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3. Jahrgang.

Sozialdemokrat

Zentralorgan ber Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der tschechoslowalischen Republit.

Die Gedankenlosen.

Sonntag, 17. Juni 1923.

Nightbefolgung des Kohlenlieferungsbefehls:

Habt ihr, die ihr auf der Sonnenseite des Lebens geboren seid, euch schon jemals ge­fragt, wie das Dasein der Arbeiter beschaffen ist? Ihr Angehörigen der Jeunesse dorée, der ist? Ihr Angehörigen der jeneusse doré, der goldenen Jugend des besitzenden Bürgertums, denen der Geldjack eueres Papas eine sorg­fältige Erziehung ermöglichte, der Wärme und Wohlbehagen um euch schuf und es be­wirkte, daß alle Fährnisse, Sorgen und Bit­ternisse von euch ferngehalten wurden was wißt ihr von dem Leben und der Arbeit euerer Altersgenossen, die minder wohlbestallte Väter haben und die, um des Lebens Notdurft zu stillen, frühzeitig aus dem Hause in die Fabrik und Werkstatt mußten? Und ihr wohlgesetzten, satten Bürger, die ihr des morgens im be­haglichen Heim beim duftenden Kaffee aus dem Kursblatt erfährt, um wieviel sich euer Besiz, ohne daß ihr mitunter eine Hand zu rühren braucht, wieder vermehrt hat habt ihr schon jemals Sorge getragen, zu erfahren, wie es um das häusliche Leben derer bestellt ist, die euch alle Werte, alles Wohlbehagen schaffen, wieviel dieses Leben an Sonne, Da­seinsfreude, an Wert, es zu leben, bietet? Man könnte eine Wette darüber eingehen, daß ihr über das Leben etwa der Eskimos oder der Eingeborenen Innerafrifas mehr wißt, als über das euerer eigenen Arbeiter. Und ihr Angehörigen der gebildeten Stände, die ihr das Höchste und Feinste der menschlichen Kultur darzustellen glaubt, wie viele von euch haben ſich je ſchon die Mühe genommen, die Gute Hoffnung- Mitte ruhen zu leffen. Die berechtigt teilnimmt.

25 Jahre Gefängnis unb 1,371.000.000.000 Mart Geidstraße. Essen, 16. Juni. ( Wolff.) Im Anschluß an die gestrigen Verhandlungen vor dem hie sigen franzöſiſchen Kriegsgericht gegen eine Reihe von Zechendirektoren, wurden heute ebenfalls wegen Nichtbefolgung der Verordnung Nr. 33( Stohlenlieferungsbefehl verurteilt: Generaldirektor Hein von der Gewerkschaft Langenhahn zu 5 Jahren Ge fängnis und 3.6 Millionen Frant, also rund 24 Milliarden Mark Geldstrafe, Berg­werksdirektor Heinrichs von der Gewerkschaft Zollverein in Raternberg zu 5 Jahren Gefängnis und 62 Millionen Frant, das ist 430 Milliarden Mark Geldstrafe, Generaldirektor Dr. Winkhaus vom Kiln- Renessener Bergwerkverein in Altessen zu 5 Jahren Gefängnis und ebenfalls 62 Millionen Frank Geldstrafe, Bergwerks director Niegisch von der Getverkschaft Vereinigte Helene und Amalie in Bergeborbed zu 5 Jahren Gefängnis und 42 Millionen Frank, das ist 287 Milliarden Mark Geld­Gffen zu 5 Jahren Gefängnis und 30 Millionen Frank, das ist rund 200 Mil­strafe, Bergwertsdirektor Rompers von den Mannesmannwerken, Abteilung Bergbau in

Daseinsbedingungen, das Denfen und Fühlen der Masse derer zu erkennen, die es ermög­lichen, daß ihr euch dem Dienst des Schönen und Wissenswerten, dem Stultus des geistig Anregenden und Reizvollen hingeben könnt?

