Sosialdemokrat

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI

IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRUH. REDAKTION   UND VERWALTUNG PRAG   XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077. ADMINISTRATION TELEFON 53076. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR  : WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG  .

15. Jahrgang

Dienstag, 5. März 1935

Wachsender Widerstand

Auch in Mazedonien   schwere Kämpfe

Regierung ordnet Teilmobilisierung an Athen  . Der Aufstand in Griechenland   hat entgegen den beruhigen­den Erklärungen der Regierung eine Verschärfung erfahren. Der alte Geg­ner der jetzigen griechischen Regierung Venizelos  , der sich zur Zeit in Kreta   aufhält, ist offen zu den Aufständischen übergegangen und hat bei einer großen Rundgebung eine aufrührerische Rede gehalten.

Ganz Kreta  , Teile Thraziens und Südmazedonien mit den Städten Kawalda und Dram a sind in den Händen der Aufständischen. Der Herd der revolutionären Bewegung ist gegenwärtig O st mazedonien, wo heftige Rämpfe im Gange sind. Die Garnisonen von Seres und Ka­wala sind zu den Aufständischen übergegangen.

Kriegsminister General Kondylis ist am Montag Vormittag nach Mazedonien   gestartet und hat am Nachmittag persönlich das Kommando übernommen.

Die letzten Abendmeldungen aus Athen   besagen, daß es dem General gelungen ist, gewisse Erfolge in Mazedonien   zu erzielen, und daß der Wider­stand der Aufständischen dort nachzulassen beginnt. Die Stadt Seres ist neuerlich in Händen der Regierungskräfte.

Die privaten Sonderberichterstatter stimmen in der Ansicht überein, daß das Schicksal des Aufstandes nunmehr hauptsächlich von Saloniki   ab. hängt. Die Städte Ceres und Drama, die den Aufständischen in die Hände fielen, wurden von Regierungstruppen umzingelt, sie hoffen, daß sie sich ihrer bald bemächtigen werden.

Die Regierung hat drei Jahrgänge Infanterie und zwei Jahrgänge Marine zu den Waffen gerufen. An der Ausrüstung der für Mazedonien  bestimmten Truppen wird fieberhaft gearbeitet.

Die letzten Meldungen via Paris   über die Lage in Griechenland   be­sagen, daß verschiedene politische Persönlichkeiten Verhandlungen über eine Versöhnung zwischen der Regierung und den Aufständi­schen eingeleitet haben. Nähere Einzelheiten fehlen aber noch.

Der Kampf zur See

Der Ministerrat hat befchloffen, Einheiten boot von dem Kreuzer Georgios Aweroff" ge­ber Kriegsflotte, die regierungstreu geblieben sind, fchleppt worden sei. Ein Torpedoboot habe angeb zu mobilisieren und gegen die aufständischen lich ein sinkendes Unterseeboot von Psara nach Kriegsschiffe auszuschicken. Die Schiffe der Auf- Kanca geschleppt.

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rührer sollen durch Flugzeuge mit schwersten Sechs Bombardierungsflugzeuge griffen am Bomben belegt werden, falls keine bedingungslose Montag neuerlich die in den Häfen von Kreta  Uebergabe erfolgt. Sieben Marinefahrzeuge, die aufernden meuternden Kriegsschiffe an, doch hat von den Aufwieglern im Arsenal   von Salamis nach einer Depesche des Berichterstatters des zurückgelassen wurden, werden in aller Eile aus- Intransigeant" das Luftbombardement keine gebessert. Sie scheinen also von den Aufrührern Schäden verursacht. Bei dem Fliegerangriff am beschädigt worden zu sein. Sonntag soll auch das Haus von Venizelos  auf Kreta   von Bomben getroffen worden sein. Ueber der Stadt Kanca, dem Aufenthaltsort Venizelos  , wurden Aufrufe abgeworfen.

Die Kriegsschiffe der Aufständischen wurden von Regierungsflugzeugen mit B o m ben be­legt. Auf den Schiffen wurde angeblich großer Schaden angerichtet; unter der Besatzung sei eine Banik ausgebrochen. Die Schiffe trennten sich

voneinander, um den Fliegern den Angriff 34

erschweren.

