Seite 2 Dienstag, 17. Dezember 1935 Nr. 293 deuten, was gerade für die kommenden sieben Jahre von entscheidender Bedeutung für das Schicksal der Demokratie und der Arbeiterklasse dieses Landes ist. BenessWahl heißt, daß der Fascismus sein Spiel verloren hat. Wir leben in einer Zeit, da die demokratischen Kräfte überall sich wieder stärker regen, der Aufstieg der Demokratie bereitet sich vor— da langsamer, dort rascher— wenn Benes die Hand am Steuer des Staatsschiffes haben wird, bleibt das Schiff im Fahrwasser einer sozialen Demokratie und der Freiheit, in der Fahrtrichtung, die allein zu Zuständen führt, in der die Massen der Völker wieder ein menschenwürdiges Dasein führen können. Wir werden schließlich Benes tpählen, weil wir Deutsche sind. Seit 1918, da Benes in Genf — noch vor dem Tage, da die Republik in Prag ausgerufen wurde — für die Ernennung eines deutschen Ministers eingetreten ist, hat er, auch hier im Geiste Masa« ryks, für eine Verständigung der tschechischen Ole Entscheidung des Präsidenten 8m engsten Kreis des Präsidenten war eS seit langem bekannt, daß Masaryk den Gedanken eines vorzeitigen Rücktritts erwägt. Die Entscheidung fiel am 21. November, als der Präsident dem Vorsitzenden der Regierung seinen Willen mitteilte, aus gesundheitlichen Gründen sein Amt niederzulegen. Ergebnislose Koalitionsberatungen Ministerpräsident Dr. Hodza verständigte sofort die Regierung und die Regierungsparteien und versuchte, die Aufstellung eines Kandidaten der gesamten Koalition herbeizuführen. Dieser Versuch scheiterte, da die tschechischen Agrarier der— damals schon vom Präsidenten Masaryk empfohlenen— Kandidatur Dr. Benes ' nicht zustimmen wollten. Sie fanden Unterstützung nur bei den Gewerbetreibenden. Oie Oemission der Regierung Die Folge dieses unlösbaren Konflikts war die Demission der Regierung, welche jedoch nicht aiigenommen wurde. Mit dem Auftrag, die Re- gicrungSgeschäfte weiterzuführen, verband der Präsident die Erklärung, daß sein Rücktrittsbeschluß unwiderruflich sei, auch wenn eS innerhalb der Koalition zu keiner Einigung kommen sollte. Agrarischer Gegenkandidat: Professor Nämec Bis zur offiziellen Erklärung der Amtsniederlegung bemühte sich die Regierung, die Presie von der Veröffentlichung beunruhigender Nachrichten abzuhalten. Es ist bekannt, daß dieses Bestreben zum großen Teil gerade von der bürgerlichen Presie um die nationale Vereinigung und den Rechtsflügel der tschechischen Agrarier herum durchkreuzt wurde. Als Sonntag alle Beschränkungen fielen, teilte der„Benkov" mit, daß von der tschechischen Agrarpartei und der mit ihr ver- Nation mit der deutschen gewirkt. Er ist gerade im letzten Jahr auch zu deutschen Zuhörern gegangen und hat zu ihnen gesprochen. Er hat sich, auch an Mut Masaryk gleichend, vor ihnen mit Entschiedenheit zur Demokratie und nationalen Verständigung bekannt. Er ist ein überzeugter Anhänger der Teilnahme der Deutschen an der Regierung. ,,ES gibt kein« Nationalität ohne Human i t 8 t", so sagte der Masarykschüler einst—, damit ist ausgesprochen, daß er mit der Liebe zur Nation ein allmenschliches Ideal verbindet, das jene Tschechen und Deutsche zusammenführt, die in dieser barbarisch-schrecklichen Zeit den Kampf um die Vermenschlichung dieser Welt nicht aufgeben werden. Die Stimmabgabe für Benes am 18. Dezember 1985 ist für die deutsche Sozialdemokratie der Kainpf um Frieden, Freiheit, Demokratie, soziale Ordnung und nationale Gerechtigkeit— um eine bessere Zukunft der Armen, Unterdrückten, Entrechteten, der Stiefkinder der heutigen Gesellschaft. bundeney Gewerbepartei der Vorsitzende des tschechischen Nationalrates und Professor für Botanik an der Prager Universität, Dr. Bohumil Ntmec» als Gegenkandidat gegen Dr. Benes aufgestellt werde. Bekanntlich waren einige Tage vorher die tschechischen sozialistischen Parteien und hie Legionäre aus dem Nationalrat ausgetreten. Es geschah dies zum Protest gegen das Auftreten des Vorsitzenden. Oie Stimmen für Dr. BeneS Von den 450 Stimmen aller Abgeordneten und Senatoren sind für die von Masaryk ge- wünschte Kandidatur Dr. Benes ' sicher: Tschechische Sozialdemokraten. , 9 58 Deutsche Sozialdemokraten.. 