Nr. 165 Donnerstag, 18. Juli 1S38 Seite 5 Ein Traum,-er Wirklichkeit wurde Erfüllte sozialistische Utopie Von unserem Speziallorrespondenten Julius Braunthal . .^kibutz"— es ist ein neues, ein fremd- klingendes Wort; wir werden es uns merken, werden es unserem Sprachschatz, unserer Begriffswelt einfügen muffen. ,^kckutz"— in diesem Wort klingen hebräische Melodien, goldene Orangenhaine zaubert es vor unser Auge, sozialistische Traumbilder steigen auf. » Ein Dorf liegt da, inmitten Orangengärten und Getreidefelder. Wohnbaracken, ja Zelte noch, aber doch auch schon Zementhäuser, nach wohldurchdachtem Plan errichtet, in Häuserzeilen, Ziergärten davor. Im Zentrum steht das Kinderhaus, nicht weit davon das Kulturhaus mit dem gemeinsamen Speisehaus und großer Küche für alle, mit Lesezimmer, BMiothek, Klavier, Radioapparat. Dann gibt es ein Bcckehaus, ein zahnärztliches Ambulatorium, am Rande des Dorfes die Wirtschaftsgebäude, Kuhställe, Wertstätten, die Hühnerfarm, Pferdeställe— wir sind in einem»Kibutz ". Einige hundert Seelen leben in diesem Dorf. Die Männer und Frauen sind in Garten und Feld, im Kuhstall und in den Werkstätten. Sie arbeiten acht Stunden lang, bei dringender Arbeit vielleicht neun, nicht mehr. Indessen werden ihre Kinder im Kinderhaus gehegt und gepflegt, das Essen wird bereitet, die Wäsche gewaschen und zum Gebrauch bereitgelegt, und kehren Vater und Mutter von der Arbeit heim, so laufen ihnen ihre Kinder schon entgegen. Es beginnt die Kinderstunde, ungestört von den kleinen verzehrenden Sorgen des Haushaltes. Denn im»Kibutz " gibt es keinen individuellen Haushalt. Der Gong ertönt. Die Kinder gehen zu Bett, die Eltern in den Speisesaal. Nach dem Abendbrot liest istan, plaudert, treibt Musik, singt in Chören, hört Vorträge, zuweilen kommt die berühmte„Habima " zu einem Gastspiel. Dazwischen aber auch ernste Beratungen Wer die eigene Wirtschaft, über Fragen der Erziehung, des Gemeindelebens. Denn es ist hier ja eine einzige große Familie: alles gehört allen— der Grund und Boden, unveräußerlicher Nationalfondsboden in Erbpacht, die Kühe und Pferde in den Ställen, ja selbst die Kinder im Kinderhaus. Denn wessen Kinder es auch immer sind, alle nehmen an Freuden und Tränen aller teil,. als wären es ihre eigenen. Das Privateigentum ist ganz und gar abgeschafft, oder bester gesagt, es hat dort nie existiert. Dort, in jenen kleinen Repu- blicken, zirkuliert kein Geld; mit Geld manipuliert nur die selbftgewählte Wirtschaftsleitung. Der Bürger dieser Republik sieht, kaum, eines, er hört nur davon, wenn über die Gebarung berichtet wird, und ein Geschlecht von Kindern wächst dort heran, das von Geld überhaupt nichts weiß. Es gibt selbst kaum Privateigentum in den intimsten Dingen des Lebens. Wäsche, Kleider, Schuhwerk wird ganz automatisch nach Bedarf jedem zugeteilt. Aber da ist eine Welt, in der Gegenstände dieser Art eine, dem Europäer un- vorstellbare geringe Bedeutung besitzen. Was soll der eitle Tand! Man will natürlich auSreichend trnährt und sauber gekleidet sein, auch ein wenig Behaglichkeit: aber das weitaus Wichtigste sind die Kinder— für die ist nichts zu teuer, drei Pfund im Monat kostet jedes Kind dem Kibuh l —, und dann die eigene Wirtschaft und dann das Land und dann die Idee, die Idee des Kibutz. Gruppen von jungen Männern und jungen Frauen kamen vor zwei Jahrzehnten in die wüsten Steppensümpfe Palästinas , um das Land der Berheitzung ihrer Nation zu erschließen. Diese jüdische Jugend hatte den Gluthauch des revolutionären Sozialismus Rußlands und Polens ein- üisogen. Das neue Palästina, das sie schaffen wollte, sollte darum ein anderes Gemeinwesen werden, als jenes Europas , aus denen sie gekommen waren. Hier war Neuland, unwirtlich zwar, aber