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50. Jahrgang.

Volksfreund

Im Wahlfieber.

Tagblatt der Deutschen Sozialdemokratie.

Sonntag, 9. November 1930

Ryfow in der Berbannung.

Bon Agenten der GPU bewacht.

wahlberechtigt sind, wählen die tschechoslowaki­schen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten Wien , 8. November. In den Wiener Stra- die österreichische Sozialdemokratie, die tschechi­Ben herrscht heute außerordentliche Bewegung. schen Kommunisten gehen mit den übrigen Kom­Die Wahlagitation hat am Vorabende der Wah- munisten, während die anderen von ihren Par­len ihren Höhepunkt erreicht; die Stadt ist von teileitungen freie Hand erhielten und teils mit den Extraausgaben der verschiedensten Blätter der Schoberliste, teils mit den Demokraten oder und von Propaganda- Flugblättern aller Parteien mit den Christlichsozialen wählen werden. überschwemmt. Intensiv ist der Wahlkampf mit den Plakaten und den Lichtreklamen. In den Arbeiterbezirken sind vielerorts ganze Häuser­fronten mit Plakaten und Lichtreklamen bedeckt. Auch zahlreiche Propaganda- Automobile durch­fahren die Straßen der Stadt, in den Kinos Paris , 8. November. ,, Matin" berichtet laufen zahlreiche Wahlfilme. Die große Armee aus Moskau , daß sich das Politbüro unter dem der Agitatoren arbeitet von Haus zu Haus, um Vorjize Stalins enschlossen habe, den Vorsißen­für den morgigen Tag den Erfolg ihrer Partei den des Rates der Volkskommissare, Rykow , zu sichern. Die Parteien verfügen über rund zu zwingen, auf Urlaub zu gehen. Im amtlichen 12.000 Agitationslokale. Gewählt wird in 1901 Berichte wurde zwar angeführt, daß Rykow aus Wahllokalen. Die Polizei hat für morgen, aber Gesundheitsrücksichten ein Urlaub in der Dauer bereits auch für den heutigen Abend durchgrei- eines Monates gewährt werde, doch wird in fende Sicherheitsmaßnahmen getroffen, so daß die Wirklichkeit in politischen Kreisen behauptet, Ruhe und Ordnung während des Wahltages als daß Rykow infolge seiner Auflehnung gegen die vollständig gesichert angesehen werden kann. Wie Dittatur Stalins ausgewiesen wurde. So­gewöhnlich gilt auch für morgen das allgemeine gleich nach Schluß der Sizung, in der die oben­strenge Alkoholverbot. angeführte Entscheidung fiel, bemächtigten sich zwei Mitglieder der Kontrollkommission Rylows und transportierten ihn noch am selben Abende in ein Städtchen am Ufer der Wolaa, wo er sich unter der ständigen Oberaufsich von Agenten der G. 11. P. aufhalten wird. Fememörder im Parteivorstand der Hakenkreuzler.

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Letzte Manifestationen. Wien , 8. November. Am Vorabend der Wahlen hielten sämtliche Parteien in Wien Wahlmanifestationen ab und trafen die letzten

Borbereitungen. Die sozialdemokratische Partei

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Nr. 263. Deutsch

- Oesterreichs Schicksalsstunde.

Wien, 8. November .( Eigenbericht.) Heute abends haben noch einmal in allen Wiener Bezirken große Fackelzüge stattgefunden, die eine noch nicht erlebte Massenteilnahme aufwiesen. In Favoriten marschierten 30.000 Me n- schen im Fackelzug und auch in anderen Arbeiterbezirken reichte die Zahl der Demonstranten an diese Stärke heran. Ueberall fielen die zahlreichen Ju gendlichen und Sportler in den Umzügen auf. Die Manifestationen der Sozialdemokratie wurden von der spalierbildenden Bevölkerung mit Begei sterung begrüßt. Alle Veranstaltungen verliefen in vollster Ruhe und Dissziplin. Die Wiener Arbeiterschaft hat die Parole der Partei, die alte Parole Viktor Adlers, treu und gewissenhaft befolgt, sie hat sich nicht einsch i ch= tern, aber auch nicht provozieren lassen. In musterhafter Disziplin ist sie den wochenlangen Herausforderungen der fascistischen Reaktion mit dem Argument der besseren Sache begegnet und tritt mit Zuversicht in den schwersten und schicksalsvollsten Waffengang ein, den sie auf dem Boden der Republik bis­her zu liefern hatte. Die Sozialdemokratie hat das Urteil des Volkes nicht zu schenen, sie sieht dem Votum der Wähler in Ruhe entgegen und erwartet vom Ausgang der Wahl, daß er das wahre Bild Desterreichs enthüllen und den verbrecherischen Wahnsinn des Heimwehrputsches bloßstellen wird.

