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8. Jahrgang.
Sozialdemokrat
Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republit.
Demokratie und der Kampf der Massen.
Mittwoch, 4. April 1928.
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Nr. 81.
Imposante Maffenfundgebung in Prag .
50.000 Demonftranten auf dem Havličekplak.
Musterhafte Disziplin trotz des provozierenden Massenaufgebotes von Polizei und Gendarmerie.- Ansprachen von acht Rednertribünen. Einmütige schärffte Verurteilung des reaktionären Regierungssystems.
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Das Schlagwort, mit dem der Kampf der Massen gegen die Verschlechterung der Sozialversicherung und gegen das Bürgerblockregime überhaupt zu diskreditieren gesucht wird, ist bereits gefunden. Es lautet: die Demokra= teist in Gefahr! In der Ersinnung von Nach dem Versammlungsverbot und der ge- berum erstaunliche Massen von lung Standarten mitgebracht, mit zum Teil Schlagworten gegen den Sozialismus und gegen waltigen, von Opfern begleiteten Kundgebung am Gendarmerie und Polizei postiert. Wir überaus wirksamen Aufschriften. Arbeiterselbstdie Bestrebungen der Arbeiterschaft waren leßten Donnerstag, durch die das Prager Prole- zählten dort rund tausend Wann Polizei bewußtsein, proletarische Empörung und doch unsere Gegner immer Meister, zu mehr hat es tariat bewiesen hatte, daß es sich das Recht auf und Gendarmerie. Wie viele außerdem wieder auch ironische Glossierung bürgerlichen unsere Gegner immer Meister, zu mehr hat es bic Straße und damit auf die Demonstrierung noch in Häusern und Hösen unsichtbar unter- Arbeiterhasses sprach beispielsweise aus der Inallerdings nicht gelangt, aber daß sie sich dies feines Willens unter feinen Umständen, nehmen gebracht waren, wissen wir nicht. In der Hein- schrift:" Der Arbeiter und der Hun mal gerade die Demokratie ausfuchen. um sich lasse, hat die Prager Arbeiterschaft gestern in richsgasse und auf dem Wenzelsplay, dort allein haben kein Recht auf die Straße". auf sie zu berufen, das ſetzt mehr ihrer Dreistig einer Manifestation, die verhindern zu wollen in vier Zügen, und auf dem Graben vor der Eine andere Inschrift wiederum rief anklagend feit als ihrer Erfindungsgabe die Krone auf. Regierung sich nicht mehr unterfing, in ein- Zivnostenska banka und beim Pulverturm standen aus:„ Den Generalen Tausende, den Ausgerechnet die Bürgerblöckler als Süter und deutiger Weise ihre Kampfentschlossenheit gegen massenhaft Gendarmen mit aufgepflanz- Arbeitern einen Bette I." Auf mehreren Wahver der Demokratie die Vorstellung die Bürgerblodreaktion zum Ausdrud gebracht. Es tem Bajonett Gewehr beim Fuß. Standarten lam die Forderung nach einem Ge= allein emveckt ſchon Lachſtürme. Im Programm Größe, wie sie sich wohl seit den Tagen des Um das so fabelhaft demokratisch- republikanische Bild Band wurde die Forderung nach sofortiger Cinwar eine Protesttundgebung von so gewaltiger Ebensowenig ward an Fußpolizei gespart. Nur neralstreit zum Ausdruck, auf einem großen einer Varieteevorſtellung wäre das eine aus- turzes in den Prager Straßen nur selten ereignet massierter Polizeilavallerie fehlte diesmal bis auf berufung einer Prager Betriebsausschüſſekongezeichnete, des Lacherfolges sichere Nummer. hat. Die Kundgebung war aber nicht nur Beweis einen leinen Trupp, der am unteren Ende des ferenz erhoben.
