Nr. 74 Lien,tag. 28. MSr, IS» /eite 5 Verhaftungen auf Wunsch der SA . Der gc- schäftsführeudc Direktor der Landivirtschastskam- mer für die Provinz Sachzen. Dr. A S m i s, ist von der Polizei heute in Schuhhaft genommen worden. Die Maßnahme steht im Zusammenhang mit den in letzter Zeit von nationalsozialistischer Seite'erhobenen Vorwürfen gegen die Kammer­leitung, nicht die Interessen der provinzialsächsi­schen Landwirtschaft, sondern die eigenen persön­lichen verfolgt zu haben. Der Konflikt hatte am Samstag bereits zur Amtsniederlegung der Vor­standsmitglieder von Wilmowski und Rein- hart geführt. Das Ministerium des 1. Avril. Berlin , 37. Mär;. Als Ersatz für ander« ver­sprochene, aber nicht gebrachte Leistungen bringt di« Hitlerregierung dem Volk da- Reichsminisie- rium fürBolksaufklärung", ein« gute Pfründe für Herrn Goebbels , dem anscheinend sein« eigenen Leute nichts anderes zutrauen als Agita­tion und Demagogie. Am Sonntag hatte Hitler mit Goebbels in Berchtesgaden ein« mehrstündige Besprechung, welche der Organisation de- Mini- fteriuins gewidmet war. Man beschloß, wie das offiziös« Conti-Büro meldet, erst einmal die Ab­teilungsleiter für Propaganda, Rund­funk, Press«, Kino und Theater einzusetzen. Alles andere wurde für später aufgehoben. Der neue Geist dringt also siegreich vor. Da» alteSystem" ist beseitigt, die national­sozialistischen Parleibuchbeamten sind am Ruder. Wie sie verwalten, ze'gt ihre erst« Schöpfung: Erst kommt der Minister, Für diesen Mi­nister wird ein Ministerium geschaffen. Damit die erst« Nachfrage gedeckt werde, setzt man di« Abteilungsleiter ein. Wa« dies« zu tun haben werden, weiß man vorläufig noch nicht: das ist ja schließlich auch nicht das Wichtigste. Roch den Abteilungsleiter« werden die kleineren Stellen für kleinere Hakenkreuzler«schaffen werden. Und bis dann da» ganze Ministerium dastehen wird mit Beamten, Titeln und Gehältern, wird man für da» Werk als Abschluß auch etwa» finden, wa» man al» Arbeit wird ausgeben können. Der wird dann«och behaupten, daß den Er­neuerern Deutschland » vor allem ihre Versor­gung am Herzen liegt? Damit auch für Humor gesorgt sei, meldet da» Conti-Büro abschließend, da» Ministerium für Bolksaufklärung werde"seine Tätigkeit am I. April beginnen. Ein besseres Datum hätte Herr Goebbels auch nicht finden können. Tenn hat die Hitlerei nicht wirklich das deutsche Volk in de» April geschickt? Lar Fräu'eln, dar keim Stufe» steige» traute. lieber ei« heitere» Grenzerlebnis wird un» au» Weipert geschrieben: Kürzlich näherte sich dom sächsischen Barenstein her«in etwas ange­jahrte» Mädchen her der tschechoslowakischen Grenzlinie, überschritt, nein: übertrippelte sie zu­versichtlich und guter Dinge und strebte gen Weipert ... nicht links sehend und nicht rechts, sondern züchtig die Augen zu Boden gesenkt und unschuldsvoll oaS Angesicht. Der Grenzbeamte, det gerade Dienst versah, war über die kleinen! Schritte deS Fräuleins ein wenig erstaunt, denn i er kannte die Dame und hatte sie schon oftmals die Grenze weniger trippelnd überschreiten feben; dieserweaen fand er sich veranlaßt, sich der Dahin­trippelnden zu nähern und sie zu fragen, ob sie Verzollbares bei sich trüge. Das Fraulein auL Aas der eutea, alten Zett. Bon A«nn« Strutz. & di« gute alte Zeit! Wie ost erklingt nicht ied wenigst eich die Sehnsucht nach ihr nach den Erfahrungen