Freitag, 22. Mai 1936
Nr. 120
16. Jahrgang
Einzelpreis 70 Heller (einschließlich 5 Heller Porte)
IE NTDALORGAH DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii.,fochova«. Telefon 5X77. HERAUSGEBER! SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG .
Englands Rüstungen Große Unterhausdebatte
Im Sturm der Weltpolitik Ble Funktion der Internationale
London. In der Unterhausaussprachc über die Verteidigung erklärte am Donnerstag Verteidigungsminister I n s l i p, der Vcrteidigungs- Plan der Regierung sehe zunächst einmal die Ausfüllung der Lücken in der Munitionsversorgung vor. Man müsse die Produktion möglicherweise vergrößern, und zwar so, daß sie innerhalb 24 stunden verdoppelt und verdreifacht werden| könne. Man habe über 400 Firmen auf ihre Eignung für die Fabrikation von Kriegsmaterial bereits geprüft und 500 weitere werden demnächst überprüft werden. Er hoffe in einigen Tagen so weit zu sein, die Aufträge für die erforderlichen Maschinenanlagen vergeben zu können, die verdreifacht werden sollen. Man habe 1500 Piloten in einem Jahre eingestellt, habe die Zahl der Fliegerschulen vermehrt und die Zahl der Flugzeuge vergrößert. Ferner habe man Schritte unternommen, um die Zahl der Motorenfirmen festzulegen. Die Fabriken seien ausgefordert worden, neue Anlagen zu errichten oder ihre Anlagen auf Kosten der Regierung zu vergrößern. Die neuen Anlagen würden so angelegt, daß sie. schnell vergrößert werden. Endlich sei auch die Frage der Versorgung mit ausgebildeten Arbeitern geprüft worden. Er schloß mit der Feststellung, daß die Versorgung mit Kriegs-|
Der angstvolle Schuschnigg Milizkommandant : Freund Starhembergs Wien. Die angekündigte Gesctzesnovelle betreffend die Heimatfront wurde am Donnerstag in der amtlichen„Wiener Zeitung " publiziert. Die Novelle regelt die Frage der Führerschaft dieser einzig zulässigen Organisation im Staate in der Richtung, daß der Führer der Front der Bundeskanzler ist, der seinen Stellvertreter, den Generalsekretär scwie auch die Führer für die Stadt Wien und die Bundesländer ernennt. Dem Führer der Heimatsront steht ein Beratungsorgan, der sogenannte Führerrät, zur Seite, der maximal 40 Mitglieder zählen darf, in welchem auch die führenden Standesorganisa- tionen vertreten sein werden. Durch die Novelle wird gleichzeitig die Frage der Miliz geregelt, die eine uniformierte Formation militärischen Charakters ist und Frontmiliz heißen wird. Die Frontmiliz wird aus Angehörigen der bisherigen militärischen Freiwilligenverbände gebildet' und ergänzt'werden. Ihren Kommandanten bestimmt der Führer der Heimatfront. Die Frontmiliz wird im Bedarfsfall auch zur Unterstützung der bewaffneten Macht oder der Sicherheitsexekütivc verwendet werden können. In diesen Fällen wird die Frontmiliz einem militärischen Kommando, respektive dem Kommando der Sicherheitsexekütivc unterstellt'sein. Im Zusammenhang hiemit ernannte der Bundeskanzler,.d?r gleichzeitig der Führer der Heimatfront ist, den Vizekanzler Baar-Baarenfels zu seinem Stellver- neter in der Führung der Heimatfront und gleichzeitig zum Kommandanten der Miliz.', Badoglio nach Rom berufen Marschall Badoglio ist von Addis Abeba zu einem Urlaubsaufenthalt nach Italien abgeflogcn. Er wird sich in das Bad Fiuggi zur Kur begeben und dann den Feiern des Eintrittes Italiens in den Weltkrieg beiwohnen. Der Reuterberichterstatter kommentiert diese Reise Badoglios dahin, daß der Bizekönig, lder ja noch General st abSchef des italienischen Heeres ist)» in der heutigen gespannten Zeit, in der dir Sanktionen eine ungelöste Frage voll der verschiedensten Gefahren sind, solange in Italien bleiben soll. Vis die Gefahr beschworen ist. Mussolini wünsche, daß Badoglio in Italien bleibe, damit er mit seinem Rate zur Lösung der! gegenwärtigen Lage beitragen träne. I
Materialien soweit gefördert worden sei, daß nunmehr die Lücken ausgefüllt wurden. In der fortgesetzten Unterhausaussprache erklärte der Führer der Arbeiteropposition A t t l e e, daß sich die Arbeiteroppifition gegen die Regierung aussprechen werde, nicht weil sie gegen eine ausreichende Brrsorgnng mit Brrteidignngsmittrln sei, sondern weil die Unaufrichtigkeit der Regierung in der Frage der kollektiven Sicherheit eben so groß wie ihre Außenpolitik unzureichend sei. Italienfeindliche Stimmung In England London . In britischen parlamentarischen Kreisen wachst die feindselige Gesinnung gegen Italien von Tag zu Tag und. dieser Widerstand gegen Italien wird durch verschiedene Vorfälle genährt, wie zum Beispiel durch das Verschwinden des britischen Unteroffiziers Bonner, der dem britischen Krankenbause in Abessinien zugeteilt war, das Verschwinden eines britischen diplomatischen Aktenkofsers und die Kommentare der italienischen Presse, zu der Erklärung Edens über die Affäre der Dum-Dum-Geschosse. Fast täglich werden im Unterhaus Anfragen gestellt, welche von dieser Gesinnung Zeugnis ablegen.