doch trächtig der wunderbarsten Zukunftshoffnungen. Die Gruppen der Jungen gingen daran, Steppe, Wüste, Sumpf in blühende Kulturgärten zu verwandeln. Wie aber? Sollte nach getaner Kolonisation die Arbeitsgruppe wieder in Einzelbauern zerfallen, wie überall, hart aus den eigenen Vorteil bedacht, nach höchstmöglichstem Gewinn strebend, sollten auch hier, auf neu- krschlossenem Grund, im Gefolge kapitalistischen Wettbewcicks Gegensätze von Armut und Reichtum, Neid, Haß, Klassenzerriffenheit einherziehen? Vein! Diese Gruppen der Pioniere beschlossen, al- sozialistische Arbeits- und Lebensgemeinschaf« je» zusammenzubleiben,' unbekümmert um den ehernen Lauf der Welt den sozialistischen Zu- tunftsstaat irgendwie, wenn auch in weltverlorenen Eilanden zu begründen.„Kibutz " ist das hebräische Wort für Gruppe. Aber das Wort bekam einen neuen sozialen, ökonomischen, aber wehr als dies: einen neuen ideellen und vielleicht wgar einen historischen Sinn. Es umschließt den gesamten Bereich der Träume von einer sozialisti- tchm Arbeits- und Lebensgestaltung. ♦ Ich besuchte den kleinsten und größten, den «testen und jüngsten Kibutz und manche noch, die dazwischen liegen. So kam ich nach En Charod , dem größten der Kibutze und einem der ältesten. Bor nur vierzehn Jahren war er an der Quelle lharod gegründet worden. Weite Strecken waren versumpft, hatten mit ihrem Pesthauch Siechtum und Tod in die spärlichen Araberhütten gebracht. Die Malaria wurde so ziemlich besiegt. Blühende Dörfer entstanden, rote Republiken, sozialistische Gemeinwesen. So auch En Charod . Es hat das Quellufer verlassen, liegt jetzt auf einem sanften Hügelhang. Durch wogende Weizenfelder führt der Weg hin. Da aber ist ein Garten der grüngoldenen Crapefrucht eingesprengt, ein wenig weiter ein großer Hain blü- tenbedeckter Obstbäume, dort wird die Weinrebe gepflegt, hier der silbergraue Olivenbaum, dann betritt man eine Gemüsezone, man merkt, daß vielerlei hier erzeugt wird. Man wird zu einer Baumschule geführt: die Orangen und Weinsetzlinge erzielen Hobe Preise, das Land wird aufgeforstet, daher große Nachfrage auch nach Zy- Ä. Verhältnismäßig größere Flächen nimmt leefeld ein, denn 220 Kühe stehen in den Ställen dieses Dorfes. Ja, 220 Kühe besitzt diese kleine sozialistische Republik, hochgezüchtetes Vieh, das im Durchschnitt 4000 Liter Milch, das sieben bis achtfache der„arabischen Kuh" gibt; bald werden es ihrer dreihundert sein. Sie stehen in modernen betonierten Ställen zu.je 52, wie in einem der modernsten RittergutÄhöfe Deutsch lands . 600.000 Liter Milch haben sie im vergangenen Jahr verkauft. Und gleich daneben ist die Hühnerfarm: 3000 Edelhühner, 250.000 Eier haben sie für den Markt geliefert. Und dann die Pferdeställe, besetzt mit 50 Rössern, und dann die 350 Bienenstöcke— das ganze sieht schon nach etwas ausl Mein Freund läßt mich aber nicht zu Atem kommen; er zeigt mir den Maschinenpark. Sechs Traktoren für die schweren Stahlpflüge und Eggen liegen dort, zwei der großen amerikanischen Mähdrescher, die in einem Prozeßgang den Halm näher, dreschen und durch Elevatoren das Korn in die Säcke strömen lassen, die Arbeit von vierzig Mann durch vier in gleicher Zeit bewältigend; dann zeigt er zwei ganz moderne dtrohpackma- schinen, die das gedroschene Strich in große Würfel pressen, mit Draht binden; dann eine große mechanische Schlosserei, die zwanzig Leute beschäf- Wiener Festwoche« In der alten Wienerstadt sind Festwochen. Dies besagten die Wimpel, mit welchen die Straßenbochnen, Autobusse geschmückt waren, dies verrieten, die Flaggen lichen Gebäuden und an den Häusern vaterländischer Hausherren. Die Gesichter der Wiener besagten dies nicht. In den Mienen der Arbeitslosen, die in den Parks am Gürtel