einer,freiherrlichen Zeit" herabgemindert ist. Aber wi« sah dir gute, cute Zeit trnrklich aus? Ich war 1910 Verkäuferin in einem gut­gehenden Delikateßwarengeschäft. Der Chef und leine Angehörigen behandelten uns Angestellte anständig, das Esten war gut und auch die Be- zählüna nicht sehr schlecht. Ich erhielt 25 Mark bei freier Station. Das Geschäft war von Mor­gens 7 bis Abend» 8 Uhr durchgehend geöffnet, wi« das vor dem Kriege überall üblich war. Mit­tagspause gab es nicht: man eben schnell und ging dann wieder in den Laden. Di« Zeit»rach dem Abendessen um acht Uhr stand zu^ unsrer Anfügung. Das heißt: nur für die Berkäuserin- rren und Angestellten. Für die Lehrlinge gab e» noch keinen Feierabend. Die saßen noch im Kon­tor und machten Schularbeiten oder registrierten, kopierten und machten Geschäftsbücher fertig. Das galt auch für die Sonntage während der Kirchzeit von 9.80 bis 11.80 Uhr. Abwechselnd gingen die Lehrlinge zur Kirche w-he aber, wenn sie währerch dieser Zeit auf der Straße an» getroffen wurden! Dann wer's mit, dem Kirch­gang für Wochen vorbei. Um zwei Uhr Mit« tags toar jedoch Ladenschluß. Dann durfte jeder ausgeben. Durch Vermittlung meines Onkels kam ich «iS dieser guten Stellung in ein« größere Stadt des Ruhrgebiets. Ich konnte dort spater'mehr Geld verdienen und das rvar auSkchlaggebend. Ei« schöner, großer Laden sollt« mich emvfangen ....! Den ersten gelinden Schrecken bkam ich bei der Ankunft als ich das Ende des Ladens nicht übersehen konnte. Ich wurde zwei freund­lich empfangen aber io gant anders als ich es gewohnt rvar. Weil alle Mädchen gleichmäßig gekleidet waren, mußte ich mir auf eurer Art Unglaubliche BettaulskmMe. (Huer, her die Ware verschenkt unö dadurch verdient. Prag , 88. März. DaS skrupellos« Verdiener­prinzip, auf das sich di« kapitalistisch« Ordnung gründet,'treibt in dieser Uebergangszeit die unglaub­lichsten Blüten. In dies« Kategorie gehört auch der Fall des Wiener Vertreters Richard Oreu­st ein, der bisher die Tschechoslowakei beglückt«. Als Vertret«: der Firma Schweb reiste er mit Muster­koffern seiner Bettwäsche uncher und da er, wie er heut« vor Gericht erklärte,aus eine schöner« Art als durch bloß« Hausie­re r e i" seine War« loswerden wollt«, hatte er sich Methoden zuwchtgeiegt, die ihn heut« wegen des mehrfachen Verbrechens des Betruges vor den Senat des OGR. Trost brachten. In drei Fällen arbeitet««r nach demselben Kniff. Er erschien nacheinander bei drei Personen ver­schiedenen Berufes: dem Großselcher Josef Je- täbek, dem Herausgeber einer Hotelierzeitung Brenek und dem österreichischen Geneal- konsul, Kommerzialrat und Bersiche- rungSdirektor Fritz Groß uick entbot nicht etwa War« zum Verkauf an, sondern richtete herz» lichst« Grüß « auswärtiger Freund« aus. Den Selcher grüßte er von dem Präsidenten der Pariser Selcher Jourain«, den General- konsul von dem Pensionatsdirektor Jabraine in Neuchütel, wo sich di« Töchter des Herrn Groß befinden, und den Herausgeber von Baseler Freunden. I» letzterem Fall»vor seine Bered­samkeit sobetäubend", wie dieser Zeuge wört­lich sagte, daß es dem Heimgesuchten ganz entging, daß einer dieser Freunde gar nicht existiert«, sondern derFreund Dolder" nicht» ist, al» di« Firma eines Hotel», dessen Plakat der schlaue Verkäufer an der Wand d«s Büro» erblickt«. Nach angeregtem Gespräch, das feiten» des Herrn Orenstein, der