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1ENTRALORGAN._ DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xiu fochova«r. Telefon 0077. HERAUSGEBER! SIEGFRIED TAUB . CHEFREDAKTEUR ! WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEURi DR. EMIL STRAUSS, FRAG.
15. Jahrgang
Dienstag, 23. Juli 1935
Nr. 169
Der Atem seht schon aus Golddeckung der Lira sistiert Rom. „Gazetta Ufficiale" veröffentlicht ein Dekret, in dem die Bestimmungen des Währungsgesetzes von 1927 über die 40prozentige Golddeckung der Lira„vorübergehend" außer Kraft gesetzt werden. Leber das Ausmaß dieser Senkung wird in dem Dekret nichts gesagt. Begründet wird diese Maßnahme mit der Not- tvendigkeit und Dringlichkeit, Zahlungsmittel „außergewöhnlichen Charakters" «ach dem Auslande-ereitzusteLen. • Obwohl alle Diktatoren, die sich den Völkern aufgezwungen haben, der Welt die Zustände in ihren Ländern in rosigen Farben schildern, können sie doch nicht verhindern, daß gelegentlich Streiflichter die wirkliche Lage erkennen lassen. Die einschneidenden Wirtschastsmaßnahmen, die in Deutschland und auch in Italien immer wiederholt werden, wären nicht notwendig, wenn nicht ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten dazu zwingen würden. Mussolinihat erst vor ganz kurzem durch weitgehende Devisenmaßnahmen die schwankende Währung seines Landes zu retten versucht. Damit konnte er sich aber nicht der Sorgen entheben, die ihm Aas jährlich wachsende Budgetdefizit bereitet. Im Finanzjahr 1934/35 gab es im italienischen Budget einen Fehlbetrag von 3000 Millionen Lire . In den letzten fünf Jahren sind die Defizite aus den Budgets auf über 16 Milliarden Lire angewachsen. In dem eben begonnenen Finanzjahr ist mit einem ungeheuer viel größeren Defizit zu rechnen, da die Kriegsvorbereitungen gegen Abessinien unheimliche Summen verschlingen. Selbst wenn Mussolini seine Pläne gegen das Reich in Afrika so glatt durchführen könnte, wie er es sich wahrscheinlich träumt, so werden doch wenigstens Monatlich etwa 400 Millionen Lire dafür, aufgebracht werden müssen. Das heißt also, daß sich allein aus diesem Abenteuer mit Abessinien ein Jahresbctrag von fast 5000 Millionen Lire ergibt. Aber auch ohne die Riesenaufwendungen für Abessinien würde das Staatsbudget einen Fehlbetrag aufweisen. Mussolini nimmt angesichts dieser finanziellen Schwierigkeiten Zuflucht zu den bedenklichsten finanzpolitischen Maßnahmen. Die italienische Bevölkerung, die unter drückenden Steuern schwer zu leiden hat, folgt den Manipulationen mit stärkstem Mißtrauen. Die Spareinlagen haben sich 1934 um mehr als 140 Millionen Lire vermindert und in der Erwartung großer Preissteigerungen und einer neuen Erschütterung der Währung ist eine Flucht iu die Sachwerte festzustellen. So sieht sich Mussolini am Ende des dreizehnten Jahres seiner Diktatur vor Schwierigkeiten gestellt, die er nicht mit lauten und robusten Reden meistern kann.
Bürgerkrieg In Irland in vollem Gang London . In Belfast kam«S während des Wochenendes wieder zu neuen schweren Schießereien. Die Zahl der Opfer ist auf acht gestiegen. Am Samstag setzte die Menge in der berüchtigten Nork-Straße mehrereHäuseri n B r a n d. Truppen mit Panzerwagen mußten eingesetzt werden, um die Ordnung herzustellen. Auch am Sonntag kam es wieder zu Schießereien, bei denen ein Protestant so schwer verletzt wurde, daß er auf dem Wege zum Krankenhaus starb. Ein Katholik wurde bei Nacht von einigen Männern in seiner Wohnung überfallen und durch Schüsse schwer verletzt. Die Unruhen haben sich auch auf den Freistaat ausgedehnt. In Clones(Grafschaft Mona- llhan) unweit der Grenze von Nordirland , wurden ^rei protestantische Versammlungs- bzw. Gebethallen in Brand gesteckt und eingeäschert. Die Fenster der Häuser von Protestanten wurden durch Steinwürfe zertrümmert. Italien regiert In Vien Aus dem Bundeskanzleramt wird die Meldung des JPA-Pressedienstes, daß der Italiener Dr. M o r t i n i die innerpolitischen Maßnahmen her österreichischen Regierung kontrolliere, bestätigt. Ohne seine Zustimmung darf kein Posten ün Bundeskanzleramt und in den Ministerien besetzt werden.
