zur Anlage neuer Verkehrswege, zur Verwertung allen technischen Fortschrittes zur Verfügung stünden; der nicht da und dort, wo Not und Zu­fall es fordern, sondern nach einem großen Plan baute; der eine Stadt schüfe, die alle Bequem­lichkeit der Großstadt mit aller Natürlichkeit des Landlebens verbände. Und der alle Kräfte or­ganisierte, fünftigem Dasein eines ganzen Voltes, nicht einer einzigen Schicht durch Reich­tum oder Abkunft Ausgezeichneter, Rahmen und Form zu prägen!

Dabei muß allerdings diese Stadt, die ganz neu werden soll, auch alt bleiben, weil ihre Ver­gangenheit ein Besitz ist, den nichts ersehen tann. Ihre musikalische und künstlerische Tra­dition müßte sorgsam gepflegt, ihre wissenschaft­lichen Einrichtungen gestüßt, ihre großen Samm­lungen ausgebaut werden all das, was die ganze Welt wirklich von ihr kennt und schäßt, um einem von modernen Ideen und modernen Aufgaben erfüllten Volk ihren Stoff und ihre Hilfe zu bieten. In der Verbindung von Tra­dition und Lebendigkeit ist die Eigentümlichkeit

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Wiens gelegen; sie ermöglicht ihm, einen ver

mittelnden Platz zwischen den Kulturen für sich zu fordern.

Wenn Wien so eine Art Schweiz der geistigen Welt würde, könnte es durch sein Beispiel drei große Lehren verkünden: daß die Erneuerung des Daseins, die wir brauchen und fordern, möglich ist, ohne die Werte der Ver­gangenheit zu zerstören; daß die moderne Form großstädtischen Lebens ihre in die Natur reichen=

Bunte Woche

Ferntonschmalfilms. In jedem Jahr ihrer fünfzig in vier Kopien. Nach dreißig Jahren 6000 Kopien Ein dynamischer Orbis pictus. Damit habe ich 900 Millionen Schilling aus­gegeben, aber alle edlen Geister Wiens ermuntert. Ich will nur noch mitteilen, daß jede Kathe­drale zehn besondere Zimmer hat, die bald be­rühmten Zimmer der Gäste. Führende Men­schen aus allen Erdteilen werden für je ein Jahr Gäste Wiens. Wir bitten sie, hier als Forscher, Künstler und Lehrer schöpferisch zu wirken. Das gibt das Jahrhundert der großen Zehntausend. Wissen Sie, daß das nur zwanzig Millionen Schilling kostet? Aber daraus geht der Orden der Freunde von Wien hervor, jene Gemeinschaft, die sich verpflichtet, Geist nie gegen die Masse wirken zu lassen.

Noch eine Belanglosigkeit für Tratschgelüfte kommender Geschichtsschreiber. Ich bin den Weg der vollen Hingabe ans Ganze nicht makellos ge­schritten. Meine Frau braucht für eine Gasrech­nung 17 Schilling. Diese Summe habe ich ihr aus der Tasche Carnegies zur Verfügung gestellt.

unselige Fluch genommen, den ihr die Geldgier angeheftet hat. Jeder erkennt den Sinn und Zwed seines Tuns für das Wohl der Gesamtheit und das Glücksgefühl der nützlichen Leistung hebt ihn empor.

Aber auf solche Geschenke darf die Arbeiter­schaft nicht hoffen und nicht warten. Der Sozialismus kann nur durch die eigene Kraft errungen werden. Allen Widerständen zum Trok wird auf die zusammen­brechende, nur von Profitwut beherrschte Privat­wirtschaft die Planordnung der Gemeinschaft der Menschheit folgen. Keine Carnegies und keine Arbeitslosen, teine Millio­näre und keine Hungernden mehr!

Seltsam, wie sich höchster Flug des menschlichen P

Geistes nie vom Staube rein hält.

focel uitroly

den Wurzeln zu behalten vermag; daß eine Hugo Breitner :

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borgehen kann.