übrigens alsFabrikant Ziegler" auftrat, in Original Schweizer Dialekt geführt wurde, folgt« stets«in über­raschender Abschluß. Mit großer Gest« schenkte der verm«intliche Fabrikant und lleber- bringer der FreundeSgrüße den Besuchten zwei Koffer feiner Wäsch««cht Schweizer Stickereien", bitt« schön,damit Sie sehen, was wir Schweizer für Kavalier« sind"". Natürlich wollten bi« Neberraschten nicht annehmen. Aber Or«»rstein, aliasFabrikant Ziegler", lächelt« nur:Ich hab« e» satt, das Zeug herumzuschleppen und an j«der Grenz« Zoll zu zahlen." Und als di« Beschenkten sich immer noch sträubten, meinte der feine Psychologe schließlich so obenhin, wenn«8 ihnen peinlich sei, ein Geschenk anzunehmen, so könnten sie ja dem Schweizer Roten Kreuz" e-ine Spende machen. Er fei bereit, die Spende zu übernehmen und ihrem Zwecke zuzuführen. Er erhielt, unter geschickter Nachhilfe, in jedem der drei Fäll« 2600 K, was dem Verkaufspreis der War« übrigens nicht Schweizer , sondern Jnlandssabrikat entspricht. Ter Effekt desGeschenkes"»var also, daß«r sein« War« abgesetzt und di« Beschenkten für über­flüssig« War«, die sie sonst nicht gekauft hätten, den richtigen Kaufpreis entrichtet hatten allerdings nicht als Kaufpreis, sondern als Spende fürs Rot« Kreuz". Das als» ist dieschönere Art" Geschäft« zu»nachen. Orenstein hält das für«inen erlaubten Berkaufstrick un- beruft sich darauf, daß ja alles in Ordrmng sei Hier di« War«, dort der Gegenwert niemand s«i geschädigt. In einem vierte» Fall macht« er es ander». Er überbracht« dem Kaufmann Josef C h m e l Grüß« von seinem Studlenkollegrn und besten F«und Rudolf Färber in Zürich . Dann ,/schenkte" er dem aufrichtig Erfreuten in üblicher Weise zwei Koffer Wäsch«, aber zur Abwechslung forderte«r kein« Spende", sofernborgt«" sich nurbis nach­mittag»" 2000 K aut, weil er angeblich direkt von der Londoner Messe komm« und nur«ngli» sches Geld bei sich habe. Allerdings kam«r nicht wieder. Durch Zufall auf der Straß« erkannt, wurde er verhaftet. Der Gerichtshof erkannte nach längerer Be­ratung den Angeklagten schuldig, Di«Beschenk­ten" seien in Irrtum geführt und auch insofern geschädigt worden, als sie die Ware, di, sie ja nicht brauchten und auch nie gekauft hätten, nicht zu einem Preis wcitergeben könnten, der der bezahlten Summ« entspreche. Der Angeklagte habe sich also auf listig« Weise zu ihrem Nachteil«inen finanziellen Borteil verschafft und damit sei der Tatbestand des B«. trugzparagraphen gegeben. Orenstein wurde zu drei Monaten Ker- k« r und zur Wiedergutmachung det Schadens der- urteilt und außerdem wurde seine Ausweisung aus dem Staatsgebiet ausgesprochen. Die Straf« ist unbedingt. rb. iiiniimmiiiniiuiiiiiiiiiiiinnininiiiiiniiitiiiHiiniHininniiniiiiiiiiinnnitiiitinminiiinnnifltininniniinnninniiiiiniiiiiiiiifflniinuiiniuniinnuiunuiiiniBni Weipert verneinte, aber zugleich stieg eine so ver­dächtige Röte in ihr Gesicht, daß der Beamte miß­trauisch wurde und die Dame aufforderte, mit ihm in die Amtsstube zu kommen. Einen Augen­blick zögert« da» Fräulein, dann folgte r» dem Mann ns der Uniform... in kleinen, winzigen Schritten.. in Schritten, die an dir Zeit det seligen Humpelrockes gemahnten, von so beson­derer Art waren sie. Als die beiden, da» Fräu­lein und der Beamte, dann vor dem Zollhaus standen, zu dessen Eingang ein paar Stufen hin­aufführen, erklärte die