterschrift ihrer Arbeiter sie von den gesetzlichen UnfaUeistungen nicht befreit. Nach einer andern Richtung versuchen die Unfallversicherungen sich ihre Verpflichtungen dadurch möglichst zu erleichtern, natürlich auf Kosten der Arbeiter, daß sie die Einführung einer Kostentaxe für die Appellation an das Reichsversicherungsamt be« fürworten. Letzterem muß man das Zeugniß ausstellen, daß eS die ungerechten Urtheile auf Entschädigung an Verunglückte auf erfolgte Be« rufung in vielen Fällen aufhob und zu Gunsten der Arbeiter entschied. DaS wurmt die offiziell so sozialreformerisch sich geberdenden Ausbeuter, und sie möchten die Berufung durch Einführung einer möglichst hohen Taxe erschweren. Ferner ist in einer Versammlung von Vertretern der Unfallversicherungen in Köln angeregt worden, eine Art Lehranstalt für solche bei Unfällen Verunglückte zu gründen, die noch im Ge< brauch ihrer gesunden Arme sind, um ihnen die Erlernung einer Hand- fertigkelt zu ermöglichen und den dadurch möglich gemachten Verdienst an der Unfallentschädigung zu sparen. Alle diese Vorschläge zeigen, daß schon jetzt die Unternehmerschaft die ihr durch die neuere Sozialgesetzgebung auferlegten Verpflichtungen herz- lich satt hat. Wie wird's erst werden, wenn noch dieKrönung deS Ge­bäudes", die AlterSpensions- und Jnvalidenkaffe, der Wurm, der nicht zum Leben kommen will, in Kraft tritt? Man darf sich da auf recht nette Dinge gefaßt machen. In der letzten Woche ist endlich die gerichtliche Verfolgung in Sachen der vorjährigen Grünauer Lassalle-Feier zum erst- tnstanzlichen AuStrag gekommen. Sämmtliche Angeklagte wurden verurtheilt, und zwar 10 Mann zu Gefängniß in der Höhe von 2 Monaten bis zu 10 Tagen und 2 Frauen zu 2 und 2 Wochen Ge- fängniß. Der Gerichtshof nahm an, daß sämmtliche Angeklagte wußten oder wissen hätten können, daß die Polizei jene Laffalle-Feier verboten hatte und sonach in jener Maffenzusammenkunft eine Verletzung des sozialistengesetzlich erlassenen Verbots vorliege. Wenn der Gerichtshof zu der Auffassung kam, daß der§ 9 deS Sozialistengesetzes durch die Grünauer Zusammenkunft verletzt wurde, warum bestraft man da nur jene Zwölf und läßt die übrigen Tausende leer ausgehen? Es hätte sich recht nett gemacht, wenn 3- oder 4000 Angeklagte die Anklagebank zierten, aber das Sozialistengesetz wäre alSdann wieder einmal ins rechte Licht gesetzt worden. DaS Letztere geschah übrigens durch einen andern Akt deS Berliner Landgerichts. Im Februar diese« Jahres war der Schriststeller B a a k e und seine Ehefrau unter dem Verdacht, verbotene Schriften vertheilt zu haben, verhaftet worden. Nach achtzigtägiger Unter- suchungshaft wurde kürzlich das Ehepaar au« der Hast entlassen, um laut Entscheidung der Strafkammer des Landgerichts I vom ib. Mai zu erfahren, daß die eingeleitete Untersuchung auf Berufung deS§ lg des Sozialistengesetzes und der§Z 128 und 129 deS Strafgesetzes keinerlei Anhalt für die Einleitung der Strafverfolgung ergeben habe. Die Beiden haben also achzig Tage unschuldig gesessen und von diesen achzig Tage» mußte die hochschwangere Frau Baake drei Wochen in der Ub- thettuug für Syphilitische verbringen!*) Der ganze Vorgang wirft daS schärfste Streiflicht aus unsere Rechtspflege, die in diesem Falle wieder einmal stark an russische Zustände erinnert. Weiter wurden in der verflossenen Woche in Berlin der Schlosser Joh. Starke zu 2 Monaten, der Former Kampfhenkel zu S Wochen Ge­fängniß und des Letzteren Ehefrau zu 30 Mark Geldstrafe wegen der Verbreitung anarchistischer Schriften verurtheilt. Der Einrede der Angeklagten, daß die Schriften ihnen von Unbekannten zu- getragen worden seien(Frau Kampfhenkel behauptete geradezu, ein v e r- kappter Polizist Hab« sie gebracht) schenkte der Gerichtshof keinen Glauben.