Freitag, 14. Juni 1835

15. Jahrgang

Einzelpreis 70 Heller (ainKhliaftlich 5 Haller Portal

ZENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xiu fochova a. Telefon sott. HERAUSGEBER. SIEGFRIED TAUB . CHEFREDAKTEUR . WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR. DR. EMIL STRAUSS, FRAG.

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Furchtbare Explosion in einem deutschen Rüstungswerk 100 Arbeiter getötet Berlin. (Tsch.P.-B.) Zn Reinsdorf bei Wittenberg , wo während des Krieges grotzeMnnitionswerke angelegt wurden, hat sich Don­nerstag eine folgenschwere Explosion ereignet. Das Unglück ereignete sich, als die Werke in vollem Betrieb waren. Ein ganzer Gebüudekomplex ist in die Luft geflogen. Ma« befürchtet, datz mindestens hun­dert Mann der Belegschaft der schweren Explosion znmOpfer gefallen sind. Auf mehrere Kilometer im Umkreis sind sämtliche Fensterschei­ben zertrümmert worden. Aus dem ganzen Bezirke Wittenberg wurden alle Aerzte zur Hilfeleistung herangezogen. Abteilungen der Reichswehr , der SA und SS sowie des Arbeitsdienstes sind zur Hilfeleistung aufgeboten worden. Eine amtliche Meldung über die Explosion-Katastrophe liegt bis zur Stunde nicht vor.

Danzig in Not Berlin . Die Postverwaltung von Danzig hat den Nachnahme- und Postauftragsverkrhr aus Deutschland nach Danzig vorübergehend einge­stellt. Die offiziöse deutschdiplomatische politische Korrespondenz äußert sich heute ziemlich pessimi­stisch Wer die Lage Danzigs . In einem Artikel Danzigs Existenzkampf" wird u. a. ausgeführt, daß die wirtschaftliche Situation Danzigs alles andere als leicht sei. Es werde des angekündigten starken Willens der Regierung und ebenso des nötigen Verständnisses aller für die Existenz Danzigs Verantwortlicher Faktoren bedürfen, um die augenblickliche Notzeit zu bannen. Die Siche­rung der Stabilität des Guldens müsse als eine Lebensfrage in dem Sinne angesehen werden, daß es hier um Dinge gehe, die mit der staatlichen Selbständigkeit Danzigs eng znsammenhängen und in diesem Sinne auch eine Voraussetzung für die ungeschmälerte Gestaltung der eigenen völ­kischen und kulturellen Schicksalsgemcinschaft bilden. Sieg des demokratischen Flügels der SRO Paris.(Tsch. P.-B.) Der sozialistische Par­teitag in Mühlhausen nahm am Mittwoch abends die Abstimmung über die vorliegenden Entschlie­ssungen zur Machtergreifung vor. Die meisten Mandatsstimmen, nämlich 2025, vereinigte der von de« nordfranzöstschen Sozialisten vorgelegte Text, der die Machtergreifung von der Zustim- mung der Mehrheit des Landes zu den marxisti­ schen Gedanken abhängig macht. 777 Mandat«, stimmen fielen dem Text der Anhänger des sozia­listische» Kampfes und der Befürworter des Auf­standes zu. 105, bzw. 83 Mandatsstimmen ent­fielen auf zwei Texte der noch weiter links einge­stellten Elemente der Partei, die sich dem Bolsche­wismus nähern. 229 Mandatare enthielten sich der Abstimmung. 58 waren bei der Abstimmung nicht vertreten. Angenommen wurde außerdem rin vom Entschließungsausschuß mit allen außer den Stimmen der Bolschewistenfreunde angenommener Text des Abgeordneten BinrentAuriol. Er besagt, daß die sozialistische Partei sich auf eine Linksmehrheit stützen und in der Regierung eine sozialistische Aktion anführen müßte. Schließlich bat sich der Parteitag mit 2117 Mandatsstimme« sür dir Gewährung des Frauenwahlrechts ausge­sprochen. 729 Stimmen lauteten dagegen, 273 enthielten sich der Abstimmung. Inspirierungsreise des neuen Kriegsministers Paris . Der neue französische Kriegsminister Oberst Fabry trat Donnerstag eine längere Inspektionsreise in die oftfranzösischen Grenz­garnisonen und Grenzbefestigungen an. Im Laufe dieser Reise wird der Kriegsminister nicht bloß mit den Mitgliedern des Heeresausschuffes von Kammer und Senat, sondern auch mit den Vertretern d e r d r ei G e n e ral siäb e der Kleinen Entente, die sich seit einigen Tagen in Paris aufhalten, zmammentreffen. Japan und USA mit der deutschen Seerüstung einverstanden London.(Tsch. P.-B.) Der japanische Bot­schafter in London stattete dem Foreign Office einen Besuch ab/ wo er bestätigte, daß Japan keine Einwendungen gegen den Vorschlag habe, daß Deutschland eine Tonnage von 35 Prozent der englischen Flotte zugebilligt loerde. Japan be­harrt jedoch auf dem Grundsätze, daß alle künfti­gen Beschränkungen der Seestärke sich auf die Gesamttonnage und nicht auf einzelne Ka­tegorien beziehen sollen. Auch der Botschafter der Vereinigten Staaten gab im Foreign Office den Standpunkt seiner Regierung bekannt, die, wie verlautet, gleichfalls kein« grundsätzlichen Ein­wendungen gegen den erwähnten Vorschlag er ­hebt.' Torgier frei? Berlin . Der Reuterkorrespondent in Berlin erfährt, daß der ehemalige kommunistische Wge- . ordnete Torgler , der fest seiner Inhaftierung als Angeklagter im Reichstagsbrand-Prozeß gefan- gengchalten wurde, nunmehr in Freiheit gesetzt worden ist.