Ungehaltene, nickt i» der Lage zu sein, die Stuken'zu steigen. Eine Er­klärung, blieb sie schuldig. Der Beamte verlor die Geduld und befahl oem Fräulein in ziemlich bar­schem Tone, ihm in die Amtsstube zu folgen. Da geschah Sonderbare»: das Mädchen tat einen Seufzer, und dann schien eS, als würde seine Gestalt ein wenig kleiner, gewissermaßen zusam- mrnsinken, und dann... ja, dann tat dar Fräu­lein aus Weipert einen merkwürdigen Sprung von der Straßensoble auf den ersten Stufenabsatz, stand ein' wenig schwankend, atmet« heftig und sprang dann wieder. Immer mit zwei Füßen auf einmal. Und dann sprang da» Fraulein noch ein­mal. Rein, cs sprang nicht, eS hüpfte! Einmal, zweimal, dreimal, viermal, bis es erschöpft auf dem Treppenabsatz stand und von dort, ins Amt»« zimmer-,trippelt«-.., mit den gleichen winzigen Schritten aus der Humpelrockzett. Es stellte stch heraus, daß das Fraulein in Annaberg eine Rolle Linoleum erstanden, sich das steife Zeug in einem Hause in Bärenstein um den Leib gewickelt, darüber die Kleider gezogen hatte und dann in der Röhre, die fast auf ihre Knöchel reichte, über die Grenze gewandelt war. So eng und so lang war die Röhre, daß die Dame nicht nur beim AuSschreiten mächtig behindert war; er war ihr zuschlechterletzt nicht möglich, die Treppe zum Zollhaus anders als hüpfend zu er­klimmen. Als die Linoleumdame nach einiger Zeit die Amtsstube verlassen durfte, tat sie riesige Schritte gen Weipert ... so, als wollte sie aus­probieren, ob sie dazu noch in der Lage fei. Sie war es, wie die au» dem Fenster schauenden Zoll­beamten schmunzelnd feststellten! Genossen!«»-gefetzt f 0 r sie Verbreitung unserer Leitung agitieren- Setzt euch überall für««fere Parteipresse ei«. I» vas Heim des Arbeiter» geftör»»»« Arbeiterpresse. Darum, ««nassen«.Genossinnen UHIII»» Volkswirtschaft und Sozialpolitik Zentralbank und Genossensch alten. Eine Feststellung der^Konsumgenossenschaft". DieKonsumgenossenschaft" schreibt: Die Zahlungseinstellungen' einiger Geldinsti­tut« haben die diesbezüglichen Besorgnisse der spartätigen Bevölkerung noch vergrößert. Am ghlbarsten wurden die Besorgnisse In den letzten ochen, als, die Zentralbank deutscher Spar­kassen, gedrängt durch eine Immobilisierung ihrer Werte, um die Bewilligung eines Zah­lungsaufschubes, um ein sogenanntes Morato­rium ansuchen mußte. Durch das Eingreifen der Regierung wird eine Lösung zngestrebt, die die Einlagen der kleinen Sparer sicherstellt. In der Bevölkerung griff jedoch ein« gewisse Ner­vosität, eine wachsende Besorgnis Platz; sie fürchtete, daß diese Vorkommnisse auch auf di« übrigen Geldinstitut« übergreifen würden. Auch in Kreisen unserer aenossenschafttichen Marrin- leger wurden Gerüchte wach, daß unser Gec- Verband und mit diesem auch unsere Konsum- M und Spargenossenschaften dadurch in Mitleiden­schaft gezogen werden könnten. Wir erklären, daß unsere Konsumgenojsen- schaftsbcwcaung durch di« Zahlungseinstel­lung der Zentralbank deutscher Sparkassen in keiner Weif« in Mitleidenschaft gezogen werden kann, und daß gegenteilige Gerüchte jeder Grundlage entbehren. Die drei Aukgabengebiete der Gewerk» schalte' In einem Artikel bes Textilarbeiter" :o«rden di« gegenwärtigen Ausgaben der Ge­werkschaften besprochen. Der Verfasser des Artikel» gelangt zu folgenden Schlüssen: Die Tätigkeit der freien Gewerkschaften ist heute verzweigter und