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Kaum einer der großen Wahlentschei- Terror und Bürgerkriegsdrohung die parla­dungen der letzten Jahre, weder der deutschen mentarische Arbeit der trockenen Fascisten zu vom verhängnisvollen 14. September noch unterstützen. Auf diese Weise wurde Stree= den englischen Wahlen des Vorjahres, viel- ruwit, der letzte wirklich parlamentarische leicht nicht einmal dem Ausgang unserer Kanzler Oesterreichs, gestürzt, so kamen Scho­eigenen Parlamentswahlen haben wir in sol- bers Verfassungsreform, das cher Spannung, in so tiefbegründeter Erre Antiterrorgeseh" und die übrigen gung und heißer Sorge entgegengesehen wie verhängnisvollen Maßnahmen des Kabinetts veranstaltete einen großen Fackelzug, an dem auch die Mitglieder der tschechischen Arbeiter­diesem 9. November, da sich ant Jahres- Schober zustande. Die Sozialdemokratie mußte turnvereinigungen teilnahmen. Der Umzug ver­Berlin, 8. November. Wie die Bayrische tage der deutschen Revolution von 1918 des Mittels der parlamentarischen Obstrut lief in vollkommener Ruhe. Die christlichsoziale Staatszeitung" meldet, sind die aus den Feme- das Schicksal des deutschösterreichischen Stam- tion entsagen, um nicht den Bürgerkrieg zu lief in vollkommener Ruhe. Die christlichsoziale Brozessen bekannten Oberleutnant Schulz und mes und seines Staates entscheiden soll. Das riskieren, der Desterreich in die Katastrophe Partei hielt nachmittags und abends acht Ber- Feldwebel St I approth in den Vorstand der oft und bei manch unziemlichem Anlaß reißen müßte. fammlungen ab, die sehr zahlreich besucht waren. nationalsozialistischen Partei berufen worden. Die Stimmung bei den Versammlungen war ausgesprochen fampfesfreudig. Die Wiener Heim­

wehren, die mit den Christlichsozialen gemeinsam

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zitierte Wort Freiligraths aus den Oktober- Zwei Momente tamen der Reaktion zu Patriotische Lausbübereien in Warschanen Sinne auf unsere Lippen: Wenn wir sches; der 15. Juli 1927, an welchem Tag von 1848, diesmal drängt es sich im Silfe, ein psychologisches und ein ökonomi­vorgehen, veranstalteten drei Fackelzüge, wobei es Berlin, 8. November. Das Wolffsche Bureau noch knien könnten, wir lägen auf den Knie'n, eine spontane Demonstration der Arbeiter­zu kleineren Scharmüßeln kam, denen jedoch von meldet aus Warschau: Die Warschauer Studen- wenn wir noch beten tönnten, wir massen von Schobers Polizei mit unerhörter der Polizei ein baldiges Ende bereitet wurde. ten veranstalteten heute nachmittags im Hof der beteten für Wien! Brutalität niedergeworfen wurde, bildete, kei­Vor der Votivkirche fand noch in den Abend- Universität eine große, gegen Deutschland ge= stunden eine Parade der Starhembergschen richtete. Stundgebung. Der Rektor hielt eine An- 1927 um die Behauptung des roten Wien von den fascistischen Methoden Seipels und Es geht diesmal nicht nur wie 1923 und neswegs den Ausgangspunkt einer Abwendung Jägerbataillone statt. sprache, worin er von der drohenden deutschen Gefahr" sprach und zum nationalen Zusammen- und um die Rettung seines großen sozialen Schobers, sondern er stärkte das Selbstbewußt­Wien, 8. November. Obwohl in Wien nur schluß aufforderte. Dann sprachen noch einige Aufbauwerkes, nicht nur um ein Mehr oder sein der Bourgeoisie, die sich im Proleten­zehn Parteien( auf dem Lande vierzehn) kan Studenten, die den Boykott deutscher Waren und Minder an sozialem Fortschritt oder reaktio- blute gesundbaden wollte, und er schuf der Didieren, spielt sich der Wahlkampf in Wien deutscher Filme verlangten. Die Studenten zogen närer Politik in Oesterreich, es geht um die Reaktion den Vorwand zur offenen Förderung eigentlich nur zwischen drei Parteien ab, nämlich dann, etwa 2000 Mann stark, unter Absingung vor einem Vierteljahrhundert erstrittenen poder Heimwehren. Die furchtbare Wirt­zwischen Sozialdemokraten, Christlichsozialen( zu- deutschfeindlicher Lieder vor ein Stino, wo gerade litischen Grundrechte des österreichi- fchaftskrise aber erleichterte dem Heim­sammengeschlossen mit den Wiener Heimwehren) jetzt ein deutscher Film gegeben wird, wurden schen Volkes, um die vor Jahrzehnten erwehrfascismus den Einbruch in die steirischen und dem Schober- Block. Alle übrigen Parteien. aber von der Polizei abgedrängt. Sie versuchten fämpften primitivsten sozialen Großbetriebe und bereitete das Anti- Gewerk­selbst die selbständige Kandidatur der Heimwehr dann, zur deutschen Gesandtschaft zu marschieren, Rechte, um die Gleichheit vor dem Gesetz, schaftsgesetz vor. unter der Denise ,, Heimatblock", die Hitleranhän- doch sperrte ein starker Riegel von Schußmann- Rechte, um die Gleichheit vor dem Gesetz, schaftsgesetz vor.