Nicht einmal vom Leben des Arbeiters,

der noch so glücklich ist, seine Arbeittskraft verkaufen zu können, hat man in den Kreisen der Besitzenden mehr als eine Ahnung. Selbst die geistige Auslese unter ihnen, die nicht er­mangelt, jeden neuen Roman zu lesen, jedes neue Musifwerk und Theaterſtüd kennen zu lernen, und die sogar ihren Ehrgeiz darein jetzt, über jedes philosophische System unter­richtet zu sein, hat nur dunkle Vorstellungen, daß die Arbeiter etwas sind, daß in den Nie­derungen der Gesellschaft herumkreucht, ohne Besinnen Kinder erzeugt und immerzu streifen

liarden Mark Geldstrafe. Sämtliche Strafen wurden in Abwesenheit der Angeklagten verhängt. Aus diesem Urteil ist zu ersehen, wie geringe materielle Erfolge die Gewaltmethoden der Franzosen zeitigen, denn nach dem Straferlaß des Generels Degoutte beträgt das Ausmaß der zu verhängenden Geldstrafe das Doppelte des Wertes der nichtgelic ferien Kohle. Durch das Urteil gestehen die Franzosen also selbst zu, daß bei fünf Zechen der Ausfall an Reparationsfohle für sie einem Schadenbetrag von 574,2 milliarden Mart entspricht.( Anm. d. Ned.)

Proteststreit der Arbeiter.

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Essen, 16. Juni. ( Wolff). Nach Be­fanntwerden des Werdener Milliardenurteiles gegen den Direktor Kellermann von der Gute Hoffnungshütte traten die Vertreter des gesamten Betriebsrates der Bergbauabteilung zusammen, um ohne Unterschied der Parteiria) fung einstimmig gegen das Urteil zu protestie ren. Weiters wurde beschlossen, heute Sam s Arbeit allen der

nahmen geschlossen eine Resolution an, in wel

Bezugs Bedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Bost

monatlich.. 16.­vierteljährlich, 48.­halbjährig. 96.­ganzjährig 192.­

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Rüditellung

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Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh.

Nr. 139.

Unverminderter Drud Frankreichs .

Vertrauensvotum für Poincaré. Paris

, 15. Juni .( Savas.) In Beantwor fung einer Interpellation erklärte Ministerpräsi dent Poincaré in der Kammer im Zusamment hang einer längeren Rede: Wir werden an der Verbrüderung der Völfer arbeiten wir dürfen aber die Unaufrichtigkeit des Deutsche Reiches nicht vergessen, das zu Mordtaten und Sabotageaften anspornt. Jufolge dessen muß der Drud auf Deutschland betont und fortgesetzt werden.( Beifall auf allen Bänken.) Das Leben des Landes kann schon morgen bedroht sein. Aus diesem Grunde beherrscht die Außenpolitik die innere Politik. Poincaré hofft, daß die Mehrheit der Kammer die Politik billigt, die er auch weiter hin zu verfolgen beabsichtigt. Alle Abge­ordneten erheben sich von ihren Pläven und drücken durch langanhaltenden Beifall ihre Zu­stimmung zur Rede Poincarés aus

Nach der Debatte über die innere Politik fam es um 2,30 Uhr morgens zur Abstimmung. Mit 380 gegen 200 Stimmen wurde der Vorzug der von den Sozialistisch Radikalen beantragten Tagesordnung abgelehnt. Hierauf stellte Poin caré die Vertrauensfrage. Die Kommer gab der ihr Vertrauen fund. Regierung mit 375 gegen 207 Stimmen

cher sie erklären, daß keine Ausweisung, kein Gefängnis, Zuchthaus oder Todesstrafe im stande ist, Reparationsleistungen zu erzwingen. Ein Direitor, der einen dahingehenden Befehl ausführen wollte, fönnte der Ablehnung durch Berlin , 16. Juni( Eigenbericht). Seit alle Arbeiter und Beamten sicher sein. Die Meparationsleistungen können erst wieder auf einigen Tagen macht sich im beschten Gebiet ein genommen werden, wenn das Ausmaß der stärkerer Drud bemerkbar, der die Bevölkerung erbitterter macht. Die Stimmung ist bedroh Deutschen Leistungen durch Verhandlungen festlich und die unsinnigen individuellen Racheafte gestellt sein wird, an denen Deutschland gleich mehren sich. Gestern wurde auf den D- Zug Pa ris Mainz ein Bomen- Attentat verübt, dem ein Soldat zum Opfer fiel. Die badische Regic< rung wendet sich in einem Aufruf gegen diese sinnlosen Taten, die nur der Bevölkerung selbst schaden.

Forderung nach Goldlöhnen.