EinTas der Ueberraschunsen in Berlin Minister Kerrl auf Urlaub „Der Stürmer ** verboten und erst auf persönliche Intervention Streichers bei Hitler wieder gestattet
Berlin . Die Oeffentlichkeit wurde am Montag nicht wenig durch die Meldung überrascht, daß„Der Stürmer ", das berüchtigte antisemitische Hetzblatt des nicht minder berüchtigten „Frankenführers" Julius Streicher , eingestellt worden sei. Rach einer Dlrldung des Ber liner Berichterstatters des Havas-Büros erfolgte die Einstellung wegen heftiger antisemitischer A n griffe und auch deshalb, weil sich das. Blatt gegen mehrere na- tionalfozialistische Persönlichkeiten gewendet habe. Angesichts der bekannten Tatsache, daß Streicher hei beste persönliche Freund Hitlers ist, welch letzterer noch in den allerjüngsten Tagen einen Borstoß des Reichsbankpräsidenten Schacht gegen Streicher scharf zurückgewiesen haben soll, erregte die Einstellung des„Stürmer" natürlich großes Aussehen. Spät abends wurde jedoch bekanntgegeben, daß das Berbot des Blattes w i- verrufen wurde. Der Widerruf soll auf persönliches Einschreiten Julius Streichers bei seinem Freunde Hitler erfolgt sein. Streicher hat, wie das Tsch. P.-B. erfährt, dafür versprechen müssen, daß er sich dafür jedwedes Angriffes auf amtliche Persönlichkeiten enthalten werde. „Jüdische Rundschau ** verboten Zu gleicher Zeit ist auch ein Berbot des zionistischen Organes»Jüdische Rundschau " erfolgt, und zwar auf uc Dauer von drei Monaten. Dieses Verbot dürfte der neue Polizeipräsident'von Berlin , Graf Helldorf , Wohl im eigenen Wirkungskreis erlassen haben. * Was sich da alles hinter den Kulissen abgespielt hat, läßt sich derzeit kaum überblicken. Offenbar war das Verbot des„Stürmer" auf das Einschreiten der Finanzkreise zuruckzuführen, die auf der Anleihesuche im Ausland begriffen sind und daher antisemitische Radaupolitik zu Hause absolut nicht brauchen können. Dann wäre Hitler auf die Intervention seines Freundes Streicher
hin wieder einmal umgefallen. Es ist aber auch möglich, daß das ganze Verbot samt dem Widerruf nur einabkekartetesSpiel war, um den jüdischen Bankiers in Paris u. London zu zeigen, daß»man" auch in den eigenen Reihen schon Ordnung zu machen verstehe und kapitalskräftige Juden von Deutschland nach wie vor nichts zu befürchten hätten. Nachdem der Gerechtigkeit Genüge getan war und Streicher reumütig dem Führer „Besserung" versprach, hätte man dann Gnade für Recht ergehen und den„Stürmer" wieder erscheinen lassen.». * Weshalb seht Kerrl auf Urlaub? Wichtiger noch als das Zwischenspiel mit dem „Stürmer" ist aber die gänzlich unerwartete Beurlaubung des Reichsministrrs K r r r l, der erst vor vier Tagen offiziell mit der Bearbeitung der kirchlichen Angelegenheiten beauftragt worden war. Man hatte erwartet, daß Kerrl sich sofort an seine Aufgabe machen werde, die katholische wie die protestantische Kirche zu Paaren zu treiben und der Geistlichkeit nationalsozialistische Morrs zu lehren, inzwischen begibt- sich der designierte Kulturkampfminister auf Urlaub, und zwar, wie daS offizielle DRB erklärt, mit der ausdrücklichen Begründung, daß sich Kerrl auf die Bewältigung der ihm vom Führer gestellten neuen Aufgabe vorbrreiten müsse. Demgegenüber bemerkt der Havas-Korrespondent, daß der unerwartete Urlaub Kerrls allgemein als Beweis für dir Abkehr derHitler-Re- g i e r u n g von der bisherigen scharfen antifirch- lichrn Politik ausgelegt wird. Eines geht jedenfalls mit aller Deutlichkeit auS diesen Erciguisscn hervor: daß sich der verantwortlichen.Kreise in den letzten Tagen eine große Unsicherheit und Nervosität bemächtigt hat nnd daß weitere Ueberraschungen, nach welcher Richtung immer, keineswegs ausgeschlossen sind.7....
