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An die

Kommission

a.21

Kreisgewerkschaft

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2. Jahrgang.

Fischern.

Lastenstr.87.

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Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei

in der tschechoslowakischen Republit.

Donnerstag, 31. August 1922.

Arbeiter und Arbeiterinnen!

In den leßten Tagen haben Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit eine beängstigende Ausdehnung angenommen. Tausende Arbeiter müssen Kurzarbeit leisten, sehen sich in ihrer Lebens haltung bedroht, tausende anderer find völlig arbeitslos und dadurch furchtbarster Not und grauenvollem Elend preisgegeben. Die Hände, die arbeiten wollen, müssen feiern, Familienväter stehen hoffnungslos dem Hunger und Elend ihrer Frauen und Kinder gegenüber.

In diesen jammervollen Tagen erfährt die Arbeiterklasse wieder einmal an ihrem traurigen Los, daß die kapitalistische Gesellschaftsord­nung ständige Unsicherheit in das Leben des arbeitenden Menschen bringt, ihn immer und immer wieder der Gefahr der Arbeitslosigkeit ausseßt, Hunger und Elend ständige Gäste in den Arbeiterfamilien find.

Die kapitalistische Organisation der Gütererzeugung und Verteilung führt mit Naturnot wendigkeit zu Ueberproduktion und Krise. Die entfeßliche Notlage jedoch, in die die Welt nach dem Kriege geraten ist, die alle unsere früheren Vorstellungen von wirtschaftlichem Elend über­steigt, ist die Folge der verbrecherischen Politit der Sieger" im Weltkriege. Sie haben Deutschland so unerhört große Lasten aufgebürdet, daß sich dieses große Reich immer mehr einer wirtschaftlichen Ratastrophe nähert, die auch seine Nachbarländer mit in den Abgrund zieht. Die Sieger" haben an der Südg renze dieses Staates, in Oesterreich , ein zweites lebensunfähiges Gebilde geschaffen, das gleich­falls ein Herd schwerer wirtschaftlicher Gefahren für ganz Mitteleuropa geworden ist. Die rege wirtschaftliche Berbindung mit diesen beiden Staaten, in die 1921 70 Prozent unserer Ausfuhr gingen und aus denen 55 Prozent unserer Ein fuhr tamen, macht das Schicksal Deutschlands und Desterreichs fast zu unserem Schicksal. Ihr wirtschaftliches Emporblühen wäre uns zum Segen, ihr wirtschaftlicher Niedergang wird uns zum Verhängnis. Der Wertverfall der Währungen dieser beiden Länder raubt unserer Industrie die Absatzgebiete und macht sie konkurrenzunfähig auf dem Weltmarkte. Unsere Industrie ist von der Gefahr des Zusammenschrumpfens, einzelne ihrer Zweige von der Vernichtung bedroht.

An dieser Entwicklung tragen alle Regierungen, die dieser Staat seit seinem Beste hen hatte, ihr gerüttelt Maß von Mitschuld. Sie haben die unheilvolle Politit, die das imperialistische Frankreich Deutschland gegenüber betreibt, eifrig unterstüßt, sie haben die Zustände mitgeschaffen, unter denen Europa leidet und durch die Europas Wirtschaft und Kultur in ihrem Bestande bedroht find. In diesen Wochen, da Maffenentlassungen vorgenommen werden, sich die völlige Stodung des Geschäftsganges in unerhörtem Umfange vollzieht, befißt die Tschecho­slowakische Republit eine im Zustande der Demission befindliche Regierung, die nicht den Willen und die Kraft hat, irgend etwas zu tun, um die Folgen der Wirtschaftskrise für die Arbeiterschaft auch nur im geringsten zu mildern.

Wir klagen die Regierung an, daß sie leichtfertig und bedenkenlos, untätig und ohnmächtig seit Monaten der katastrophalen Entwicklung der Industriekrise zusicht.

Die Gesamtvertretung der deutschen Arbeiterschaft und auch die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterschaft aller Nationen haben fie auf den Ernst der Lage längst genügend aufmerksam gemacht und positive Borschläge erstattet, wie die stets wachsende, unheimliche Aus­behnung gewinnende Arbeitslosigkeit einzudämmen wäre.

Die Regierung sieht dem Treiben des Banklapitals und der hemmungslosen Spekulation ruhig und gleichmütig zu, sieht zu, wie die tschechoslowakische Krone auf den Börsen des In- und Auslandes über ihren inneren Wert hinaufgetrieben wird, wodurch sich die Spekulanten und Schieber aller Länder bereichern.