lMTP Paris.)„Seit 1877", sagte Geor ges Clemenceau einmal,„hat Frankreich immer dasselbe Ministerium: wie die Statisten auf einer Theaterbühne, so gehen und kommen dieselben alten Politiker wieder," Indessen wird in einigen Tagen Frankreich 'ein neues Ministerium haben, das wirklich zum ersten Male„neu" ist: an Stelle der berühmten Advokaten, die bisher das Land regierten, betritt eine andere Mannschaft die politische Arena— es sind die Delegierten der so zialistischen Partei. Diese kcmmenden Männer kann man in zwei große Gruppen teilen: es sind einmal die so zialistischen Fachmänner und Intellektuellen, und zweitens die Arbeiter. Unter den ersteren nimmt Bin een t A u r i o l, der zum Finanzminister ausersehen ist. den hervorragendsten Platz ein. Nach Leon Blum ist er der bekannteste Führer des franzö sischen Sozialismus. Deputierter seit 1914, wurde er frühzeitig Spezialist ist allen wirtschaftlichen und finanziellen Fragen. Einige Zeit hindurch Präsident der Finanzkommission der Kammer. Auriol ist lange Zeft„Reformist " gewesen; aber seit einiger Zeit scheinen sich seine Ideen geändert zu haben. Die Rettung der, französischen Fincrn- zen sicht er, und er verheimlicht diesen Gedanken keineswegs, weniger in der Devalvation oder in der Deflation, sondern in der allmählichen Durchführung sozialistischer Lösungen, Ein nicht weniger bemerkenswerter Kopf ist Charles Spinas f e. Als Sohn armer Bauern gelang es ihm, durch unerhörte Entbehrungen sein Diplom als Ingenieur zu erwerben. Er ging nach Amerika und war dort als einfacher Arbeiter bei Ford tätig. Nach Frankreich zurückgekehrt, veröffentlichte er sein erstes Buch über „Amerikanische Technik". Sters lernbegierig, hörte er die Vorlesungen Hendrik de Mans und Norman Angels. Dann wurde er sozialistischer Deputierter und begann, im Jahre 1928, die Wirtschaftstheorien. der Sowjetunion scharf zu kritisieren. Die Russen und. Kommunisten revan- chrerten sich und nannten,ihn damals einen„So zialfaschisten". „Der Sozialismus ", pflegte Spinasse zu sagen,„ ist heutzutage keine Frage der Philosophie mehr, sondern,,der Technik." Spinasse ist also Anhänger der Planwirtschaft, und falls er. wie zu erwarten sst, ins Kabinett Blum eintritt, wird er zweifellos wichtige wirtschaftliche Reformen Vorschlägen. Als, zukünftiger Avbeitsminister gilt L etz a s, heute Bürgcristeister der großen Industriestadt Roubaix .■ Voraussichtlich wird das Kabinett Blum noch eine- besondere Sensation ausweisen. Es ist mög-'
j—. Wir leben in einer Zeit der Trübung des Solidaritätsbewußlseins der Völker. Das Denken der Völker vermag nicht Schritt zu haften mit per Umwälzung ihrer Leüensbedingungen. In drei Flugstunden kann man von Prag bis-Amster dam reisen. Ein Schaltgrift am Radio läßt die Stimmen fremder Länder und Erdteile in unsere Stube dringen. Gleichzeitig aber wächst unter so manchen großen und kleinen Nationen der rückständigste Nationalismus. Mit dem Feldgeschrei gegen alle völkerverbindenden Institutionen hat der Faschismus große Siege erfochten. Sein Haß sichtete sich gleichermaßen gegen den proletarischen Internationalismus, wie gegen den