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6. Jahrgang.

Sozialdemokrat

Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der tschechoslowakischen Republit.

Samstag, 11. September 1926.

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Nr. 213.

An die arbeitende Bevölkerung!

Seif Monaten leidet die arbeitende Bevölkerung unter den Folgen einer schweren, sich täglich verschärfenden Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit werden das Schick­fal immer größerer Arbeitermassen, treiben immer neue Arbeiterschichten an den Rand des Verderbens, denn nur ein Teil der arbeitslos Gewordenen bekommt, auf dem Wege über die Gewerkschaften, Arbeitslosenunterstüßung und selbst diese Glücklicheren unter den in der Zeit der Wirtschaftskrise überflüssig" gewordenen Arbeitern werden, da die Zeit der Unter­stüßung eine allzu kurze ist, bald die Beute des gleichen Elends, das schon Zehntausende be­drückt.

Verschlimmert und gesteigert wird die Not durch die

Berteuerung aller wichtigsten Lebensmittel durch bie Agrarzölle,

die von den tschechischen und deutschen Zollparteien gegen den leidenschaftlichen Widerstand der Arbeiterparteien erzwungen wurden, in einer Zeit, da die Wirtschaftskrise schon längst fühlbar geworden war, da schon zehntausende Arbeiter als ihre Opfer auf der Straße lagen.

Gleichgültig stehen die bürgerlichen Parteien, die ja mitschuldig sind an der Not der arbeitenden Bevölkerung, diesem Glende gegenüber. Ja, sie wollen sich mit dem Zollprofit nicht begnügen! Sie wollen das Bündnis, das sie zur ge­meinsamen Auswucherung der Arbeiter aller Nationen geschlossen haben, aufrecht erhalten. und befestigen, um neue Beutezüge machen zu können! Sie wollen die angekündigte Steuer reform so gestalten, daß die Befizenden entlastet, den Besißlosen, den Arbeitern und Ver brauchern, neue Bürden aufgezwungen werden! Sie wollen ihr Bündnis ausgestal ten und zu einer dauernden Gemeinschaft machen, um auch

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gegen die fozialpolitifchen Einrichtungen

Sturm laufen zu können, um den Achtstundentag und die Sozialversicherung beseitigen zu können!

Aufrichtung der uneingeschränkten Klassenherrschaft der Bourgeoisie über die Arbeiter ist das politische Ziel der tschechisch- deutschen Bürger- Allianz.

Die Klasseninteressen der Besizenden haben sich als stärker erwiejen als alle nationalen Gegensätze. So hoch auch, nach den Beteuerungen der bürger­lichen Parteien, die Schranken zwischen den tschechischen und deutschen Nationalisten waren fie waren im Nu übersprungen, als es die erste Möglichkeit gab, gemeinsame Profite zu machen. Nationale und religiöse Interessen wurden bei den Wahlen vorgeschüßt, um die Arbeiter über ihre Klasseninteressen zu täuschen und sie in die Gefolgschaft bürgerlicher Parteien zu bringen. Nachdem die nationalistischen und klerikalen Parolen ihren Zwed, die politische Macht der bürgerlichen Parteien zu stärken, erfüllt haben, gebraucht die Bourgeoisie aller Rationen selbstverständlich ihre Macht gegen die Arbeiter.

Noch ist kein Jahr seit den Wahlen verflossen und schon bekommen die Arbeiter den schweren politischen Irrtum eines großen Teiles der proletarischen Wählerschaft furchtbar zu fühlen.

Steigende Berelendung immer größerer Arbeitermassen, Wachsende Teuerung aller Lebensmittel, Bebrohung des legten Restes des Mieterfchuses, Gefährdung der fozialpolitischen Einrichtungen,

das sind die Folgen des Wahlsieges der bürgerlichen Parteien! Hinab­stoßen der Arbeiter in die tiefsten Tiefen des Elends, völlige Versklavung des Proletariate das sind die Ziele der bürgerlichen Politik!

So eindringlich, wie es nur die Lehre eines furchtbaren Erlebnisses zu tun vermag, zwingt dieses Miterleben der bürgerlichen Profitpolitik, zwingt das tägliche Erleben der schlimmsten Not, die nun in schon fast alle Arbeiterwohnungen sich eingenistet hat, den Ar­beitern die Erkenntnis auf, daß sie die Folgen der Wirtschaftskrise abwehren, ihre Lebens­haltung verbessern, als Klasse sich behaupten können nur dann, wenn sie dem inter­nationalen Ausbeutertum der internationalen Bourgeoisie ent­gegenstellen ihren lassen willen und ihre Klassenfraft, wenn sich die Proletarier zusammenschließen zum gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind.