Die Instandsetzung der beschädigten Kriegs­die Aufständischen in See gehen können. schiffe ist nunmehr beendigt, so daß sie bald gegen

Außer der schweren Beschädigung des Pan- Die Regierung rechnet damit, daß die Re­zerkreuzers ,, Georgios Aweroff" in der Suda- volte auf Kreta   nicht von langer Dauer sein könne, Bucht melden die nach Athen   zurückgekehrten da die Aufständischen auf der Insel nur über ge­Flugzeuge, daß in der Nähe von Kythera   ein Zer- ringe Nahrungsmittel verfügen und bereits Sonn­störer und bei der Insel Anti- Kythera ein Tor- tag auf allen griechischen Handelsschiffen, welche bedoboot durch Flugbomben schwer beschädigt wor- in den Häfen von Kreta   ankern, Nahrungsmittel den seien. Ferner wird berichtet, daß ein Torpedo- beschlagnahmten

Aenderungen in der Heeres- bracht, ohne daß jedoch jemand verletzt worden leitung und im Kabinett

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( einschließlich 5 Heller Porto

Nr. 54

Die SHF im Endspurt

Stärkster Druck gegen Spina

Hader hat sich nämlich mehr als einmal für den Stände gedanken ausgesprochen und noch vor ganz kurzer Zeit hielt einer seiner engsten Mitarbeiter, Dr. He h, in Karlsbad   einen großen Vortrag über den Ständegedanken"...

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Heute läuft das Ultimatum ab, das Konrad] Henlein an Minister Spina- wohl als Dank für liebevolle Förderung der SHF durch den Minister der Landbündler gerichtet hat. Inzwischen hat die Rundschau" alles aufgeboten, um den B. d. L. unter Druck zu seßen und ihm vor Augen Der Einwand der Rundschau" wirkt um so zu stellen, welches Los ihm blüht, wenn er es stärker, als die Deutsche Land post", die wagen sollte, den Einigungsbestrebungen länger das Stände staatgeblödel der Spann Widerstand zu leisten. Es ist ein nettes Bild: der und Heinrich vor acht Tagen noch als reinen Wolf fordert die Schafe auf, sich in einer Herde Fascismus bezeichnet hat, Sonntan bereits mit ihm zu vereinigen. Die Wahl fällt den Opfern wieder dem Dr. Het das Wort gibt zu in solchem Fall wirklich schwer, es sei denn, sie einem Artikel, in dem neben unverständlichen( und suchten Schutz bei Stärkeren. Diese für sich zu ge- ihm selbst sicher ebenso dunklen) Redensarten über winnen, unterläßt der Wolf aber auch nichts. Die Volksgemeinschaft und allerlei Ständisches und selbe Rundschau", die mit schwerem Geschütz Eigenstündiges auch schon allerdings zunächst gegen Spina und den B. d. L. auffährt, fäuselt für die Person des Herrn Hetz- die Entschul= der hohen Bürokratie, der ja leider Wohl und Wehe big ung enthalten ist, die Henlein   gefordert hat. der Demokratie hierzulande zum guten Teil aus- Heß schreibt nämlich: geliefert sind, die loyalsten Weisen in die Ohren, damit ja niemand an den Troppauer Pro 3 gegen Funktionäre der SHF, niemand an die Bomben helden von Saaz  , Teplit, Schönlinde, niemand an die SHF- Kuriere in Nordmähren   und an all das dente, was sich täg= lich in den Randgebieten abspielt und auf den un­befangenen Zuschauer oft wie ein Fiebertraum wirken muß, der ihm vorgaufelt, in Hitlerdeutsch­land zu wandern und doch tschechische Laute zu hören, tschechoslowakische Uniformen zu sehen.

