Nr. 86 Donnerstag, 11. April 1935 15. Jahrgang Hwefenls 70 Helfer (in»chlie6lich 5 H.H.r Fort«) ZENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung nag nu fochova a. mvOM«77. HERAUSGEBERI SIEGFRIED TAUB . CHEFREDAKTEUR : WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMU STRAUSS. PRAG . USA verstärkt Heer und Flotte Washington . Präsident Roosevelt vn- terzeichnete eine Vorlage, durch welche die ameri­ kanische Regierung ermächtigt wird» den Effektiv­stand der amerikanischen Armee Von 118.700 auf 185.000 Mann z» erhöhen. Der Senat genehmigte den Gesetzentwurf und übersandte ihn Roosevelt zur Unterschrift» durch welchen dem Marineminister Swanson 38 Millionen Dollar zur sofortigen Inangriffnahme des Baues neuer Kriegsschiffe bewilligt werden. Des Endergebnis der Gömbös -Wahlen Budapest. <Tsch. P. B) Bon den ins­gesamt 25 Mandaten der Hadptstadt Budapest erhielten die Parteien der nationalen Einheit 7» die Christliche Wirtschaftspartei 6, die Liberale Opposition 5» die Sozialdemokratische Partei 5» die Notionalradikale Partei 1» die Christliche Opposition 1 Mandat. Bon den insgesamt 245 Mandaten-entfallen auf die Partei der Ra­tionalen Einheit 188, auf die Unabhängigen Kleinen Landwirte 24» auf die Parteilosen 12» auf die Christliche WirtschastSpartei 14» auf die Sozialdemokraten 11, auf dir Liberale Opposition 6, auf die Junge Generation 2, auf dir Pfciltrruzlrr 2, ans die Rationale Bolk-partei (Legitimisten) 1, auf di« Demokratische Oppo­sition 1, auf die Agraropposition 1» auf die Christliche Opposition 1 und ans die Rational­radikal« Partei 1 Mandat Die letzte» noch aus­stehende Stichwahl findet Donnerstag statt. Ah di« Adrette der SHF Offizielles Kommuniquee zerstört Legenden Die Demokratie wacht I Prag. Das Tschechoslowakische Pressebüro meldet: ,^Fe mehr sich der Tag der Wahlen nähert, um so mehr machen sich sowohl in der Presse, als auch in den Kundgebungen einiger Politiker verschiedene Vermutungen und Nachrich­ten, vor allem über Veränderungen in den parteipolitischen Verhältnissen im deutschen Lager bemerkbar. Man schreibt und spricht von den verschiedensten Kombinationen und Verhandlungen. Wir sind ermächtigt zu erklären, daß die Nachrichten, als ob der P r ä s i- dentderRepublik selbst in die Verhandlungen über die Auflösung poli­tischer Parteien tätig eingegriffen hätte, vollkommen erdacht sind. Auch die Nachrichten über eine Entscheidung der Re- gierung sind nicht richtig, denn ein Beschluß über die Nichtauflösung derSHF ist nicht erfolgt. Es ist die selbstverständliche Pflicht der staatlichen Organe, die Entwicklung des politischen Lebens weiter sorgsam zu verfolgen, besonders im gemischten Ge­biet, und keine auch versteckten antistaatlichen Versuche zu- zulafsen. Der Mißbrauch irgend eines Druckes, besonders wirt­schaftlicher Art, wird nicht geduldet, sondern verfolgt werden." Das Hochzeit-Theater des Bonzen Gering Millionen-Versehwendung auf Staatskosten im Lande des Eintopf-Gerichts I Gestern feierte der preußische Ministerprä­sident Göring Hochzeit mit der Schauspielerin Sonnemann. Was sich bei dieser Hochzeit, also bei einer Privatangelegenheit von Hit­lers Mitdiktator, tat, hat kaum seinesgleichen. Kein absolut herrschender Monarch hat je so unverschämt wie Göring aus öffentlichen Mitteln ein solches Trauungs-Theater veranstaltet. Vor kurzer Zeit erst hat der preußische Rero seiner verstorbenen Frau ein pom­pöses'Staatsbegräbnis veranstaltet, ließ den Staat für dieLiebe" undPietät", deren dieser Uniformen- und Menschenjäger fähig ist, blechen. Und nun hat er den Staat vor seinen zwei­ten Hochzeitswagen gespannt, als ob es für die ganze Welt ein Ereignis und für das gepeinigte Volk ein Glück wäre, wenn Herr Göring ins Brautbett steigt! Am Dienstag schon, am Tag v-o r der Hochzeit, hatte Göring «in Geschwader von achtzig Flugzeugen, die sich auf dreihundert vermehrten» zum Ehren- und Festflug für die Hochzeiter über Berlin dirigiert. Nachmittags gab's großen Empfang in Görings Palais, nachher D e s i l e der gesamten Landespolizei­gruppeGeneral Göring ", abends Fest- vorstellung in der Staat so per. Nach der Vorstellung nahm das Brautpaar von einer