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Dienstag, 25. Dezember 1934

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Weihnachtsphantasie 1934

In jedem Mann« steckt ein Kind. Das will spielen. Nietzsche . Die Maschinengewehre ratterten. Die Flags spritzten weiße Wölkchen in die Luft. Flugzeuge jagten einander» warfen Bomben ab, träufelten denTau des Todes"(eine Chlor- phenylarsinverbindung) auf die aufgewühlte Erde, Tanks fuhren sich gleich rasenden Untieren in die Flanken... Aus der rauchenden, krachenden, zischenden Vernichtung drang kein menschlicher Laut. Fegte der Sturm über das Land, sah man zuweilen furchterregende Gestalten in Gräbern und Trichtern hocken, aus den Maschinen klettern, sinnlose Bewegungen vollführen, bis sie endlich hinschlugen, oder sich eine häßliche Maske vom Gesicht rissen. Dann kamen grauenhaft verzerrte Mäuler zum Vorschein, Augen, die aus ihren Höhlen hingen, Blut, Speichel und Ueberreste von Menschenfleisch. Mitten in dieser Hölle tauchte ein Kind auf. Es hatte ein blaßrosa Hängekleidchen an, darauf waren zarte Kränzchen pastellfarbener Blüten gestickt. An den Füßen trug das Diädchen - es mochte sieben oder acht Jahre alt sein weiße Schuhe und ebensolche Söckchen. Seiire Locken glänzten wie ein Aehrenfeld, auf das die Morgensonne scheint. Und die weiße Seidenschleife leuchtete wie ein großer Falter. Es war ein wunderschönes Kind. Niemand wußte, wieso es in diesen Wahnsinn aus Giftgas und explodierenden Granaten ge­langte. Plötzlich schwieg der Lärm. Scheu krochen die Soldaten näher, verließen die Tanks und die Geschützstände. Die Flugzeuge kamen zur Erde herab. Die Piloten jedoch entsicherten die Maschi­nenpistolen. Vorsicht war geboten. Die kühnen Männer hatten nicht die Absicht, einem Trick des Feindes ins Garn zu gehen. Vielleicht war dies Wunder eine Kriegslist? Wer bist du?", fragte endlich einer.(Er erschrak heftig, als er seine Stimme hörte.) Ich bin euer Kind", antwortete das Mäd­chen furchtlos. Die Krieger sahen sich an und gröhlten: Hahaha! Unser Kindl... Unser Kinder sind daheim!" Wo denn?" Na in Wien ", sagte einer.In Berlin ", erwiderte ein anderer.A Paris!" meldete sich der Dritte.In London surel", fiel der Vierte ein. .. Es gibt kein London mehr. Paris ist zerstört. Berlin verschwunden", kam es. leise von den Lippen des Kindes. Aber der alte Steffel?!", rief schmerz­voll und ungläubig ein Soldat. Ist ein Trümmerhaufen so wie die ganze Weft..." Unsere Frauen?"Tot. "Meine Mut­ter?"Meine beiden Jungen?!"Tot , alle tot... Habt ihr das nicht gewußt?" Das Mäd­chen stand aufrecht im Kreise der schauervollen Gesichter, aus denen die Augen wie Irrlichter funkelten. Reggh... k Paulon..*! Mizzi... t Enrico... l Namen wurden gemurmelt und sie türmten sich zu der Frage:Ja, wozu kämpfen wir denn dann? Warum? Pourquoi?WHY?!!" Weil E r es will...!", gab das Kind zurück. Dann laßt uns zu ihm gehen! Komm Mädel, führ uns!" I ... Sie stießen die Tür auf, drängten über die Schwelle.* MariaI ", rief er überrascht und sah von seinem mächtigen Diplomatenschreibtisch auf.Was wollen die Leute hier? Mit ihren dreckigen Stie­feln ruinieren sie mir den teuren Teppich!.... Ihr seid wohl verrückt!?", brüllte er sie an. Einige wurden sofort eingeschüchtert und ent­schuldigten sich, sie hätten sich draußen abgeputzt. Andere aber schrien:Ja, wir waren verrückt! Mer jetzt sind wir vernünftiger geworden!.... Wir wollen nicht mehr kämpfen!" Er stand starr.Was? Nicht mehr kämpfen? Was fällt euch ein? Wovon soll ich denn leben?" Das ist uns gleichgültig!" So, das ist euch gleichgültig ihr Egoisten! Ihr gottlosen Kerle! Heißt es nicht in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!?" Sie schwiegen betroffen.Das schon.... Aber es heißt auch: Friede auf auf Erden!" ent­rang es sich dem Sprecher der Soldaten. und den Menschen ein Wohlgefallen!.. Sagt selbst: Hat euch der Frieden Wohlgefallen? Habt ihr nicht immer gejammert und geklagt und euer Leben verflucht? Haben eS nicht Tausende von euch im Frieden weggeworfen? Und jetzt paßt euch der Krieg auch nicht? Was wollt ihr denn, ihr Nörgler, ihr Ewig-Unzufriedenen?!" Er trat dicht an sie heran. Bor seiner Kraft und Energie erzitterte die Masse. Gott hat gesagt: Du sollst nicht toten...", wagte einer ganz rückwärts leise zu sprechen und duckte sich sogleich, damit ihn Sein Auge nicht er­spähe. E r lachte überlegen.Dummköpfe! Ihr tötet doch nicht! Ihr verteidigt die heiligsten Güter! Eure Ehre, euer Vaterland, unser Geld eh, ich meine... und der Held... wird siegreich heim­kehren!... Hat nicht Gott durch den Mund seiner