-- Eine wichtige Entscheidung fällte die sechste Strafkammer des Berliner Landgerichts I. Dieselbe entschied, daß die Einlegung von Schriften in die Korridore nach vorherigem Klingeln nicht als eine Verbreitung an öffentliiben Orten angesehen werden könne. Die erste Instanz �Schöffengericht) hatte anders entschieden. Es handelte sich um Verletzung der in Berlin erlassenen polizeilichen Vorschrift, wonach für die Verbreitung von Druckschristen an öffentlichen Orten die vorherig« polizeiliche Genehmigung nothwendtg fei.-- In Köln und EberSwalde wurden sozialistische Flug­blätter verbreitet und wurden dabei einige der Verbreiter polizeilich dingfest gemacht.--- Nach der Zahl der Haussuchungen zu urtheilen, die seit einigen Wochen die Elberfelder Polizei und Staatsanwalt- f ch a f t in der Expedition der ElberfelderFreien Presse" vornimmt, scheint das Anklagematerial gegen unsere dort schon seit über sechs Wochen verhafteten Genossen sehr dürftig zu sein. Eine solche Haus- suchung fand bisher jede Woche statt. Mit der Dauer der llntersuchungs- Haft korrespondirt die Härte derselben. Um eine Beschwerdeschrift vor Gericht zu unterzeichnen, wurden die Verhafteten geschlossen vor- geführt. Wiederum echt ruffisch.*)-- Die deutschen Buchdruckerprinzipale organisiren sich, um geschlossen den Tarif der Schriftsetzer, der am 1. Oktober 188« ins Leben trat, zu kündigen, selbstredend um einen niedrigeren Tarif einzu- führen. Di« Sehlllfen ihrerseits sammeln Mittel, um gegebenen Falles den angebotenen Kampf mit allem Nachdruck führen zu können. Kommt eS zum Kampf, so darf man auf den Ausgang gespannt sein, aber wie immer die Würfel fallen, die sozialistische Bewegung hat den Vortheil davon. Siegen die Gehülfen, dann erst nach ungeheuren Opfern, die dem Blödesten klar machen werden, daß die Harmonie zwischen Kapital und Arbeit Schwindel ist. Unterliegen die Gehülfen, so wird diese Er- kenntniß ihnen noch eindringlicher gepredigt. Vielleicht kommt die Ma- jorität der Gehülfen in diesem Kampf auch zur Einsicht, daß faule Köpfe ä la Richard Härtel (der Redakteur des GehülsenorganSEorrespon- dent und früher ein großer Sozialdemokrat) an der Spitze d-S Ver­bands vom Uebel sind. Mit Ducken und Kriechen vor Oben erreichen die Arbeiter nichts. ä. - Biel Jrrthum und ein Künkchen Wahrheit. DieReue Zürcher Zeitung", die nach langem Zögern endlich auch in der« u S- weifungsfrageihr Herz entveckt", oder richtiger w i e d e r g e- f u n d e n hat-S war ihr anfangs au» Schreck über die Wirkung ihrer Hetzereien irgend wohin verloren gegangen beschäftigte sich jüngst in einem ArtikelDie Schweiz und die sozialistische Propaganda", mit der Widerlegung des Vorwurfs, die Schweiz sei, weil sie unsere vier Genossen ausgewiesen, ihres Ursprungs unwürdig ge- worden, nicht mehr ein Hort der Freiheit, wie zu der Bäter Zeiten. SS verlohnt sich, auf diesen Artikel mit einigen Worten einzugehen. Ein Grundirrthum ist es", schreibt das Organ der Zürcher Liberal- Konservativen,anzunehmen, al» ob die Männer aus dem Rütli und *) WaS meint« wohl der schweizerlsch« BundeSrath, wenn wir gegen solche Zuständeaufreizten" und gegen die elenden Beamten, welche diese skandalösen Vorgänge veranlaßt haben, einebeleidigende Sprache" führten? Und würden die unteren Beamten solche Nichts- Würdigkeiten wagen, wenn sie nicht der Straflosigkeit, ja der Belohnung von Obe n sicher wären?«ed. d.S.-D."