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Die Romit wird noch gesteigert, wenn man des immer mehr wachsenden Abwehrwillens des Wenzelsplaßes in der Nähe des Grabens abge- Von Seite der tschechischen Sozialdemokraten erfährt, daß der Erfinder dieses neuesten Proletariats, nicht nur fam in den Reben der seisen hielt. Dieses Aufgebot an bewaffneten Uni- sprachen auf den einzelnen Tribünen die GeSchlagers niemand anderer ist, als Herr Führer der Arbeiterparteien einstimmig die Ueber- formen wirkte wiederum aufreizend provokativ. nossen Tayer le, Brodecky, Johanis, Dr. Kramar, der aftösterreichische Polizei zeugung zum Ausdrud, daß nun den Angriffen Vergeblich fragte man sich nach dem Zweck solcher Sampl, Dr. Soukup, Klein, Němeček Keramař, der verdiente Protektor der Fascisten, ein energisches Halt geboten werden müffenahmen, die ja übrigens den Staat, und das he der Bourgeoisie auf die Rechte der Arbeiterschaft bisher noch nicht gelannter Sicherheitsmaß- und Brožil. heißt Auf der ersten Tribüne wies Genoffe oder doch wenigstens seine Presse. Es waren diese Manifestation bewies auch, daß die lampf- die Steuerträger, einen schönen Baßen Geld an Tayerle darauf hin, daß die Arbeiterschaft just die„ Narodni Listy", die als erste geschulte und klassenbewußte Arbeiterschaft in der Transport- und Verpflegungskosten und Bereits heute beweise, daß ihr das Schicksal der Sozialdemokratische Bedenken hatten, als die Prager Tschechoslowakischen Republik in beispielgebender schaftszulagen foftet. versicherung feineswegs gleichgültig sei. Die Arbeiter auf dem Altstädter Ring demonstrier- Würde und Disziplin für ihre Forderungen zu überaus starke Teilnahme an der Kundgebung ten. Seither breitet sich die Protestbewegung demonstrieren und zu kämpfen versteht, daß die beweise, daß die vorbereitete Novellierung der immer weiter aus, in allen Industrieſtädten Zusammenstöße am Donnerstag einzig und allein Der langgeftredie und weitläufige Savli Sozialversicherung den wirklichen Verhältnissen wird es lebendig und die Straßen hallen wieder schuld des von der Regierung erwirkten Ber- etplatz begann sich bereits um vier Uhr zu und Bedürfnissen nicht entspreche; es liege an den von den empörten Protestrufen der Arbeiter- jammlungsverbotes und des provokativen Auffüllen. Um eiva% 5 Uhr begann der Zuzug der verantwortlichen Faktoren in diesem Staate, massen, die sich gegen den Raub ihrer primi tretens und Einschreitens der Polizei waren. Auf geschlossenen Formationen aus den Fabriken. nicht weiter fortzufahren auf den Wege, der dem Havličekplaß, auf dem die Manifestation Nach 5 Uhr erstredte sich die angesammelte Masse überflüssig zu Sonflikten mit dem Willen und tipſten Lebensrechte zur Wehre setzen. Das stattfand, war diesmal kein Wachmann und fein weit über den Straßenzug des Havlicetplates den Bedürfnissen des Volkes führen muß. Nach ſtört das Behagen der Geschäftspatrioten, be- Bewaffneter zu sehen und, nicht trotzdem, sondern hinaus bis zur Hooverstraße. Die Zahl der Zehn ihm sprachen Zapotocky ( Komm.) sonders im Jubiläumsjahr, für das sie schon eben deswegen, verlief die Kundgebung in impo- tausenden der Demonstranten fann nur unsicher Stastny( Nat. Soz.) die schöne Apotheose: Versöhnung der Klassen nierender und wirksamer Ruhe. abgeschätzt werden. Das Meeting nahm um etiva Die zweite Tribüne beim Zuderpalais war im Zeichen der großen Soalition, in Vorberei Damit sei jedoch nicht gesagt, daß die Be- 6 seinen Anfang. Es bestand aus a cht gromit Fahnen und Aufschriften geschmückt. Hier tung hatten und nach getaner Arbeit, das heißt hörden es diesmal unterlassen hätten, für alle en Massenversammlungen; von sprach zunächst für die nationalsozialistischen Genach durchgeführter Verelendung und sozialer Fälle" ganz in der Wanier eines bis an die Zähne acht Tribünen herab sprachen die sozialdemo werkschaften Abg. Tučny, für die Kommu Entrechtung der Arbeiterklasse hätten sie es bewaffneten fapitalistischen Militärstaates