1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii., fochova«. Telefon non. HERAUSGEBER* SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR* WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR* DR. EMIL STRAUSS, PRAG. («hwchli«Blick I Halter Porte« 15 Jahrgang Sonntag, 20. Oktober 1935 Nr. 245 W eitgehende Entspannung Nach der Aussprache zwischen Mussolini und Sir Drummond Wirtschaftliche Sanktionen verschoben Pari s. Die Besserung in der italienisch-englische« Spannung machte im Lause des Samstag weitere Fortschritte. Aus Rom und London wird be stätigt, daß beide Regierungen eine gemeinsame ErKlLrnngvorbe reite«, die der englisch -italienische« Verstimmung ei« Ende setzen solle«. Zwei britische Schisse habe« bereits den Beseh! erhalten, das Mittelmeer zu verlassen. Auch werden ttalienische Truppen aus Libyen abberufen. Ei« weiteres Anzeichen der Entspannung der Situation ist die Tat sache, daß am Samstag in Genf die Arbeiten des Ausschusses für Sank tionen praktisch bis 31. Oktober ausgesetzt wurden, um die Versöhnungs aktion nicht zu stören. Bei der Beratung des englische« Vorschlages anf Einstellung der Einfuhr aus Italien wurde beschlossen, de« Regierungen der Mttgliedstaaten eine Frist bis 29. Oktober zur Stellungsnahme ein zuraumen. Erst am 31. Oktober soll die Sanktionskouserenz wieder zusam mentrete», um den Begin» der wirtschaftlichen Sanktionen festzusetzen. Dadurch find 14 Tage Zett für Verhandlungen zwischen Rom, London und Paris gewonnen. Man erwartet, daß während dieser Zett auch eine neue Basis für die endgüttige Lösung des abeffinisch-ttalienifchen Konfliktes ausgearbettet werden wird. Ja Paris verhehlt man nicht die Befriedi- INmg über diese Wendung. Borläufig ist aber noch nicht z« sehen» auf welche Weise die weitere Entwicklung der Lage, d. i. die Einstellung der Feindseligkeiten und di« Vereinbarung der italienischen Bedingungen fortschreiten werden. Man glaubt, daß Mussolini es vorziehe« würde, mit den drei Rächten zu verhandeln, und das Genfer Forum vermeiden möchte. Es wird aber andererseits bemerkt» daß eskaum möglich sein wird, den Völkerbund beiseite zu schieben. Namentlich England beharrt darauf, daß das Vorgehen gemäß dem Völkerbundpakt respektiert werde. Der Umstand, daß die Sanktionen gegen Italien bis Ende deS Monates eingestellt wurden, wurde in Paris günstig ausgenommen. Rnn- mrhr wird allgemein der Wunsch ausgesprochen, daß Italien die Vorschläge unterbreiten möge, die als Unterlage einer nützlichen Debatte dienen könnten. London von der französischen Antwort befriedigt Die Großbritannien in Angelegenheit drs Art. 16 des BölkerbundpakteS gesandte Antwort Frankreichs wird nicht veröffentlicht werde«. Die Versicherungen LavalS wurden an politische« Stellen in London mit großer Be- f.r i e d i g u n g ausgenommen. Jedwedes Mißverständnis scheint nunmehr zerstreut zu sein. Es wird angedeutet, daß ein großer Teil der Antwort Lavals der Rechtfertigung der französischen Außenpolitik im italienisch-abessinischen Konflikt gewidmet ist. Man hofft in Londoner Kreise«, daß nach den Unterredungen des britischen Botschafters in Rom Drummond mit Mussolini auch eine Entspannung im italienisch-englischen Verhältnis eintretrn wird. In London traf ein langes Telegramm Drummonds bezüglich seiner Verhandlungen mit Mussolini ein. Streng Im Rahmen des Völkerbundpaktes Das amtliche britische Kommunique London. Samstag abends wurde folgendes amtliches Kommunique