Die Regierung steht vollständig unter dem Diktat der Bankkapitalisten.

Die Arbeiterklasse würde das Steigen der Krone begrüßen,

wenn die Preise der notwendigsten Lebensmittel und Gebrauchsartikel entsprechend sinken würden. Aber trotzdem die tschechoslowakische Krone seit dreiviertel Jahren um das Dreifache in ihrem Werte gestiegen ist, sind die Preise die­selben geblieben.

In dieser für die Arbeiterklasse unheilvollen Lage

denken die besitzenden Klassen auf dem Lande in ihrer hemmungslosen Profitgier daran, den arbeitenden Menschen den Brotkorb noch höher zu hängen,

indem sie die Lebensmittel des Arbeiters mit Hochschutzöllen belasten wollen. Die Regierung Benesch kann nicht sterben und eine neue Re­gierung kann nicht zur Welt kommen, weil die Agrarier als Bedingung für ihre Mitarbeit im Staate, als Lohn für ihren sauberen ,, Patriotismus" hohe Getreidezölle fordern. Die Arbeiter mögen zugrunde gehen, wenn nur Großgrundbesitzer und Großagrarier noch fettere Profite machen, als sie es aus dem Kriege und der Nachkriegszeit gewohnt sind..

Die Geduld der Arbeitermassen wird auf eine harte Probe gestellt. Die drohenden Verzweiflungsaus. brüche der Arbeitslosen will die Regierung mit einigen unverbindlichen Redensarten bannen.

Die Klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft verlangt von der Regierung, daß diese

sofort Maßnahmen trifft, um das Los der Arbeitenden und der Arbeitslosen zu bessern.

Sie verlangt vor allem die

fofortige Einberufung des Barlaments

Im Augenblicke der höchsten Not der arbeitenden Menschen darf die Volksvertretung nicht schweigen. Es ist ihre Aufgabe, fich der Obfer der Wirtschaftskrise anzunehmen und

außerordentliche Kredite zur Unterstüßung aller Arbeitslojen

zu bewilligen. Ungesäumt müssen staatliche Not standsarbeiten vollführt werden, um einem Teil der Arbeitslosen Brot und Arbeit zu geben. Die Regierung muß die ungeheuren Machtmittel, die sie besitzt, zu einem energischen Druck auf alle Produzenten und Händlerkreise, von der Großzindustrie und der Landwirtschaft angefangen, ausüben, damit sich endlich der

Preisabbau

in beschleunigtem Tempo, für die arbeitende Bevölkerung fühlbar, vollzicht.

Wir verlangen die Durchführung des Baucs der im Budget für das laufende Jahr vorgesehenen öffentlichen Gebäude und aller anderen vorgesehenen Investitionsarbeiten. Durch eine Wohnbaufteuer sollen die Mittel geschaffen werden, um private Wohnhäuser zu errichten, wodurch der Arbeitslosigkeit und zugleich der drückenden Wohnungsnot Einhalt getan werden könnte. Im Interesse der Beschäftigung der industriellen Arbeiter stellen wir die Forderung nach Aufhebung der Kohlensteuer, Serabseßung der Frachttarife, nach Berbot der Ueberstunden und Sonntagsarbeit und die Schaffung eines Gefeßes, das unbegründete und willkürliche Betriebseinschränkungen und Einstellungen verhindert. Mit allen unseren Nachbarstaaten sind Wirtschaftsverträge abzu­schließen, um den Absaß unserer Industrieartikel zu erleichtern. Vor allem aber müßte die auswärtige Politik dieses Staates dazu dienen, im Ver­ein mit anderen Ländern dem mörderischen französischen Imperialismus einen Damm entgegenzustellen, weil sonst Deutschland und Desterreich von völliger Vernichtung bedroht sind, was auch eine furchtbare Gefahr für die wirtschaftliche Existenz der Bevölkerung der Zschechoslowakischen Republik wäre.

Zum Kampf um diese Forderungen rufen wir Euch, Arbeiterinnen und Arbeiter, auf!

Zeiget den herrschenden Klassen und Machthabern dieses Staates in großen Versammlungen und Kund. gebungen, daß Ihr nicht gleichgültig Eurem Schicksal gegenübersteht, daß noch die alte Kraft und Leidenschaft in Euch lebt, die Euch bisher von Sieg zu Sieg geführt hat.

Der Parteivorstand der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der tschechoslowakischen Republit.

Bezugs Bedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich.. 16.­pierteljährlich, 48. 48.­halbjährig. 96.­ganzjährig." 192.­

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Rüdtellung

von Manustripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarten.