17 Tschechische Nationalsozialisten. 42 Tschechische Bollspartei... 83 Kommunisten 46 Deutsche Christlichsoziale•, •• 9 205 Die Haltung der katholischen Parteien wurde Sonntag neuerlich in einem bemerkenswerten Interview des Päpstlichen Kämmerers Pr. Rückl bekräftigt, weiches sich zweifellos micht Nur auf me tschechischen, sondern auch auf die deutschen Christlichsozialen bezieht. Oie Stimmen für Prof. Nämec Obwohl noch keine einzige Partei offiziell für diese Kandidatur eingetreten ist— auch die Agpariet haben nur ihre Zeitungen sprechen lassen, die dann von den Blättern der Gewerbepartei kommentarlos zitiert werden— kann Prof. Nemec mit folgenden Gruppen rechnen: Tschechische Agrarier.. •••• 68 Nationale Vereinigung. .... 26 Gewerbepartei.... •••• 2p Faseisten..... .... 6 125 Es ist jedoch kein Geheimnis, daß unter den Agrariern selbst keine Einigkeit herrscht, da vor allem der aus der Slowakei kommende Flügel der Präsidentenschaft Dr. Benes' nicht ablehnend gegenübersteht. Oie dritte Gruppe, bilden jene Parteien, deren Haltung noch nicht entschieden ist: Sudetendeutsche Partei ...,, 67 Bund der Landwirte...... 5 Slowakische Volkspartei Hlinkas.’u 80 Ungarn........ 14 Wilde 4 120 Die SdP hat für Dienstag eine Sitzung einberufen, in welcher sie sich über die Situation klar werden will, welche durch das Auftreten des Vorsitzenden des Nationalrats entstanden ist. Unter den landbündlerischen und auch den ungarischen Mitgliedern der Nationalversammlung sind Strömungen, welche für eine Unterstützung der Wahl Dr. Benes' eintreteü, während die Entscheidung bei den slowakischen Volksparteilern eher gegen ihn ausfallen dürfte. Dr. Benes kann auch auf einen Teil der»wilden" Stimmen zählen, wodurch der Ausfall von vier kommunistischen Abgeordneten ausgewogen würde, die an der Wahl nicht teilnehmen können. 8okoln, Legionäre, Lehrer Sonntag tagte der gesamtstaatliche Vorstand der Sokoln, welcher sich eindeutig für die Erfüllung des Wunsches MasarykS aussprach und an alle Mitglieder der Nationalversammlung, die Angehörige deS Sokol sind, die Aufforderung richtete, deffen bei der Wahl deS Präsidenten eingedenk zu sein. Auch die tschechoslowakische Legionärgemeinde ruft für die Wahl Dr. Benes ' als des Bewahrers des Geistes und Willens Masa- ryks auf. Der dritte zehntausende Mitglieder zählende Verband, die Lehrerschaft, hat gleichfalls in einem Aufruf Partei für Dr. Benes ergriffen. In der rechtsbürgerlichen Presse haben diese drei Erklärungen Bestürzung hervorgerufen. vte Präsidenten-Wahl auf der Prager Burg Am morgigen Wahltag wird die Prager Burg von 9 Uhr vormittags an geschloffen sein. Zutritt zur Burg werden nur die Mitglieder der Nationalversammlung, die Regierungsmitglieder, Sie Mitglieder der Parlamentskanzlei und Gäste gegen Vorweisung von Legitimationen der Nationalversammlung oder mit einer Eintrittskarte haben, die zum Betreten des Wladislaw-SaaleS berechtigt. Fußgänger haben die Möglichkeit, auf welchem Wege immer zur Burg zu gelangen. Die Legitimationen und die Eintrittskarten werden aber schon bei der Alten Schloßstiege, auf der Staubbrücke und auf dem Hradkansk< näm. kontrolliert werden. Für Automobile und Fahrzeuge ist die Zufahrt ausschließlich durch die Thotkovä über die Staubbrücke auf den 2 Burghof, dann durch die Unterfahrt zur Vikärlki zum alten Landhaus festgesetzt, wo die Mitglieder der Nationalversammlung aursteigen werden. Di» Wagen mit den Gästen werden auf den 8. Burghof zu dem den Gästen