ausgegeben: Der britische Botschafter in Rom, Sir Erie Drummond, suchte am Freitag den italienischen Ministerpräsidenten Mussolini auf und versicherte ihm neuerlich, daß die britische Regierung in dem italienisch-abessinischen Konflikt a« keineAktion denke, welche ans dem Rahmen dessen fallen würde, waS die kollektiven Ber- vflichtungen von Großbritannien als treuem Mitglied des Völkerbundes erfordern, oder aus dem Rahmen dessen, was im Völkerbünde beschlossen werden wird oder waS der Völkerbund auf Grund seines Paktes empfehlen wird. Sir Eric Drum mond erklärte weiter, daß das Vorgehen der britische« Regierung in diesen Fragen niemals von egoistischen Interesse« beherrscht war. Alle anderen Behauptungen sind vollkommen unbegründet und können nur von Leuten verbreitet werde, die entweder falsch informiert sind oder Zwietracht säen wollen. weitere Truppenverschiebungen Kairo. Die Verstärkung der britische« Streitkräfte an der Westgrenze hat nach einigen Tagen der Ruhe erneut eingesetzt. Weitere 50 Tanks und Panzcrwagen find über Marsamat- ruch in Richtung nach der Grenze abgegangen. Auch eine Reihe anderer Truppenteile wurde nach Westen in Marsch gesetzt. Suez. Die britischen und die italienischen Behörden dementieren auf das entschiedenste die Gerüchte, daß ein britischer Torpedobootzerstörer einen auf dem Wege nach Eritrea befindlichen italienischen Dampfer angehalten und durchsucht habe. Abessinische Armee— 350.000 Mann Der Aufmarsch fast vollendet Addis Abeba. Abessinische Streifen unternehmen auf beiden Fronten nächtlich«Vorstöße und machen zahlreiche Gefangene. Die Truppenaufmärsche und die Zusammenziehung starker Abteilungen unter Einbeziehung der Truppen des desertierten Ras Gugsa sind f a st beendet. Der Generalstab des Ras Seyum ist durch mehrere hervorragende Militärs ergänzt worden. Die Stärke der Armee beträgt jetzt fast 350.000 Mann. Addis Abeba. Der Sonderberichterstatter der Agence Havas teilt mit, daß laut Informationen aus gut informierten Stellen, bei den gefallenen italienischen Soldaten Dumdumgeschosse gefunden wurden, welche unter den abessinischen Soldaten schreckliche Verletzungen verursachten. Addis Abeba.*(DNB.) An der Südfront ist alles ruhig. Es haben nur Vorpostengefechte stattgefunden.-Auch haben sich wieder italienische Flieger gezeigt. An der Nordfront nehmen die abessinischen Aufmarschbewegungen ihren Fortgang. Die italienischen Meldungen, wonach die italienischen Truppen an der Nordfront bis 100 Kilometer in das abessinische Gebiet eingedrungen seien, werden hier dementiert. Die tiefste Einbruchstelle an der Nordfront ist 60 Kilometer in der Gegend von Aksmn. In Italien keine ausländischen Zeitungen mehr Rom. Durch Verfügung der fascistischen Partei sind die Zeitungsvertriebsorganisationen und die Straßenhändler von ihren Fächorganisa- tionen aufgefordert worden, alle ausländischen Zcitungsabonnements abzubestellen und diese Blätter nicht mehr zu vertreiben. Seit Samstag Boykott angenommen — Durchführung vertagt Genf. Die Sanktionen-Konferenz beendete SamStag abends ihre Arbeiten mit der Annahme von drei weiteren Resolutionen über Sanktionen gegen Italien. Als Sanktion Nr. 3 wurde die Resolution betreffend das VerbotderEinfuhr italienischer Waren angenommen, mit der Erklärungsfrist für die Regierungen der Mitgliedsstaaten bis zum 28. Oktober. Die Sanktionen Nr. 4 werden durch eine Resolution angeordnet, durch welche die Einfuhr von Waren nach