Terrasse der Oper aus einen Fackrlzug von tausend Uniformierten ah. Dazu Bannrrschwinger und bengalische Beleuchtung! Für die geladenen hunderten HochztitSgäste war eine eigene Tribüne errichtet. Am Hochzeitstag brachte Göring im F l u g z e u g der teuren Braut seinen Gruß. Scho« seit Tage« stand vor dem HauS der klei­nen Schauspielerin Sonnemann ein« Schupo- Ehrenwache. Am HochzeitSmyrgen brachten ihr Hitlers Leib­garde und das Orchester der Landespolizei ein Ständchen. And Göring gab ihr als Hochzeits­geschenk ein aus Z 5 Brillanten bestehendes Diadem, mit einem Hakenkreuz aus Saphir in der Mitte, ferner ein Brillanten­kollier, Ohrgehänge, Ring und Armband. Dann zog Hermann der Brandleger mit sei­ner Sonnemann unter starker Eskorte zwischen einem Spalier von Polizei, Militär, SS und SA zum Rathaus und nachher zur kirchlichen Trauung in die Domkirche. Nach der Trauung ließ rin Luftgeschwader einen Blumenregen über das Paar niedergehrn, die Glocken läute­ten, Posaunen bliesen. Dann Abschluß im Hotel Kaiserhof bei einem Hochzeitsmahl für vierhundert Gäste, als welche auch die Botschafter und Gesandten, die Generale und natürlich die obersten Parteiführer geladen waren. Dieses Theater spielt Göring dem deutschen Volle vor, während Millionen hungern. Und die­ses Theater bezahlt er aus Staatsmitteln. Wahr­haftig niemals gab es eine ähnliche korruptionelle Verschwendung öffentlicher Gelder, als sie hier, bei der Hochzeit eines Führers von Reudeutschland, zum Ausdruck kommt. Das find die Herren, die auszogen» um die^Bonzenwirtschaft" und die Weimarer Korruptton" zu bekämp­fen, von denen sie dem Docke einrede­ten, daß sie ein Kennzeichen der De- mokratte gewesen seien! Dor Hitlers Herrschaftsantritt steckte dieser Gö­ ring noch über beide Ohren in Schul­den heute feiert er Hochzett wie ei« mittelalterlicher asiatischer Thran« auf Ankosten des Volkes, heute Kann er Hunderttausende aus seinerPri- vatschatulle" für Geschenke hinaus­werfen. Vor kurzer Zeit erst schenkte er dem Schauspieler Klöpfer der Komödiant Göring laßt sich die De- rufSschauspieler, die von ihm lernen sollen» etwas kosten ein Luxusauto um 75.000 Mark; gestern schenkte er seiner Braut Schmuck, wie ihn kein Monarch kostbarer und aufreizender verschenken konnte. Aus dem Mark des Volkes prefien diese Diktatoren Ansummen für ihre Gelüste, zur Be­friedigung ihre- Größenwahns, Über­schlagen sich vor Eitelkett, fühle« sich als Auserwähtte nicht nur der Ra­tto«, sondern der Menschheit. Schade; daß der Reichstag schon einmal brannte. Gs wäre sinnig gewesen» wenn Göring ihn sich zur Hochzetts- fackel gewählt hätte! Das Schauspiel von Görings Hochzeit offen­bart die Tragödie und Komödie des Fascismus, di« Skrupellosigkeit, die Verderbtheit des autoritären Systems, das mit den Interessen des Volles Schindluder treibt wie nie ein System zuvor. Und so sieht die Herrschaft aus, die auch bei uns dir Henlejns, dienicht wissen, wie es in Deutschland aussieht", bewundern! Was würden sie, die jedem Krankenkassenbeamten sein kümmer­liches Gehalt nachrechnen, sagen, wenn ein de­mokratischer Minister je nur ein Hundert­stel des Aufwands zu welcher Gelegenheit immer getrieben hätte, mit dem Göring sich prostituiert, während er seinen neuen Eheladen aufmacht! Leset doch die nächsteR u n d s ch a u" und sucht nach einem Wort des Protests, des Widerwillens, der Empörung gegen diese Göringiade! Richt ein Wort werdet ihr dort darüber finden. And darum könnt ihr euch eine Vor­stellung davon machen, wie auch bei «ns zulande mit den Gefühle«, mtt der Armut, mit der Rot des Volkes und mtt den ihm erpreßten Mittel« umgesprungen würde, wen» die Be­wunderer des FascismuS, die An- und Nachbeter Hitlers , Görings und Goebbels ' bei«ns eine Rolle im Staate spielen dürften! And deshalb müßt ihr sie r e ch t z e i t i g, vorher, zum Teufel jage«! Der Deutsche als Soldat Ueberrascht hat die Welt die Zustimmung konstatiert, die die plötzliche Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland selbst ge­funden hat. Aber darauf konnte man gefaßt sein." Auch unter normalen Verhältnissen hätte ein all­gemeiner Widerstand des Volkes gegen die Wieder­einführung