Priester eure Waffen gesegnet?... Nun?... Ich frage dich!" Er faßte den Nächfistehenden am Waffenrock. Zu Befehl!" Und dich!" Jes, sir." Und dich!" Oui, M'sieur." Und dich!" Si, si, Signor!" Seht ihr!", scholl es triumphierend aus sei­nem Munde. Wberr ssu denken: Roma, der ewige SStadt... caputt! Alles caputt... Serr traurig, molto triste...!" Paris !... verniktet... olalal... Le Louvre... Tour d'Eifel... le Bois de Boulogne, les cafes, l'Opera seehr föne Dingel Tres jolis et maintenant-... c'est dommage, n'est ce Pas?" Berlin ..!"London .. l"«Wien .. l" Wir werden sie neu und schöner aufbauen! Krieg schafft Arbeit!" trompetete er. O meine Mutter..", weinte plötzlich einer. And daddy..." Schlappschwänze! Sie waren ohnehin schon alt und fielen dem Staat zur Last." Aber unsere Kinder!!", drÄhnte der Chor, wie von einem unsichtbaren Dirigenten geführt. Angstschweiß trat auf Seine Stirne, er wich bis in die hinterste Ecke zurück, er hielt die Hände ab­wehrend und flehend vor sich, aber seine Finger konnten die Frage nicht aufhalten:Wo sind unsere Kinder?" Ich weiß es nicht... Es tut mir leid, um eure Kinder! Ich bin unschuldig. Auch qm Tod deines Kindes?"

Der Luxuszug entgleist Von Klans Klassen Der Lokomotivführer des LuxuSzuges Paris Cannes sitzt im Erholungsraum des Bedie­nungspersonals des Bahnhofes von Marseille . Er hatte den Zug in rasendem Tempo von Lyon bis Marseille geführt und war eben angekommen. Erst mit dem Nachtzug sollte er wieder an die Aus­gangsstation zurückkehren. Jean Pinson ist ein klotziger Mann mit brei­ten Schultern, einem enormen Brustumfang, der­ben Händen und wuchtigen Beinen. Dieser Mensch­riese paßt so recht in den Lokomotivriesen hinein. So wuchtig Jean Pinson äußerlich erscheint, innerlich ist er ein sanfter, ruhiger Mensch, naiv wie ein Kind. Er hat keinen Feind, hat niemand verletzt oder beleidigt. So sitzt er auch jetzt ruhig und zufrieden bei grünen Oliven und einem Stück gebratener Muräne und trinkt dazu ein Glas Besuvio. Noch eine kurze Kartenpartie mit Kol­legen und dann rasch niedergelegt und einige Stunden Schlaf, um abends zur Heimfahrt wie­der gerüstet und ausgeruht zu sein. Da tritt ein Mann in den Raum, und fragt nach Jean Pinson und übergibt dann diesen einen Brief. Der Mann verschwindet ebenso rasch, wie er gekommen war, und der Lokomotivführer dreht unschlüssig und erstaunt den Brief in den flotzigen Händen rundum. Endlich bricht er ihn auf nd liest. Jean Pinson liest langsam, denn Lesen ist niemals seine Sache gewesen. Aber dafiir liest er gründlich. Er liest. Er liest lange Zeit. Seine Hände beginnen zu zittern und auf die Stirne tritt

