Nr. 194

Mittwoch, 21. August 1935

Sette 8

kücktrlttrsbrlchten Meißners Berlin.(AP.) Nach und nach stößt der Nationalsozialismus alle diejenigenElemente, die sich gleichzuschalten suchten, also gewissermaßen die Nationalsozialisten derletzten Stunde" ab. Die Gleichschaltung nützt ihnen demnach auf die Dauer nichts. Die Zahl der Beispiele ist Legion, mag cs sich um Wirtschaftspolitiker wie Hugen- durg, um Künstler wie Hanns Heinz Evers und Johst, um Spezialisten wie Gördeler handeln. Scheinbar bilden Papen und Seldte, dessen Stel­lung sich mal wieder vorübergehend gefestigt hat, eine Ausnahme, aber auch nur scheinbar: denn ihr Schicksal hängt ja stets an einem Fädchen, und ihre Rolle ist ja alles andere als glorreich. Daß sich in Reichswehr und Auswärtigem Amt die alten Kräfte noch halten, daß durch Schacht und Trendelenburg Kräfte von gestern wieder zu Einfluß gelangten, widerspricht dem zwar, zeigt aber nur, daß zwei polar entgegengesetzte Ten­denzen in Deutschland miteinander ringen. Die Entfernung der alten Kräfte liegt nicht nur in der Richtung des Totalitätsstrebcns, sondern

Der Mann in allen Gassen endlich in der Sackgasse?

dient gleichzeitig als Scheinkonzeffion an die Ra­dikalen, die bei den personellen Veränderungen z. B. bei der Ersetzung von Letzeow als Ber­ liner Polizeipräsident durch Helldorf jedes Mal in Jubel ausbrechen, ohne die substantiellen Veränderungen abzuwarten. Da- neueste Opfer ist Hitlers persönlicher Staatssekretär Meiß­ner, den man jetzt unter Hinweis auf seine politische Vergangenheit herausdrängen möchte, so daß er gewillt ist, das Feld zu räumen. Es heißt, daß besttmmte Kräfte ihn aber halten wol­len, da er über zu viele Interna aus der Zeit vor der Machtergreifung infor­miert ist.

Jn J^ürte W AnHOBHMmBHMaMHHnr KönigSbcrft.(AP.) Jn einer Versammlung in Tilsit wurde den Bäckermeistern eine Entschlie­ßung vorgelegt, wonach sie sich verpflichten, an kei­nen Juden mehr Brot zu verkau­fen. Alle gingen auf diese Verpflichtung ein, bi- auf zwei Bäcker, die erklärten, au- menschlichen Gründen darauf nicht eingehen zu können. Die Fri­seure in Tilsit verpflichteten sich, in Zukunft keine Juden mehr zu rasieren, und die Hausbesitzer gingen eine Verpflichtung ein, allen Juden zu kündigen und an keinen Juden mehr eine Wohnung zu ver­mieten. Berlin. (AP.) Obwohl der Nationalsozialis­ mus die Liquidation des Wohnungselends derheißen hatte, ist gegenüber dem Vorjahre die Zahl der in Schrebergärten hausenden Lauben­bewohner von 35.060 Familien mit 120.000 Köpfen auf 50.000 Familien mit 140.000 Köpfen gestiegen. Berlin . Das Vermögen deS bekannten Schrift­stellers Hegemann, deS BerfafferS derFridericuS"- Bücher und derEntlarvten Geschichte", wurde be­schlagnahmt. Genf . Der am Sonntag erstattete Bericht der Völkcrbundmandatskommisiion stellt fest, daß sich im Mandatsgebiete in Südwestafrika eine scharfe natio- nalsozialistische Bewegung kundgibt, welche auf die Rückerstattung der ehemaligen deutschen Kolonien an Teutschlaud abzielt. Alexandrien . Die Zahl der Aegypter, die sich rum Freiwilligen Dienst in der abessinischen Armee gemeldet hat, beläuft sich auf rund 4000. Darunter befinden sich 1912 ehemalige Offiziere. Verschiedene ägyptische Kaufleute haben sich angeboten, Abessinien durch Warenlieferung zum Selbstkostenpreis zu un­terstützen. R»m.(AP.) Die Deserttonen italienischer Soldaten erfolgen jetzt nicht nur über die fran- röiistde und schweizerische, sondern auch über die österreichische und jugoslawische Grenze. An einem Tage überschritten 20 Deserteure auS Venezia Giulia die jugoslawisch« Grenze. Malland. Di« Warenbörsen von Mailand, Bologna . Florenz , Fiume, Genua , Neapel . Vadua, Turin , Triest und Venedig sind von der Regierung -«schlossen worden.

