Sosialdemokra

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

16. Jahrgang

Mittwoch, 1. Jänner 1936

Grauenhafte Untat des italienischen Faschismus:

Archiv

r sozia

XX 1177

Bonn

Demo Fall

Einzelpreis 70 Heller

( einschließlich 5 Heller Porto)

Nr. 1

Bomben auf eine Rote- Kreuz- Ambulanz

32 Menschen, darunter neun Schweden , getötet

Addis Abe b a. Nach einer offiziellen Meldung der abessinischen Regierung hat am Montag ein italienisches Bombengeschwader etwa 20 Meilen von Dolo entfernt- auf die Ambulanz des schwedischen Roten Krenzes Bomben abgeworfen.

In den ersten Meldungen hieß es lediglich, daß der Leiter der schwedischen Mission Dr. Hylander verletzt worden sei. Eine später von der Agentur Havas bestätigte Meldung besagt jedoch, daß bei dem Bombardement 32 Menschen den Tod fanden, darunter neun Schweden .

Die schwedische Rote- Kreuz- Ambulanz befand sich auf dem Wege an die Südfront. Das Bombardement ereilte sie etwa 30 Kilometer von Dolo am Ganale- Doria- Fluß.

Stockholm . Die Meldung über die Bombardierung der schwedischen Roten- Krenz­Ambulanz in Abessinien durch italienische Flieger wird bestätigt. Der Präsident des abessini­schen Roten Kreuzes hat telegraphiert, daß der Führer der schwedischen Ambulanz Dr. Hylan­der so schwer verletzt wurde, daß er in einem Sanitätsflugzeug nach Addis Abeba gebracht werden mußte. Auch der Assistent Smith Holm ist verletzt. Der schwedische Konsul in Addis Abeba hat sich in einem Flugzeng an die Stelle des Bombardements begeben. Schon einmal während des italienisch- abes- haben auf eine obendrein schwedische Am­finischen Krieges wurde die zivilisierte Welt in bulanz des Roten Kreuzes Bomben abgeworfen, Empörung versetzt durch die Nachricht, daß die wodurch 32 Menschen, darunter neun Schweden , Staliener Bomben auf ein Spital in der Nähe den Tod gefunden haben. Diese Nachricht wird bon Dessie abgeworfen haben. Nun haben die überall, wo Kulturmenschen wohnen, I e ide na Italiener eine noch größere Barbarei verübt, sie fich a ftliche Abscheu und Erbit

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terung hervorrufen. Gegen alles internatio­nale Recht wird ein Spital, welches durch das Genfer Rote Kreuz weithin sichtbar gemacht ist, rücksichtslos bombardiert und die Menschen, die nicht Strieg führen, sondern nur die Leiden der Kriegsopfer mildern wollen, einfach hingeschlach tet. Das ist die Kultur, welche die Italiener nach Afrika tragen woollen!

Aber noch eines werden die Menschen dar­aus lernen, nämlich, was der Faschismus alles imstande ist. Ist das das neue Italien , das Mus­ solini geschaffen hat? Sind das die sitt lichen Kräfte, welche vom Fa= schismus in den Völkern gewedi werden? Oder ist es nicht umgekehrt? Die ganze Welt sieht jetzt, was der Faschismus für eine Kulturerscheinung ist, daß er in Wahrheit mit Kultur nichts zu tun hat, daß er nur Barba­rei ist, rücksichtslose Gewalt, Niederwerfung der Freiheit des Menschen im Innern, brutale Ge­walt und ärgste Barbarei auch nach außen.

auch politische Folgen haben. Man kann sich schon denken, wie sich in Schweden alles leidenschaftlich gegen die unselige Tat des italie­ nischen Heeres wenden wird und wie das Kultur­empfinden der Schweden sich aufbäumen wird. Die ganze neutrale Welt wird noch mehr Abscheu empfinden gegen das italienische Vorgehen in Abessinien, als es ohnehin bisher der Fall ge= wesen ist.

Es gibt nur eine einzige Antwort auf diese Tat der Italiener und das ist ein ener­gisches Vorgehen der Völkerbundmächte gegen Italien , Vrschärfung der Sant­tionen, Verhängung des Oel= embargos, damit Stalien die wichtigsten Hilfsquellen des Krieges entzogen werden.

Der Fasch is mus ist niederste Bar­barei, ist Vernichtung aller Kulturerrungenschaf ten, er muß niedergerungen wer den vom Geist der sozialen Dea mokratie, vom Geist der Mensch= Die unerhörte Tat der Italiener wird aber lichteit!

Die Aufgabe 1936

Wiederaufbau der Industriefriedhöfe als nächstes Ziel

Die Präsidentenwahl hat den Nebel der Un­gewißheit zerstreut, der seit geraumer Zeit unser innenpolitisches Leben verfinsterte. Der demo­fratisch- republikanische Gedanke hat eine große Bewährungsprobe abgelegt. Mit Recht sind alle ehrlichen Demokraten im tschechischen und slowa­fischen Lager stolz darauf, daß ihr Volt mit bei­spielloser Einmütigkeit das politische Vermächt­nis seines Befreiers T. G. Masaryk erfüllt hat. Denn alle Gegenströmungen, die in den entscheidungsvollen Dezembertagen dieses Ver­mächtnis umstürzen wollten, sind in Wahrheit durch die Wucht einer fast einheitlichen Volks­meinung zur Stapitulation gezivungen worden. Selbst unpolitische Beobachter sagen aus, daß in den tichechischen Dörfern und Provinzstädten gut 90 oder 95 Prozent der Bevölkerung die Respek­tierung der Willenskundgebung des abtretenden Präsidenten und die Wahl Dr. Benes' zu feinem Nachfolger als eine glatte Selbstverständ­lichkeit betrachteten.

