Nr. 164 Mittwoch, 17. Juli. 193» Seite 5 Streik im zerstörten Reinsdorf ? Nachklänge zur Katastrophe In der Rüstungsindustrie Malerfahrt nach Griechenland Von Helmut Krommer . Kaum eine Woche in Italien , faßte ich den Entschluß, einen Abstecher nach Griechenland zu machen. Dieser Entschluß kam so plötzlich über mich, daß ich mir keine Zeit nahm, aus meiner Herberge Hut und Mantel, geschweige denn mein Gepäck zu holen, sondern so wie ich.stand und ging, lief ich ail diesem strahlenden Märzmorgen über die Paßhöhe zur nächsten Station und fuhr über den ganzen„Sjiefel" schnurstraks nach Brindisi . Meinem Wirt, Don Cesare in Positano , dem ich die Zeche für eine ganze Woche schuldig war, schrieb ich einen höflichen Brief, in dem ich ihn unter Hinweis auf mein zurückgelassenes Gepäck aufforderte, auf meine Rückkehr aus Grie chenland geduldig zu warten. Dann erstand ich einen Kamm, mit dem ich mein üppiges Haupthaar in einen glatten Scheitel verwandelte. Mit diesem Kamm und einigen Tafeln Schokolade ausgerüstet, bestieg ich als Deckpassagier dritter Klasse den griechischen Dampfers„Angeliki", der außer Oel und Gemüse noch ein Dutzend Griechen geladen hatte. Als nun der Kasten in die See stach und der Abendwind kühl über Deck blies, guckte ich mir die Mitreisenden» die sämtlich mit Mantel und Decken wohlversehen waren, genauer an. Sie schienen nicht alle Hellenen zu sien. Besonders der Besitzer einer wundervollen, großen Plüschhaardecke wies alle Merkmale der alemannischen Raffe auf. Und richtig! Er entpuppte sich als Münchner Studentchen, das seine frisch'erworbenen Kenntnisse des Neugriechischen in der Praxis erproben wollte. Mit dem Baedeker in der Hand, begann er bald mit diesem, bald mit jenem Hellenen tiefsinnige Gespräche über das Befinden, über das Wetter und über das Benehmen auf der Eisenbahn. Mitternacht kam heran und alles lag bereits, in Decke und Mantel gerollt, schlafend auf Deck. Mit Leichtigkeit gelang es mir nun, das Gespräch auf die Vorzüge einer wärmenden Plüschhaardecke zu bringen, was den guten Münchner so für mich einnahm, daß er sich mit mir zusammen in die Riesendecke einrollte. Kephalonia und Zakynthos hatten wir bereits hinter uns. Dort waren Landarbeiter mit Kind und Kegel an Bord gekommen, um die Ueberfahrt nach dem Pelopennes mitzumachen. Dicht zusammengedrängt lagen wir zwischen Bauern, Matrosen und Soldaten und horchten auf die schwermütigen Volksweisen, die sie anstimmten, wenn die Sterne über dem Meere funkelten.. In PatraS verließen die meisten Passagiere das Schiff; auch der Münchner , der von hier die Eisenbahn nach Athen benutzen wollte. Vorher aber borgt««r mir großmütig für den Pest der Schiffsreise seine schöne Plüschdecke, die uns vier Rächte lang gewärmt hatte. Nach meiner Ankunft in Athen sollte ich sie ihm ins archäologische Institut bringen. Kaum war er vom Schiff, so erfaßte mich eine heftige Sehnsucht, griechisches Festland zu betreten. Ich übergab die Decke einem Matrosen, der nachbarlich neben mir lgg, um für zwei Stunden an Land zu gehen. In Patras wurde eben der SSieg der„Demokratia "(Demokratie) gefeiert. Soldatentrupps zogen durch die abendlichen Straßen, bliesen auf langen Trompeten Sieges« Hymnen und überall