Einzelpreis 70 Seller.

Redaktion

Prag , II.,

itl.

Telephone: Tages rebattion:

26795, 31469.

Machtrebattion: 26797.

Postichedamt: 57544.

Juferate werden laut Tarif billigft berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.

8. Jahrgang.

Staldemokrat

Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republit.

Zehn Jahre.

Bilanz und Besinnung.

Das tschechische Volk feiert den zehnjährigen Bestand seines Staates, der Tschechoslowakischen Republik. Daß es beinahe in seiner Gesamtheit dieses Jubiläum wirklich feiert, freudig und stolz der Vorgänge gedenkt, die vor zehn Jahren den verborgenen Wunsch ganzer Generationen, den heimlichen Traum der Größten der Nation, die Sehnsucht dreier Jahrhunderte über Nacht zur Wirklichkeit werden ließen es ist kaum zu be zweifeln. Mögen Lichter und Fahnen, bekränzte Häuser und Portale, Musik und Massenaufmarsch auch der Regie des Festes zu danken sein, mögen fich hinter der frohen Maske Bitterfeit der Eitt täuschten und der Hader der Sieger verbergen, in einem ist das tschechische Volk ganz ohne Zweifel einig in dem Willen, diesen Staat zu schützen, in dem Ge­fühle, durch diesen eigenen Staat seine Kultur und Sprache, seine Existenz als freie Nation, gesichert zu haben. Soweit sind die Gefühle der Massen am 28. Ot­tober 1928 die gleichen wie vor zehn Jahren.

Prüft aber das Volk heute das Werk der zehn Jahre, die seither verstrichen sind- und wozu sonst wäre der Rückblick da, als zu Abrechnung und Selbstbestimmung!-ver­gleicht es Programm und Hoffnun gen von 1918 mit dem Ergebnis von 1928, dann wird es sich freilich nicht einig sein in Ur. teil und Wertung. Wirklich jubilieren, im tief­ften Herzen feiern, kann die Entwicklung des ersten Jahrzehnts der Republik nur die tschechi sche Bourgeoisie. Sie dankt der Befreiung auch einen unvergleichlichen wirtschaftlichen Auf stieg, sie dankt der eigenen Staatlichkeit wohl. ftand, Macht und Sicherheit. In den zehn Jah ren der eigenen Staatlichkeit des tschechischen Boltes ist aus der Zivnostenská banka, bie da­mals ein fleines Geldinstitut einer schwachen Bourgeoisie war, die mächtigste, reichste, unsere gesamte Wirtschaft souverän beherrschende Bank der Republik geworden. In den zehn Jahren, die man heute feiert, sind die Vermögen der Zivno- Aktionäre zu ungeheuren Stapitalien an­gewachsen, ist das deutsche Finanzkapital, das die böhmischen Märkte, das den Kredit in Prag und Brünn und Ostrau beherrschte, aus dem Felde geschlagen, sind die mächtigen Bollwerke der deut­ schen Industrie in Pilsen und Ostrau , in Brünn und Brag, im westböhmischen Porzellan- und im ostböhmischen Textilgebiet, die Hochburgen der A Reichenberger und Warnsdorfer Textilunterneh mer, der Haidaer und Tannwalder Glasindu­striellen, der Raffineure und Metallurgen, der Teppich- und Tuchweber, der Herren von Karls. bad, Teplitz , Aussig und Witkowiß, der Gruben­barone von Brüc und Falkenau gesprengt, die Throne der alteingesessenen Patrizier gestürzt und die der neuen Herren errichtet worden! Kohle und Eisen, Glas und Porzellan, Baum­wolle und Flachs, Papier und Petroleum, sie sind jetzt den Männern untertan, deren große Stunde vor zehn Jahren geschlagen hat, und de­mütig, unterwürfig steht der deutsche Indu­striellenverband zur Seite, bereit, Ordre zu pa­rieren, wenn Dr. Preiß es befiehlt.