Der Schlußaft in der großartigen menschlich­politischen Laufbahn T. G. Masaryks hat vor Freund und Feind Zeugnis abgelegt, wie weit der Spielraum des Wirkens einer echten Führerper­sönlichkeit in der Demokratie ist. Die Sudeten deutschen sollten sich der geistigen Ausstrahlung dieses historischen Beispiels nicht entziehen. Eine an sich selbst irregewordene Jugendgeneration, die nur mehr an die brutale Gewalt glaubt und der Anbetung hohler Cäsarengeſten lebt, kann daraus einiges über die Bedeutung menschlicher und sitt­licher Werte in der Geschichte lernen. Es wäre Selbstbetrug, die Augen davor zu verschließen, daß das tschechische Volt durch seine Reife und Diszi pirn, mit der es die Frage der Staatsführung mustergültig zu lösen verstand, vor der ganzen Stulturwelt einen großen moralischen Erfolg ern­fete. Die Namen Masaryk und Beneš gelten nicht mir auf dem Kontinent, sondern weit in die angelsächsische Welt hinaus als die Verkörperung besten Europäertums. Daß sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung wiederum zu den Ideen und zu dem Werk dieser Männer befannte, das hat der Republik mehr Ansehen eingetragen, als wenn ihre Soldaten irgendwo in Abessinien ganze Provinzen erobert hätten.

An der sudetendeutschen Politik in ihrer Ge­famtheit liegt es nun, die Konsequenzen aus die­

fer Entscheidung zu ziehen. Alle furzatmigen| Wolfen antimargistischer Illusionen herab­Spefulationen jener Gruppe, die sich mit dem gestiegen, um sie mit rettender Hand aus einer trojanischen Pferd vorgespiegelter Loyalität in peinlichen Isolierung herauszuführen. Die Er­die Staatsführung einschleichen wollte, sind er flärung Hodžas, daß der Beitritt zur Regie­ledigt. So manche Konjunkturpolitiker, die sich rungsmehrheit an die Anerkennung der außen­schon am Zuge sahen und bereits von der An- politischen Linie des Staates gebunden ist, hat die wendung eines verlängerten Parteienauflösungs- Pläne derer umgestoßen, welche mit Hilfe einer gefeßes gegen die deutschen Aktivisten träumten, deutsch - tschechischen Faschistentoalition die Repu­standen nach der Präsidentenwahl am Grabe blik in das Fahrwasser Berlins lenken wollten. ihrer Hoffnungen. Stein Stoupal ist aus den Was ist dem Herrn Henlein noch übrig ges

Arbeitslosigkeit Böhmen Okt. 1932- Sept. 1933

Von 1000 Einwohnern waren arbeitslos:

10-30 31-60 61-90 91-120 121-230

blieben? Eine zahlreiche Wählerschaft, die bis zum Halse hinauf mit kurzfristigen Versprechun­gen gefüttert ist. Die Sieger des 19. Mai sind wahrlich nicht zu beneiden.

Der Sudetendeutschen Partei bleibt nur die Hoffnung auf außenpolitische Verwicklungen. Aber das Bünglein der europäischen Entscheidungen neigt sich immer mehr zugunsten der großen Frie­densfront. Die fascistischen Diktaturen sind in der Slemme. Die Demokratie holt auf. Damit schwin den die Chancen der Katastrophenpolitiker, denen am 19. Mai zwei Drittel der Sudetendeutschen nachgelaufen find. Die zahlenmäßig starte, aber ideenlose und daher innerlich schwache Partei Hen­leins hat sich selbst auf ein totes Geleise rangiert. Sie will sich die Zeit ihrer Enttäuschungen mit Führerreisen und Deklamationen vertreiben. Doch die Arbeiter, die Bauern und Bürger, die sie ge­wählt haben, können nicht jahrelang im Schmoll winkel stehen. Sie werden weiter einen Ausweg aus ihrer sozialen Not und ihrer wirtschaftlichen Bedrängnis sochen. Sie stehen vor neuer Wahl: sollen sie auf einen europäischen Krieg warten, der ihre Heimat zu verwüsten droht, oder tätig zugrei fen beim Wiederaufbau ihrer Existenzgrundlagen? Nur mit dem Staate und mit den demokratisch­fortschrittlichen Kräften des tschechischen Volkes fönnen die wirtschaftlich- sozialen Lebensfragen der Sudetendeutschen gelöst werden.

Es wäre endlich an der Zeit, einen scharfen Trennungsstrich zu ziehen zwischen abenteuern den Jünglingen, bezahlten Agenten und Spionen des Dritten Reiches und wahrer sudetendeutscher Volkspolitik. Solange die Mehrheit der Sudeten = deutschen diesen Trennungsstrich nicht gezogen hat, wird das tschechische Mißtrauen wachsen und der Nationalismus auf beiden Seiten Boden ge= winnen. Dadurch wird die nationale Zusammen arbeit immer mehr gefährdet. Diese Klärung durchzufämpfen, ist die harte und ehrenvolle Auf= gabe der republikanisch- demokratischen Kräfte im Suger. Mit aller Offenheit muß aus­a werden, daß die Gesamthaltung des en Volkes in nationalen Fragen für den Ler auf der dieses Ringen eine große, wenn nicht as Pangaggebende Bedeutung hat. Man soll in The bray nicht übersehen, wie tragisch und beinahe igungslos das soziale Dasein der Mehrheit

Diese Sozialkarte Böhmens ist in den letzten zwei Jahren leider nicht veraltet. Deutschen Mitbürger in den Jahren der Krise