16. Jahrgang

Dienstag, 21. April 1936

IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSIOWAKISCHEN REPUBLIK

Einzelpreis 70 Heller (iMchlieBlich 5 Heller forto)

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xn., fochova o. Telefon 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, FRAG.

Kritische Laße m Polen Ultimatum der Oberstengruppe nach Rücktritt der Regierung abgelehnt' Das Heer entscheidet Ihr Kosclalkowshi

Warschau . Polen ist, wie erst Montag abends bekannt wird, in den letzten 48 Stunden knapp an einem offenen Putsch der Obersten­gruppe gegen die Regierung Koscialowski vorbeigekommen. Rur dem Eingreifen des Gene­ral-Inspektors der Armee Ry dz Smigli soll es zu verdanken sein, daß die fast ultimativen Forderungen der Oberstengruppr, die aus einen Kabinettswechsel und aus die Ueber- gabe der Regierungsgewalt in ihre Hände(Sla- wrk, B e ck, Miedzinski, Matuczewski etc.) hin­ausliefen, von den leitenden Faktoren des Staa­tes definit v abgelehnt wurden. Es heißt, daß keinerlei Konzessionen an die Obersten­gruppe gemacht worden find. Die Oeffentlichkeit erfuhr von dieser kriti­schen Wendung in der polnischen Innenpolitik zu­erst am. Sonntag» als der Rtinisterpräsident die für Sonntag früh angrfetzte offizielle Reise nach Budapest plötzlich absagte und gleichzeitig die der Oberstengruppe gehörendeGazeta Polska", die bisher als offizielles Regierugoorgan galt, wegen eines Artikels beschlagnahmt wurde, in der der

Gen f. Rach ganztägigen schwierigen Ber- bandlungen begnügte.sich der Bölkerbundrat Mon­tag in den Nachtstunden mit der Annahme einer Resolution, in der es u. a. heißt: Der Rat nimmt den Bericht des Dreizehner- Ausschusses zur Kenntnis.. Er v e d a u e r t, das aus den Berichten hervorgeht» daß der Bersöh- nungsversuch des Dreizehner-Ausschuffrs im Sinne des an die beiden Parteien gerichteten Apells kein pofiitives Ergebnis gebracht hat. Er bedauert, daß. unter diesen Umständen die Ein­stellung der Feindseligkeiten nicht herbeigeführt werden konnte und daß der Krieg unter Be­dingungen fortgesetzt wird, von denen fest­gestellt wurde, daß sie mit dem Pakt «»verein bart sind. Er richet an talien den dringlichste« Appell, unter den gegenwärtigen Umständen, welche die Zusammenarbeit aller Rationen erfor­dern, bei der Beilegung seines Konfliktes mit Abessinien in dem Geist zu handeln, welchen der Völkerbund von einem mitbrgründeten Mitgliede mfd von einem ständigen Ratsmitglied erwarten kann. Der Rat betont neuerlich, daß das Proto­koll vom 17. Juni 1925 über die A n w e n- dungvon S tick- und Giftgasen sowie andere Abkommen, welche die Kriegsfüh­rung regeln, die Streitparteien verpflichten, und bringt die Bedeutung dieser Abkommen und Be­stimmungen in Eerinerung, welche sämtliche Un- terzeichnerstaaten, Italien und Abessinien-inbe­griffen, anerkannt haben." Baron Aloisi stimmte gegen die Resolu­tion. Der Vertreter Ecuadors machte Vorbehalte zu dem Asätz über die Sanktionen, da ja die Re­gierung von Ecuador die Sanktionen gege« Ita­ lien aufgehoben hat. Schließlich konstatierte der Ratsvorsitzende, daß die Kontra-Stimme des italienischen Delegierten und die Borbehalte des Vertreters Ecuadors nichts an der Tatsache än­dern. Damit war die 91. Tagung des Bölker- bundrates beendet. Der Völkerbundsrat trat Montag vormittags vorerst zu einer Privatsitzung unter dem Vorsitz des australischen Delegieren B r u c e zusam­men..Nach Eröffnung der öffentlichen Sitzung verlasder Vorsitzende des Dreizehyerausschusses Gesandter de M a d a r j a g a einen langen be«