die Gründer unserer politischen Freiheit Überhaupt politisch« Schwärmer gewesen, die sich mit großen welterlösenden Plänen ge- tragen. Es waren vielmehr äußerst ruhige und praktische Leute, die nur daS Nächstliegende, Erreichbare im Auge hatten und die auch von einem gesunden Egoismus beseelt waren. Sie wollten nicht« Neues gründen, sie wollten nur das neue Joch, das ihnen Oesterreich auferlegen wollte, nicht ertragen, sie wollten bleiben, was sie bisher waren, freie Glieder dei Reichs und nur dem Kaiser unterthan. Dem Kaiser bleibe, wa« de» Kaisers ist, wer einen Herrn hat, dien' ihm pflichtgemäß." Die Männer im Rütli gründeten ihren Bund, um das Neue abzu- wehren und das Alte festzuhalten. Und dies gelang ihnen und mit der Zeit noch mehr. Der Bund erweitert- sich, aber erst nach heftigen Kämpfen, nicht blos gegen die äußeren Feinde, sondern auch der einzel- nen Glieder unter sich, von denen die Einen in engen Grenzen sich halten wollten und sich darum mit aller Entschiedenheit gegen die AuS- dehnung des Bunde » wehrten. So wenig war den alten Schweizern die Idee der demokrattsch-republikanischen Propaganda zu eigen. Und diejenigen, welche die Erweiterung de» Bundes durchsetzten und ihr eigenes Gebiet vergrößerten, dachten wahrlich einzig nur an den Machtzuwachs, der dadurch der Eigenossenschaft und den herrschenden Geschlechtern zufiel, keineswegs aber an eine Ausdehnung des Rechts der Selbstbestimmung auf die neu ge- wonnenen Landschaften. Man mag e« bedauern, daß unsere Altvordern des demokratischen Bewußtseins mangelten. Sie uns also in dieser Hinsicht al» Ideal hinstellen, von dem wir abgewichen feien, daS ist geradezu widersinnig." Bis hierher ganz richtig, und eS wäre nur zu wünschen, daß man auch anderwärts, z. B. bei Festreden, der historischen Wahrheit gegenüber der Legende zu ihrem Rechte zu verhelfen und diese letztere nicht blos da zerstören wollte, wo fie der Redaktion unbequem ist, sondern auch da, wo sie von ihr heute noch mißbraucht wird. Die Gründer der Eidgenossenschaft waren durchaus keine Schiller 'schen Schwärmer, sondern recht nüchterne Realpolitiker, wie man heute sagen würde. Aber damit, mit diesem Fünkchen Wahr- heit, ist auch die Weisheit derNeuen Zürcher Zeitung " erschöpft, die Anwendung, die sie aus ihm zieht, ist total versthlt. Es ist nämlich keinem vernünftigen Menschen eingefallen, die Männer auf dem Rütli als demokratische Republikaner im modemen Sinne deS Wortes hinzustellen. Wo auf sie exemplifizirt wurde, geschah eS mit Beziehung auf ihren Widerstand gegen entwürdigende Zumuthungen von nichtschweizerischer Seite. Hier ist der entscheidende Punkt, um den dieNeue Zürcher Zeitung " trotz aller historischen Seitensprünge nicht herumkommt. Die Gegenstände, um die es sich zu den verschiedenen Zellen gehandelt, sind Nebensache, Hauptsache ist: wie wurde die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft gewahrt? Und solange dieNeue Zürcher Zeitung " den Nachweis schuldig bleibt, daß die Ausweisung nicht auf Verlangen der deutschen Reichsregierung und nicht im Widerspruche mit der h- u t e in der Schweiz herrschen- den republikanischen Prinzipien erfolgt sei, solange hilft ihr der Hinweis aus dengesunden EgoiSmuS" der Urschweizer keinen Deut. Der Egoismus, der zur Aufgabe der errungenen Selbst- st ä n d i g k e i t führt, ist eben kein gesunder Egoismus. Welcher Art die Motive waren, denen die Eidgenossenschaft ursprüng- lich