Italien verboten wird. In der ersten Warenkategorie befinden sich Zugtiere, die zweite Kategorie umfaßt Kautschuk, die dritte Kategorie die bereits bekannten Metalle und Mineralien. Die Resolution Nr. 5 trifft Maßnahmen betreffend die gegenseitige Hilfeleistung der Mitgliedstaaten bei der Durchführung der Sank« tionen. Bei der Abstimmung machten die Vertreter Oesterreichs , Ungarns und Albaniens wieder ihre Vorbehalte. Der sowjetrussische Delegierte Litwinow erklärte, daß die angenommenen Sanktionen bloß eine Imitation von Sanktionen sind und daher kein Präzedcns für irgendeinen Angriffsfall in der Zukunft bilden dürfen. Das künftige Sanktionensystem müßte vollkgm- m e n e r sein. Die Konferenz beschloß, den Regierungen der Staaten, die nicht Mitglieder des Völkerbundes sind, die Resolutionen über die Sanktionen vorzulegen. Die Regierungen dieser Staaten sollen ersucht werden, der Konferenz bekanntzugeben, wie sie sich zu dem gegebenen Problem verhalten wolle». früh wurde der Verkauf in der ganzen Lombardei einschließlich der Stadt Mailand eingestellt. Bon diesem Verbot werden vor allem die franzö sischen Zeitungen betroffen, die in der letzten Zeit eine gewaltige Absatzsteigerung erfahren hatten. Alexandrien Hanptstiitipnikt der englischen Flotte Loudon. Handelsminister Runciman kam in einer Rede auch auf die englischen Flottenbewegungen zu sprechen. Er sagte, die normaler Weise in Malta stationierten Flotteneinheiten sind nach Alexandrien verlegt worden. Der strategische Mittelpunkt der Welt ist daher nicht mehr Malta, sondern Alexandrien . Verschwörung gegen Kemal Pascha rechtzeitig aufgedeckt Istanbul . Die Morgenzeitungen bringen Einzelheiten über einen aufgedeckten Attentatsplan gegen den türksschen Staatspräsidenten. Freitag abends beschloß die Nationalversammlung in Ankara einstimmig die Aufhebung der Immunität des Abgeordneten U r s a v a s von llrfa, der beschuldigt wird, den Grenzübertritt der füns verhafteten Verschwörer von Syrien nach der Türkei erleichtert und die Verschwörer auf einem ihm gehörigen Gut beherbergt zu haben. Aus der bisherigen Untersuchung wird bekannt, daß die Verschwörer mit Handbomben, Selbftladepistolen und 300 Schuß Munition bewaffnet waren. Im Verlaufe der Untersuchung sind noch neUn Personen.aus der Gegend von Marasch(Ostanatolien) verhaftet worden, die mit den füns Verschwörern in Verbindung gewesen sein sollen. Es bestätigt sich, daß das Kcmplott außerhalb der Türkei, vermutlich in Syrien, ausgeheckt wurde. Es handelt sich um eine tscherkessische Emigrantengruppe, die von den Brüdern. Etem geführt wird. Dienstag Wahlen in Dänemark Am Montag, dem 21. OktrBer, wird der Folketing aufgelöst, am folgenden Tag finden die Wahlen statt. Dänemark befindet sich in einem kurzen, aber desto härterem Wahlkampf. Am 1. Oktober eröffnete Ministerpräsident Stauning den Folketing mit einer Rede, in der er den Entschluß der Regierung begründete, das Scheitern der Verhandlungen über die Valutaverordnung als Anlaß für Neuwahlen zu benützen. Der Entschluß der dänischen Arbeiterregierung, das Volk ein Jahr vor Ablauf der Wahlperiode an die Urne» zu rufen, kam plötzlich, aber keineswegs unerwartet. Die Regierung Stauning ist nun seit sechseinhalb Jahren im Amt. Sie trat die Regierung in einer Zeit der Hochkonjunktur an, führte das Land durch die Krise und wieder aus der Krise heraus. Dänemark ist neben Schweden das einzige Land in Europa, das verhältnismäßig rasch