Sorge fratischen, kommunistischen und nationalsozialisti nisten Nosef und für die Sozialdemokraten gerne gesehen, wenn ihnen zur Steigerung der zu tragen. Auch heute bot, zwar nicht der Ver- fchen Führer, immer wieder von Beifallsstürmen Gen. Brodecky, der auf die Planmäßigkeit des Angriffes der Bourgeoisie auf das Jubiläumsfestivitäten gerührt und versöhnt die sammlungsort selbst, wohl aber seine ganze Um- unterbrochen zu den Arbeitern. gebung in der inneren Stadt, ein ähnlich tric= arbeitenden Volksgenoffen die Sände gereicht gerisches Bild wie am Donnerstag. In der tings war muſtergültig. In aller Stille leisteten hat heute gezeigt, daß sie sich eine Die Disziplin und Ruhe während des Mec- Proletariat verwies. Die Arbeiterschaft hätten. Statt deffen erregte Massen in den Seinrichsgasse und ihren Seitengäßchen, auf dem die Ordner der Arbeiterschaft ihren Dienſt. Die Ber stümmelung der Sozialversiche Straßen der Städte. Da besinnen sie sich denn Wenzelsplatz und auf dem Graben waren wie- Arbeiterschaft selbst hatte vielfach zur Versamm rung nie gefallen lassen wird; die alle, Agrarier, Alerifale und Christlichsoziale, der Reihe nach auf die Demokratie und abbelTiefen an die Arbeiter, von ihrem auf die die Tatsache, daß man die Demokratie hier- find den bürgerlichen Parteien ein Greuel, dem- tisches Bedenken davon abhalten, die ufurpierte Straße getragenen Abwehrkampf abzulassen, zulande vor die Sunde gejagt hat, würde ge- gegenüber sie sich plötzlich auf die Demokratie Macht so lange zu mißbrauchen, als es nur irgendwie geht. Die Arbeiterschaft soll in dom der, wie sie warnend beteuern, das Prinzip der nügen, um die Legitimation der Stützen des befinnen. Seht sie ouch an, die Herrschaften, die beim Parlamente, von dem sie selber nicht mehr Demokratie gefährde. Die Aeußerungen des heutigen Systems zur Berufung auf das demoUnwillens, der Empörung, der Druck der fratische Prinzip als mehr denn fragwürdig Anblick der demonstrierenden Arbeitermassen übrig gelassen haben als eine Tribüne zum Massen sei Terrorismus, sei eine Beeinträchti- erscheinen zu lassen. Aber haben sie selber je wie Gouvernanten„ Shofing!" rufen und fal- Redenhalten, einen heiligen Fetisch erblicken, gung des Mehrheitsprinzips, auf dem jede mals de" Argumente der Straße", von denen bungsvoll den Arbeitern zureden, sich doch um einen Fakkor, dessen Beschlüsse, auch wenn sie Demokratic beruhe. Der Begriff der Demo- sie jetzt ebenso verächtlich reden wie einſtens die des Himmels Willen nicht an der Demokratie sie bis ins Mauf hinein treffen, als gottgewollte Fügung des Schicksals mit Demut und Erfratie wird jetzt start strapaziert und die Ar Abrahamovicze und Badenis, verschmäht, sie, zu verfündigen! Das Prinzip von Mehrheit und Minder- gebung hinnehmen sollen. Dabei hat die Bourbeiter empfangen viele lehrreiche Weisungen die die vom Weihrauch Benebelten zu Prodarüber, wie sie es mit der Demokratie halten seifionen und Katholikentagen auf die Straße heit, es sei heilig und dürfe durch den„ Terror geoisie aus dem Parlamentarismus eine seelen führen? Um tiefer Religiosität Ausdruck zu der Straße" nicht verlegt werden! Wie halten los, brutal funktionierende Maschine gemacht. jollen. verleihen, dazu bedarf es doch nicht der Straße sie selber dieses Prinzip in Ehren, wohin ist Die zufällige parlamentarische Mehrheit verWas tun denn die Arbeiter, daß sich die und nicht der klerikalen Paraden, die nicht ein die Demokratie, der Parlamentarismus durch handelt nicht, sie kennt keinerlei Rücksicht auf bürgerlichen Parteien veranlaßt sehen, in der Aft der Religiosität, sondern Demonstrationen sie geraten! Ist ihnen selber jeder Terrorismus, die außerhalb der Regierungsmehrheit stehen Rolle der Großsiegelbewahrer der Demokratie ur Stärkung der mächtigen und höchst irdischen sofern er ihnen dienlich scheint, wirklich so den Parteien, jie verwirft alle Kompromisse aufzutreten? Sie marschieren in den Staaten Herrschaftsorganisation der Kirche sind. Oder