Gingelpeets 70 Heffer.
Telephone: Legesredattion: 26795, 31469.
Ragtredattion: 26797.
Poftihedamt: 57544.
Suferate werden laut Tarif Bilight berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlah.
6. Jahrgang.
Sozialdemokrat
Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republit.
Dienstag, 21. Dezember 1926.
An den Branger!
Das Milliardengeschenk der Deutschbürgerlichen an den Militarismus.
Kein Geld für die Arbeitslosen- Kein Geld für Kein Geld für Wohnhausbauten Kein Geld für Schulen Kein Geld für Spitäler- Kein Geld für Invalide und Waisen. Aber drei Milliarden den Generalen zur unbedingten Verfügung!
Jahrelang haben die deutschen Bürgerparteien den Sozialdemokraten Verrat vorgeworfen, weil sie gegen die nationalistischen Schlagworte der Bourgeoisie kämpften.
Jahrelang haben die deutschen Bürgerparteien sich als Antimilitaristen und Hasser des tschechischen Militarismus ausgegeben. Als Karl Habsburg vor Budapest stand, warfen die Deutschbürgerlichen den Sozialdemokraten militaristische Gesinnung vor, weil sie nicht radikal" genug gegen die Kriegspläne der Republik aufgetreten seien.
Aus den Feinden des tschechischen Militarismus find über Nacht seine wärmsten Förderer geworden. Um den JudasJohn der Wucherzölle und der Kongrua, um den Profit der Pfaffen und Großgrundbesitzer. haben die
Hosta
Landbündler, Chriftlichfozialen und Gewerbeparteiler
das Bolf verraten. Zu dem vollen Maß ihrer Sündenschuld haben sie das unerhärte Milliardengeschenk an den Moloch Militarismus gehäuft. Das Budget des Nationalverteidigungsministeriums wird unverbindlich auf 1400 Millionen Kronen jährlich herabgesetzt. Dafür aber erhalten die
Militaristen jährlich 315 Millionen Kronen für den Rüstungsfonds.
11X315,000.000
das find
3.465,000.000 Kč.
Um dieses Geld könnte man die Wirtschaft der Republik sanieren, fönnte man den Arbeitslosen helfen, einen Wohnbaufonds schaffen, die Sozialversicherung ausgestalten, hundert andere dringend: Forderungen des Volkes erfüllen. Auf elf Jahre gehören diese hunderte Millionen aber den Generalen, die nach Willkür mit diesem Fonds schalten und walten
fönnen.
Die deutschen Regierungsparteien haben geholfen, dem Parlament eines der wichtigsten Rechte, eines der ältesten parlamentarischen Grundrechte zu rauben.
Bor Jahrhunderten haben die Stände den Herrschern das Recht der Steuer- und Refrutenbewilligung abgetroht. In Böhmen hat erst die Schlacht am Weißen Berg mit ihren Folgen dem Herrscher diese Rechte wieder ausgeliefert.
Die tschechisch- deutsche 3oll- und Kongrua- Koalition ift würdelos genug, nach Art fascistischer Scheinparlamente auf die Kontrolle der Geldgebarung, auf
das Recht der Geldbewilligung auf 11 3abre zu verzichten. Jeder Regierung, die uns die nächsten elf Jahre bringen und sei es ein fascistisches Direttorium, sei es eine tschechischnationale Regierung mit Kramár oder Gajda an der Spise, haben die deutschen" Regierungsparteien das Recht gegeben, jährlich 315 Millionen Kronen, die durch Spenden, Zuweisungen und Sammlungen" zu ergänzen sind, nach Belieben aber für einen anderen 3wed als den der Anschaffung von Kriegs: mitteln zu verwenden.
Für drei Milliarden Mordinftrumente für drei Milliarden Giftgase, Flammenwerfer, Mörser, Minenwerfer, Granaten und Bomben
werden die Generale anschaffen und die Mehrheit des Parlaments verzichtet freiwillig auf das Recht der Kontrolle. Das Parlament ist rechtlos, seine Rechte find verlauft und verraten! Der Militarismus beherrscht die Koalition der 3öllner und Kongruiften. Das hungernde, entrechtete, ausgebeutete Volt, die betrogenen Maffen der Arbeiter, Angestellten, Kleinbauern, Beamten und fleinen Gewerbetreibenden wird den deutschen Regierungsparteien die Antwort auf diesen Verrat, auf diesen Mißbrauch der gesetzgeberischen Gewalt nicht schuldig bleiben.
Laßt die Landbündler, die Chriftlich fozialen und Gewerbeparteiler, laßt die nationalsozialistischen Helfer der Bürgerlichen den Rüstungsfonds
bei den nächsten Wahlen bezahlen!