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Ausbeutung bis aufs

DieVolksgemeinschaft** der Henlein -Unternehmer

In der Partei Henleins ist der schönste Rad­fahrbetrieb im Gange. Das Grundprinzip i der Bolksgemeinschastler lautet: Sichvorden ^Kapitalisten duckenund aufdie Arbeiter treten. Hiefür sprechen wiederum die zwei folgenden Meldungen: Der Bezirksleiter als Ziegelelbesltzer Aus Znaim wird gemeldet: Jn einer Be­zirksratstagung der Henlein -Partei wurde am 28. Juli ein gewisser Brosch aus Klein- iTeßwitz als Bezirksleiter gewählt. Dieser Mann ist zur Vertretung der Henlein- Proleten wie geschaffen, denn er ist Ziegeleibesitzer und weiß den Kapitalswert der Volksgemeinschaft zu schätzen. Die Löhne, die er zahlt, mögen«in Gradmesser seines sozialen Empfindens sein: Die Arbeiter, die mit den Ziegelwagen fah­ren, haben einen Stnndenlohn von 1.20 K£; die in derGstettcn" Beschäftigten verdienen in der Stunde 1.50 und die bei den Tischen mit dem Schneiden Beschäftigten verdienen 1.60 KL pro Stunde. Die unterste Gruppe kommt also bei einer acht­stündigen Arbeitszeit wöchentlich auf 57.60 KL! Die zweite Gruppe verdient in einer Achtundvier« zig-Stundenwoche 72 KL und die dritte Gruppe 76.80 KL! Sind das nicht herrliche Löhne? Wehe aber dem Proleten, der dagegen auf­muckt. Herr D e g e n b a ch, der Obmann der Klein-Teßwitzer Henleinianer, hat es ja ganz deutlich gesagt: Wem dieser Lohn zu gering ist, der soll es nur sagen! ES sind Leute genug da, die nm diesen Lohn gerne arbeiten." Vor Jahren, als die Ziegelarbeiter noch eine gute gewerkschaftliche Organisation hatten, sahen

ihre Löhne ein wenig anders aus! Damals betrug der vertraglich festgelegte Stundenlohn 2.25 KL. Der Schlaglohn für 1000 Mauerziegel, der heute 35 KL beträgt, war damals 55 KL!

Buchhalter mit 83 Kronen Wochenlohn für 80 Stunden Arbeit In einer Handelsmühle im Egerer Bezirk ist ein Buchhalter mit Gymnasialbildung beschäftigt, der ein Gehalt von sage und schreibe 83.60 KL in der Woche hat. Sein Chef ist ein strammer Henlein- und Hitleranhängcr. Für dieses Gehalt von 83.60 KL in der Woche muß der Buchhalter täglich eine Arbeitszeit von ettva vierzehn Stun­den bewältigen. Denn dieser Buchhalter mit der wahrhaft.volksgemeinschaftlichen" Entlohnung ist nicht nur Buchhalter, sondern auch das Mädchen für alles, mit dem man nach Gutdünken verfahren kann. Der Buchhalter muß, neben seiner Fach­arbeit, Fuhren Heu abladen, Säcke auf das Auto aufladen, beim Bäcker wieder abtragen, Säcke aufschichten, Kartoffeln hacken, Feldarbeit leisten, Kraut stampfen und Speck leiern. Jn dieser vom wirklich nationalen Geist erfüllten Mühle geht«S also zu wie in den finstersten Zeiten der Leib­eigenschaft. Auch die Frau des Buchhalters hat im Som­mer die hohe Ehre, im Betriebe des großzügigen Henlein-Chefs zu fronen. Sie wird mit Feld­arbeit, Säckeflicken und Waschen von früh bis abends um 9 Uhr beschäftigt und erhält dafür von ihrem Arbeitgeber 5(in Worten: fünf) KL täg­lich! Jn der Stube des Chefs aber hängt als seg­nender und richtungweisender«guter Geist" Kon­ rad Henlein , vertreten durch ein Bildnis in Lebensgröße.