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Die österreichische Arbeiter­

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Abrüftungsausschuß bontottiert die Abrüftung.terreichische Arbeiterfaffe und dies in gleich der Butſch der Seimwehr drobte, ent­

Deutschlands Anträge in Genf abgelehnt.

Bauern

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ger und die Kommunisten sind start in den Hinschaften zu Pferde und zu Fuß die Straße ab, das Koalitionsrecht der Arbeiter, um Preß­tergrund gedrängt und haben nur ganz geringe in der sich das Gesandtschaftsgebäude befindet. und Vereinsfreiheit, nicht mehr allein um klasse wurde so in die Defensive ge­oder überhaupt keine Aussichten auf einen Wahl- Nachdem die Studenten längere Zeit Nieder das Werk der Revolution von 1918, nicht nur drängt. Ihre Hauptsorge mußte der Ber­erfolg. Die in Wien anfäffigen Tschechoslowaken rufe auf Deutschland ausgestoßen hatten, folgten um das liberale, nein um das Erbe von meidung des Bürgerkriegs gelten, der ja gehen befann Tich seit dem Jahre 1923 nicht sie der Aufforderung des Rektors und zerstreuten 1848. Nicht hinter 1918, sondern hinter 1848 neben anderen Gefahren auch die äußerste der mehr selbständig in den Wahlkampf. Insoweit sie sich. wollen die Starhemberg und Vaugoin, die Berstückelung Deutsch Desterreichs in sich Seipel und Bifft das kleine Staatswesen an barg. Die Wirtschaftskrise verstärkte die Donau zurückwerfen, es geht für die Schwierigkeiten. Als sie hereinbrach und zu­Sinne des Begriffes, für Arbeiter, schloß sich die Sozialdemokratie zum Kompro­und Intellektuelle, einfach ums miß mit dem Kabinett Schober, ohne sich über Ganze! die Funktion dieses Kabinetts- die Fasci Genf, 8. November.( Wolff.) Im Vorbe- stellung der Mehrheit des Ausschusses zu den Als es Seipel 1927 auch mit seiner anti- sierung auf kaltem Wege zu fördern einer reitenden Abrüftungsausschuß wurde heute die wesentlichsten Punkten der Abrüstung sich nicht int vorigen Jahre vertagte Diskussion über die geändert hat, gab Graf Bernstorff eine marristischen Einheitsliste nicht gelang, den Täuschung hinzugeben. Bei allen Einbußen, Dauer der Dienstzeit und ihre Fest- furze, aber sehr scharfe Erklärung ab, in der Vormarsch der Sozialdemokratie aufzuhalten, die das Proletariat unter dem Schober- Regime als der Ansturm der gewaltigen politischen zu verzeichnen hatte, war es das einzige legung im Entwurf der Abrüstungstonvention er ut. a. folgendes fagte: fortgesetzt. Dem Ausschuß lag auch vom Mai Wenn eine Abrüstungskonvention die Heeresmacht, die sich unter des Prälaten Füh- Mittel, den Bürgerkrieg zu vermeiden und vorigen Jahres noch ein Antrag des Grafen ausgebildeten Reserven ausläßt angesichts der rung, mit dem Segen der Kirche und dem die Auseinandersetzung nochmals auf demo­Bernstorff vor, der davon ausgeht, daß die Tatsache, daß heute in einer Reihe europäi- Gelde von Banken und Industrie gerüstet, fratischer Basis zu suchen. Herabsehung der Dienstzeit, die im Entwurf vor- scher Staaten der Mensch von der Wiege bis zum Sturm auf die Bastionen des roten Christlichsoziale und Heim­gesehen ist, allein noch nicht als eine wirksame zum Grabe so behandelt wird, daß er nur Wien anschickte, als diese Generaloffensive der mehr aber fürchteten diese demokra Abrüstungsmaßnahme angesehen werden kann, noch Soldat ist, dann ist eine solche Kon- Bourgeoisie an der Einheitsfront der öster- tische Auseinanderseßung, fürchte­und der folgerichtig auch eine vention nicht die Tinte wert, die für reichischen Arbeiterklasse zerbrach, trat Dester- ten die Abhängigkeit des Kabinetts Schober Herabseßung und Beschränkung des jähr­ihre Unterschrift verwendet wird. reich in eine ganz neue Phase seiner vom Ausland und von dem gemäßigten Ka­lichen Truppenkontingents Sodann kam man zur Abstimmung der innerpolitischen Entwid I un g. pital, fürchteten die wachsende Erbitterung fordert, u. zw. derart, daß die hiefür festgelegten wesentlichen Teile des deutschen Antrages, der Diese Phase ist gekennzeichnet durch die Wen- der Volksmassen über die korrupte christlich mit 12 gegen 6 Stimmen und zahlreichen Zahlen von keinem der vertragschließenden Staa- Stimmenthaltungen abgelehnt wurde. Für den dung der österreichischen Bourgeoisie zum soziale Klingelwirtschaft. Darum stürzten fie ten überschritten werden dürfen. Weiters for Antrag stimmen die Vertreter Hollands, Norascismus. Er tritt uns in doppelter Schober und ließen durch das Minderheits­derte der deutsche Antrag, daß die Ausbildungs- wegens , Schwedens, Chinas und Rußlands. Gestalt entgegen: als der trocene" Fajcis- fabinett Vaugoin, in dem ein Heimwehrban­zeit und aktive Dienstzeit getrennt angege- Die Bertreter Großbritanniens mus der großen Bürgerparteien und der dit Innenminister ist, den Nationalrat vor­ben werden müssen und daß über die Personen, und der Vereinigten Staaten ent- finanzkapitalistischen Kreise und als der bezeitig auflösen.