von bürgerlichem Geiste beherrschten Völkerbund. Um das Maß von Verwirrung vollzumachen, pocht der Faschismus wieder selber auf seine Internationalität, preist sich laut als Friedensbringer und als Mittler zwischen den Völkern an. Eine große Realität rückt trotz allem immer mehr in den Vordergrund. Es ist die Tatsache, daß die Probleme, die die Men- schen der Gegenwart bewegen und ihre Schicksale bestimmen, nicht mehr im nationalen Rahmen zu lösen sind. Kein Land kann für sich allein den Frieden sichern. Keines kann isoliert die Grundlagen eines ruhigen wirtschaftlichen Aufbaues schaffen. Die Zeit der großen solidarischen Vülker- gemeinscbast ist noch nicht da, sie muß aber kom-
lich, ja wahrscheinlich, daß zum ersten Mal eine Frau Mitglied des Kabinetts sein wird, und zwar Madame G e r m a i n e P i c a r d- M o ch. Man wird ihr ein Tpezialressort einräumen, und zwar das des Mutter- und Kinderschutzes.'' Frau Picard-Mock ist seit fünfzehn Jahren Rechtsanwältin und tritt vor den Schranken des Gerichtes als glühende Verteidigerin des Mutter- und Kinderschutzes ein. Seit Jahren entwickelt sie ihre These von den dreifach sozialen Wurzeln der Kinderkriminalität, nämlich dem E l e n d, dec T t u n k s u ch t und den u n geregelten F a m i l i e n v e r h ä l t n i s s e n. Die Liste der Arbeiter, die voraussichtlich in wenigen Tagen Minister werden, ist nicht weniger interessant. Da ist SäleNgro, der für das Innenministerium vorgeschlagen wird. Er Wae ein einfacher Mincnärbeiter in Nordfrankreich, wurde dann Deputierter, und ist heute Bürgermeister von Lille . Auch B e d o u c e wird genannt, der mit seinen 72 Jahren das älteste Mitglied der sozialistischen Fraktion ist und seit 1906 der Kammer angehört. Er ist Gärtner in der Gegend den Toulouse . ■ Ein besonders merkwürdiger Fall ist der von H e n r i T a s s o, der das Ministerium der Handelsmarine übernehmen soll., Tasso ist nämlich in Neapel geboren, als Sohn italienischer Eltern. Ganz jung kam er nach Marseille , nm dort sein Glück zu versuchen, ohne ein Wort französisch sprechen zu'können. Lange Zeit war er Hafenarbeiter, dann tourde er naturalisiert und trat in die sozialistische Partei ein. Allmählich arbeitete er sich empor und ist heute einer der bedeutendsten Köpft der zweftgrößten Stadt Frankreichs : er wurde Stadtrat, Deputierter und ist seit dem letzten Jahr Bürgermeister von Mar seille. - Große Verdienste hat,!er fick um die Bekämpfung des Gangstertums erworben. Die Marseiller Gangster waren und sind die gefährlichsten von ganz Europa . Tasso hat erklärt, daß der Beiname von Marseille , das„französische Chikägc»", in wenigen Jahren nur noch eine schlechte Erinnerung sein- werde. Nicht mit Unrecht nennen, ihn viele den„ungekrönten König von Marseille ". Man sieht, das neue Kabineft Leon Blums tvird-sich, obwohl die einzelnen Kandidaturen I noch nicht feststehey, zweifelws stark von allen früheren Kabinetten Frankreichs unterscheiden. Statt. Advokaten kommen Fachbeamte und Arbeiter, die innerhalb des französischen Sozialismus teils der gemäßigtem teils der radikalen Richrung angchören. ■ Georges Marke!.