Wiens Besonderheit ist die Frucht eines auf Grund der habsburgischen Reichspolitik miß­glückten Versuches eines Zusammenschlusses ver­schiedener Nationen. Auf der Grundlage einer neuen Weltanschauung ist hier ein Internationa­lismus zu erhoffen, der nicht auf der dürren Scholle theoretischer Erkenntnis gewachsen und nicht aus der Retorte ökonomischer Geseßlichkeit hervorgegangen, sondern aus innerer Einsicht entstanden ist.

wertvolle auch im ganzen des Nationalen wertvolle Kultur auch aus der Berührung ,, Schluß mit den Carnegies...!" und Durchdringung verschiedener Nationen her- Es war und ist mir ein Rätsel, weshalb Men schen Reichtümer weit über die Möglichkeit sogar üppigen Genießens anhäufen. Ich wundere mich, welch unsinnigen Gebrauch diese sogenannten flugen Männer von ihren Schäßen machen. Nahe­zu ausnahmslos gilt ihr Streben der Zukunfts­ficherung von Kindern und Kindestindern bis in die weite Ferne. Nahezu ausnahmslos mißlingt dieser Versuch. Diese sehr fleißigen und meist be­dürfnislosen Leute erziehen ihre Kinder zu Müßiggängern und sind glücklich, wenn ihre Nach­kommen sich jenen Schichten anbiedern dürfen, die bereits beim Verschwenden des ererbten Gutes angelangt sind. Es ist eine trostlose Erscheinung, daß von 100.000 größeren und noch so großen Vermögen 99.999 in der zweiten, spätestens dritten Generation zu nichts zerfließen.

Diesen zu erweden aber bedarf es nicht Geldes, sondern Geistes; den Traum Wiens zu berwirklichen, braucht es nicht der Minen Carnegies oder Rockefellers .

Naus Tretze

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Josef Luitpold :

ich baue Kathedralen der Bildung"

Die Weltgeschichte ist keine Lotterie. Am wenigsten gewinnen in ihr die Besten. Die Carne­gies geben ihre Schecks nicht her. Und ist es denn der Dollar, den die Menschheit braucht? Die Nornen der Zukunft heißen: Erde, Arbeit, Soli­darität.

Aber, wenn der Geldbriefträger durchaus meine Unterschrift will, um die Milliarde auszahlen zu es soll geschehen.

tönnen

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Ich gebe das Geld nur für Wien aus. Nur für Arbeiterbildung.

In jeden der Wiener Bezirke einen großen Arbeiterbildungspalast. In jedem eine Halle für 5000 Menschen. Sportpläße, Bäder, Gärten, Wandelräume, je hundert schalldichte Lehr- und Klubzimmer für je 100 Menschen. Diese Paläste heißen Kathedralen. Also dreißig Kathedralen in Wien . Mit Orgel und Lautsprecher, mit Kurz­wellensender und Rundfunkempfang, mit Werk­räumen und Laboratorien, mit Bühnen und Büchereien, mit Filmapparaturen und Episkopen.

In den Kathedralen spielt sich das öffentliche Leben des geistigen Wiens ab. Täglich dreitausend Zusammenfünfte von hunderttausend Kindern, hunderttausend jungen Menschen, hunderttausend Erwachsenen. Dieses geistige Leben wird wirt­schaftlich für dreißig Jahre gesichert.

Sogleich erhalten die siebzig Wiener Ar. beiterbüchereien je 10.000 Bände, 1985, 1937, 1939 stets die gleiche Anzahl, in den nächsten zwei Jahrzehnten ebenso. Bom zehnten Jahr an erreicht Wien eine jährliche Entlehnung von vier­zig Millionen Bänden, die richtige Zahl für eine

Großstadt des Geistes. Statt tausend Bibliothekare werden es dann zehnmal soviel freiwillige Helfer und Helferinnen sein. Ich freue mich schon darauf. Auch auf die zweihundert Lesergilden und ihre zweitausend wissenschaftlichen und fünſtle

rischen Abende alljährlich.