Uniformverbot kür die katholischen JugendverbSnde Der Reichs, und preußische Minister deS Innern hat mit Erlaß vom 20. Juli die Landesregierungen angewiesen, den konfessionellen Ju- gendverbänden das Tragen von Uniformen oder uniformähnlicher Kleidung sowie das geschlossene öffentliche Auftreten mit Wimpeln und Fahnen, ferner das Tragen von Abzeichen und das Tragen einer einheitlichen Kleidung als Ersatz der Uniformierung sowie jede grländesportlichr Betätigung zu verbieten.
Als Grund für diese Maßnahme wird angegeben» daß die konfessionellen Jugendvrrbönde, insbesondere die katholischen, die Grenzen überschreiten, dir ihrer Betätigung durch die politische Entwicklung gezogen worden sind. Juden dürfen nicht baden Die Stadtverwaltung Stettin hat den Juden die Benützung von zwei städtischen Schwimmbädern verboten, da die Erholungsstunden der badenden Volksgenossen in letzter Zeit durch das provozierende Auftreten von Juden gestört worden war.
Nadi Schuschnigg— der Kommandant der Sturmscharen Wien . Die„Sonn- und Montagszeilung" meldet, daß der Staatsrat-Dr. Kimmel, der Militärkommandant der katholischen Sturmscharen, bei einem Automobilunfall' unweit Stoll- hof in Niederösterreich verwundet wurde, Im Krankenhaus wurde festgestellt, daß die Verletzungen ernster sind, als ursprünglich angenommen worden war. * Wien . Mit Rücksicht auf den bcvorstrhmden Jahrestag deS Juliputsches 1934 und des Todes Dollfuß' verstreuten Nationalsozialisten in den letzten Tagen ausgestanzte Hakenkreuze sowie eigens zu diesem Zwecke hergestellte Bleckimünzen in der Größe der staatlichen 80-Groschen-Münzen. Diese nationalsozialistischen Propagandamünzen sind mit nationalsozialistischen Kampfparolen versehen..
Du sollst nicht stehlen... Graz. Das ehemalige sozialdemokratische Arbeiterheim in Graz, das nach den vorjährigen Feber-Kämpfen amtlich beschlagnahmt worden war, wurde dem Steirischen Krankenkaffenverband verkauft.
Kwantuns-Armee droht mit Vormarsch auf mongolisches Gebiet Dakren.(Reuter.) Der Konflikt zwischen dem von Japan unterstützten Mandschnkuo und der Mongolischen Republik hat eine bedrohliche Wendung angenommen. Die Kwantung-Armee stellte der Regierung der mongolischen Republik ein Ultimatum, in dem sie verlangt, daß die Mongolei die Zustimung zur Regelung der strittigen Angelegenheiten durch eine Sonderkommiffion erteile, da sonst die Kwantung-Armee die mongolischen Truppen mit Gewalt aus den Gebieten an der mandschurischen Grenze vertreiben würde.■■.