Der Kampf der Gewerkschaften gegen Unternehmer= und Händlerwucher. Berlin

, 16. Juni .( Eigenbericht.) Eingangs der nächsten Woche werden die Gewerk schaften eine große Lohnbewegung einleiten, uin von der Regierung die prinzipielle Aenderung des Lohn- und Gehaltssystems zu erreichen. Es sollen nämlich die Goldlöhne eingeführt wer den, um auch die Arbeiter und Angestellten vor den Folgen der Markentwertung zu schützen, gegen die sich die Unternehmer und Händler durch Angleichung der Warenpreise an Dollarkurs sichern. Gegen diese Forderung fämpfen nicht nur die Bürgerlichen, sondern und die Kommunisten, die behaupten, die Goldlöhne jeien ein Beschwichtigungsmittel fi die Arbeiter. Bei den wilden Streits in Schlesien und im Ruhrgebiet jedoch, die von Len Kommunisten gefördert wurden, stand die Forderung nach den Goldlöhnen im Vordergrund.

Das neueste Werf Stinnes:

Ein Arbeiternachrichtendienst. Berlin , 16. Juni .( Eigenbericht.) In Berlin erscheint ein neuer Arbeiternachrichten dienst", vor dem die ausländische Arbeiter. preffe gewarnt werden muß, da er mit Stin­nesgeld arbeitet. Sein Redakteur ist der ehemalige Edelbolschewist Arno Frante, jent Barteimitglied der Vereinigten Sozialdemokratic. Sein Ausschluß aus der Partei steht bevor.