Berlin . Die von dem Explosionsunglück betroffenen Betriebe der Westfälisch-anhaltinischen Sprengstoffabrik sind die größte Munitionsfabrik Deutschlands und beschäftigen, wie der Bertreter des Reutrrbüros erfährt, 13.000 Arbeiter und Angestellte, die in Wittenberg und Umgebung woh­nen. Sieben Stunden lang wurden die Opfer'auf Tragbahren zu den Sanitätsambulanzen gebracht, doch kam dir Hilfe meist zu spät. Es spielten sich

In der ostafrikanischen Affäre ist eine Wen­dung eingetreten, die allerdings nicht, wie gewisse Pressekommentare behaupten-, eine Wendung zum Frieden und zum Wege des Rechts ist, sondern nur eine neue Phase in der Raub- und Erpresserpolitik des italienischen Impe­rialismus gegenüber dem schwächeren Abessinien. Italien will nämlich dann Frieden halten,, wenn der Gegner ohne Krieg einen wesentlichen Teil der italienischen Forderungen erfüllt. Nach den Informationen des Londoner »Daily Herold" würde sich Italien ver­pflichten, keine militärischen Aktionen gegen Abes­sinien zu unternehmen, und einwilligrn, daß die Grenzfrage durch Arbitrage entschieden werde. Dafür würde Abessinien Italien ermäch­tigen, eine Eisenbahnstrecke über abessinisches Ge­biet vom italienischen Hafen M a s s a u a an der Küste des Roten Meeres bis zum italienischen Hafen M.a g a d o ch o in Italienisch-Somaliland zu errichten. Italien fordere, daß die Sicherheit dieser neuen.Eisenbqhnstrecke auf dieselbe Weise garantiert werde, wie die Sicherheit der Eisen-

Kampf um das Wahlrecht in Polen Warschau . Im polnischen Sejm hat am Mittwoch im Vcrfaffungsausschuß der Kampf um die noch unter Pilsudsti ausgcarbeitete Wahl­gesetzvorlage des Regierungsblocks eingesetzt. Die Regierung will das Proportionalwahlrecht Wer- haupt beseitigen und ein System einer indirekten Wahl durch Wahlmänner schaffen, die zumeist den territorialen und wirtschaftlichen Selbstverwal- tungskörpern entnommen werden sollen, die die Regierungspartei vollkommen beherrscht. Die An­nahme der Wahlvorlage würde den letzten Resten der Demokratie in Polen ein Ende machen und das Land vollkommen der gegenwärtig am Ruder befindlichen Clique ausliefern, Alle Oppositionsparteien sprachen sich euer» gisch gegen diese Vorlage aus und brachten ihrer­seits Gegenentwürfe ein. So verlangt die natio­naldemokratische Partei die Beibehaltung des Pro­portionalwahlrechtes bei Schaffung einer eigenen Kurie für die Juden.. Der Sprecher der sozialistischen Partei, Ge­nosse Czapinski, erklärte, daß der Entwurf des Regierungsblocks die Verfassung verletzt. Die