sitzen, ist von Festwochen nichts zu sehen. Ihre müden Gesichter zeigen keine Feststimmung und sie haben auch von.Festen" nichts bemerkt. Auch die Allerärm- sten der Armen, die Obdachlosen, die hungrig in den Colonia-Kübeln herumsuchen, ob nicht etwa eine alte schmutzige Brotrinde zu finden wäre, haben von den Festwochen noch nichts gesehen oder gar gehört. Von den Festwochen weiß nur die Regierung, die bei jeder paffenden oder unpassenden Gelegenheit in den Weihrauchschwaden schreitet, die mehr oder weniger gut genährte Geistliche in den Straßen Wiens aufsteigen lassen. An allen Ecken und Litfaßsäulen künden große Plakate, daß die Arbeitsschlacht in vollem Gange sei. Die müßig und resigniert in den Anlagen auf den Bänken herumsitzenden Männer in verschossenen' ärmlichen Kleidern, geben ein beredtes Zeugnis davon, mit welcher Wucht die Arbeitsschlacht unter den Arbeitslosen aufgeräumt hat.„Sehn's, das ist die Arbeitsschlacht," sagt der Wiener , auf die herumsitzenden Gestalten deutend,„sie schärfen bereits das Messer, um die Arbeit zu schlachten". An einem staatlichen Gebäude in der Nähe des Nordbahnhofes kündet eine Tafel: Arbeitsbeschaffung der Bundesregierung". Aha, also doch wird gearbeitet! Aber beim näheren Hinsehen» entdeckt man, daß der etwa einen Meter hohe Sockel einer Garteneinfriedung in einer ungefähren Länge von zehn Metern frisch geputzt wurde. ES dürsten wahrscheinlich einer oder zwei Maurer einen Tag hier in der ersten Front der„Arbeitsschlacht" gekämpft haben. Wie heißt es doch? Von der Erhabenheit bis zur Lächerlichkeit ist es nur einen Schritt! „Die Stadt Wien schafft Arbeit!" Die Propagandastelle der vaterländischen Front, gibt eine Reihe von Bildern aus, die diese Ueber- schrist tragen. Und was zeigt so ein Bild? Man sieht auf ihn ein eingerüstetes altes Haus, in dem Gewirr der Leitern und Bauhölzer entdeckt man einige Maurer. Ein nächstes Bild zeigt die Höhenstrahe auf den Kobenzl, die aber zum größten Teil vom freiwilligen Arbeitsdienst, der um 50 Groschen d. s. nach unserem Geld nicht ganz Kö 2.50 pro Tag seine Haut zu Markte trägt, erbaut wird. Auf einem anderen Bild sieht man die Wohnungsfürsorge der neuen Regierung. In der Nähe der Donau werden Holzhäuschen gebaut, die auf diesen Bildern, die sicherlich noch schmeicheln werden, eine verzweifelte Aehnlichkeit mit jenen Häuschen haben, die sich bei uns Arbeitslose an entlegenen Stellen bauten.«Sofortprogramm. Beschluß der Wiener tigt, eine Tischlerei mit zwölf Arbeitern, eine Schusterei, eine Schneiderei, eine mit Dieselmotor betriebene Michle, eine ganz mofcerne mechanische Wäscherei; das ist, so scheint es mir blutigen Laien, doch schon ein ganz ansehnlicher Wirt- schastsbetrieb. Ich bitte um die Kassabücher, denn ich wünsche schwarz auf weiß zu sehen, wie diese Wirtschaft gebart. Mein Freund aber protestiert; die Kultureinrichtungen müsse ich vorher sehen; die Bibliothek mit fünf-sechstausend Bänden, die Zeitungen und Zeitschriften, dann aber vor allem die zwei großen Kinderhäuser für Kinder aller Altersstufen, Säuglingsheim, Kleinkindergarten, Schule, man kann sie sich schöner nicht wünschen. Ihren Bersuchsgarten, ihre Turnplätze— alles wird genau betrachtet, zögernd nur entläßt er mich zu den Wirtschaftsbüchern. Ich lese nun: 1300 Hektar ist die Wirtschaft groß. 700 Hektar ist davon unveräußerlicher Boden des Nationalfonds, 600 Hektar sind gepachtet. Sie haben Pachtzins bezahlt, haben Be- triebskredite verzinset, hecken amortisiert und investiert und darüber hinaus haben sie 1800 Pfund Reingewinn erzielt. Die Wirtschaft scheint gesund zu sein. Wieviel Menschen ernährt sie, wieviel Seelen zählt die kleine Republik? Siebenhundert rund, 220 Kinder Unter ihnen und dann 60 der Alten, die