Wahrhaftig, diese Bourgeoisie hat Grund zum Feiern! Und neben den Herren der Industrie und der Banken sind es die von Halm und Ah r', die Feste feiern können. Wie jenen Erz und Metall und Webe, so sind ihnen Weizen und Rübe und Hopfen untertant, vic jenen hunderttausende Industriearbeiter, so die­nen ihnen hunderttausende Landarbeiter, Reich­tümer aufhäufend, Macht und Einfluß schaffend. Vier Ministerien, die Präsidien der Kammer, die Landesverwaltungen, die Streisgerichte, das Bodenamt sind in den Händen' agrarischer Wür­denträger, der alte Feudaladel ist in alle Winde zerstoben, auf seinen Gütern siten die neuen Junter, in feinen Wäldern jagen die Würden- i träger der Bourgeoisie. Die tschechischen Agra­rier wissen, warum sie nicht nur die Befreiung, sondern auch, was ihr folgte, feiern!

Sonntag, 28. Oktober 1928.

ww

www

Bezugs Bebingungen: Bei Juftellung ins Haus ode: bei Bezug durch die Post:

monatlich.... 15.­vierteljährlich

halbjährig.. ganzjährig..

48.­

96.­

192.­

Rüdstellung von Manu­fripten erfolgt nur bei Ein sendung der Refourmarten.

Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früb Nr. 257.

Auch ein Wort zum 28. Oltober. Der Hilferuf der Kriegsbeschädigten.

Am 27. Oktober sandie der Bundes­vorstand des Bundes der Kriegsverlegten, Witwen und Waisen mit dem Site in Reichenberg an den Präsidenten der Repy­blit nachfolgendes Telegramm: ,, Herr Präsident!

Morgen werden große Feierlichkeiten an läßlich des 10jährigen Bestandes der Republi stattfinden und tausende Kriegsbeschädigte müj fen weiter hungern. Seit über 6 Jahren bemühent sich die Kriegsbeschädigten, eine Verbesserung ihrer Versorgung zu erlangen. Seit über 2 Jahren liegen die Gesetzesanträge, Drud Nr. 549( An­tragsteller Abg. Schubert), Nr. 557( Abg. 3a­jiczet), Nr. 898( Abg. Curik), im Abgeordnetent­hause auf und die Regierung hat bis jetzt nichts unternommen, diese Anträge in Behandlung zu ziehen. Die internationalen Konferenzen der Kriegsbeschädigten- und Kriegsteilnehmerver­bände in Genf, Wien und Berlin , auf denen über 5 Millionen Kriegsbeschädigte und ehemalige Striegsteilnehmer vertreten waren, haben auf die unhaltbare Versorgung der tschechoslowakischen Striegsbeschädigten hingewiesen und Verbesserun gen verlangt. Der Vorstand der Internationalen Arbeitsgemeinschaft mit dem Siße in Genf ist zweimal an die tschechoslowakische Regierung auf schriftlichem Wege herangetreien und hat auf die vollkommen ungenügende Versorgung aufmerk sant gemacht. Die Regierung ließ diese Dent fchriften ganz einfach unbeantwortet.

Auf Grund von vergleichenden Berechnun gen und Aften des Internationalen Arbeits amtes ist nachgewiesen, daß die Versorgung der Striegsbeschädigten der Tschechoslowakischen Re publik von allen ehemals friegführenden Staaten mit an legter Stelle steht.

Herr Präsident! Am Tage des 10jährigen Bestandes der Republik bitten wir dringendst, helfen Sie mit an der Erreichung einer men­schenwürdigen Versorgung dieser ärmsten Bür ger, der Kriegsbeschädigten!"

Wir zweifeln nicht, daß diese Pro­bleme nur gelöst werden können von allen Nationen des Staates gemein­sam, daß sie nur gelöst werden können von der internationalen Arbeiterklasse der Republik . Die tschechische Arbeiterklasse weiß uns seit Jahren bereit, mit ihr um jene Gestaltung des Staates zu kämpfen, die dem Proletariat, dic den Nationen, die dem Frieden Europas ent­sprechen würde. Daß am Anfang dieses Jahres der erste gemeinsame Kongreß der sozialdemo fratischen Parteien stand, war ein erster verhei zungsvoller Anfang. Wir können an diesem Tage der Feste und der Fahnen, der Hymnen und Huldigungen nicht mitfeiern, weil wir nicht wüßten, was wir jubilierend feiern sollten, aber wir können den Willen tund geben zu Rampf und Arbeit, auf daß dieses zehnte Jahr wirklich ein Ende und ein Anfang sei!