Regierung im Zusammenhang mit de« Lember­ger Demonstrationen Schwäche vorgcworfrn und sie zum Rücktritt ausgesordert wurde. I« den entscheidenden Besprechungen des Präsidenten der Republik mit dem Ministerprä­sidenten und dem Generalinspektor wurde defini­tiv entschieden, daß das Kabinett Koscialowski im Amte bleibt. Die Regierung Koscialowski scheint somit aus den letzten innerpolitischen Wirrniffen sogar gestärkt hervorzugehen, vorausgesetzt, daß sie je­doch der wichtigsten Schwierigkeit, die sich ihr in den Weg stellt, nnd zwar der andauernden Streikwelle im ganzen Lande und den drohenden Arbeiterunrnhrn in er Zukunft Herr zu werden vermag. Der montägige Generalstreik in Lemberg hatte zwar einen durchaus ruhigen Verlauf, doch besteht noch immer die Vermutung, daß dem Lem­berger Proteststreike ein Sympathiestreik der Ar­beiterschaft der Hauptstadt sowie in den Kohlen­revieren und in dem ostgalizische« Naphtharevier l folgen wird.

rcits bekannten Bericht über die Friedensvermitt­lungsversuche. Hierauf ging Baron Aloisi- Italien, näher auf die Vorschläge der italienischen Regierung zu den Versöhnungsverhandlungen ein und behaup­tete, daß die Bedingungen der italienischen Regie­rung in den Rahmen des Völkerbundpaktes fällen und in dessen Geist gehalten seien. Die italie­nische Regierung habe vorerst eineV e rs oh- nung" erzielen und dann erst die Feindseligkei­ten einstellen wollen, so wie dies die besonderen Verhältniffe in Abessinien erfordern, die italieni­schen Vorschläge führen angeblich direkt zur Ver­söhnung. Baron Aloisi lehnte auch die Kompetenz des 13er-AuSschustr§ in der Frage der G i f t- gasverwendung in Abessinien durch die italienische Armee ab und erklärte, daß außer den Bemühungen zur Schlichtung des italienisch-abesiinischen Konfliktes dieser Aus­schuß über andere Fragen zu verhandel« kein Recht habe. Der Vertreter Abessiniens Wolde Mariam protestierte energisch gegen die ständige Verzöge­rung der Hilfeleistung für Abessinien, das nach dem Bölkerbpndspakte das Opfer eines ungerech­ten Angriffes geworden ist. Der Völkerbund schaffe so das befürchtete Präzedens für alle Mit­gliedstaaten.^ Die italienische. Regierung wolle lediglich Zeit gewinnen. Der Völkerbund möge daraus alle Konsequenzen a b sie i- t.e n und alle Bestimmungen des Artikels 16 des Paktes integral anwenden, um so den Sieg des Angreifers zu verhindern. In der Nachmittagssitzung ergriff neuerlich Baron Aloisi das Wort, um auf die Erklärung des abessinischen Vertreters zu antwcrten, Er betonte neuerlich, daß die Verantwortung für den Mißerfolg der Schlichtungsaktion aufA e h e s- sinien falle. Nach Ansicht der italienischen Regierung hätte, der afrikanische Streit niemals den Rahmen einesst r eng kolonialen. S.treit.falles" verlassen dürfen. kden verurteilt Gaskrieg Sodann ergriff Minister Eden das Wort, der im wesentlichen ausführte: 14 Mitglieder