die ihrer militärischen Dienstpflicht genügt ha- bielten sich der Stimme. Unter den waffnete, terroristische Heimwehrfascismus, Es kann kein Zweifel darüber bestehen, ben, teine Listen mehr geführt werden Bändern, die gegen den deutschen Antrag stimm- den Adel, Großgrundbesitz und einzelne Indu daß Christlichsoziale und Heimwehren mit dürfen. en, befinden sich die Vertreter Frankreichs, Ja strieverbände( Alpine Montan) finanzieren. feinen Wahlerfolgen ihrer Listen rechnen. Sie pans, Jtaliens, Belgiens und der Türkei. In den letzten Jahren hat sich eine Zusam- sind sich darüber klar, daß sie weder die So­Nach der Abstimmung erhob sich Graf Bern- menarbeit zwischen beiden Richtungen ergeben, zialdemokratie ernstlich erschüttern, noch die storff noch einmal zu einer furzen Erklärung, in der er sagte, daß die deutsche Delegation an den die besonders in dem Zwischenspiel des Kabi abtrünnig gewordene bürgerliche Mitte schwä Abstimmungen über die zu dem betreffenden netts Schober zum Ausdruck kommt. Der chen werden. Sie rechnen mit ganz anderen Am Schluß der Debatte, aus der sich ergab, Artikel noch vorliegenden Anträge fein Inter- Heimwehrfascismus hat dabei die Funktion, Größen als mit Mandaten und Wählerstim­daß die bisherige völlig negative Gin- esse mehr habe. durch stete Beunruhigung des Landes, durch men. Schon während des Wahlkampfes ver­ Der

deutsche Antrag wurde nach einer aus gedehnten Debatte, an der sich namentlich die Vertreter der großen Militärmächte beteiligten, von einer großen Mehrheit des Ausschusses abgelehnt.