der Wehrpflicht etwa in der Form einer Volksmiliz bestimmt nicht eingesetzt. Es liegt im Wesen des Deutschen , allem Soldatischen zugeneigt zu sein. Daran haben auch die Bestrebungen der Pazifisten und dieNie wieder Krieg"-Parolen im Grunde nichts geändert, denn es handelte sich da­bei für das simple Volksempftnden gar nicht um die Frage der Kriegsbereitschaft oder Kriegsgeg- nerschaft, sondern es unterlag einfach dem Reiz des Soldatischen an sich. Wohl in keinem anderen Land« sonst hat von jeher das Militärvereinsleben so in Blüte gestan­den wie in Deutschland . Schon sehr bald nach dem Kriege fanden die Frontkämpfertage und Wieder­sehensfeiern ehemaliger Regimentskameraden star­ken Zulauf, und der schon 1918 als zunächst schein­bar unpolitischer Bund ehemaliger Frontsoldaten gegründeteStahlhelm " verdankte sein rasches Wachstum zum guten Teile dieser Neigung, im Leben eines Vereins die soldatische Gemeinschaft fortzusetzen. Dieser Hang zur Beschäftigung mit soldati­schen'Dingen kommt im Soldatenspiel der Kinder, in den vollständig aufgebauten Zinnsoldaten- Schlachten der Spielwarengeschäfte so sichtbar zum Ausdruck wie in den Neigungen der Erwachsenen. Was den Kindern ein willkommenes Spielzeug ist» das ist denVereinen der Zinnfigurensammler"» die es in Deutschland gibt, eine ernsthaft betrie­bene Angelegenheit. Zwar geben sich diese Vereine gern den Anschein historisch-wissenschaftlicher In­teressen; sie nennen sichClio" oder so ähnlich, aber die Zinnfiguren, die sie sammeln, in eifriger Liebhaberei selber gießen und bemalen und gele­gentlich in lebhaft besuchten Ausstellungen auf­bauen, sind überwiegend doch Zinnsoldaten in den Uniformen und Ausrüstungen aller Zeiten. Der Eindruck, daß die Vorliebe für das Sol­datische eine besondere deutsche Neigung sei, wurde bestärkt, als sich einmal. Gelegenheit bot, in einer Ausstellung Kinderbilderbücher vieler Nationen beieinander zu sehen und dabei festzustellen, daß soldatische Darstellungen nirgends so häufig zu finden waren wie in den deutschen Bilderbüchern. Und vom Kinderspielzeug führt die Betrach­tung geradenwegs in die Welt der Erwachsenen. Der Deutsche ist wirklich immer mit Leib und Seele Soldat gewesen. Trotz allem, was am Ka­sernenleben im wilhelminischen Deutschland aus­zusetzen war, und trotz dem Eifer, mit dem die Soldaten im letzten DienstjahrParole zählten" und auf ihren Reservistenkalendern Tag für Tag die Frist bis zu ihrer Entlassung abstrichen- mit einigen starken Fasern ihres Herzens waren sie doch dabei. Und wenn sie die aktive Dienstzeit hinter sich hatten, waren sie es erst recht. Wenn sich Gelegenheit dazu bot: wie interessiert wurden Aenderungen der Regimentsstandorte, Neuerun­gen an den Uniformen, der Ausrüstung, der Be­waffnung betrachtet und sachverständig erörtert. Und so verschieden die politischen Bekenntnisse und Richtungsschattierungen einer Gruppe von Män­nern auch sein mochten sobald ihre Unterhal­tung sich den Erinnerungen an die aktive Dienstzeit oder an Kriegserlebnisse zuwandte, waren sie sehr rasch eine einige Gesprächsrunde. Politisch und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter machten in ihrer großen Mehrzahl darin keine Ausnahme; man konnte solche Gespräche während der Früh­stückspause in der Baubude ebenso gut mitanhören wie im Setzersaal einer Zeitungsdruckerei. Vielleicht entspricht das Soldatische wirklich einer stark ausgeprägten Veranlagung des Deut­ schen zur organisierten Exaktheit, zur Disziplin» zur Genauigkeit und Pünktlichkeit. Es sind Tugen­den, dieser uniformiert als Soldat am gründlich­sten betätigt, weil sie Elemente des Soldatischen sind, weil auf ihnen die militärische Organisation in erster Linie beruht. Und man geht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, daß es diese Tugenden sind, die auch den deutschen Arbeiter in besonderem Mäße organisationsfähig gemacht haben. Diszi­plin, Solidarität, Zurückstellung der persönlichen Interessen hinter die Interessen einer selbstgewähl­ten Gemeinschaft, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit auf diesen Tugenden des deutschen Arbeiters beruhte die Straffheit und Geschloffenheft seiner