An die Errichtung von Kinderbüchereien gehe ich sofort. Wir brauchen in Wien hundert­vierzig Kinderbüchereien, in jedem Bezirk etwa sieben. Anderthalb Millionen Bände werden so­gleich eingestellt, ebensoviel je 1935, 1937, 1939 und in den nächsten zwanzig Jahren. So lieft die Wiener Jugend bald sechzig Millionen Bände jährlich, beraten durch schmude, bebilderte Bücher verzeichnisse . Ich bedaure dann, kein Sind mehr zu sein. Es werden dreitausend Kinder freiwillig ernst und begeistert als Bibliothekare mitwirken. Schallplattenarchive mit eigenen Auf­nahmeapparaturen werden genug zu tun be­kommen: jährlich tausend edle Schallplatten für Lehrzwecke und Kunstunterricht, stets in zehn Ko­pien. Das ergibt in dreißig Jahren dreimal­hunderttausend Blatten. Nicht zu viel für eine Stadt, die in ihre Mauern und Ohren den Klang des ganzen Erdballs zaubern will.

Dreißig Ihre Pflege zunä hit des Schmal films, bald des Tonschmalfilms, zum Schluß des

Nur eine verschwindende Minderheit verwen­det ihr Geld scheinbar besser. Ab und zu erfolgt die Errichtung eines Kinderspitals, einer Lungen­heilstätte, einer Stiftung für Kunst und Wissen­schaft oder für Menschen, die sich um die Friedens­bewegung verdient gemacht haben. Teils aus edlen Beweggründen, teils aus Eitelkeit oder zur Be­schwichtigung von Gewissensbissen als eine Art Versicherung gegen Fegefeuer und Hölle. Aber auch weit häufigere Widmungen, fönnten teine fühlbare Wirkung üben.

Was nüßen Spitäler, wenn es als selbst­verständlich gilt, daß Kinder und Erwachsene in jeder Beschreibung spottenden Behausungen, ärger als Tiere zusammengepfercht sind und sich dort alle erdenkbaren Krankheiten holen? Was helfen Heilstätten, solange es als unabänderlich betrachtet wird, daß Unterernährung der schlimmsten Art an einem einzigen Tage mehr Tuberkulotiker schafft, als sämtliche Lungenheime der Welt in einem Jahre zu helfen vermögen?

Hat es einen Sinn, ein paar berühmte Dichter oder Wissenschafter durch hohe Geldsummen aus­zuzeichnen, während gleichzeitig eine nach Mil­lionen zählende Jugend samt ihren Talenten und Genies zerstampft und erwürgt wird, weil jämmerlichstes Elend als unlösbares Zubehör des Menschheitsschicksals betrachtet wird?

Ist es nicht abgrundtiefe Berlogenheit, Friedenspreise zu verleihen und jahraus, jahrein phantastisch hohe Beträge für die Vorbereitung des grauenvollsten Krieges zu bergeuden?

Es gibt nur eine einzige vernünftige Ber­wendung von Reichtümern: das ist die För derung des Sozialismus.

Sozialismus bedeutet die Bernichtung aller Not von der Wurzel aus! Sozialismus ist die Ausrottung des Krieges! Sozialismus berechtigt und verpflichtet jeden Menschen auf dem Erden rund zur Arbeit und verbürgt ihm als Ertrag ein wahrhaft lebenswertes Dasein in Gesundheit und Schönheit!

Nichts ist übrig geblieben von den Schäßen der Krösusse aller Zeiten. Dauern tann nur die Hebung der Lage des ganzen Menschengeschlechtes. Ich würde das Geld von Carnegie und aller seiner raffenden und schaffenden Kapitalkollegen sozialistisch verwalteten Gemeinwesen geben. So würde das Herrliche schneller Wirklichkeit werden fönnen, als es sonst geschehen wird.