älteren, die gleichsam im„Ausgeding" leben, ferner 62 eingewanderte deutsche Jungens und Mädeln, die zur Landwirtschaft herangebildet werden. Rechnen wir je fünf Köpfe die Familie, so haben wir dort 140 Familien, auf die rund neun Hektar Boden entfallen. Neun Hektar Boden gilt in Europa als ein kleinbäuerlicher Besitz, der kaum mehr als eine dürftige Lebenshaltung gestattet; im Orient wird das notwendige Maß für den so anspruchslosen Fellachen auf mindestens 13 Hektar gerechnet. Die neun Hektar im Kibutz erweisen sich aber ergiebig für eine Lebenshaltung, die dem arabischen Bauern unerreichbar, den Bauern Osteuropas und selbst großen Teilen Mitteleuropas beneidenswert erscheint. Es geht also auch ohne den Stachel des Eigennutzes, es geht selbst auf dem Land sozialistisch. Träume waren es im Anfang nur. Sie sind Wirklichkeit geworden. Mehr als zwölftausend Seelen leben in den Kibutzen Palästinas . Und es werden ihrer immer mehr. Die Stufe des Experiments ist überschritten. Bürgerschaft." kündet eine Tafel in Ottakring . Am Randstein des Trottoirs sitzt ein einziger Arbeiter, mit einem Hammer. Er meiselt an dem Randstein herum, der dann ein ganz neues Aussehen bekommt. Das erweckt dann den Eindruck, als ob hier lauter neue Steine liegest würden.' Drei ReichSbrücke über die Dönaü nach Floridsdorf wird neu gebaut.„In zehn Jahren sind's eh noch nit damit fertig" sagt ein Mann in Tram,„damit die Fremden denken sollen, es wird gearbettet". Es gibt aber doch ein Unternehmen, das voll beschäftigt ist und dessen Angestellte sich nicht über Arbeitsmangel beklagen können: Die Pfandleihanstalt. Die Leute stehen dort Schlange, um ihre Habseligkeiten für ein paar Groschen zu versetzen, um die dringendsten Lebensmittel für den rebellischen Magen kaufen zu können. Fronleichnam . Die Spitzen der Regierung schreiten in der Weihrauchwolke, die der Stellvertreter Christt in Wien hinter sich wie einen grauen Schweif daherschleppt. Das„Volk", das ziemlich dünn beim„Steffel" dieses Wunder anstaunt, flüstert sich die Namen der einzelnen „Führer" zu. An beiden Seiten des„Himmels" und der gleich dahinter folgenden Regierung marschieren vielleicht vierzig bis fünfzig mü Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten mit Stahlhelm. Sie tragen Sorge dafür; daß die Liebe des Volkes nicht etwa gar zu stürmische Formen, annehme. Während hier gebetet wird und Kardinal Jnnitzer seinen Segen erteill, kracht in Spitz in Niederösterreich das Gewehr eines Heimwehrlers und zwei Menschen sinken tödlich getroffen zu Boden. Warum? Nur weil einer eine halblaute Bemerkung macht», hie das vaterländische Blut des Heimatschützers derart in Wallung brachte, daß er zwei Menschen, die ihm nie etwas zu Leide getan hatten, nieder- knallte. Die erbitterten Menschen, die diesen unerhörten Vorfall sahen, schlugen ihn ztHst windelweich, aber den zwei Opfern des christlichen Schützers konnten sie doch keine Hilfe mehr bringen. Der tapfere Hahnenschwänzler wird aber nach seiner Genesung für Verdienste ums Vaterland einen Orden erhallen. Der Ordenregen, der zur Zeit über Wien und Oesterreich niedergeht, nimmt unheimliche Dimensionen an. Mes was Uniform trägt, trägt auch die dazu notwendigen, mehr oder weniger verdienten bezw. unverdienten Orden. Es ist ein etwas ungewohnter Anblick, wenn man einen Briefträger im Menst« mit Auszeichnungen oder Orden, die er für irgendwelche imaginäre Verdienste erhielt, schwitzend in der sommerlichen Hitze die Stockwerke der Wiener Mietskasernen erklimmt. Oder einen Eisenbahner mit Orden behängt, in den Geleisen herumstolzieren sieht! Zu Fronleichnam erwachte in dem beobachtenden Fremden die Meinung, daß eine alle Rumpellammer ausgeleert worden sei. Deutlich konnte man den Moder- und