verhaßt? Die parlamentarische Mehrheit, sie mit der Minderheit, sie kennt nur ihren Willen. und Orten in Massen auf, um den Stamps ihrer die Führer der Agrarier! Was war ihnen seiner- bevuht auf ein paar Stimmen. Der Uebertritt der unter den gegebenen Verhältnissen der Abgeordneten im Parlamente zu unterſtüßen, zeit die Demokratic, als sie die bäuerlichen von sechs oder sieben Abgeordneten in die Herrschaft der Gewalt gleichkommt. fie erheben laut und deutlich ihre Stimme und Massen unter der Verlockung, daß die Getreide- Reihen der Opposition würde hinreichen, um Die Arbeiterschaft, die Wasse ist zum han zeigen, wie groß die Zahl derer ist, die sich zölle für die Erhaltung ihrer wirtschaftlichen sie in eine Minderheit zu verwandeln. In Wirk- delnden Faktor in dem politischen Geschehen durch die volksfeindliche Tätigkeit der heute Existenz unentbehrlich seien, haranguierten, zu lichkeit, in der politischen Gesinnung und im des Staates geworden. Es hat der Häufung Regierenden geschädigt fühlen. Der Anblick mag Stundgebungen in den Straßen und Markt- Willen der Wähler, hat diese Mehrheit aber großer Schuld bedurft, che es dahin gekommen den Nußnießern des herrschenden Regimes verpläßen der ländlichen Gemeinden führten und längst schon aufgehört zu existieren, und jede ist: Die arbeitende Klasse kämpft heute um ihr haßt sein, die Protestrufe der Demonstranten zu Mistgabel- Seveuzzügen in die Städte zu ver- neue Gemeindewahl bestätigt es, daß die tiche- nacktes Leben. Es geht nicht allein um die mögen die von oben" gewünschte Nacht- locken versuchten? Genau wie heute: ein Feßen, chisch- deutsche Bürgermehrheit zu Unrecht weiter Verhinderung der Verschlechteming des Sozialwächter- und Friedhofsruhe gefährden, aber ein Werkzeug ihres Profit- und Herrschafts- Gefeße fabriziert, daß ihr demokratisches versicherungsgefeßes, es geht um den Sturz eine Gefahr für die Demokratie? Wie und wo willens. Soweit sie Massen in Beivegung zu Lebensrecht verwirft ist, daß sie nur mehr den eines Systems, das von der Mehrheit der foll die Demokratie dadurch einen Abbruch ersetzen imstande waren, haben es die heuch- Willensausdruck einer Minderheit der Be- Staatsbürger aus tiefster Seele verabscheut fahren? lerischen bürgerlichen Demokraten nie verab- völferung bedeutet, und daß sie die difta wind und dessen Bestand eine ständig drohende Demokratie ist nicht nur der Parlamenta fäumt, sie für ihre Klasseninteressen in Be- torische Herrschaft einer Minder Gefahr für die Gegenwart und Zukunft der rismus, ist nicht nur die Abgabe des Stimm- wegung zu setzen. Wäre das Unvorstellbare heit über die Mehrheit der Arbeiterklasse ist. In diesem Kampfe wird die zettels einmal in sechs Jahren. Auch die Ver- möglich, daß Arbeitermassen gegen die Sozial Staatsbürger darstellt. Wären die Arbeiterschaft nicht erlahmen, sie wird sich auch fassungsgeseße allein erschöpfen noch nicht den versicherung und für den Besitbürgevblock bürgerlichen Parteien wirklich demokratisch, so durch demokratische" Bedenken über seine ZuBegriff der Demokratie. Demokratie ist nicht demonstrieren würden, dann würde im bürger- bliebe für sie nur eines zu tun übrig: vom lässigkeit nicht beirren lassen. Sie weiß. nur die Form, sondern vor allem der Geist, lichen Zeitungswald ein Singen und Flöten Schauplabe zu verschwinden, für daß sie damit die Demokratic der sie erfüllt, von dem aber weder die gegen- anheben über den heiligen Volkswillen, der sich die Ncubefragung der Wähler- nicht verleßt, sondern eigentlich wärtigen Staatslenker, noch der von ihnen nach in diesen Kundgebungen elementar Bahn breche. ich aft und für Neuwahlen Sorge erst für ihre Verwirklichung, für ihren Sieg kämpft! ihren absolutistischen Gelüsten zurechtgemodelte Aber Arbeiter, die nicht für fremde Interessen, zu tragen. Wie man ste fennt, wird ste fein demokraParlamentavismus einen Bug aufweisen. Schon sondemn für ihre eigenen Rechte demonstrieren,
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