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Mit sichtlichem Vergnügen haben uns sonst recht unfreundlich gegenüberstehende Zeitungen einige Ausführungen in unserem Blatte abgedruckt und haben allerlei Folgerungen daran geknüpft. Die gegnerische Presse ist nicht be rechtigt, daraus zu folgern, der B. d. 2. wolle damit die fascistischer, staatsfeindlicher Einstellung be schuldigen, denn im ganzen Artikel ist die SHF nicht ein einzigesmal genanntl Darauf haben wir ja aufmerksam gemacht. Im Leitartikel wird dem B. d. L. Har ge- Nur ist uns nicht entgangen, was Herrn Heb ents macht, daß die Beibehaltung einer ständischen Glie- geht: daß Henlein   sofort getroffent derung des Volkes noch feine Volfsgemeinschaft beau ffchrie und sich somit selbst als der Apostro deute, vielmehr den Klassenkampf durch den Kampf phierte bekannte. Ein wenig hätte sich auch Hez der Stände gegeneinander ablöse. Es ist interessant getroffen fühlen sollen, denn eben der Hinweis zu beobachten, wie die SH mit dem auf Spann und Heinrich war doch auch ein Urteil Ständegedanten" ang ba II spielt. über seine Phantasien von der ständischen" Während es im B. d. 2. einige naive und unzu- Volksgemeinschaft. länglich geschulte junge Herren gibt, die sich in eine Stände- Ideologie verbohrt haben, die zu verstehen fie selbst sich vergebens bemühen, benüßen die bei weitem gewiegteren Politiker aus dem KB das Schlagwort bewußt zum Verdummen der Masse und zu demagogischen Spiegelfechtereien. Die Rundschau" steht nicht an, den B. d. L. einfach zu frozzeln. Sie schreibt:

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Die Rundschau" macht sich aber auch über Spina persönlich lustig. Sie schreibt:

Wenn die SHF wirklich der Staatsfeind wäre, als den man sie wieder einmal plötzlich hin­stellt, hätte dann ein doch sicher nicht der Staatsfeindlichkeitverdächtigter Mann wie Minister Spina einein halb Jahre mit der SHF verhan deln können? Hätte er es mit seinem Gewissen vereinbaren können, noch vor wenigen Tagen bei der Wahl des großen Staats­feindes" Konrad Henlein   in das Präs sidium des Deutschvölkischen Ar­beitsamtes mitzuwirken? Hätte dann am letzten Sonntag Vizepräsident 3ierhut er­klären können, daß der B. d. 2. die SHF gleich nach ihrem Entstehen begrüßt und gefördert hätte"?

Weil aber die SHF gerade im Vertrauen auf die geistige Entwicklung, die in den letzten Jah­ren weite Streise des Bauerntums, vor allem seine jüngeren Schichten genommen hatten glaubte, daß über das rein standesmäßige Denken hinaus das Gemeinsamkeitsbewußtsein und das Verant­wortungsbewußtsein für das ganze Volk durchge= drungen sei, machte sie ihren Vorschlag. Nicht um der ,, Totalität einer Partei" willen die SHF wollte sich ja auch selbst auflösen sondern um den wirklich richtigen Weg zur einheit­lichen politischen Willensbildung des Sudeten  Leider fein unverdienter Vorwurf! Herr deutschtums freizumachen. Denn das schöne Schlag- Spina hat es sich wirklich selbst zuzuschreiben, wort vom getrennt Marschieren und vereint wenn ihm die Herren vom KV und der SHF jetzt Schlagen" bleibt solange leerer Bluff, als nicht die die Daumen aufs Auge drücken. Er hat sie auf­Einheit der Führung gesichert ist. Auch eine Armee gepäppelt. Der Dank der Schüler Hitlers   an den kann nur dann in verschiedenen Heersäulen auf- Schüler Hugenbergs ist stilecht wie die ganze Rich­marschieren, wenn der Oberbefehl ein- tung. heitlich ist und jede Heeressäule mit

Deutlich soll in der Rundschau" dem B. d. L. einer bestimmten Aufgabe in den auch bewiesen werden, daß man seiner nicht bedarf. Schlacht plan eingestellt wurde. Wenn aber Henlein wendet sich direkt an die Tsches dieser einheitliche Oberbefehl fehlt, dann chen, ja an Europa  . Er spricht über die wird eben jede Heersäule zwar für sich allein mar- Sendung der Sudetendeutschen  schieren, aber auch allein geschlagen werden. Die und schreibt: brüste Ablehnung des SHF- Angebotes durch den B. d. L. muß aber die traurige Meinung bestärken, daß dieses Gefühl des unbedingten Zusammenge hörens noch nicht an den entscheidenden Stellen durchgedrungen ist..