Meines Kindes? Mein Kind lebt doch!" Und in jähem Entsetzen:Maria! Maria! Wo bist du?!" Das Mädchen im rosaroten Kleidchen trat dicht vor ihn hin.Hier Vater!" Ich kann dich nicht sehen!" Weil ich tot bin, Vater! Eine Granate aus deinem neuen Weihnachtsmodell Z 5666/1 hat mir den Kopf weggeriffen"\ Der Mann sperrte stöhnend die Augen auf/ Verzeihen Sie, Herr Chef, daß ich Sie in Ihrer Mittagsruhe gestört Habel", wieder­holte Herr Metzle, der Geschäftsführer.Ich möchte nur fragen, ob ich die neuen Weihnachis- modelle B 444/11 Sterbende und verwundete Sol­daten und die modernen Bomber, Modell Z 5666/1, die sich Herr Chef zur Ansicht Heraus­nahmen, in die Auslage geben soll?" Der Chef starrte auf die Zinnsoldaten vor sich auf dem Tisch.Ja, natürlich...", sagte er dann langsam. Der Geschäftsführer räumte das Spielzeug sorgfältig in einen Karton. Der Chef erhob sich.Wie geht es unten?" -Unberufen ausgezeichnet! Jetzt habe ich eben eine komplette Schlacht verkauft." So..Der Angestellte wunderte sich, wes­halb der Chef kein erfteuteres Gesicht machte.Hat jemand angerufen?" Nur das kleine Fräulein." Maria?" Ja, ich sagte ihr, daß ich jetzt nicht stören dürfe... Sie wollte nur guten Tag sagen... Ein reizendes Kind..." Ja. Hören Sie, Metzle, ich möchte Sie bit­ten streng darauf zu achten, daß Kampfflugzeuge, Geschütze, Tanks und die neuen Gummigranaten nur an die reifere Jugend verkauft werden!" Selbstverständlich, Herr Chef! Die Kleinen sind ja sowieso noch zu dumm dazu i.. I" Devot ließ er dem Chef den Bortritt, der sich festen Schrittes in die Berkaufsräume begab. HansLeoReich.

Schweiß. Er preßt die Lippen zusammen und blickt irr über den Tisch. Dann springt er auf und stürmt aus dem Raum. Im Gebäude gegenüber reißt er«ine Tür auf und schon steht er vor dem Bahnhofsleiter, der erstaunt aufsieht. Ich kann nicht bis zum Nachtzug warten, Herr Vorstand. Ich muß den Mittagszug nach Lyon zurückführen. Ich springe ein." Er sprudelt diese Worte mit äußerster Hast ungelenk hervor. Die Kappe hält er verlegen in beiden Händen und in den Augen glost chaotische Verzweiflung. Es geht nicht!" erwidert erstaunt der über­rumpelte Borstayd. Es muß gehen!" stößt Pinson hervor. Jetzt stützt er sich wuchtig auf den Schreibtich und schiebt seine massig« Gestalt an den Borstand heran.ES muß. Ich habe Sie niemals um etwas gebeten, Herr Vorstand. Mer heute bitte ich Sie wie ein Kind, es muß gehen!" Es scheint, daß in den treuen Augen des Riesen Pinson Tränen stehen. Was ist denn geschehen?" Pinson gibt keine Antwort. Weiß er keine oder will er kein« geben? Jedenfalls schweigt er. Mer der Vorstand blickt in die Augen des guten Riesen und merkt: der muß! Da stimmt etwas nicht, aber er muß eben. Gut. Ich lasse Sie einspringen, Pinson. Wer machen Sie mir so eine Sache nicht wieder. Ich liebe nicht derartige Ueberraschungen, die der Dienst nicht immer vertragen kann. Sie führen also den MittagSluxuSzug nach Lyon , statt des AbendzugeS. Gut!" Ich danke!" gibt der Riese als einzige Ant­wort zurück. Die Worte fallen leise, langsam, schwer; sie atmen Dankbarkeit, die nicht an die