Ist der Krieg unvermeidlich? Das Risiko Italiens Wird Italien den Krieg gegen Abessinien im Herbst wirklich anfangen? Trotz aller Wahrscheinlichkeiten läßt sich diese Frage nicht ohne weiteres bejahen. Es ist möglich, daß die italienische Regierung trotz aller getroffenen Maßnahmen es selbst noch nicht genau weiß. Die italienischen Imperialisten haben immer von einem großen kolonialen Imperium geträumt, und tun es heute mehr als sonst. Die politischen, wirtschaftlichen und internationalen Schwierigkeiten beim Ausbruch des großen Abenteuers können aber so gewaltig werden, daß das fascistische Regime vom Verlauf uns besonders vom Ablauf des Krieges in seiner Existenz tödlich bedroht werden kann. Das Risiko dcS abenteuerlichen Unternehmens kann sich den bevorstehenden Erschütterungen als nicht gewachsen erweisen. Dazu kommt noch die Tatsache, daß die Vorteile selbst eines günstigen Ausganges des Krieges die Kriegsausgaben und die mit ihm verbundenen Lasten nicht zu decken imstande sein werden. Es ist bestimmt damit zu rechnen, dass weder England noch Frankreich eine völlige Ausnützung des eventuellen Sieges zulassen werden. Dabei ist noch zu erwägen, daß der Krieg die ita lienische Stellung in den heutigen internationalen europäischen Verhältnissen unbedingt schwäche.1 muß. Das sind die g e g e n den Krieg bestehenden sozusagen gewöhnlichen Momente. Andere erwähnen wir später. Für den Krieg sprechen demgegenüber folgende Tatsachen: die Verschiffung von Truppen und Kriegsmaterialien, die große innerpolitische Propaganda und Mussolinis öffentliche Erklärungen, die für das Ausland bestimmt sind und die keinen Rückzug ohne Prestigeverlust möglich machen. Die militärischen und diplomatischen Maßnahmen Italiens gegen Abessinien bezwecken vor allem das heutige europäische Kräfteverhältnis auszunützen und von der abessinischen Regierung wirtschaftliche und auch territoriale Zugeständnisse zu erzwingen, die Italien vorher mit keinen Mitteln, feindlichen oder freundlichen, für sich erhalten konnte.^ Die ersten Probeversuche in der Kriegsvorbereitung zeigten Italien folgendes: England kann daS indische Problem nicht aus den» Auge lassen und hat sich jetzt des Völkerbundstatutes erinnert, dessen Tragweite ihm wohl bekannt ist. Deutschland nützte die Gelegenheit aus, um das Bündnis mit England vorzubereiten und vor allein seine Flottenaufrüstung zu legalisieren. Die englische Diplomatie zeigt aber außerdem schon eine gewisse Müdigkeit in der abessinischen Frage, was vielleicht auch dem Druck einer bestimmten Presse zu verdanken ist. Die»Daily Mail" z. B. schrieb am 6. d. M.:»Unsere Politik erfordert, Italien allein zu lassen und uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Die italienischen Forderungen in Abessinien bedrohen keine britischen Interessen... und Ethiopien wurde lange von Europa als der italienischen Einflußsphäre zuge- hörendeS Territorium betrachtet... jede Ermunterung Wessiniens den Weltfrieden bedrohen und die Kräfte des Fortschrittes schwächen muß". Das alles schafft für Italien eine gewisse Aktionsfreiheit und bietet ihm eine günstige Gelegenheit. An Anfang waren Italiens Vermutungen ganz andere. Mussolini stellte sich die Sache sehr einfach vor. Ein Druck auf die abessinischen Grenzgebiete müsse die innerpolitische Lage Abessiniens verschärfen, z. B. eine Meutereiderabes- sinischenFürsten gegen den Negus Hervorrufen, und Selassi«, verlassen von Frankreich und England, wäre gezwungen, um im Innern fre.e Hand zu bekommen, die italienischen wirtschaftlichen und territorialen Forderungen zu erfüllen. Diese Erwartungen Italiens haben sich aber nicht erfüflt. Keine innerpolitische Krise fand in Wessimen statt und der Negus ist zu einem Defensivkrieg, der einen nationalen Charakter bekommen kann, beinahe fest entschlossen. Die Uneinigkeit der Großmächte, an die sich Abessinien mit dem Hilferuf wandte, festigte Italien in seinem Beschluß sich in das unternommene Abenteuer zu werfen. Sie hat aber den Abessiniern zu einer moralischen Festigkeit verhalfen, die ihnen noch vor kurzem gewiß fehlte. Das Scheitern des Schiedsgerichtes und dis-Vermittlungsabsage seitens der Vereinig ten Staaten sind dabei nur positive Momente für den Negus. Die Hauptelemente eines gewöhnlichen Krieges— Waffen und Munition— spielen hier nicht die entscheidende Rolle, abgesehen davon, daß Vbeisinieg sich in der letzten Zeit viel Krieasmate-