Massenverhaftungen Jm Heer und in der Marine wurden erheb­liche Umbesetzungen in den leitenden Kommando­und Standgericht stellen vorgenommen. Der Armeekommandant Zahlreiche Militärpersonen und auch oppo­General Cammenos wurde durch General Zeppos fitionelle Politiker wurden ohne Rücksicht auf ihre ersetzt. Der Marineminister hat die De mission Immunität verhaftet. Einige oppositionelle Führer eingereicht und wurde durch den Admiral Duz= find verschwunden. Der Senat, in welchem die An­manis ersetzt, der während der Balkankriege hänger Venizelos die Mehrheit haben, wurde kur- Wahrscheinlich hat eben die Erwägung, daß Generalstabschef der Marine war. Um sich die Un- zerhand aufgelöst. Ein Standgericht wird als Ziel der Vereinigung die alleinige Führer­terstützung der freisinnigen Partei zu sichern, hat die verhafteten Aufständischen aburteilen. Gegen i chaft des Kommandanten Kon= die Regierung deren Führer General Me das Urteil in eine Berufung unzulässig. Nach rad Senlein sichtbar wurde, die grüne Heer­tara als Minister ohne Portefeuille ins Kabinett einer Meldung des Pariser  , Matin" säule bisher abgehalten, sich in die von der SHT  berufen. Der Unterstaatssekretär für Flugwesen soll sich die Zahl der Toten allein in Athen   auf 62 befehligte Armee bedingungslos einzureihen. Aber wurde gleichfalls zum Minister ernannt. Außerdem belaufen; aber auch in anderen Städten sollen Henlein   bat gut foppen, denn der B. d. 2. hat ja hat die Regierung das angeblich schon vor zwei Tote zu beklagen sein. Bei der Beerdigung der wirklich die verblödende Stände- Ideologie ganz Monaten eingereichte Demissionsgesuch des Außen- Todesopfer der Athener   Kämpfe forderte die er überflüssiger Weise in seinen Seihen gezüchtet, be= ministers Marimo 3 angenommen. Minister- regte Menge angeblich den Tod am Galgen ziehungsweise geduldet, daß ein paar Intellektuelle bräsident Tjaldaris hat die Leitung des Außen- für die Menterer. unberdaute Schulweisheiten als Schlagworte unter ministeriums übernommen. Die Regierung Hlant, angesehene Anhänger die Jungbauern ausstreuten. Henlein kann also Blättermeldungen zufolge wurde vor dem von Venizelos   festzunehmen und in Theben in dem B. d. L. vorhalten: Hause, in dem der Kriegsminister Kondylis einem besonderen Lager als Geiseln fest­wohnt, eine Dynamitpatrone zur Explosion ge- zusetzen.

Die Bedeutung der politischen Sendung des Sudetendeutschtums aber übertrifft in noch kaum geahntem Maße seine zahlenmäßige Bedeutung. Denn es ist ein lebendiger Bestandteil sowohl der deutschen   Kulturgemeinschaft, als es auch ein lebendiger Teil der vom tschechis schen Volk: begründeten politischen Staatsgemeinschaft ist. Kulture Il mit dem Deutsch  tum, politisch mit dem Tscheche ne tume verknüpft, trägt das Sudetendeutschtum die eigenständige und schicksalsschwere Bestimmung in sich, ein schöpferisches und wertvolles Element des Friedens und der Solidarität im europäischen  Raume zu sein.

Ungefähr so haben wir das ja auch formus liert. Aber wir folgern eben aus dem Bekenntnis zur deutschen   Kulturgemeinschaft, daß die Sudes Aber jetzt kommt das Erschütternde: der tendeutschen sich gegen den ärgsten Feind der deut­geschäftsführende Parteivorsitzende Gust a bschen Stultur, gegen hitlerdeutsch