roch es nach Hammelbraten und türkischem Kaffee. Als ich nut einem langen Brot unterm Arm wieder zum Hafen hinunterstieg, waren die Lichter bis auf wenige erloschen. Weit draußen lag noch die„Angeliki". Mit Mühe und Rot gelang eS mir, einen Schiffer aufzutrei« bcn, der mit größter Eile losruderte. Aber es war zu spät. Die Schiffstreppe wurde eben'hoch- gezogen und die Schraube begann zu arbeiten. Gleichgültig betrachtete die Schiffsmannschaft von der Reling herab unsere Anstrengungen, als sie gehört hatte, daß es sich nur um einen Passagier dritter Klasse handle. Auch die ungeheuerlichen Schimpfworte, die mein Schiffer nachbrüllte, prallten wirlungslos ab. Es blieb nichts übrig, als wieder an Land zu rudern, um ein Hotel aufzusuchen. Das war bald gefunden. Ein Riesenraum, in dem einsam und verlassen drei Betten standen, wurde mir als Schlafgemach zugewiesen. Ich legte mein Gepäck ab, bestehend aus einem Kamm und einen Laib Brot. Bevor ich ins Bett stieg, schloß ich noch die Tür ab. Bald versank ich in tiefen Schlaf, aus dem mich plötzlich ein heftiges Klopfen weckte. Ich hielt das für einen Irrtum und blieb ruhig liegen. Nun gesellte sich zum Klopfen noch ein wüstes Geschrei. Also'raus aus dem Bett und die Tür aufgeschlossen. Man brachte einen neuen Gast herein daß er volltrunken war, erkannte üh an der innigen Umarmung, di« er mir sofort zuteil werden ließ. Rach einem Hoch auf das Königtum eröffnete er eine politische Debatte, in der er seinen Abscheu über den Sieg der Demokratie in Griechenland zum Ausdruck brachte und weine Staatsgesinnung zu erforschen suchte. Nunmehr sah ich mich veranlaßt, ein Hoch auf das Königtum anzubringen, womit ich sein ganzes Herz eroberte. Die Unterhaltung, die von meiner Seite mit altgriechischen Brocken geführt wurde, was zu ergötzlichen Mißverständnissen Anlaß gab, wandte sich alsbald familiären Dingen zu. Nach Landessitte wollte der königstreu« Hellene seine Sympathie für mich dadurch beweisen, daß kr zu mir ins Bett kroch. Erst ein kräftiger Rippenstoß bewog ihn, das nächste Bett aufzusuchen. Am andern Morgen, nach kühlem Abschied hon dem verkaterten Griechen, erreichte ich ge- „Ter erste Streik Nazi-Deutschlands. Die Arbeiter in Reinsdorf verweigern die Wiederaufnahme der Arbeit". Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht die norwegische rechtsbür« liche Zeitung„Christiansand Tide n d e", Christiansand, einen aufsehenerregenden Bericht ihres Deutschland -Korrespondenten, der besonders deshalb bemerkenswert ist, weil das Blatt selbst fascistisch angehaucht ist, sich durch sehr freundschaftliche Haltung dem Dritten Reich gegenüber auszeichnet und darum ganz gewiß nicht im Verdacht steht,„Greuelmärchen" zu fabrizieren. In dem Bericht heißt es: „Die Aufräumungsarbeiten und der Wiederaufbau der zerstörten Munitionsfabrik in Reins dorf wurden gleich in Angriff genommen, nachdem die Geheime Polizei ihre Untersuchungen beendet und konstatiert hatte, daß kein Attentat vorlag. Am Freitag sollte dann die Arbeit im regulären Teil des Betriebes wieder ausgenommen werden, aber nur ca. fünf Prozent der Belegschaft erschienen zum Arbeitsbeginn am Morgen. Die anderen kamen am Nachmittag, indem sie zum Betriebskontor mit Plakaten