umfassender, aber auch schwieriger als noch vor einigen Jahren. Per» tewigung. und Verbesserung der erworbenen Er­rungenschaften, Beitesingung der Löhne und der Kampf um ihrs Erhöhung, Gestaltung und Wirt­schaft im Smne ihrer Umwandlung' in eine planwirtschaftlich« Ordnung, da» sind di« drei großen Aufgabengebiet«, die heut« von einander nicht mehr zu trennen sind und von deren Not­wendigkeit sede» einzelne Mitglied der freien Gewerkschaften durchdrungen sein muß. Halten wir uns dabei aber immer vor Augen, daß alle», wa» di« Arbeiter heute an sozialen Reckten be­sitzen, nur durch die Stärke der freien Gewerk­schaften erzielt wurden und daß wir daher, unser höchstes Ziel, die Schaffung einer sozialistischen Planwirtschaft, nur erreichen werden, wenn wir unsere freien Gewerkschaften stärken und wenn jedes ihrer Mitglieder an der gewerkschaftlichen Arbeit nicht nur geistig, sondern oum praktisch teilnimmt. nach unser» Schlafsälen, die über den dortigen Läden lagen. Zu zwölf Personen schliefen wir in einem Zimmer. Die Fenster hatten keinerlei Gardienen und die Wände nicht den geringste« Schmuck. Dafür hatte man nach fünszchn- bis siebzehnstündmer Arbeitszeit ja auch kein'Ang« mehr! Bor Müdigkeit sank man in ein schlechtes Bett. In der ersten Zeit weinte ich mich jeden Tag in Schlaf. Am andern Morgen weate uns um sechs Uhr dar schrill« Ton einer Glocke. Ob- wohl das Geschäft erst um acht Uhr geöffnet Winde, mußten wir so früh aufstehen, um den großen Laden vorher noch zu säubern. Kurz vor acht Uhr gab'» Kaffee. Sonntags war da» Geschäft von 11 bis 2 Uhr geöffnet. Als ich mich am ersten Sonntag kurz nach acht Uhr in der Küche zum Kasfee- trinkm einfand, lachte man mich aus. Sonntags gäbe es keinen Kaff« da schliefen die Mäd­chen bis 10 Uhr. Um 10.30 Uhr gab eS dann Mittagessen. Für den Rest des Tages war dir Küche für die Angestellten geschloffen: es gab nichts mehr zu essen. Die jungen Mädchen tvaven fast alle aus der Stadt oder aus der Umgegend. Ich dagegen war völlig fremd. Mit meinen 15 Mark MonatS- lohn hätte ich hungern müssen, denn davon mußte ich nicht nur meine Wäsche halten, son­dern wollte untox allen Umständen auch für meine Miltter, di« Witwe war, etwas erübrigen. So war ich auf die Gnade des Onkels angewie­sen, der mich in diesen Musterbetrieb gebracht hatte. Sonntags Abends mußte alles um 10 Uhr wieder im Schlafsaal sein. Niemand durfte län­ger wegbleiben, wollte er nicht für die ganze Nacht ausgeschlossen sein. Mit meinem Onkel wollte ich einmal ins Theater und versuchte des­halb, Urlaub zu bekommen vergeblich. Ein« Ausnahme könne man nicht machen. So ging das Doch« um Woche. Jeden Tag wurde bis 12 Uhr und darüber hinaus gearbei­tet. Don den jungen Lehrmädchen bekamen einige des öfteren abends Krampfe. Aber niemand sagte etwas; niemand beklagte sich aus Angst, die Stellung zu verlieren. Organisiert war da­mals noch niemand. Nach nenn Wochen hatte ich zehn Pfund ab­genommen. Das WeinhachtSfest rückte näher. Immer schlimmer wurde der Betrieb im Laden, immer länger der Arbeitstag. Einmal war«S zwei Uhr nachts, als wir ins Bett kam.'n. Ich konnte die» Lebe« nickt länger ertragen und wollt« Schluß machen. Aber wie? Bevor ich nicht eins neue Stell« hatte, wollte ich nickt kündigen. Nach Haus fahren und meiner Mutter zur Last fallen konnte ich nicht. Arbeitslosenunterstützung gab es damals natürlich