deS Rates haben entschieden, daß die italienische Regierung ohne Rücksicht auf die Verbindlichkeiten gemäß des Artikels 12 des Völkerbundpaktes diesenK r i e g b e g o n n e n habe. Diese Entscheidung wurde" nachträglich durch die Ab­stimmung von 50 Staaten bestätigt, welche im Völlerbund vertreten find. Wenn die Staaten die Verbindlichkeiten des Paktes nicht einhalten wer­den,. wie werde es dann in Zukunft möglich sein, Vertrauen zu internationelen Gesetzen zl haben? Dio englische Regierung hat alle ihr aus dem Pakte erwachsende« Verbindlichkeiten treu erfüllt und ist beveit und wird auch weiterhin bereit sein, ihre Aufgabe bei der Verstärkung der finanziellen und wirtschaftlichen Sanktionen gegen jene Staaten, welche von den Mitglie­der« als Friedensstörer erklärt wurden, zu er­füllen. ' Die britische Regierung könne es nicht mit Schweigen übergehen, daß in Abessinien gegen die abessinische Bevölkern«, die dagegen in einem mit solche« Mittel« eführten Krieg nicht geschützt seien, Giftgase angewendrt wur­den. Das Protokoll ans dem Jahr« 1925 über das Verbot dee Anwendung von Giftgasen habe« f a st alle Staaten unterzeich­net. Dieses Protokoll bezieht sich auf die Be­völkerung aller Grotzstädte der Welt. Es be- deutet für sie di« AndrohungderAus- r o t 1 u n g, wenn ien solche- Abkommen zer- riffen werden kann. Minister Eden forderte sodann den Rat auf, er möge noch während dieser Sitzungsperiode den Mitgliedsstaat?« die aus dem Genfer Protokoll erwachsenen Verpflichtungen eindringlich in Er­innerung bringen. Wenn infolge der Entwicklung des afrikanischen Konfliktes die Autorität des Völkerbundes erschüttert und die künftige Zweck­mäßigkeit des Völkerbundes als des besten In­strumentes für die Erhaltung des Friedens in Zweifel gezogen würde, dann müßte man von neuem erwägen, welche neue Politik in dieser Situation anzuwenden wäre. Paul-Boncour beschwichtigt , Paul-Boncour erklärte, die Schlichtungs­aktion sei zwar mit einem Mißerfolg been­det worden, trotzdem müsse man zu ihr zurück­kehren. Wir brauchen den Frieden in Abessinien, um den gegen Europa gerichteten Drohungen entgegenzutrrten. Das Verhältnis Italiens zum Völkerbünde muß«löst werde«, da die italienische Regierung zur ueropäischen Rekonstruktion notwendig ist. Es ist aber auch unser Bedürfnis, daß das Ansehen des Bölker- bundpaktes erneuert wird. ' Zum Schluß wandte Minister Paul-Don- cour die Aufmerksamkeit der Versammlung Europa und der Verletzung der internationalen europäischen Verpflichtungen zu. Der sowjetrussische Botschafter Potjemkin bedauerte den Mißerfolg des Dreizehneraus­schusses und verteidigte entschieden den Völker- bundpäkt. Die durch die Paktverletzung hervor­gerufene Unsicherheit lähme die Organisierung der kollektiven Sicherheit. Von den weiteren Rednern forderte namens der Regierungen der Staaten der Kleinen Entente der rumänische Gesandte Anto- n i a d e, daß die Verpflichtungen des Völkerbund­paktes respektiert werden. Er erklärte, er werde jeder Resolution zustimmen, welche diesem Grundsatz entspricht...' Sodann richtete' Madariaga an Abessinien scwie hautsächlich an Italien die'Aufforderung, guten Willen zu einer Einigung zu zeigen. Hierauf trat der Völkerbund zu einer neuer­lichen. diesmal n i ch t ö f f e n t l ich e n Sitzung zusammen, um den Text der gemein­samen Resolution zu beraten.