Geräumige, gut ausgestattete Wohnungen für alle. Weite Parkanlagen an Stelle der nieber­gerissenen Miettasernen der Bauspekulanten. Aus den Schulen sind die Vorrechte des Besizes als Schandfled getilgt. Ganz ausnahmslos wird die gesamte Jugend bis zum vollendeten 18. Jahre durch die besten Lehrer förperlich und geistig herangebildet. Die Begabtesten werden in offener Auslese den Fachstudien zugeführt. Der allgemeine Bildungsgrad ist aber schon so hoch, daß darüber hinaus für Dünkel fein Raum bleibt. Biblio­thefen, Museen, Kunststätten aller Art, Bäder, Sportpläge, Vergnügungen, Reisen sind in Fülle und richtiger Regelung jedem frei zugänglich.

In der Geschichtsstunde nur wird ungläubigen Zuhörern von jener Wahnsinnsperiode des Kapi­talismus erzählt, in der zu reiche Ernten ber brannt oder ins Meer versenkt worden sind, weil es noch eine zu schwere Kunst war, aus der Fülle die Darbenden zu sättigen. Von der Arbeit ist der

99

ShigoSpreituer.

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of. Rudolf Radbruch: Wichtiger als Carnegies Geld wären neue Menschen..." Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich bei Ihrem Plan nicht mitmachen kann. Ich glaube mit Ihnen an die vorwärtstreibende Kraft der Utopien, aber ich fürchte, mir fehlt dazu der große Wurf der Phantasie und vor allem die Kraft echten utopi­schen Glaubens. Mein Wach- und Wunschtraum" würde auf meinem Fachgebiet die Durchführung eines vernünftigen Erziehungsstrafvollzuges sein, zu der Carnegies Geld" aber nicht genügen würde, da man nicht nur Geld und neue Ge­brauchte. Einige wenige Menschen dieser Art kenne ich freilich. Einen davon hat der thüringische Fa­schismus soeben aus seinem Amt entfernt sehr ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen diese Utopie wirklich eine Utopie.

bäude, sondern vor allem neue Menschen dazu

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Radbruch

so

A

chenket

parbriefe! tädtische Versicherung

Schalom Asch :

@

,, Nie wieder soll sich ein Carnegie Vermögen bilden..."

Wenn ich Carnegies Geld hätte, so würde ich es dazu verwenden, um die Menschheit davor zu bewahren, daß sich jemals wieder Carnegie­Vermögen bilden können. Denn ein Carnegie­Vermögen und nicht allein dieses, sondern jedes Vermögen, das über den eigenen Lebensgebrauch hinaus angehäuft wird bedeutet eine Anhäufung von Sünde. Zu welchem Zweck es verwendet wird, ist dabei nicht von Belang. Und wird es gar ver erbt, so ist das eine Sünde, die sich rächt. Denn nichts schädigt die zweite Generation so sehr, wie die Vermögen, die sie von der ersten erbt.

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Schalom Arch

Sinclair Lewis telefoniert: Sie fragen mich, was ich mit dem Gelde Carnegies täte? Verlieren!

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Kaiser Karl hat Angst

vor meinen ,, Mordplänen"

Mein Besuch beim letzten Habsburgerkaiser

Von

Dr. KARL RENNER,

Präsident des Nationalrates, Staatskanzler a. D.

Der erste Kanzler der österreichischen Republik schildert hier den Lesern der ,, Bunten Woche", wie er dem letzten Kaiser der österreichischen Monarchie gegenüberstand. Er zeichnet jene be­klemmende Engstirnigkeit, der das Schicksal des Volkes ausgeliefert war, die aus Unwissenheit und Überheblichkeit gemischte Atmo­sphäre in den höchsten Kreisen" das Land in den Untergang führten. Blutige Wahrheit wird hinter der offiziellen Förmlichkeit dieser denkwürdigen Audienz sichtbar, da es sich zeigt, daß der Mann, der von Gottes Gnaden" über Österreich herrscht, noch nie etwas von Renners bedeutsamer politischer und wirtschaftlicher Arbeit gehört hat. Und vielleicht können zehn tiefgründige Bände über das Wesen der Kaiserherrschaft nicht gründlicher mit der Mon­archie abrechnen, als es der letzte österreichische Monarch nichts­ahnend mit den Worten tat, mit denen er seiner Umgebung von dem Zusammentreffen mit Renner berichtete: er hatte sich ge­fürchtet, der gefährliche Freimaurer" Renner könne ihn während der Audienz ermorden...