und schmerzlos durch die Krise gegangen ist. Auch die schärfsten Gegner der Regierung Stauning können nicht leugnen, daß daran der Entschlußfähigkeit und der Tatkraft der Arbeiterregierung ein gebührendes Maß an Verdienst zukommt. Die Regierung Stauning ist eine Koalitionsregierung der Sozialdemokratie mit den„Radikalen", die ihre Hauptwählergruppen unter der Kleinbauernschaft hat. Sie ist also eine Arbeiterund Kleinbauernregierung. Diese ihre Zusammensetzung kennzeichnet ihre Politik in den vergangenen sechseinhalb Jahren, kennzeichnet aber auch ihr« Gegner. Stauning hat das Parlament aufgelöst, weil die Parteien der Bourgeoisie, vor allem aber die Parteien der Großagrarier, die Konservativen und die sogenannte„Linke" in den letzten Monaten einen Kampf gegen die Regierung geführt haben, der sich gegen die Grund» prinzipe der Stauning'schen Politik richtete. Dieses Grundprinzip StauningS besteht in seinem Streben nach Ausgleich zwischen den Interessen der Industrie und der Landwirtschaft, vor allem aber den Interessen der Arbeiterschaft und der Kleinbauernschaft. Stauning hat daher nicht nur eine umfassende landwirtschaftliche Stützungspolitik betrieben, sondern eine ebenso großzügige Jndustriepolitik. Gleichgewicht im Wirtschaftsleben war das Hauptziel der Regierungspolitik. Im Vertrauen auf die politische Reife der dänischen Arbeiterklasse konnte Stauning Maßnahmen treffen, durch welche der Weizen-, Zuckerrüben- und Kartoffelanbau wieder einen angemessenen, aber sicheren Gewinst abwirst. Die dänische Pferdezucht, Geflügelzucht, die Ei- und Molkereiproduktion ist wieder lohnend geworden. Die Landwirtschaftskommiffion des Parlaments hat trotz der kopflosen Obstruktion der Opposition einen Entwurs für die Regelung der Butterwirtschaft, Maßnahmen zur Erleichterung der bäuerlichen Schuldenlast, den Plan eines Steuerausgleichsfonds zugunsten der Landgemeinden ausgearbeitet, die dem Reichstag vorgelegt worden wären, wenn nicht die Opposition jede Arbeit unmöglich gemacht hätte. Auf der anderen Seite hat die Regierung ein umfassendes Werk der Sozialreform durchgeführt, die Arbeitslosenversicherung und-Unterstützung erheblich verbessert und außerdem eine Jndustriepolitik betrieben, die eine beträchtlich« Steigerung der Produktion zur Folge hatte. I» den Jahren 1932 bis 1934 ist tdie dänische Industrieproduktion um 17 Prozent gestiegen. Das ist eine Durchschnittsziffer. In einzelnen Gruppen, wie z. B. der Textil«, der KonfektionS- und der Lederindustrie beträgt die Produktionssteigerung nicht weniger als 68 Prozent. Die Arbeitslosigkeit, die Anfang 1933 rund die Hälfte der Arbeiterschaft erfaßte, ist nunmehr auf 18 Prozent der Gesamtarbeiterschaft gesunken. Nur unter dem Gesichtswinkel einer derartigen Politik ist die Steigerung der dänischen Lebensmittelpreise zu verstehen und nur unter dieser Vorbedingung konnten die landwirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung Erfolg haben. Nun aber hat die dänische Großgrundbesitzerschaft gegen die Regierung den Feldzug eröffnet. Ihre Forderung geht dahin, durch eine neuerliche Devalvation eine Preissteigerung auf dem inländischen Markt herbeizuführen, wobei gleichzeitig die Unkosten für Arbeitskraft, Amortisierungen und Renten sinken sollen. Außerdem soll nach dem Wunsch der Großbauern durch eine saftige Er-.
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15 (20.10.1935) 245
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