Eine Resolution das Ergebnis«9er Genfer Ratetagung

Linke Strömungen im politischen Katholizismus Die Montagsausgabe der volksparteilichen Lidove listy" setzen sich in einem grundsätzlichen und überaus interesianten Artikel mit den Leh­ren der jüngsten spanischen Ereigniffe auseinan­der. Das Blatt greift auf ein Interview des spa­ nischen Katholikenführers Gil Nobles zurück, der jetzt von seinen faschistischen Bundesgenoffen abzurücken beginnt und in nüchterner Erkenntnis feststellt:Die spanischen privilegierten Klaffen haben es nötig, geprügelt zu werden". Das tsche­chische katholische Blatt fügt hinzu: Spanien zeigt, wie gefährlich es für den Katholizismus ist, sich für eine gesellschaftliche Ordnung einzusetzen, welche ungerecht fft. Die Lehre aus den spanischen Verhältniffe« ist für die Katholiken der übrigen Welt groß und grund­sätzlich. Niemals darf der Katholi­zismus' der Deckmantel für die politische und wirtschaftliche Reaktion sein. Der tschechische politische Katholizismus hat in seiner praktischen Politik seit 1929 bereits eine Linie verfolgt, die ihn immer weiter von der einst geschlossenen Bundesgenossenschaft mit den reak­tionären Klassen weg- und in die Nähe der sozia­ listischen Linken geführt hat. Es hat wohl auch da Rückschläge gegeben und nicht alle Gruppen der Bolkspartei sind mit der gleichen Ueberzeugungs» kraft für die demokratische Zusammenarbeit ein­getreten, aber bei der Präsidentenwahl vom 18. Dezember hat sich der tschechoslowakische Katholizismus doch in.-einem entscheidenden Augenblick als sichere Stütze der Demokratie und als-verläßlicher Verbündeter der Sozialisten gegen die Gelüste des Finanz- und Kartellkapitals bewährt. So wird einen die krftische Stellung der Lidove listy" zu den spanischen Ereignissen nicht, allzusehr überraschen. Es verdient aber festgehal­ten zu. werden, daß es sich nicht um eine verein­zelte, auf den tschechischen Katholizismus be­schränkte Erscheinung handelt. Der politische Ka­tholizismus beginnt langsam und mit jener Vor­sicht, die einer jahrhundertelangen Erfahrung der Kirche, die den besonderen Gesetzen ihrer Strate­gie entspricht, seine" Front zu verschiebest. Er schwenkt merkbar gegen links ein. Daß die katholische Presse die Explosionen der revolutionären Leidenschaften in Spanien heute doch ruhiger beurteilt als vor fünf und vor zwei Jahren, wird mancheur schon ausgefallen sein. Ein' junger katholischer. SchrrftstAlsr,,schrieb vor kurzen:: Es ist. rein Wunder, daß in Spanien er- J nent Kirchen und Klöster brennen und sich in den Bolksmaffen eine Atmosphäre des Hasses gegen die Kirche Christi verdichtet" und er beruft sich gegen den Reaktionär Gil Nob­les auf den sozial gerichteten jungen spanischen Katholiken Gimenez Fernandez bow Asua, den»weißen Lenin ". Spaniens , der sei­nerzeit mit seinem Plan einer radikalen Boden­reform gegen die spanischen Granden unter­legen ist. Die Zeitschrift, in der dieser Artikel erschient die Pariser WochenschriftEurop a? ist selbst ein Beweis für die Links-Schwenkung weiter Kreise des jungen Katholizismus und für das Bestreben katholischer Politiker, Brücken zum mar­xistischen Sozialismus und zur bürgerlichen De­mokratie zu schlagen. Bekanntlich gibt es selbst i n Oesterreich , wo die Kirche mit dem' Faschis­mus üble Erfahrungen gemacht hat und es mehr als einmal bitter bereuen mußte, alles auf diese Karte gesetzt zu haben, starke katholische Strö­mungen, die in die hier aufgezeigte Richtung drängen. Hierher gehört vor allem die Bewegung ErnstKarl W i nie r s» der in seinen »Wiener politischen Blättern", aber'auch in an­deren katholischen Organen, in denen er zu Worte kommt, für die Zusammenarbeit des politischen Katholizismus mit den Demokraten und Soziali-i

Der erste Mai naht!

Treffet In allen Organisationen die Vorbereitungen " h für eine machtvolle Kundgebung!