bearbeitet. Man

Ein langer und bezeichnender Umweg war es, auf dem ich zum letzten Beherrscher Österreich - Ungarns, zu Kaiser Karl fam. Beinahe zwei Jahrzehnte hindurch hatte ich unter dem Dednamen Rudolf Springer " in staatswissenschaftlichen und politischen Schriften die Lebensfrage des Reiches, das Nationalitätenproblem, sollte meinen, irgendein Mitglied der Dynastie oder wenigstens einer der Hof­schranzen müßte sich für den Autor und für ein Schriftwerk interessieren, das sich so ein gehend und so lange Jahre mit dem Schid fal des Reiches befaßte, das ja auch zum Schicksal der Dynastie werden mußte. Nicht das geringste Intereſſe war zu merken. Der sogenannte" Sof" war schon längst ein ge­schlossener Kreis von" lliteraten" gewor­den, der absichtlich alles Geistige von der Dynastie fernhielt. Weil das jedermann wußte, wußte auch ich es und unternahm nie einen Versuch, in jenen Regionen auch nur eine gedruckte Beile persönlich oder durch Mittelsleute an den Mann zu bringen.

Hätte ich einen Traktat über den Sei­ligen Georg verfaßt, ich bin überzeugt, der seinerzeitige Thronfolger Franz Ferdinand hätte ihn seiner Bibliothek einverleibt.

Nicht viel anders als mit den Sofleuten stand es mit den Staatsmännern. Einer der wenigen, die ein freies politisches Schrift­tum schätzten, war Ernst Koerber, den Kaiser Franz Josef nach Stürgkh zum zweitenmal zum Ministerpräsidenten ge­macht hatte. Dieser bedeutende Kopf blieb auch nach des Kaisers Tod( 21. November 1916) einige Zeit lang Ministerpräsident des jungen Kaisers Karl, bis ihn Graf Clam­Martinic, eine politische Null aus dem böhmischen Feudaladel, ablöfte.

Koerber

kannte mich persönlich durch meine politi­schen Arbeiten und ich war mit ihm schon seit dem Jahre 1900 gelegentlich zusammen­getroffen.

Das letzte Aufgebot

In jener Zeit griff man nach den furcht­baren Blutverlusten der zwei ersten Kriegs jahre zum Truppenersatz auf die ältesten Jahrgänge. Ich wurde assentiert, tauglich befunden und in meiner längst abgelegten Charge eines Verpflegsakzessisten der Re­serve einberufen. Zunächst wurde ich einer Intendanzabteilung des Kriegsministeriums zugeteilt. Aus dem Riesenbau am Aspern­ring wurde ich aber zu meiner Überraschung zugeteilt. Aus dem Riesenbau am Aspern­eines schönen Vormittags in die Herren­gasse 7, ins damalige Ministerratspräsidium beschieden, in dasselbe Amt, das ich zwei Jahre später als Staatskanzler der Repu­ blik beziehen sollte.

Dort trat ich in der Akzessistenuniform mit Zweispitz und Degen vor Roerber. Un­vergeßlich ist mir der Eindruck, den diese Maskerade auf Koerber machte. Er starrte mich zuerst verblüfft an, erkannte mich trot der Verkleidung und brach in lautes Ge­lächter aus: Also beffer hat Sie das Bater­land nicht zu verwenden gewußt?" Er er­klärte mir, die Regierung plane zur Be­fämpfung der Verpflegsschwierigkeiten die Errichtung eines Ernährungsamtes und berufe mich nebst sechs anderen Männern in dessen Leitung. Und als Direktor des Er­nährungsamtes sollte der politische und staatswissenschaftliche Schriftsteller Rudolf Springer vor den Kaiser kommen.

Nach kurzem Bestand dieses Amtes wurde General Höfer übrigens der