ihre Entstehung verdankt, ist unwesentlich gegenüber der Thatsache, daß die Unabhängigkeit der Eidgenossenschast auf dem Wege der Rebellion, des Aufstandes gegen despotisch« Unterdrückung errungen wurde. AuS ihr hat das Schweizervolk feit Jahrhunderten die moralische Kraft, die Begeisterung gesogen, deren es bedurfte, die Eidgenossenschaft aufrecht zu erhalten und zu einem wirklich freien Gemeinwesen umzugestalten. Ohne diese Freiheitstradition wäre sie längst zerfallen. Zerfallen an dem, was dieNeue Zürcher Zeitung " dengesunden Egoismus" der Urschweizer nennt. Solange die bevorrechteten Geschlechter die natür« lichen und anerkannten Vertreter der Nation waren, konnte ihr Klassen- egoismus ein Faktor der nationalen Freiheit werden. Seitdem das auf- gehört hat, seitdem daS Volk die Herrschait der Geschlechter abgeschüttelt, ist das Umgekehrte der Fall. Der EgoiSmuS der Besitzenden und den hat ja doch dieNeue Zürcher Zellung" im Auge ist die größte Gefahr für dt« Unabhängigkeit der Völker. Welche Rolle er aber in der AuSweisungSfrage gespielt, da- rüber ein andermal. Worte eines Republikaners. Auch in unferm Blatt mögen die trefflichen Worte eine Stätte finden, welche der Landamann B l u, mer von Glarus jüngst in seiner Eröffnungsrede an der Glarner Landsgemeinde gesprochen. Sie enthalten einen nicht mißzuverstehenden Protest gegen die Tendenz, die Schweiz zum Handlanger der Polizeistaaten herabzuwürdigen.Es wird den Bund der Eidgenossen", sagte Herr Blumer,nicht schwächin, sondern mächtig fördern, wenn sich die Gesetzgebung in der Eidgenossenschaft in einer ähnlichen Richtung bewegt, wie in unferm kantonalen Gemeinwesen, wenn ebenfalls die Sorge für diejenigen, welche die Hülfe zumeist be- dürfen, in vorderste Linie gestellt wird, und wenn derselbe U n a b- hängigkeitSsinn herrscht, wie er in unserm Landsgemeindekanton Gott sei Dank noch unversehrt erhalten worden ist. Wenn wir den schönsten und werthvollsten Schmuck unsereSLandes, die Prinzipien eines freien republikanischen, nicht mehr rein zu erhalten wagen würden, so hätte unser Staat keine Existenz- berechtigung mehr, rasch müßte sein Niedergang, sein Zerfall eintreten, wie denn noch alle Republiken ruhmlos zu Grunde gegangen sind, in welchen der stolze repu- blikanifche Geist bei Volk und Behörden geschwächt oder erstorben war. In einer Zeit, wo allerorts die Reaktion ihr Haupt wieder erhebt, gilt es mehr als je, den freisinnigen Traditionen unsere» Landes, den Grundsätzen der Ver- fassung treu zu bleiben, die Ausdehnung der Gesetzgebung zu Gunsten der tieferen Volksschichten zu fördern und die Fahne ächt eid- genösfischer Gesinnung unentwegt hoch zu halten. Dann wird unser kleines Land«in geachtetes, freies und glückliches Land bleiben, daS die geschichtliche Aufgabe, die ihm beschieden, ehrenvoll erfüllen wird." Bravo . Und diese Worte haben in einer demokratischen Republik einen wirklichen Sinn, denn es sind keine Versprechungen, die hinterher nicht gehalten werden, sondern Aufforderungen zur That. Eine gute Dressur haben die deutschen Staatsanwälte das muß man ihnen zur Ehre nachsagen. Unter Bonaparte dem Kleinen wurde auch drüben in Frankreich Großes in der Dressur der Staatsanwälte geleistet allein, sei es nun daS lebendige französisch- Naturell, welches im Wege stand, oder was sonst für ein Grund es gewesen sein mag genug, dann und wann hieb irgend ein Prokureur über die Schnur, die schöne