marschierten, auf denen stand: „Wir fordern Lohnzulage!" Das Ganze hatte.die Form eines regulären Demonstrationszuges. Als einer der Betriebsleiter auf einen Balkon des Kontorgebäudes trat und die Arbeiter aufforderte, augenblicklich die Arbeit wieder aufzunehmen, trafen ihn höhnische Zurufe." Der Korrespondent erzählt dann weiter, daß die Arbeiter zu einer Baracke zogen, wo sie mit 4000 Mann eine Versammlung abhielten und eine Resolution annahmen, die besagte, daß sie nicht zur Arbeit zurückkehren wollten, wenn nicht eine andere Lohnregelung getroffen würde. Die Resolution wurde den Betriebsleitern vorgelesen. Es wurde über eine Stunde lang demonstriert. Steine wurden gegen das AdministrationSgcbäude gewor- rade noch den Zug nach Athen . Ein Bäckergehilfe aus Schlesien , der seit Jahren schon in einer großen Bäckerei in Patras beschäftigt war, freundete ich mit mir an und erläuterte mir die lustige Unterhaltung, die ein Ehemann auf Kosten einer Frau zum Vergnügen aller Mitreisenden zum besten gab. Herumgereichter Mastixwein erhöhte die Stimmung. Kurz vor EleusiS gab eS einen zweistündigen Aufenthalt, weil die Lokomotive nicht mehr weiter konnte. GegenAbend lief der Zug in Athen ein; ein heftiger Wind hatte allen Staub zusammengewirbelt, grau und unscheinbar erschien die Akropolis über der ausgedehnten Stadt, Wir fuhren nach dem Siräus weiter,, weil 'wir hofftest, dort eher eine. Unterkunft zu finden. Der'Versuch" des Bäckergesellen, bet'einer bekannten deutschen Familie mit mir zu nächtigen, mißlang. Wir erhielten zwar«in reichliches Nachtmahl, mußten dann aber ein Dutzend Hotels abklappern, bis wir endlich in dem bescheidenen Absteigequartier„Pallas Athene " Wernachten konnten. Zwar lag man zu acht in einem Zimmer, wusch sich aus derselben Waschschüssel und hatten binnen kurzem hellenische Läuse, aber das Geld reichte hier ein paar Tage länger und das war die Hauptsache.• Am nächsten Morgen eilte ich zum Hafen, um die Ankunft der„Angeliki" zu erfragen. Aber das Schiff war schon angekommen und alle Passagiere längst an Land. In Gedanken überlegte ich, wie ich dem Münchner Studenten möglichst schonend den Verlust seiner Plüschhaardecke beibringen würde, als der Kapitän mit der Decke über dem Arm erschien. Der Matrose hatte das ihm mwertraute Gut mit einer genauen Beschreibung meiner Person dem Kapitän hinterlassen. Von schwerer Sorge befreit, kaufte ich mir eine Zahnbürste, Bleistift und Skizzenbuch. Ich Swanewit, der Heiden-Bückling aus Dresden Es gibt keine Witzblätter mehr in Deutsch land . Aber es gibt ja gleichgeschaltete deutsche Zeitungen.— Und hier blüht, unfreiwillig, und deshalb wahrhaft erheiternd eine neue Art vonHumor. Was früher Ironie und Spott war, ist heute seriöser Modestil. Die Witze von gestern sind die Tatsachen des„Dritten Reiches " l Schlagen wir einmal die Spezialzeitungen der Wotans-Gläubigen auf, der Blubo-Heiden, die den„neuen Stil" schaffen, bei dem einem vor Lachen der Kommentar im Halse stecken bleibt—1 Ob„Arische Rundsch au", ob.