Freiheitsopfer ohne Zahl Sozialdemokraten In den Krallen des Hitterreslmes

Die jüngste Ausgabe desNeuen Vorwärts" füllt drei Spalten mit Kurzberichten über politi» ! sche Prozesse gegen illegale sozialdemokratische Kämpfer, die in letzter Zeit in Bayern , Westfalen , Dachsen , Hamburg und Berlin durchwegs mit der Verhängung schwerer Zucht« , haus- oder Gefängnisstrafen gegen die Angeklag- [ ten abgeschlossen wurden. Ueber das Ausmaß dieser zur weiteren > Kenntnis gelangten Freiheitsopfer und dies ist i nur ihr geringster Teil gibt nachstehende Zu­sammenstellung desNeuen Vorlvärts" über die in B e r l i n innerhalb Jahresfrist erfolgten Ver­urteilungen Aufschluß: 1. Prozeß, 24. Mai 1934: 23 Sozialdemokraten zu insgesamt 30 Jahren 9 Monaten Zuchthaus, 17 Jahren Gefängnis. 2. Prozeß, 24. Mai 1934.' 7 Sozialdemokraten zu insgesamt 27 Jahren Zuchthaus, 7 Jahren 6 Monaten Gefängnis. 3. Prozeß, 26. Mai 1934: 16 Sozialdemokraten zu insgesamt 9 Jahren 9 Monaten Zuchthaus, 20 Jahren 6 Monaten Gefängnis. 4. Prozeß, 20. Juni 1934: 7 Sozialdemokraten zu insgesamt 5 Jahren 3 Monaten Gefängnis. 5. Prozeß, 14. Juni 1934: 7 Sozialdemokraten zu insgesamt 8 Jahren Zuchthaus, 4 Jahren, 9 Monaten Gefängnis.

6. Prozeß, 28. Juli 1934: 19 Sozialdemokraten zu insgesamt 6 Jahren Zuchthaus, 27 Jahren 6 Monaten Gefängnis. 7. Prozeß, 25. August 1934: 6 Sozialdemokraten zu insgesamt 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, 8 Jahren 9 Monaten Gefängnis. 8. Prozeß, März 1935: 11 Sozialdemokraten zu insgesamt 8 Jahren 3 Monaten Zuchthaus, 9 Jahren 4 Monaten Gefängnis.' 9. Prozeß, März 1935: 13 Sozialdemokraten zu insgesamt 16 Jahren Zuchthaus, 19 Jahren 2 Monaten Gefängnis. 10. Prozeß, April 1935: 3 Sozialdemokraten za insgesamt 6 Jahren Zuchthaus. » Ehre de« tapferen Kämpfern!

Gro8e Aktivität der Reichswehr an der österreichischen Grenze Salzburg . Wie die Blätter melden, führt die deutsche Reichswehr entlang der bayrisch­österreichischen Grenze verschiedene militärische Maßnahmen durch. So holzten ihre Abteilungen an mehreren Stellen Wälder ab und errichteten Uebungsplätze oder errichteten Bauten zu bisher unbekannten Zwecken.'Nach Neichenhall wurde plötzlich eine Garnison gelegt. An allen Grenz­übergangsstellen nach Oesterreich lvurden die Grenzwachen verstärkt, vielfach durch Reichswehr­abteilungen.

««Wann frißt Du mich?**

Ostrtil gestorben Gestern starb Otakar Ostrkil. der Optrnchef des Prager National­theaters. Eine Blutadernentzündung und eine Lungeninfektion, schließlich eine Lebercrkranlung