erschütternd« Szenen ab, alS die Berwandte« und Angehörigen der Verwundeten und Toten zu der Unglücksstelle nicht zugelassen werden konnten, so daß sie vielfach nur mit Gewalt von der Polizei zurückgehalten werden mußten. Nach hier vorlie­genden privaten Meldungen soll die Zahl der Opfer in die Hunderte gehen, man hört sogar, die Ziffer von 1000 Toten und Verwundeten.

bahnen in Rordchina, nämlich dadurch, daß beider­seits längs der Strecke eine neutrale Zone geschaffen werde, deren Administrative und Polizei Italien er« anvertraut werden würde. Großbritannien studiert dem»Daily Tele­ graph " zufolge diesen Plan. Er wurde aber der abessinischen Regierung bisher noch nicht bekannt­gegeben. Außerdem soll Italien ein dreigeteiltes bri­tisch- französisch- italienisches Protektorat über Abessinien vorgeschlagen haben. Es will also diemoralischen Bedenken" der West­mächte gegen den Raubzug dadurch beschwichtigen, daß es sie an der Beute beteiligt. Tatsächlich ist in England ein gewisser Stimmungsumschwung ein­getreten. Es ist denkbar, daß England sich mit Italien verständigt, aber auch eine Front Rom - Paris gegen London -Berlin ist nicht ausgeschlos­sen. Die Rechnung, ob im Frieden oder im Krieg, wird jedenfalls Abessinien bezahlen, das zum Dank für seine Unterwürfigkeit unter den Völker­ bund den kriegerischen Drohungen Italiens ge­opfert wird.

(durch einen Gewaltstreich des Sejmpräsidenten seinerzeit aufoktroierte) neue Verfassung rückt tzhnedies den Sejm in den Hintergrund und ge­währt den besitzenden Klassen den Vorrang im Staate. Der Wahlgcsetzentwurf geht in dieser Be­ziehung noch weiter, indem er bei den Parla­mentswahlen die entscheidende Stimme den wirt­schaftlichen Selbstverwaltungskörpern, insbeson­dere den Industrie-, Handels- und Gewerbekam­mern einräumt. Mit Rücksicht darauf würde der künftige Sejm sich vor allem ausRepräsen« tanten der besitzenden Klassen ßu- sammensetzen. Redner erklärte, daß die sozialisti­sche Partei es sich im Falle der Annahme des Wahlgesetzentwurfcs des Rcgierungsblocks erst überlegen müßte, ob sie an den konunenden Par- lamentsneulvahlen überhaupt teilnehmen soll. Dr. Benes auf der Rückreise von Moskau Moskau.(Taß.) Nach einem zweitägigen Aufenthalt in Leningrad kehrte der tschechoslowa­kisch« Minister für auswärtige Angelegenheiten Dr. Benes mit seiner Begleitung nach Moskau zurück und trat die Rückreise nach Prag an. Die Heimfahrt geht Wer Charkow und Kiew ,