mechanisch�militärische Uniformität des Den- kenS und Handelns war gestört, und der Effekt ging verloren. Wie ganz anders bei uns im Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte! Welche großartige Leistungen I Der Z i r k u s R e n z ist in Schatten gestellt. Das best duffirte Schulpferd reicht nicht entfernt an unsere Staats» anwälte heran. Wir loben nicht ohne Grund. Wir haben auch das gute Sprüchwort wohl im Gedächtniß:Man darf den Tag nicht vor dem Abend loben." Unsere Staatsanwälte sind kein« bloßen Paradepferde, die auf dem Ex er» z i e r p l a tz ihr- Sache vortrefflich machen, dann aber im Feuer den Kopf verlieren und dressurwidrige Seitensprünge machen. Sie haben die Probe bestanden. Und waS für eine Probe! Als der fatale Zwischenfall, daß der alte Wilhelm gegen alle Verabredung etwa» zu früh starb, das programmwidrig« Interregnum herbeigeführt hatte, und al» der Haus« meier mit seinen Myrmidonen denKamps umS Dasein" gegen seinen rebellisch gewordenen Souverän beginnen mußte, und die gesammte, den Befehlen des Hausmeier» unterstehende Reptilien- und Kartellpresse von direkten und indirekten Majestätsbeleidigungen strotzte da war der große Moment gekommen. Da hatte die Dressur ihr« Feuerprobe zu bestehen. Sollten die Staatsanwälte, dem Gebote der juristischen Pflicht folgend, zugreifen und die Majestätsbeleidiger hinter Schloß und Riegel bringen? Oder sollten sie, dem Gebot der politischen Pflicht folgend, die juristischen Augen zudrücken und, nach der erhabenen Regel: der Zweck heiligt daS Mittel, die Berechtigung, die Heilsamkett, ja die Heilig- kett dieser staatsmännischen und staatsr-ttend-n Mai-stätsbeleidigiingen anerkennen und die Flulh der Majestätslekeidigungen sich ungehemmt weiter ergießen lassen?

DaS war die Frage. Und stehe da! Mit Ausnahme eines einzigen, offenbar fortschrittlich angekränkelten Staatsanwalts in Wittenberg oder Mittenberg, der so philisterhast und unstaatsmännisch war, der trockenen juristischen Pflicht den Vorrang einzuräumen, hat nicht ein einziger deutscher Staat»- anwalt sich nicht aus der Höhe der Situation gezeigt.DaS Wohl deS Reich» ist daS oberste Gesetz" dachten dies« antik römi- schen Charaktere das Wohl d«S Reichs aber ist das Wohl deS großen Manne», der das Reich g e s ch a f f« n hat; und wenn das Wohl de» großen Manne», d. h. feine Stellung als Hausmeier der Hohenzollern , in Frage kommt, dann haben die saftigsten Majeftätsbelei digungen und prasselten sie wie ein Hagelwetter hernieder, nicht das Mindeste zu bedeuten. ER hat es so gewollt, SEIN Wille und SEIN Wohl sind das oberste Gesetz! Und wie gesagt, nur«in einziger Staatsanwalt, der die Probe nicht bestand. Welcher Triumph der Dressur! Hänge Dich, Renz, mit Dein« Vierfüßlern hast Du solche Rssultate auch nicht annähernd erreicht! Und o Triumph des Triumphs! o Bravster der Braven! Jetzt erfahren wir die wundersame Mähr, daß ein Staatsanwalt das Kunststück fertig gebracht hat, einen MajestätsbeleidigungSprozeß gegen ein Oppositionsblatt anzustrengen, das die polizeiwidrige Naivität gehabt, die Nicht anstrengung von Majestätsbeleidigungsprozessen ver- wunderlich zu finden. Um seine Verwunderung zu erklären, hatte der betreffende Zeitungsredakteur einen der Majestätsbeleidigungs-Srtikel abgedruckt. Für diesen Abdruck hat er nun sich selbst al» Majestät»- beleidiger zu verantworten, denn die hochpolittschen Gründe, welche dem Hausmeier und seinen Leuten die