„Aw QuelldeutscherKraft", immer hat man das Gefühl, als ob die Herren sich Wer sich selbst lustig machten—. Und schließlich der A n z e i g e n t e i 1! Da kann man die humoristischen Treffer mit verbundenen Augen greifen—. Nieten gibt es nicht. Man ersehe das aus dieser Auswahl: „Heihol Pauline Mayringund Gottlieb Mayring grüßen als Verlobte im Lenzing !" Daß Mayring„Heiho" schreit und partout im.Lenzing" grüßen will, geht ja noch an—. fen und einige Fenster zerschlagen. Die Zurufe wurden stärker und hitziger, während die Betriebsleiter darauf warteten, was die Berliner Direktion, die unterrichtet worden war, antworten würde. Als diese vom Umfang des Streiks erfuhr, gab sie sofort Bescheid, daß Verhandlungen ausgenommen werden sollten. Rach sieben Stunden Verhandlungen wurde man nach Mitternacht Wer eine beträchtliche Lohnerhöhung einig. Am nächsten Morgen wurde die Arbeit wieder ausgenommen. Der Korrespondent schließt seinen Bericht mit der Feststellung, daß dieser Streik natürlich keine. Bedeutung für die Sicherheit der deutschen Regierung habe. Diese Schluhbemerkung ist natürlich zutref- fend. Wenn aber der Bericht des rechtsstehenden norwegischen Blattes stimmt, so ist dieser Streik immerhin ein beachtliches Zeichen des erstarkenden Widerstandswillens der deutschen Arbeüer. Interessant ist auch, daß man allmählich aus den deutschen Zeitungen indirekt ersehen kann, wie gewaltig die Auswirkungen des Unglücks gewesen sind. Jetzt, am 12. Juli, veröffentlicht z. B. die „Frankfurter Zeitung " einen Bericht der besagt, daß in den Wochen seit dem Unglück der Wiederaufbau planmäßig durchgeführt worden sei. In Wittenberg seien die letzten Spuren des Unglücks getilgt. In den anderen, näher am Werk gelegenen Ortschaften seien die Arbeiten so weit vorangekommen, daß die jetzt noch(nach so vielen Wochen!) notdürfttg untergebrachten Familien im Laufe der nächsten Wochen ihre Wohnungen wieder beziehen könnten. Auch die Scheunen seien so weit instand, daß die Landwirte ihre Heuernte trocken unterbringen könnten. Daraus ersieht man, was alles durch die Explosion zerstört wurde und wie lange der Wiederaufbau trotz größter Anstrengungen dauert. zeichnete vom Morgen bis zum sinkenden Abend. Oben auf der Akropolis und auf dem Leyka- bettos. Die Palmen im Parke und dem Walde von Schiffsmasten im Piräus . Die Straße der „Wagenmacher", die lleinen Läden der Handwerker. Das Theater des Dionysos, die Ueberreste des Jupitertempels, Moscheen aus der Türkenzeit, die Basllika.Lapnikarea" in der Hermesstraße- luftige Zigeunerhäuschen am Fuße der Akropolis . Die Küste von Phateron und die Kastanienwälder in Kephiffia. Und wie sich mein SkizzeWuch mit immer neuen Zeichnungen füllte, so schwanden aus meiner Brieftasche die Drach- menscheine. Die Anschaffung eines neuen Hemdes erschütterten meine finanziellen, Verhältnisse aufs tiefste. Ein Besuch auf meinem Konsulat hatte mir den Erfolg, daß man mir die Adresse einer Pension in der Rue Balaoriton angab. Mit pochendem Herzen stteg ich die Marmortreppen des vornehmen, kühlen Hauses hinauf. Der junge Pensionsinhaber nahm mich mit offenen Armen auf. Es genügte ihm» daß ich vom Konsulat hierhergeschickt worden war. Das Fehlen jeglichen Gepäcks verwunderte ihn nicht. Wahrscheinlich hatte ich es bei Bekannten untergestellt. Ich wurde mit„Herr Professor" tituliert und erhielt ein schönes, sauberes Zimmer. Bei der Table d'hote speiste ich mit