Was schenken Sie zu Weihnachten.? Interviews mit Prominenten. Unser Pi-Korrespondent hat einige be­kannte und einige allzu bekannte Zeitgenossen über Weihnachten , bzw. die Frag« der Weih­nachtsgeschenke interviewt: Hitler , Adolf , Reichskanzler: Ich schenke dem deutschen Volke zu Weih­nachten mancherlei. So die B r o t m a r k e, sin­nige Erinnerung an Deutschlands größte Zeit. Die E r s a tz st o f f e. Sie tragen sich wunderbar, dürfen jedoch niemals in den Regen kommen. Die T e u e r u n g. Es ist ein Vergnügen, im erwach­ten Deutschland , für mehr Geld weniger Ware zu erhalten! Ein neues Konzentrations­lager. Ein Volk kann nicht genug Erholungs­heime besitzen! Gesunkene Löhne! Denn für die Arbeiter, die vomdeutschen Sozialismus" geschlagen sind, ist Geben seliger denn nehmen! Die Bolksgemeins chaft. Sie ist ein kost­barer Besitz für den Unternehmer, sichert sie ihm doch den schrankenlosen Profit, unbehindert von den überwundenen Methoden des jüdisch­marxistischen Klassenkampfes. Dem Kollegen G o e r i n g schenke ich ein altgermanisches Trach­tenkostüm, Daß ich dem deutschen Volke meine» Abgang schenken werde, stimmt nicht und wird hiermit dementiert!" Schuschnigg , v., K., Bundeskanzler: «Ich schenke allen wahren Oesterreichern das Trümmerfeld, das ich einst zu hinterlassen gedenke. Weiterhin die christlich- katholische B a r m h e r z i g k e i t, die sich sinnbildlich aus­drückt in den Galgen der Febertage von 1934. Den gelben Volksgenossen schenke ich das Ver­mögen der marxistischen Arbeiterverbän­de, das nicht mir gehört. Ich gebe stets gern, was ich anderen genommen habe. Den Nazis schenke ich die Freiheit und die notwendigen Böller für die kommenden Bersöhnungswochen. Der Vater­ländischen Front schenke ich die Futter­krippe, die mit der Weihnachtskrippe höchstens den zweften Teil des Namens gemein hat. Herrn v. P a p e n schenke ich ein in purem Neugold an­gefertigtes Gebiß als Ersatz für jenes, das ihm in den stürmischen Tagen um den 30. Juni 1934 ausgeschlagen wurde. Den Arbeitern schenke ich die Delogierung, den Rentner den Verlust der Pension, den Zeitungen einen Autoritären Maulkorb, den Juden die Möglichkeit, den österreichischen Antisemitismus zu ftnanzieren und dem lieben Gott die Bilanz meines bisherigen christlichen Wirkens im Vaterland." Henlein, Konrad, Turnlehrcrführer:, Ich schenke meinem Führer Adolf Hitler mein ganzes Herz, dem tschechoslowakischen Staat meine entsprechende Loyalität, und den Dummen, die nicht alle werden, meine Rundschau". DemBund der Land­wirte" schenke ich einen Sarg, geschmückt mit den Farben der ,Leimatfront" und mit der In­schrift:In treuer Freundschaft" am Fußende. Dem Gesundheitsministerium schenke ich die diver­sen Z ä h n e, die ich mir an dersterbenden Sozialdemokratie" ausgebissen habe. Mir selbst schenke ich eine neue Tarnkappe und dem sudetendeutschen Volke ein braunes Eintopfgericht, an dem es sich totsicher den Magen verderben wird!"

Außenwelt kann, aber innerlich aufkeimt. Der Vorstand nickt und Pinson verläßt den Amtsraum. Der Riese steht bei seiner Lokomotive. Er betrachtet sie liebevoll wie ein Lebewesen, bevor er auf sie hinaufflettert. Der Heizer klettert hin­ter ihm. Pinson hat in der Zwischenzeit den Brief wiederholt gelesen. Hafte ihn auch ganz verstan­den. Jedenfalls hatte er jeden einzelnen Buch­staben herausgefaßt und zergliedert, um sich zu vergewissern, daß er nicht träume. Mer trotz aller Grübelei ist nichts anderes herauSgekomme» als der ftockene Sinn, den er auch schon beim ersten Lesen erfaßt hafte. Werter Herr! Ich test« Ihnen mit, daß Ihre Frau Sie betrügt. Während Ihrer Fahrt nach Marseille hält immer der Wagen des Ad­vokaten Bonmille aus Serriöre vor Ihrem klei­nen Haus. Fahren Sie mit dem MittagSzug zurück und Sie werden sich überzeugen kön­nen Einer, der es ehrlich meint." Pinson zieht die Hebel bei der Lokomotive an, um sich zu überzeugen, daß sie alle funktionie­ren. Er macht die? Mechanisch, innerlich ist er vor seinem kleinen Haus in Le Pcngc, das von der Bahnstrecke aus zu sehen ist. Es ist doch nicht möglich! DäS Abfahrtszeiten wird gegeben und der Zug donnert aus der Halle. Langsam, majestä tisch, anfangs; bald aber rattern die Waggons mit jägender Eile über die Wechsel und Schwel­len. Eisen auf Eisen erdröhnt und zischende Dampflraft jagt die Eisenmasse des Zuges über die Schienen in das Land hinaus. Das ist docki unmöglich! Wohl ist Claire eii' sehr schönes Weib. Das ganze Dorf sieht auf sie und wenn sie nach Lyon kommt, dann bleiben aut

Weihnacht des Diktators