Majefiätsbeleidigungen erlauben, ja zur staatsmännisch. patriotischen Pflicht machen, sind für einen staat». feindlichen Oppositionsmann natürlich nicht vorhanden. Und außer« dem hat der Mann noch eine Anklage wegen Bismarckbeleidigung, Be- amtenbeleidigung(weil er sich gewundert, daß der von ihm abgedruckte Artikel keinen Staatsanwalt zu einer Anklage bewogen hat) und der Himmel weiß, wegen noch wie viel anderer Beleidigungen und sonstige» Delikte erhalten. Und da sage man noch, daß unsere Staatsanwälte keinschneidige»' Pflichtgefühl hätten und auch, unter Umständen, nicht dann und man» einmal einen guten Witz auf Kommando zu machm verstände» Zum Schluß ein Wort: Wa» wir hier erzählt, ist keine Schnurre Es entspricht aufs Genaueste den T h a t f a ch e n. Das Opposition»- blatt, an welchem die staatsanwaltschastliche Dressur ihr höchstes Meister- stück geleistet hat, ist dieNeuruppiner Zeitung", erscheinend in Neu- ruppin.(Inzwischen ist noch gegen mehrere Opposittonsblätter, die den- selben Artikel abgedruckt, das Strafverfahren eingeleitet worden, so daß wir demnächst das Schauspiel eines Wolkenbruchs von Majestät»- beleidigungsprozessen erleben könnten, dem die oppositionellen Tadlet der Majestätsbeleidigungen zum Opfer fallen. Es fehlte das blo» noch, um auch den Blödsichtigsten oeulog zu demonstriren, wie vollständig in Deutschland all« R-chtsb-griff- aus den Kopf gestellt worden sind und zwar von unserer lieben Justiz. Den schweizerischen Bismarck- Anbetern empsehlen wir, sich die Sache etwas genauer anzusehen. Red. de»S.ffv.")

Fortschritte ans dem Gebiete derRechtspflege". Ma« fen: g hat in letzter Zeit eine nicht unbedeutendeBe-

schreibt uns aus Sachsen Die Stadt Leipzi

rühmtheit" durch ihre Sozialisten-, Landesverraths- und Anarchisten- Prozesse erlangt, worin sie sämmtliche andere Städte überflügelt hat. In erster Linie sorgt da« Reichsgericht durch seinebrillanten" Gesetz- und Rechtsauslegungen schon mehr al» reichlich dafür, daß Leipzig in der Weltgeschichte einen unvergänglichen Ruhm und Namen habe» wird; und wenn einstens TiberiuS , welcher stets das Gegenthsil von dem sagte, waS er dachte, vergessen sein wird, so wird das Reichs' gericht noch im Munde der Menschen leben und Erinnerungen a» Deutschlands tiefste Schmach und Verkommenheit wachrufen. Nächst dem Reichsgericht gebührt Staatsanwalt Häntzschel, mit dem Jhring-Mahlows-Orden, die Palme aus dem Gebiete derRecht» pflege". Dieser Mann führt jeden Sozialistenprozeß au» Neigung. O« dabei seine Ferien verloren gehen oder nicht, ist ihm gleich, wenn er nu> dieleBande" verkrachen kann. Bei der Untersuchung legt er eine Roh heit an den Tag, um die ein russischer Nntersuch-masrichter ihn beneide» könnte. Wer noch nicht unversöhnlicher Sozialist ist, wird e» durch die Behandlung des Staatsanwalt» Häntzschel. Bei dem geringste» Vergehen gegen das Sozialistengesetz wird Untersuchungshast verhängt Bei jedem Prozesse tritt, auf Befehl, der Polizeidiener Förstenberl al» Zeug« auf und beschwört:daß der Angeklagte zu den hervor ragendsten Agitatoren gehört." Kein Untersuchungigefangener wir> nach der Verhandlung enttassen, während in Berlin da» sogenannt« Zentralkomite schon vor der Verhandlung auf freiem Fuß gelass« wurde. Die Stttlichkeitsverbrecher Straßberger ui>> Richter, welche 2'/, Jahre Zuchthaus bekamen, wurden g> Kaution auf freiem Fuße gelassen und einer konnte in Folge' ausrücken. Gegewärttg sitzen