vorbehaltenen Eingang in den Wladisiaw-Saal weiterfahren. Für das Publikum und die Deputationen der Vereine wird in beschränktem Maße auf dem dritten Burghof, wo der Präsident der Re publik nach der Wahl die Ehrenkompagnie abschreiten wird, Platz Vorbehalten sein. Eintrittskarten zu diesem reservierten Platz wird die Wirtschaftsverwaltung der Prager Burg auf schriftliche, telepho- Vom 21. November zum Vortag der Wahl Die Agrarier kandidieren Prof. Nfimec— Die politische Gruppierung Sokoln, Legionäre und Lehrer für Dr. Benei Sozialistischer 9ugendverband für die deutschen Gebiete der CSR Der Verbandsvorstand hat auf Grund des 8 18, Punkt 5 der Satzungen am 15. Dezember beschlosien, für den 4. und 5. Jänner 1936 in die KurhanSveranda in Teplitz-Schönau einen auBerordentlxhen Verbandstag einzuberufen und schlägt die folgende Tagesordnung vor: 1. Die Aufgaben der sozialistischen Jugend in unserer Zeit. 2. Der Reichsjugendtag. 3. Statutenänderungen. 4. Neuwahlen. 5. Allgemeines. Die statutengemäßen Delegierungsbestimmungen und die anderen Einzelheiten werden in eigenen Rundschreiben mitgeteilt. Die Delegierten müssen bis spätestens 3. Jänner beim Verbandssekretariat gemeldet werden. Anträge sind bis 31. Dezember 1935 einzubringen. Für den Verbandsvorstand: Rudolf Geißler, Karl Kern, Verbandssekretär. Vorsitzender. Teplitz-Schönau , am 15. Dezember 1935. nische oder persönliche Anmeldungen spätestens bis Dienstag, den 17. Dezember, 12 Uhr, ausgeben. Die Teilnehmer, welch« diese Eintrittskarten haben, werden nur vom Hradkanske näm. durch den 4. Burghof, wo die Kontrolle der Eintrittskarten erfolgt, Zugang haben. Es wird empfohlen, spätestens irat 10.15 Uhr einzutreffen. Für Journalisten. Kino-Operateure und Photographen, sofern sie auf dem 3. Burghof photographieren wollen, gibt die Wirtschaftsverwaltung der Prager Burg auf ihre Anmeldung bis zum 17. Dezember, 12 Uhr, Eintrittskarten auf die beiden Ballone am dritten Burghof aus. Sonst ist das Photographieren und Filmen im Wahlsaal und aus den Burghöfen nur amtlichen Photographen Vorbehalten. t Nämec an Masaryk Danksagung namens des Nationalrates Im Namen des Tschechoslowakischen Nationalrates sandte deffen Vorsitzender PH. Dr. Bahumil Kämet, Professor der KarlSuniver- sität, an den zurückgetretenen Präsidenten- Befreier T. G. Masaryk nach Läny eine herzliche Danksagung für alles, was er an der Spitze des nationalen Abwehrkampfes während des Weltkrieges und nach der Erneuerung des tschechoslowakischen Staates als Präsident der Republik getan hat. u N 51 * R J l w l■ 1 1 i 27 Roman von Karl S ty m Copyright by Eugen Prager-Verlag, Bratislava ■' i-."T' i'i""iifj Eine Katze schleicht über die Wiese vor mir. Ich sehe nur den hochgekrümmten Rücken und den begehrlichen pendelnden Schweif über das dürre Gras schauen. Es ist Frühling. „Grüß Gott!“ Gabis Tochter huscht am Garten vorüber. Sie ist nicht sonderlich schön. Aber ihr helles Kleid schmiegt sich eng um den jungen Körper. Ich werde doch auch zu meinem Mädchen gehen— „Fritz!“ Ich drehe mich um. In der Tür steht Sophie. „Und?“ Das Mädchen dreht unschlüssig an den Schürzenzipfeln. Es möchte gerne etwas sagen, nur weiß es nicht, wie es anpacken. Ich setze mich wieder und warte. Sophie ist mir eigentlich noch ganz fremd, trotzdem ich schon fast drei Jahre mit ihr im gleichen Hause wohne. An manchen Menschen geht man vorbei. Man sieht sie täglich, redet täglich mit ihnen und hat doch nicht mehr Berührungspunkte als banale Selbstverständlichkeiten. Einfache Menschen kennen sich nur, wenn sie sich lieben. Auch dann nicht einmal ganz» Ihre Liebe ist zu sehr körperliche und materielle Notwendigkeit. Darüber vergessen sie ihre ungeschulte Seele. So kommt es, daß solche Menschen sich ein ganzes Leben lang angehören und sich doch innerlich fremd bleiben. Ihr Geist ist zu unentwickelt, um hier eine Brücke schlagen zu können., „Du kennst doch Böhling?