tiefausgeschnittenen Engländerinnen, reichen Schweizern und gesprächigen Italienern. Der Pensionsinhaber beeilte sich, mir seinen prächtigen Photoapparat zu borgen, als er hörte, daß ich meine Studien durch Aufnahmen ergänzen wolle. Er bewunderte meine Kunst und staunt« über meinen Appettt. Denn ich versäumte keine einzige Mahlzeit und ließ nie etwas auf dem Teller liegen. Drei Wochen lebt« ich so in der vornehmen Pension, ohne eine einzige Drachme auszugeben. Es ging dem 1. Mai zu und die Tage wurden heiß. Während die anderen Pensionäre wöchentlich zu zahlen Aber was ist in den wackeren„Gleichgesinnten" gefahren, der alfd trampelt: „Gedankenaustausch mit heldisch- heidnischem nordischem Mädchen, bäuerlicher Art, wünscht gleichgesinnter Deutscher ——.". Wonach zähll der Teutone? NachTeuto- burgl Sie glauben es nicht? Dann lesen Sie: „Am 16. Wonnemond 192 6 nach T e u t o b u r g wurde Heidin Swane- wit Bückling in DreSdon geboren. Sippe Bückling." Swanewit Bückling ist gut! Keine Groteske könnte eine zugkräftige Zusammenstellung der Namen aufweisen. Swanewit, das Wonne-Mädchen 1926 nach Teutoburg, wird ein Hitler-Bücklimg werden, auf den ganz Deutschland stolz sein kann! Bekanntlich wirkt schon ein ernsthafter Teutone neudeutscher Herkunft komisch. Wie zwerchfellerschütternd aber muß jener muntere Herr sein, der sich also vernehmen läßt: „Auf einsamem, in schöner Gegend gelegenen Landhause, nahe bei größerer Stadt in Schwaben , bei älterem, lustigen Heiden findet«ine Deutschgott-Bläubige freie Wohnung in schönem Künstlerheim..," Der ebenso alte wie lustige Heide scheint keine seh'- lauteren Absichten zu haben! Ihre Blumen dürsten <'" nach dem gutem Blumen-Zauber-ung 1 Paket mit Postzusendung Kt 5*60 durch Bermaltuug.Frauenwelt". Prag XU. Fochova 62 pflegten, hatte man bei mir eine Ausnahme gemacht. Ich sollte meine Rechnung, eine' ganz hübsche'Summe, am 1. Mai bezahlen. Asn Vorabend stand ich, mehr, als nachdenklich, am Fenster. Unten klingeln die Leierkästen und das Voll drängt sich um die kreisenden Glücksräder. Da klopfte es.. Es ist der Pensionsinhaber.^Jetzt kommt er die Rechnung kassieren!, fährt es mir durch den Kopf. Mit höflichen Entschuldigungen nähert er sich und... bittet um die Erlaubnis, meine Athener Zeichnungen durchsehen zu dürfen. Und dann kaust er, ein Blatt nach dem andern, ich stehe dabei und rechne: Jetzt ist die Pensionsrechnung bezahlt, jetzt die Schiffsreise nach Brin disi , jetzt die Eisenbahnfahrt von Brindjsi nach Posttanö. Mit vornehmer Gest« falle ich ihm in die Arme: Genug, mein Herr, einige Zeichnungen muß ich ja auch nach Europa bringen.■ Am andern Tage bin ich bereits an Bord der„Angeliki", die wiederum nach Briüdisi fährt. Aber diesmal, zum großen Erstaunen des Kapitäns, als Passagier erster Klaffe. Dor dem Durchstich des Montblanc Vor einigen Tagen haben französische und italienische Fachleute an Ort und Stelle die geologischen und technischen Untersuchungen begonnen, die der Vorbereitung des Tunnel-Projettes bienen, durch das die Verbindung Frankreich —Italien wesentlich verkürzt werden soll. Die Durchführung des TunnelplanS war solange unmöglich, als die Beziehungen zwischen Frankreich und Italien getrübt und gespannt