Naphthalingeruch wahrnehmen. Vorsintflutliche Generalsuniför- men, sorgsam mit den absonderlichsten Sternen und Sternchen behangen, Rotfräcke, die mit Sind Deine Hände noch so beschmiert— stets macht sie Billig und schnell wieder sauber einem ganzen Klempnerladen geschmückt waren, stelzten steifbeinig hinter dem Himmel daher. Ihre zufriedenen Mienen zeigten deutlich, wie bang es ihnen um„die gute alte Zeit" getan hat. Sie danken dem gütigen Lenker des Weltalls, daß es ihnen doch noch einmal beschieden war, einen so schönen Tag zu erleben und sich dem„Bolle" in ihrer ganzen Pracht und Herr- liMeit zu zeigen. Für sie gibt es keine Arbeitslosigkeit, keine Not und kein Elend. Sie leben in einer anderen Welt. Blau, grün, rot, schwarz; alle Farben, goldene Treffen, silberne Knöpfe flimmern in der Sonnenglut. Aber im Hintergründe droht etwas Ungewisses. Sie ahnen etwas, sie wissen, daß die Ruhe in Wien keine Natürliche ist. Sie fürchten etwas, das sie nicht kennen, sondern nur vielleicht ahnen. Woher kommt es? Bon links, von rechts, oder kommt eS gar von oben? Droht es nicht vielleicht von unten? Wahrscheinlich von unten! Sonst würde nicht die Kanaflwigade in den finsteren Kanälen vor der Stefanskirche und in den angrenzenden Gassen Herumkriechen; Mitten auf dem abgesperrten Platz vor der Stefanskirche öffnet sich plötzlich ein Kanaldeckel, dem ein Angehöriger der Kanalbrigade entsteigt, um zu melden, daß alles' in Ordnung ist und von Unten keine Gefahr droht. Die Gespensterparade kann also unbesorgt beginnen und sorglos wandelt, sie einige Minuten'später durch"die Dtkittzett' Wrt?. Ueber Wien schwebt zu gleicher Zeit zwar nicht der so stolze Doppelaar, aber ein magerer und hungriger Pleitegeier.' Die uniformierten Formationen müssen eine Beschäftigung haben, denn mit dem Herumlungern kommen dumme Gedanken. Deshalb jagt eine Parade die andere. Bald gibt es' eine Denkmalsenthüllung oder wenn das Geld auf ein Denkmal nicht gereicht hat, die einer Ge- denktafel. Dann zur Abwechslung eine Fahnen-• weihe. Unter den Klängen altösterreichischer Märsche wird der ganze Apparat in Bewegung gesetzt. Not und Elend müssen überschrien werden. Aber wie lange wird man das Knurren der Magen mit Blechmusik übertönen können?. Um die Seligkeit voll zu machen, legt der- Habsburgersproß,, von dem man in. den Zeitungen liest, daß er der Kaiser sei, wovon dem übrigen Europa jedoch bis jetzt noch nichts bekannt.ist, in Löwen die Doktoratsprüfung ab. Dies dürfte wieder Grund sein, für abzuhaltende Feste einen passenden Untergrund oder Hin-, tergrund zu haben. Alte Monarchisten freuen sich jedenfalls schon jetzt auf die erste Audienz bei„Herrn Dr. Kaiser" oder„Dr. Majestät"., Die Richtigkeit oder Wichtigkeit der Anrede an seine Majestät macht jetzt schon Manchem Kopfschmerzen! H. Karl Jaenecke, ein unbekannter Soldat Bon Peter Sloth Am dämmernden Merzen , da schleppte man sie heraus aus stinkender Zelle. WaS tnt'S, daß ekn Sträfling„Ihr Mörderpack" schrie,. es lacht dtr Schlächtergeselle. Der Geistliche murmelt das letzte Gebet, da lag der Kopf schon im Sande. Ma« mordet solange das Httlrrreich steht «nd„rollt" am lanfenden Bande. Am Abend nach Einschluß vernimmt«an im Ban von Wand zu Wand ein Gepoche: „Dn? fünfe erledigt, dazu eine Fra» geköpft in knapp einer Woche und einer war drnnter,-ast du ihn grseh'n? Ich hing dn der obersten Sprosse' an meinem Fenster— da.sah ich ihn steh«, ein ReichSbannrrmann— ein Genosse!" ES rast noch immer der blntige Mord und will zum Schweigen«ns pressen. Vergebens, vergebens— einst jagt man euch fort und nichts— auch nichts wird vergessen.
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15 (18.7.1935) 165
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