Nur wer seine Steuergelder den Generalen anvertrauen, wer für seine mühsam aufgebrachten Kronen Giftgafe und Kanonen gekauft wiffen will, wer für eine
tf
Bezugs Bedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post: monatlich... Ke 16.
vierteljährlich
halbjährig
48.
19
96.
ganzjährig..... 192.
Rückstellung von Manustripten erfolgt nur bei Einfendung der Retourmarten.
Ericheint mit Ausnahme des Montag läglich( rüh
Nr. 297.
Der tschechoslowakische Fachmann.
Mechtilde Lichnovity, die fluge Verfasserin
des feinen, liebenswürdig- spöttischen Buches: Der Kampf mit dem Fachmann", die das ganze Dajein als einen solchen Kampf ansieht, würde vielleicht das Leben in der Tschechoslo wakei als besonders leidvoll empfinden, aber sie könnte hier auch Stoff genug sammeln ffir einen zweiten Band ihres Werkes. Denn wir sind mit Fachmännern ganz besonderer Art beglückt.
Wer ist ein Fachmann? Fachmann ist der, so sagt Mechtilde Lichnowsky , der sich im Handumdrehen, ja im Woriumdrehen dazu macht. Spielen nicht unserer Politik solche Drehkünst ler eine ganz besondere Rolle? Wimmelt es nicht hierzulande an Fachleuten aller Art, die sich durch solche kühne Drehung selber dazu gemacht haben?
Der Fachmann weiß natürlich in dem Augenblicke, da er es geworden ist, da er sich selber dazu gemacht hat, alles besser als der Laie, auch wenn der Laie zufällig ein Fachmann ist. Unser Minister für natio= nale Verteidigung, der sich selber als Kriegsminister betrachtet, ist kein Barufsjoldat, sondern ein schlichter Landmann. Aber fein General, der ein fünftiger Napoleon zu sein wähnt, fönnte fachmännischer über die Notwendigkeiten der Rüstung, über die unbedingte Notwendigkeit der Sicherung des Friedens durch ein die ganze Bevölkerung umfassendes Heer reden. könnte geläufiger über die fünftige Mobilisierung fachsimpeln als dieser Baucrsmann, der ja vielleicht schon ein paar milt tärtechnische Bücher gelesen hat, um sich als Fachmann zu vervollkommnen, aber doch genau so überzeugt sprechen würde, wenn er einen Tant nicht von einer Gullaschkanone unterscheiden könnte.
Es gibt zwar allerlei Politiker, die die Weltabrüftung für notwendig halten, es gibt Politiker auch solche von einiger Bedeutung
welche die ganze tschechoslowakische Rüstung für einen Unsinn halten, und es gibt ein paar Millionen Menschen, die es erfahren hahen, daß das Wettrüsten nicht den Krieg verhindert, sondern ihn herbeiführt, aber
was sind sie alle gegen den Landwirt, der sich
in einen militärischen Fachmann verwandelt
hat! Der wußte es natürlich in dem Augen
blid, da er Striegsminister wurde, beſſer und
hat für alles Reden vom Frieden und von der die unbedingteste Neutralitätspolitik erhei schenden geographischen Lage der Tschechoslowafei nur ein überlegenes Lächeln übrig, wenn sich nicht gar gleich der Zorn des Fachmannes über den törichten Zaien regt.
Wir haben auch Fachmänner, die ihre sachmännische Ueberzeugung wandeln, wenn offizielle Fachmänner werden. Da ist zum Beispiel der Herr Finanzminister Dr. Eugliš, der von der Umsatzsteuer, nichts wissen wollte, solange er ein nichtbeamteter Fachmann war, der damals überhaupt mancherlei andere Meinungen hatte, und der jetzt als höchster amtlicher Fachmann für alle indirekten Steuern ist und damit sein früheres Fachmännertum als laienhaft ansieht.
Und wir haben Fachmännerfürden Verkehr, die gegen den Verkehr sind! Da gibt es simple Vaien, die der Meinung sind, daß es für die Bevölkerung solcher Orte, die keine oder ungenügende Bahnverbindungen haben, sehr vorteilhaft wäre, Autolinien zu schaffen. Aber das dulden die Verkehrsfachmänner nicht! Sie bestehen darauf, daß die Bevölkerung lieber gar nicht fährt, wenn sie die Bahn nicht benüßen kann, als mit dem Auto. Und wenn sie es nicht ganz verhindern fönnen, daß solche Laien sich doch zusammentun, um mit Gesellschaftsautos zu fahren, dann verbieten sie doch, daß diese Autos regelmäBig, zu bestimmten Zeiten fahren! Es gibt
Regierung der Militaristen ohne Barlament ist, schwört zur Fahne der volksfeindlichen feinen Laien, der das begreifen kann, aber da
Rüftungsparteien!
für sind das eben auch Laien, die nicht als Fachmänner in den Ministerien sißen und des halb alles besser verstehen.