will. Was es heißt, acht Stunden des Tages Leiden, welche eine Krise über die Massen bangen Nächte hinein verfolgt. Ihr meint, den Kopf mit der Frage belastet, ob es denn wie wenig deucht das dem Nichtarbeitenden! der Arbeitsmenschen bringt! Da steigern die die leuchtende Sonne, der blaue Himmel, die möglich ist, daß die Arbeitslosen mit den - im dumpfen Fabrikssaal an der surrenden. Schrednisse der fapitalistischen Ordnung die blühenden Blumen wären für alle da, sie zu paar Sironen Unterſtüßung täglich auskommen jaujenden dröhnenden Maschine zu Verzweiflung des Arbeiters aufs höchste. Der erfreuen? Welche Freude können sie dem Ar- können. Auch die Regierung ist unter die ge stehen, den Sammer und den Spaten zu Unternehmer, der infolge Mangels an Auf- men geben, der morgens nicht weiß, wie er gangen, die sich über das furchtbare Uebel schwingen, an der glühenden Feueresse des trägen seinen Betrieb ſtillegen muß, mag mas mittags den Hunger stillen soll! Aber wenn weiter feine Gedanken machen. Von den im Hochofens Kohlen zu schaufeln, in den Leib terielle Einbußen erleiden, aber er und seine nur er, der Mann, wäre! Doch er sieht auch September des Vorjahres angekündigten Maß­der Erde hinabzusteigen, um dort in Finster- Familie brauchen nichts von ihren Lebensge- sein Liebstes, seine Kinder hungern! Der nahmen gegen die Strise und Teuerung hat sie nis und Gefahr die Kohle aus dem Gestein wohnheiten, ihrer Behaglichkeit, ihrem Lurus, Vater, die Mutter, die ihre Kinder das Not- den allergeringsten Teil durchgeführt. Sie ver zu brechen oder auch im Kontor Zahlenreihen ihrer Lebensfreude zu opfern, der eingeheimste dürftigste entbehren sehen, begreift ihr die sprach, Investitionsbauten im Werte von drei um Zahlenreihen in ewig gleichbleibender Mehrwert schützt sie davor, sich auch in diesen Größe und Tiefe dieses Schmerzes? Versteht Milliarden durchzuführen; nun wird gemeidet. Weise zu schreiben und zu zählen, das allein Zeiten Einschränkungen auferlegen zu müssen. ihr nicht, daß diese Menschen selbst an der daß kein Geld da ist und daß nur die Hälfte ist schon jenen, denen der Besitz den Lurus Dagegen die Arbeiter: der erste Tag der Ar- lachenden Natur keine Freude mehr empfinden des geplanten Investitionsprogramms der Gedankenlosigkeit gestattet, ein spanisches beitslosigkeit schon zwingt sie zu Entbehrungen, und sich vor ihr und vor der Welt wie die ver- Ausführung kommen soll. Stein Geld zur Dori. die sich zur quälenden, zermürbenden Not wundeten Tiere in ihrer Höhle verkiechen?! Schaffung von Arbeitsgelegenheit in der Zeit Aber wie erst, wenn der Arbeiter arbeits- steigern, je länger die unfreiwillige Feierzeit Es ist nun bald ein Jahr her, seit die der ärgsten Notlage der Maffen, während zu­los geworden, wenn er, der aus feinen Refer- dauert. Im Anfang wird durch Hungerdressur, Wirtschaftskrise die Massen der arbeitenden gleich dem Militarismus Milliarden geopfert ven schöpfen kann, und der von der Hand in durch Verzicht auf die bescheidenen Annehm Menschen in diesem Staate erfaßt und Hun- werden! Ihr Gedankenlojen, wartet ihr auf den Mund lebt, seine Sände feiern lassen lichkeiten, durch Verzicht auf die geliebte Pfeife derttausende von ihnen der Arbeit beraubt hat. Verzweiflungsausbrüche, ehe ihr euch besinnt? muß! Schon zu normalen Zeiten, da keine Tabak und das gewohnte Glas Bier am Sams Mehrere Sunderttausende! Welche Fülle von In früheren Zeiten konnten die leberzähli Ktrise das Wirtschaftsleben erschütteri und lag und Sonntag, das Gleichgewicht im Haus- Leid und Sorge dieſe Summe ausdrückt, gen", die das tenere Vaterland nicht zu nähren Hunderttausende als überflüssig grausam halte zu erhalten gesucht, dann, wenn Krank - solltet ihr Gedankenlosen, von denen manche vermochte, in anderen Ländern Arbeits­aufs Pilaster wirst, werden alljährlich, wenig heit eines Familienmitgliedes eintritt oder noch immer das verbrecherische Schlagwort gelegenheit suchen. Die zerrüttete Welt hat stens zeitweilig, Zehntausende von diesem nicht mehr zu flickende Schuhe und Kleider vom Wohlleben der Arbeiter nachbeten, ein auch dieses lezie Auskunftsmittel dem ar­traurigen Lose getroffen. Die Saisonarbeiter durch andere, beim Trödler gefaufte, erjeszt mal wenigstens an einem Einzelschickjal ſtubeitslos Gewordenen genommen. haben dreiviertel, oft nur die Hälfte des Jah werden müssen, ist auch dies nicht mehr mög dieren! Anfangs, als die Strife hereinbrach, mal über das große Wasser dürfen sie ziehen, res Arbeit, da heißt es dann, die Riemen enger lich. Dann wandern zuerst die halbwegs entzog die Erregung der Oeffentlichkeit an der um sich eine neue Heimat zu schaffen, denn schnallen und in Entbehrungen von dem biß- behrlichen, später auch die minder entbehr Oberfläche Kreise, doch seither ist es still ge- die amerikanische Regierung hat die Einwan­chen Ersparten aus der Zeit der Arbeit und lichen Gegenstände des Hausrates ins Leih- worden, die sogenannte öffentliche Meinung derung kontingentiert, so daß bis Ende des von dem Kredit, den vielleicht der Greisfer haus, um wieder für eine Zeitlang den nagen- wird heute von dem Ergebnis eines Fußball- Jahre keine Auswanderungsanjuchen Berüd und Bäder gewährt, das Leben dumpf dahin den Hunger zu stillen. Was aber wird ge matches mehr aufgewühlt, als von der Tat fichtigung finden können. Was also soll ge­fristen, bis wieder die Saison heranrückt und schehen, wenn es nichts mehr zu versetzen gibt sache, daß noch immer Hunderttausende Menschchen? Die Krije wirkt fast unvermindert Arbeitsgelegenheit die Möglichkeit gibt, den und wenn der skaufmann, da die Arbeitslosig: schen mit ihren Familien arbeitslos darben. fort, die Arbeitslosigkeit peitscht als furchtbare eigenen und die Magen der Seinen eine Zeit- feit kein Ende nehmen will, nichts mehr borg!! Der Bürger beruhigt sein Gewissen mit dem Geißel noch immer Hunderttausende arbeits­lang zu füllen und die notwendigerweise auf- Das ist das Schreckgespenst, das dem beſchäf Gedanken an die Unterstützung, welche die williger Menschen. Es wäre höchste Zeit, wenn gelaufenen Schulden abzutragen. Doch all diese tigungslosen, armen Familienerhalter ständig Arbeitslosen doch erhalten und er denkt nicht sich die Gedankenlosen, unter ihnen die Re­trüben Bitternisse im Leben des Arbeiters er vor Augen schwebt, ihm jede Minute des an die vielen, die keinerlei Unterſtüßung begierung, darüber Gedanken machen würden! scheinen gering gegenüber der Not und den Tages vergälit und ihn bis in den Schlaf der kommen, wie er sich auch mit Vorbedacht nicht|

Nicht ein­