waren. Daß man jetzt an die Realisierung schreitet, spiegelt die veränderte außenpolitische Situation wider. Man ist sich über die strategische Bedeutung eines solchen Tunnels einig geworden, so daß man jetzt alle Hindernisse, die dem Projett noch im Wege standen» beseitigt hat. In der Schweiz ist man erklärlicherweift von dem Plan weniger begeistert. Denn bisher war eine Ueberschneidung schweizerischen Gebietes bei den Schnellzugsverbindungen von Nordfrankreich nach Italien nöttg. Nunmehr würde Wer ein großer Teil des Personen- wie des Warenverkehrs in Forffall kommen. Auf einer Tagung in Genf wurde jüngst erflärt, daß Genf zwar auf dem Wege sei, eine Stadt von 300,000 Einwohnern zu werden, daß ihre Einwohnerzahl aber auf 30.000 sinken würde, wenn das Projekt verwirklicht Werde. Die strategischen,, Ueherlegun- gen werden jedoch alle Bedenk«, überwinden,.und sie sind es auch, die zur Este treiben, Die Finan- zierung ist bereits sichergestellt, und so wird eS nur noch kurze Zeit dauern, bis die ersten Spatenstiche getan werden. Revolutionäre Vornamen. Sine russische Revue veröffentlichte vor kurzem ein« ganze Liste von Vornamen, die vom staatlichen Zivildienst in der USSR. zugelassen sind. Einige lauten: Spartak, Marx, Marseillaisa, Carmagnola, Slava(Ruhm), Svo« bicka(Freiheit), Pravda(Wahrheit), Jstta(Funke, Rgme eines berühmten bolschewistischen Journals, das im Ausland erschien), Wolia(Wille, Nam«, einer sozialrevolutionären Bewegung unter dem Zarismus), dann zahlreiche. Variationen und Anagramme des Namens Lenin : Ninel, Ninela, Wla- dilen, Leniana ufw. Von all diesen sogenannten „ideologischen" Vornamen, sind nur die durchgedrungen, di« die Erinnerung an Lenin Wachrufe» oder der Name»Ocktiabrina, der an die Oktoberrevolution von 1917 erinnert. Mehrere junge Mädchen bekamen den Vornamen»Chakhta"(was soviel wie Schacht einer Mine oder der Metro heißt); aber dieft WWl brachte ihnen Anzüglichkeiten ein, ft daß sie lieber eine Mascha oder. Katja sein wollten. Sin Aristokrat, der die Kühnhest hat, im großen Zuchthaus Deutschland das Wort„ftei" in den Mund zu nehmen, ist noch recht maßvoll; „Gedankenaustausch mit gebildetem Heidenmädelsucht a d l i g e r, freier Deutscher in Reichsstellung." Selbst der Tod ist vor den Narren nicht sicher. Da liest man: „Ehre und Treue waren di« Werte. Wahrhaft stark fand dich der Tod. Am 11..Osterman ds haben wir meine lieb« gute Frau Edith der deutschen Mut ter erde zursick- g eg eben. Die Trauerfeier fand wunschgemäß im Sinne deutscherGotterkeclNtnis statt... MMeofen." Und schließlich: „Am 28. Lenzing starb meine liebe Frau.., Frieda Sch. im vollendeten 71. Lebensjahr. Roch im hohen Alrer hatte sie sich heimgesunden zu deutsch em G o t t g l a u b e n. Wirhaboa sie am 27. in deutscher Muttererde auf der Ahnenstätte bei Hude gebettet. S i p p e'Sch."' Es sind Momentaufnahmen aus dem Gebiete der Psychiatrie. Momentaufnahmen, die manches' erklären, was dem Normalmenschen rätselhaft, barbarisch und als Neandertal-Rudiment erscheint—. Die deutsche Familienanzeige 1935 ist die Visitenkarte des„DrittenRei, ch e s". Die Visitenkarte einer Irrenanstalt. Pierre»
Ausgabe
15 (17.7.1935) 164
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