wieder 26 Familienväter zwei Monaten in Untersuchung, weil sie ein F l u g b l a t t ver breiteten, oder verbreitet haben sollen. Die Aufsichtiräth» de> Leipziger Kreditbank dagegen, welche den Millionendiebe» Jerusalem und Wtnkelmann zur Flucht verhalfen, könn» heute noch vergnügt in Auerbachs-Keller bei Austern und Champagn» sitzen. Solche Verbrecher werden nicht in Untersuchungshaft genomme» obgleich sie eingestandenermaßen drei Tage lang den Diebstahl ver schwiegen, und dadurch erwiesenermaßen die glückliche Flucht ermögli� haben. Hätte aber ein Arbeiter, wie seiner Zelt Genosse Schuh mann, der auch bei der Verhandlung freigesprochen wurde, eine» Freund ein Packet mittragen helfen, der Arbeiter würde sofort ver haftet und nach Umständen ein Vierteljahr in Untersuchung behalt» werden. Aber Aussichtsräthe, die zum Theil Freunde dei Her» Häntzschel sind solche Verbrecher werden nicht verhaftet. Während in Berlin die Mitglieder dei sogenannten Zentralkomit zwei bi» drei Monate Strafe erhielten, bekommen in Leipzi! Genoffen wegen einfacher Verbreitung von Schriften acht bi»>eh> Monate Gefängniß. Kurzum, himmelschreiende Urtheile, welch« de» ....-n empören müssen. Zn Berlin weist man seit einem Jahre fast Niemanden mep aus, wenn er sozialisteng-s-tzlich verurtheilt ist. Dagegen in Leipzi Jeden, auch wenn er blos 14 Tage Strafe erhalten hat. In Berlik hat man wahrgenommen, daß Ausweisungen nur schaden; in Leipzi ist man natürlich derartigen Gedanken nicht zugänglich. Leipzig weis zehnmal mehr aus als Berlin. -- Im Bunde der Dritte ist die Polizei, welche kein andere» Blatt' Leipzig duldet als denS o z i a l d e m o k r a t". Wird in Leipzig d Blatt herausgegeben, wie das in Berlin seit 10 Jahren ohne Vor! geschehen ist, so wird es sofort verboten. Kein Wunder, daß vo! Sozialdemokrat", nach Angabe der Regierung, 1000 Exemplar in Leipzig allein gelesen werden. DaS ist, wieder nach Angabe Regierung, ein Zwölftel der g-sammten Auflage. Und da» Gleiche wir! wohl auch von den übrigen verbotemn Schriften gelten. Vergegenwärttgt man sich dieses ganze Treiben, so könnte man fa? zu dem Schlüsse kommen, die Leipziger Gerichte, Polizei und Sil anwälte seien geheime Sozialisten, welche mit aller Ge> Haß und Rache einerseits, Abscheu und Ekel bei allen anständigen Menschen and«rseitS hervorrufen wollen, damit sie mit dl so Gemißhandelten sympathisiren und schließlich sich der Partd anschließen. Viele Gegner sind empört über die maßlosen Be» urtheilungen der Sozialisten, und viele lassen ihnen in Folge dess» Unterstützungen zu Theil werden, wa» früher nicht geschah. Herr Häntzschel will, nach eigenem Geständniß, den Herren i< Zürich einen Damm entgegensetzen; fortwährend baut» mühsam seinen Damm auf, und fortwährend wird der HSntzschel'sih Damm durch die Sozialistenfluth wieder weggespült. Wie lang« wird» sich noch dem edlen Gedanken hingeben: die Sozialisten zu vernichten Mtt jedem neuen Prozesse steigt die Abonn-nt-nzahl de»Sozialdeml krat", und die Unterstützungen fließen reichlicher. Herr Häntzsch»> dafür besten Dank!" Die» die Korrespondenz. Der Verfasser kennt Herrn Häntzschel seh genau, und wa» er schreibt, ist die Wahrheit.«Aber warum so persö» lich sein?" Je nun, weil man den polttrschen Kamps nicht führen kan« ohne die P e r s o n e n der Feinde, die un» persönlich angreife» auch persönlich amKragen zupacken und papjftnttch zu züchtige» Aber nur nicht diese heftig« Sprache l"