“ fragt Sophie nach einer Weile. „Und ob!“ x Dumme Frage. Aber dahinter steckt etwas. „Er ist ein Brausekopf!“ „Das sagst du?“ „Ja, ich habe Angst!“ „Hm, und brauchst mich wohl als Aufpasser?“ Die Sache wird langsam ulkig. Mädchen sind am amüsantesten, wenn sie vom Herzen reden. „Er macht manchmal solche Dummheiten— und wir brauchen ihn doch!“ „Wer, wir?— So red’ doch mal vernünftig!“ „Ich— und das— Kind!“ Das Mädchen sagt das leise, als beichte es eine schwere Schuld. In der Stimme ist nichts von jauchzendem Mutterglück, nur tiefe Verzweiflung und Verzagtheit. Ich schäme mich, daß ich nur ein armseliges„Wird schon wieder gut werden!“ hervorbringen kann. Sophie weint, ruckweise, als stoße etwas Hartes ihr die Tränen in die Augen. Auf ihre Hände im Schoß fallen Tränen, große, schwere. Dieser Schoß wird ein Leben gebären und dieses neue Leben wieder eines. Jedes jieue wird kümmerlicher werden als das gebärende—. Sophie war nie schön. Jetzt aber sehe ich sie anders. Sie wird Mutter werden müssen und Mütter sind nie häßlich. Wie schwerfällig sie dasitzt, als trüge sie eine ganze Generation in sich, eine Generation Elend.— Es ist kein Segen für uns, Kinder zu kriegen! Wir sind nicht roh oder entartet, nur ehrlich. Unser Leben ist hart, ebenso unsere Ansichten darüber. Kinder liebt man. Das tun wir, wenn sie einmal da sind, genau so tief und stark wie die anderen. Der Unterschied ist nur det*, daß die Kinder der anderen ihre Eltern lieben und dankbar sein können, unsere Kinder uns aber fluchen müssen, daß wir sie ins Elend hineingeboren haben. Ich habe das Bedürfnis nach Ruhe und Einsamkeit. leb gehe über die Halde, am Werk vorbei in den Wald. Eine ungewisse Angst hält mich davon ab, heute noch zu Martha zu gehen. Ich glaube bestimmt zu wissen, daß es ein Unglück wäre, gingen wir beide ins„Eden“. Ganz oben auf dem Waldhügel setze ich mich auf einen Baumstrunk. Um mich herum ist eine frischgeschlagene Blöße, pie Sonne zittert über die pechglänzenden Wurzelstöcke. Links unten kriecht der schmutzige Haldennebel über die ersten Bäume. Rechts breitet sich ein Flachland aus, weit, bis in den Himmel hinein. Es sieht aus wie ein mit grellgrünen Flicken benähter Bauernrock. Dort unten wohnen andere Menschen als wir. Stehen sie morgens auf, so treten sie auf eigenen Boden. Tagsüber gehen sie auf eigener Erde. Eigene Erde— Herrgott, sind wir dagegen arm! Wir sind nichts und haben nichts! Wir gehen etwas früher als gewöhnlich zur Arbeit. Die Nacht ist kalt, der Himmel hoch und klar, wie ein umgestülpter See, in dem die Reflexe von unendlich vielen Grubenlichtem tanzen. In der„Rolle“ schließen sich Fogger Schorsch, Böhling, Uhu und die anderen von der Nachtschicht an. Wir gehen schweigend. Der frühlingsweiche Boden dämpft unsere festen Schritte. Man glaubt in Filzpantoffeln zu gehen. In der Kaue ist’s trotz der hundertfünfzig Arbeiter ganz still. Gahl ist ernst wie sonst. Auf sein„Heute ist die letzte Schicht!“ rührt sich niemand. Fogger Schorsch versucht sogar ein kleines Lächeln und sieht ermunternd um sich. Ich bin stolz, daß ich mich jetzt auch Kamerad nennen darf. Ich möchte jedem einzelnen die Hände drücken und das Gesicht streicheln, weil sie so ruhig und so stark sind. Vor dem Mundloch stehen Frauen und Kinder. Auch Martha ist da. Sie zieht mich aus der Menge etwas seitwärts ins Dunkel und sagt besorgt: „Ich habe solche Angst!“ Ich weiß nichts Rechtes zu erwidern darauf. Nicht daß ich auch irgendwelche Angst hätte, es tut mir nur plötzlich leid, daß ich nicht doch abends mit ihr ins„Eden“ ging. Beschämt stecke ich das kleine Päckchen ein, das sie mir in die Hände drückt. „Mach’s gut, Fritz!“
Ausgabe
15 (17.12.1935) 293
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