3u diefem Kampf rufen wir bas arbeitende Bolt in ver Tschechofloivalischen Republik auf!

Wir rufen es auf zum Kampfe um die Durchseßung folgender drin gendester Forderungen:

Einberufung des Parlamentes, damit es sich befasse mit der wichtigsten inner­politischen Frage, mit der Lebensnot der großen Massen der Bevölkerung.

Abbau der Industriezölle und Beseitigung der Lebensmittelzölle nicht nur zum Zwecke der Verbilligung der Lebensmittel, sondern auch, um die Möglichkeit zu schaffen, zum

Abschluß günstiger Handelsverträge und um die Voraussetzungen zu einer produktionsfördernden Wirtschaftspolitik des Staates zu begründen. Sofortige Anerkennung Sowjetrußlands, um Wirtschaftsverbindungen mit Ruß­ land anknüpfen zu können, die zu einer gewissen Belebung unserer Produktion und damit zu einer teilweisen Linderung des Elends der Arbeiterschaft führen würden soweit eine solche Wirkung der Anerkennung Sowjetrußlands nach der plan­mäßigen Verschleppung dieser politischen und wirtschaftlichen Notwendigkeit noch mög­lich ist.

Produktive Arbeitslojenfürsorge, wie Bau von Schulen, Straßen­bayren, Flußregulierungen, Refultivierung des durch den Bergbau zerstörten Bodens, Bau von Lokomotiven und Wag= Aons usw.

Mungusgestaltung des Mieterichutica und Schaffung cines. die Interessen der Mieter und der Wohnungslosen berücksichtigenden Wohnungs­und Bauförderungsgeiepes, das zu einer Belebung der Bautätigkeit führen und also gleichfalls produktive Arbeitslosenfürsorge sein müßte.

Die Krisenzeit hat die Unzulänglichkeit des Genter Systems erwiesen. Wir fordern, um der größten Not der Arbeitslosen zu steuern, sofortige ausreichende staatliche Arbeitslosenunterstützung und entsprechende Fürsorge für die Kurzarbeiter.

Wir fordern ferner eine Steuerreform, die nicht nur das Einkommen, sondern auch das Vermögen erfaßt, wir verlangen die Abschaffung der Warenumjazz-, der Kohlen- und der Verkehrssteuern.

Um die Arbeiter zu entlasten, fordern wir die Erhöhung des steuerfreien Existenzminimums auf 14.000 kronen, die Streichung aller rückständigen Steuern bis zu einer Einkommenshöhe von 20.000 kronen und die sofortige Einstellung des Steuerabzuges von den Arbeiterlöhnen.

Wir fordern auch Abbau der Ausgaben für den Militarismus, der unproduktiv­sten Ausgaben des Staates. Wir fordern die Verkürzung der militärischen Dienstzeit ohne gleichzeitige Vermehrung der Waffenübungen und Erhöhung der Zahl der längerdienenden Unteroffiziere. Wir fordern endlich die Aufgabe der kostspieligen und der Züchtung militaristischen Denkens dienenden Pläne auf Einführung der militärischen Vorbereitung der Jugend.

Wir sind uns dessen wohl bewußt, daß auch die Durchsetzung dieser Forderungen das wirtschaftliche Elend des Proletariats nicht zu beseitigen vermag, daß es die Not der Ar­beiter nur lindern kann. Völlige Befreiung der Arbeiter aus den Qualen der Eristenz­unsicherheit, aus der Sorge um die Fristung des Lebens vermag nur die Beseitigung der tapitalistischen Produktion, ihre Ersetzung durch die sozialistische zu bringen. Aber der Kapitalismus ist nicht in einem einzigen gewaltigen Anlauf zu stürzen, seine Ueberwindung erfordert unablässigen, zähen und beharrlichen Kampf, und als Teilkampf in diesem großen Ringen führen wir den Kampf gegen die augenblickliche Wirtschaftsnot des Proletariats in der Tschechoslowakei .

Das Proletariat kann Erfolge erzielen, wenn es zu kämpfen versteht und sich zu diesem Zwecke restlos in der sozialdemokratischen Parteiorganisation, in der freigewerkschaft­lichen und genossenschaftlichen Organisation zusammenschließt. Es wird in immer schrecklichere Not und in hofnungslose Verzweiflung versinken, wenn es nicht Kraft und Mut zum Kampfe aufbringt!

Kämpfen oder intergehen, das ist die Wahl, zu der die wirtschaftliche und politische Gituation die Arbeiter zwingt! Die Arbeiter werden ben Kampf wählen!

Barteivorstand der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. 3entralgetverffchaftskommiffion des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Verband deutscher Wirtschaftsgenoffenschaften.