noch nicht! So beschloß nh, krank zu werden..Heute weiß ich; daß ich frevelhafte» Spiel mit meiner Gesundheit trieb; damals aber war mir alles egal. Nur richtig ausruhen und schlafen wollte ich eiumal! Ich wusch mir also den Kopf mit kaltem Wasser und hielt ihn m allem Ueberfluß eine ganze Weil« aus dttn Fenster. Und das im Drzeinb:r! Ick war am andern Morgen noch nicht krank, wie-ch gehofft hatte. Auch am zweiten Tag« noch nickt. Am dritten Tage ging es mir'aber nickt gut. Ich fühlte mich schon Morgens nicht mehr wohl, schleppte mich abci doch bis zum Abend hm bis ich dann hinter dem Ladentisch ohnmächtig wurde. AIS ich erwachte, lag ich mit einem star­ken Schüttelfrost im Bett. Am andern Tag kam ich mit einem Lungenkartarrh ins Krankenhaus. Dort feierte ich in Fiebeirphantasien Weihnachten. Ich gesundete wieder. Mein Chef holt« mich wieder. Sicher sind auch heute noch manche Wünsche offen aber: ist heut« nicht der Sieben-Uhr- Ladenschluß'? Haben wir nicht«ine durchgehende Mittagszeit? Wer muß heute noch beim Chef wohnen? Di« Jugend tummelt sich heute''u den Sport- und Jugendvereinen. Der Sonntäo...steht voll zur Verfügung für Wanderunoen. Man fühlt sich als freier Mensch! Wer denken kann, wird niemals diese gute, alt« t,, berbewürzschen, sondern kick einreiheu in unsre stolzen Organi­sationen, die weiter für ein« schöner« Zukunft der j Menschheit kämpfen!., Rumpelkammer passende Kleider auisuchen. Kurz darauf war Mittagszeit für einen Teil der Mäd­chen, die im Laden entbehrt werdon konnten. Sie stürmten nach der Küche, wo auf einer An­richte ganze Stöße von Tellern standen. Jeder nahm sich einen und ging damit zum Herd, wo eine brummige Köchin aus einem unendlich gro­ßen Topfescvem Mädchen etwas auf den Tel­ler füllte. Mir war dieser kasermmmätzrge Betrieb etwas Schrecklicher. Beim Mittagessen erfuhr ich, daß 45 Verkäuferinnen und 15 Lehrmädchen im Geschäft angestellt waren. Dennoch handelte eS sich-nicht um ein Warenhaus, sondern um ein großes Kolonialwarengeschaft, das von all«« Straßen besondere Zugänge hatte. Bald ging der Betrieb im Laden loS. Man lah nichts weiter vor sich als eine Kette von Menschen, di« nicht abreißen wollte. Wir liefen und rannten, um alles zusammenzuholen, was di« Kundschaft verlangt«. Dabei war alle» schon fertig abgewogen. Zum Frühstück und zur Kaf- feezert mußt« man sich abmelden. Die Kassie­rerin schrieb den Namen auf einen Block. Die Pausen dursten nicht länger als fünf Minuten dauern. Auch zum AuStreten mußte sich jeder abmelden: jede Nummer wurde ausgeschrieben, so daß immer eine Kontrolle da war. Abend» vor neun Uhr war dann endlich dar letzte Kunde aus dem Laden herauSgelassen. Tod­müde ging eS in den Eßsaal. Ich merkte gar nicht einnial mehr, wie wenig appetitlich eS hier aussah. Der Hunger ließ keine Zett zu Betrach­tungen. Meine Freude auf ein Bett wurde grau­sam enttäuscht. Denn nun ging die Arbeit erst richtig los. Abwiegen, abwiegen! Am Tage hatte man ja keine Zeit dazu. Und so wogen wir Zuk- k> r und Reis, Salz und Mehl und was eS der Dinge mehr gab. Es wurde 12 Uhr zuweilen aber noch viel sväter. Da alle Fenster und Türen mit eisernen Rolläden versehen waren, drang kein Lichtstrahl nach draußen. Ungehindert konnte der Chef arbeiten lassen. Eicklich, nachdem sich der Chef vergewissert, daß niemand den Dor­fgang beobachtete, ließ er un« über di« Straße