Bleibt arbeitslos! Internationale Unternehmerfront gegen die Vierzigstundenwoche Die Arbeiten der Internationalen Arbeits­konferenz, die gegenwärtig in Genf tagt, werden von der Unternehmergruppe lahmgelegt. Sie wei­gert sich, an der Fachkommission für die Einfüh­rung der Arbeitszeitverkürzung teilzunehmen und verhindert dadurch die Kommissionsarbeit und die Plenarverhandlungen der Konferenz. Es ist dies die 19. Internationale Arbeits­konferenz. Sie wurde seinerzeit nach dem Ende des Krieges mit der Errichtung des Internationalen Arbeitsamtes begründet. An ihr nehmen auS den dem Arbeitsamt angeschlossenen Ländern je drei Delegationen teil: eine Regie r u n g sdelega- tion, eine Arbeiterdelegation und eine Un­ternehme rdelegation. Es sollte der Zweck der Internationalen Arbeitskonferenzen sein, so wie der Völkerbund und die Völkerbundsversammlun­gen auf dem politischen Gebiet den freundschaft- lichen Austausch der Meinungen und die engste friedliche Zusammenarbeit der Böller anstrebte und Konflikte und deren gewaltsame Austragung unmöglich machen sollte, auf sozialem Gebiet einen internationalen Ausbau der Gesetzgebung und eine Angleichung der Arbeiterschutz- und So­zialversicherungsgesetze in der ganzen Welt herbci- zuführen. Im Internationalen Arbeitsamt und seinem Bcrwaltungsrat fand diese internationale sozial« Organisation ihr« Spitze. Es mußte diese Einrichtung nicht als ein« Verneinung des Klaffenkampfes aufgefatzt werden. Er konnte auch durch die Wirksamkeit des Arbeits­amtes und durch die Internationalen Arbeitskon­ferenzen nicht aufgehoben werden. Im Gegenteil: alles, was in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern die Arbeiterschaft unter Führung ihrer starken politischen und gewerkschaftlichen Organi- sationen in den Klassenauseinandersetzungen errei­chen konnte, das sollte das Internationale Arbeits­amt und die Arbeitskonferenz für alle Länder fruchtbar zu machen versuchen. Es sollte so er­reicht werden, daß die Erfolge der sozialistischen Pionierarbeit der sozialistischen Arbeiterbewegung auch den Arbeitern in den kapitalistisch noch nicht hochentwickelten Ländern zugute kam. Die bisherigen Leistungen des Internationa­len Arbeitsamtes und der Internationalen Ar­beitskonferenzen eingehend zu untersuchen, ist jetzt nicht die Zeit. Es genüge die zusammenfaffende Feststellung, daß die schon kurze Zeit nach dem Kriege in allen Ländern vorswßende politische und soziale Reaktion sich auch in der Arbeit dieser in­ternationalen sozialen Organisation auswirkte. Unzweifelhaft hat sie in den sechzehn Jahren ihres Bestehens wertvolle sozialpolitische Kleinarbeit geleistet, die sich international in dem Maße aus- wirken konnte, in dem der Einfluß der Arbeiter­schaft in den einzelnen Ländern ihr Anerkennung und Geltung zu verschaffen vermochte. Der Ein­fluß der Arbeiterbewegung innerhalb der Länder war für die Internationalen Arbeitskonferenzen wichtig. Von ihm hing es ab, wem die Regierung neben den Unternehmern die Delegation der Ar­beiter übertrug. Als vor zwölf Jahren Mussolini die italienische Arbeiterbewegung zertrümmert hatte und fascistische Bertreter als Arbeitevdele- gierte in Genf erschienen, gab es heftige Ausein­andersetzungen, da die Arbeiterdelegationen ge­schloffen die Zusammenarbeit mit den Fascisten verweigerten und ihnen die Anwesenheit mit der Begründung streitig machten, daß sie nicht das Vertrauen der italienischen Arbeiter besäßen, son­dern nur infolge der Mißachtung der demokrati­schen Rechte und der Vernichtung der Koalitions- freiheit durch Mussolini in Genf erscheinen konnten. Die Zeit war der Reaktion günstiger. Die Unternehmervertreter haben im Internationalen Arbeitsamt und auf den Internationalen Arbeits­konferenzen ihre Aufgabe von Anfang an nicht darin gesehen, die Sozialgesetzgebung internatio­nal vorwärtszutreiben, sondern darin, sie nach Möglichkeit zu bremsen. Das gilt insbesondere für die Werragenden Fragen der ArbeitSzeitverkür« zung, des Koalitionsrechtes und seiner Sicherstel­lung und der Sozialversicherung. Diese Feststel­lung kann den nicht überraschen, der weiß, daß das kapitalistische Unternehmertum den Arbeiter­schutz und die Sozialgesetzgebung überhaupt als lästig empfinden, weil sie seinem Profitstreben Hemmungen entgegenstell«»«

Mussolini will Frieden halten- wenn Abessinien kapituliert I