' hatten den Organismus des 56jährigen so ge­schwächt, daß auch eine Bluttransfusion ihn nicht mehr zu retten vermochte. Mit Otakar Ostrkil verliert das tschechische Kunst- und Theaterleben einen seiner bedeutend­sten Repräsentanten, einen prachwollen Menschen und Musiker, dessen Hinscheiden auch wir tief be­trauern. Seit nahezu einem Menschenalter hatte Ostrkil seine ganze immense Kraft und Begabung der Musikkultur in Präg gewidmet» hat sie, jpt; nur wenige seiner Zettgenoffen, unablässig geför­dert und bereichert und sich mit seinem Wirten nicht nur ein bleibendes nationales, sondern auch ein bedeuterides internationales Verdienst er- Ivorben. Otakar Ostrkil, ein Prager Kind, hatte sich in seiner Jugend dem Philosophie- und dem Musikstudium zu gleicher Zeit gewidmet, war erst Profeffor an der Prager tschechischen Handels­akademie und trat, ein Schüler Meister FibichS, im Jahre 1908 die Dirigentenlaufbahn an. Schon damals, in der Prager Orchestervereinigung, lenkte Ostrkil als ernster moderner Musiker die Aufmerk­samkeit auf sich. Mit den strengsten Prinzipien ging er ans Werk, erfüllt von einer gewaltigen Energie, von idealem Glauben an die Kunst, an ihre all­gemein menschliche und soziale Bedeutung. Jn die­sen Intentionen leitete er während der Krtegsjahre die Oper des Weinberger Stadt­theaters. Dann, nach dem Abgang Kovako- vic', wurde er an das Nationatheater berufen, an dem er mit rastlosem Fleiß die Nationaloper aufbaute, auf die die Tsche­chen heute mit Recht so stolz sein können. Ostrkil begnügte sich aber keineswegs mit der Erfüllung der Hauptaufgabe einer tschechischen Nationaloper, das heißt mit gediegenen, oft in intereffanten Zyklen zusammengefaßten Auffüh­rungen der Werke Smetanas, Dvoraks, FibiHS, Noväks, Försters, mit der eigentlichen Entdeckung Janäkeks, sondern widmete sich mit gleicher Liebe und Sachkenntnis auch der internatio-- nalen Musik. Hier ist vor allem zu erwäh- nen, daß Ostrkil es war, der bald nach dem Diri­gentengastspiel Gu st av MahlerS in Präg, der damals hier seine Siebente Symphonie Diri­gierte, der überhaupt erste Musiker in Prag Ivar, der.sich Mahlers annahm(so daß also Zemlinsky , der Opernchef des Deutschen Theaters, dann ge- wiffermaßen schon eine Tradition für feine bedeu­tende Mahler-Pflege vorfand.) Und Ostrkil war es, der sich auch sonst und weiterhin der Musik- Moderne annahm, der den Ruhm Schön­bergs, Stravinskis, Ravels nach Prag trug. Immerdar wat Ostrkil ein BekenNer. Sooft Ostrkil selbst am Pulte erschien, gab es einen großen Abend. Er war einer von jenen Dirigenten, die restlos den Willen des Kompo­nisten zu respektieren sich bemühten. Seine Stab­führung war peinlich genau, an Mkurateffe und Einfühlsamkeit vorbildlich. Bor allem war Ostrkil, auch am Pult, bewegende Kraft, dramatische Per­sönlichkeit. Und dieser Seite seines Wesens ent­stammt anch das Beste unter all dem, was er sel­ber als Kompanist gab. Seine Orchester« und Opernwerke, nicht denkbar ohne Smetana und Fi­bich, aber auch nicht ohne Mahler und Wagner (deffen Werke er am Rationalth-ater nach Kräf­ten pflegte), atmen neuromantisch-dramatischen Geist, ein warmes, tiefmenschliches Gefühl. Bon Ostrkils Werken verdienen vor allem seine Sym­phonieKreuzweg", seine Bcrtonung des Volksliedes vomVerwaisten Kind" und die letzte seiner Opern.Hansens König­reich" Erwähnung. Ostrkil vor allem ist es zu verdanken, wenn heute das Prager Nationaltheater nicht nur die Sympathien der tschechischen und deutschen Bevöl­kerung der Hauptstadt, sondern auch Anerkennung überall jenseits der Grenzen genießt. Er hinter­läßt ein prachtvolles Erbe. Die Verwalter werden, wenn die Trauerakkorde verklungen sind(in die sich auch das Leid einer Witwe und eines zehn, jährigen Töchterchens mischen), vor einer schwe­ren Aufgabe stehen, da sie nun einen kaum Ersetz­lichen zu ersetzen haben. Unsere Partei hat, auch im Namen des Sozialdemokrat", dem Nationaltheater den Aus­druck des Beileids zu dem schlveren Verlust durch den Tod Ostrkils übermittelt.