men, wenn die großen und kleinen Nationen den rettenden Ausweg zu höheren Lebensformen, zur gemeinsamen Wohlfahrt finden sollen. Aus dieser Problemstellung erwächst die historische Funktion des sozialistischen Internationalismus. Es ist wahr: der Sozialismus hat auf dem europä ischen Kontinent eine Reihe harter Rückschläge erlitten. Dadurch ist auch die Sozialistische Arbeiter-Internationale an empfindlichen Punkten geschwächt worden. Mag sie von den Feinden totgesagt, von manchen Gegnern unterschätzt und sogar von Freunden in ihrer praktischen Leistung angezweifelt werden: sie ist. trotzdem eine hohe moralische Instanz und ein politisches Willens,^en- trum geblieben. Sie kämpft mit den Schwierigkeiten einer weltpolitiscken Umbruchsperiode, aber sie kämpft auf der Linie der historischen Notwendigkeiten des Völkerlebens. Sie ist ein Fakwr in den Entscheidungen der Gegenwart und.hat alle Voraussetzungen in sich, eine Zukunftsmacht zu werden. Tas war der Eindruck, den die drei Brüsseler Verhandlungstage der■ Exekutive der TAI wohl in allen Teilnehmern hinterließen. Die Problemstellung England—Frankreich hat starke sozialistische Kräfte an den Schalthebel der Weltpolitik postiert. Die englische Arbeiterpartei hat nach den letzten Wahlen eine einflußreiche Position in der Politik des britischen W.lt- reiches bezogen. Ihr Einfluß aus die öffentliche Meinung ist so groß, daß sie bisher alle Strömungen bürgerlicher Kreise, die aus eine vollständige Kapitulation vor der räuberischen Politik des ita lienischen Faschismus hinzielten, erfolgreich durchkreuzen konnte. In Frankreich steht das Hauptverdienst an dem Sturz Lavals, des Schleppträgers Mussolinis, der sozialistischen Partei zu. Durch den Wahlsieg der französischen Linken sind die Voraussetzungen eines engeren Zusammenwirkens mit England zur Sicherung des Weltfriedens geschaffen. In diesem Zusammenhang gewinnt der Beschluß der Exekutive.der SAJ, welcher die Fortsetzung der Sanktionen gegen Italien fordert, an Bedeutung. Er richtet sich gleichermaßen gegen die Äapitulationstendenzen der französischen wie der englischen Rechtskreise wie gegen opportumsti- sche Wandlungen der russischen Außenpolitik, welche mit der Möglichkeit zu spielen scheint, durch Einstellung der Sankftonen italienische Hilfe gegen Hitlcrdeutschland zu erkaufen. Die Exekutive onig dabei von der Ueberfeugung aus, daß jede Stärkung Mussolinis auch eine Stärkung Hitlers bedeutet, daß durck die Schwächung des einen Diktators auch der andere geschwächt wird. Ihr Beschluß ist zugleich ein Bekenntnis zur Völkerbundpolitik. Die Sozialisten können nicht im Chor derer frohlocken, die sich über die Schwächung des Völkerbundes freuen. Sie wollen ihn im Interesse des Friedens stärken und erhalten. Viel wird zu den kommenden internationalen Entscheidungen die weitere innere Entwicklung in Frankreich beitragen. Die französischen Sozialisten find optimistisch. Sie fühlen sich von einer Welle' echter Volksgunst getragen und sie haben volles Vertrauen zu den staatsmännischen Qualitäten ihrer Führer. Sie bauen auch aus die Loyalftät ihres kommunistischen Partners. Zweifellos werden sich' in der Regierungspraxis der Volksfront' schwierige Augenblicke ergeben. Man muß aber die romanische Leidenschaft für Politik verstehen, um den Optimismus der französischen Genossen zu begreifen. In den Beratungen wurde ein Wort Brackes zitiert,' der mit seinen achtzig Lenzen noch immer eine der markantesten Führergestalten des französischen Sozialismus ist: „Endlich ist die Zeit der /großen S ch w i e r i g k e i t e n g e k o m nt e n, a u f diewirunssolangegefreuthab en." - Das Gelingen der großen Aufgabe des fran zösischen Sozialismus hängt in hohem Matze von der Verläßlichkeit feiner Partner ab. Von den Radikalen ist bekannt, daß sie wohl einwandfreie Demokraten und gute Republikaner sind, aber einer antikapitalistischen Krisenpolitik nur zögernd ihre Unterstützung leihen dürften. Deshalb gewinnt das Zusammenspiel von Sozialisten und Kommunisten enftcheidende Bedeutung für den Erfolg und die Stabilität der französischen Volksfrontregierung. Die französischen Kommunisten stehen vor der geschichtlichen Aufgabe, den Stand-
Die MiHisterkandHaten der Volksfront Fachleute, Arbeiter, Gewerkschaftler und— eine Frau