Erscheint mit Ausnahme Des Montag täglich früh.

Nr. 204.

Kleine Entente und

Demokratie.

Das Zentralorgan der tschechoslowakischen Sozialdemokratie hat sich vor einigen Tagen in einem wie wir gerne zugeben- sach­lichen Artikel mit der Stellung der deutschen Sozialdemokratie zur Kleinen Entente befaßt. Die Gegenfäße, die zwischen der deutschen und der tschechischen Sozialdemokratie in den Fra­gen der auswärtigen Politik, die in den leẞ­ten Tagen erhöhte Aktualität gewonnen hat, bestehen, sind so groß, daß es, wie das Blatt schreibt, einer eingehenden Auseinandersetzung bedarf. Diese Auseinanderseßung wird vom " Pravo Lidu" dadurch erleichtert, daß sich das Blatt vollständig hinter die Politik des auss wärtigen Amtes der Tschechoslowakei stellt- ja, es betont jogar, daß die Politik Beness von der tschechischen Sozialdemokratie von allem Anfang an sehr offen und entschiedener als durch die bürgerlichen Parteien unter­stüßt" wurde. Es ist also nicht notwendig, gegen irgendwelche Reden oder Artifel in Ver­sammlungen oder in der Presse der tschechi­fchen Sozialdemokratie zu polemisieren. In­dem man die auswärtige Politit der Tschechoslowakei fritisiert, fritisiert man auch die auswär­tige Politik der tschechischen So. zialdemokratie.

Das Hauptblatt der tschechischen Sozial­demokratie gibt selbst zu, daß sich die aus­wärtige Politik der Tschechoslowakei in nichts anderem besser darstellt, als in der Schaffung und Fortbildung der sogenannten Kleinen Entente , des politischen und militärischen Bündnisses zwischen der Tschechoslowakei , Ju­ goslawien und Rumänien . Dieses Bündnis wird nun sehr sonderbarerweise von der tsche­chischen Sozialdemokratie als ein Bollwerf der mitteleuropäischen Demokratie" hingestellt. Demgegenüber müssen wir auf die auffällige Tatsache Hinweisen, daß wir unter den Stüßen der mitteleuropäischen Demokratie Deutsch­ land und Desterreich, die doch auch demokra­tische Staaten sind und in Mitteleuropa liegen, vermissen. Ja, wir glauben sogar, daß sowohl Deutschland als auch Desterreich sich als demo­fratische Staaten mit dem Bojarenstaat Ru mänien und dem Polizeistaat Jugoslawien sehr wohl messen können. Wie will man die Demokratie in Mitteleuropa stüßen, wenn man Deutschland und Desterreich ganz außer acht läßt, ja wenn die Kleine Entente eine Politik betreibt, die zumindest nicht immer von den freundschaftlichsten Gefühlen für die beiden genannten Staaten erfüllt ist. Das Pravo Lidu" fühlt ja selbst, daß es mit der Demokratie Jugoslawiens und Rumäniens nicht weit her ist, indem es schreibt, daß das innerpolitische Regime Jugoslawiens und Ru­ mäniens sehr viel Schattenseiten" hat. An­gesichts des völlig reaktionären Regimes der beiden Bundesgenossen der Tschechoslowakei , wo doch die Wahlen in Rumänien vor kurzer Zeit gezeigt haben, daß man dort mit allen Mitteln der Gewalt die Gesinnung der Bevöl­ferung forrigiert und in Jugoslawien Stroa­ten, Sozialisten und Kommunisten gewaltsam unterbrüdt werden, spricht die Meinung des Bravo Bidu", daß das Regime Jugoslawiens und Rumäniens Schattenseiten" aufweise, von einer staatsmännischen Mäßigung in der Beurteilung der Reaktion, wie es in der inter­nationalen Sozialdemokratie bisher nicht üb­lich war. Da geben wir dem Pravo Lidu" schon eher recht, wenn es behauptet, daß die Politik der Kleinen Entente von jenen Sträf­ten bestimmt wird, die auch bei der Schaffung der tschechoslowakischen Republik am Werke waren.

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Welche Kräfte das waren, brauchen wir weder unseren Genossen noch dem Zentral­organ der tschechischen Sozialdemokratie aus­einanderzusehen. Die tschechoslowakische Re­publik ist eine Schöpfung des Gewaltfriedens von Versailles , dessen Durchführung mit De­mokratie wahrhaftig wenig zu tun hat. Wie aus den Schriften und Denkwürdigkeiten der­jenigen hervorgeht, die als handelnde Perso­nen an den Friedensschlüssen von Versailles