Seite 4 Sonntag, 31. Mai 1936 Nr. 128 Der„Kaiser von Abessinien" auf der Briefmarke Soeben kamen in Italien die ersten Briefmarken des abessinischen Kaiserreiches mit dem Kopf des italienischen Königs Viktor Emanuel als Kaiser von Abessinien heraus. Die beiden„Führer** Der„Teplitz-Schönauer Anzeiger" hat sich am Mittwoch in einem Leitartikel mit der für seine Leser zweifellos nicht leicht verdaulichen Tatsache abzufinden versucht, daß im Zeichen des sterbenden Marxismus und der triumphierenden Reinrassigkeit der Sozialist und- Jude L c o n Blum auf Grund eines großen Wahlsieges der Linken Ministerpräsident der französischen Repu blik wird. Nachdem der Leitartikel des„Teplitz- Schönauer Anzeigers" den Werdegang des literarisch hochgebildeten, in seiner Jugend als Schriftsteller und Theaterkritiker tätigen und bis heute mit Geistesgrößen wie AndrL Gide befreundeten Mannes berichtet hat, versucht er das für ihn Erstaunliche zu erklären, daß dieser Mann Sozialistenführer und Ministerpräsident geworden ist. Der Leitartikel versucht es zunächst mit einer Wendung gegen das deutsche Proletariat, indem er das französische als geistig überlegen hinstellen möchte, im nächsten Satze aber will er den Zusammenhang zwischen Blum und dem Proletariat überhaupt leugnen und erklärt deshalb, daß die französische Sozialdemokratie„heute zumeist aus verarmten Meinbürgern, Rentnern, Beamten und Bauern" bestehe, was allerdings schon deshalb keine- sehr einleuchtende Erklärung für den Sieg Leon Blums ist, weil Blum ja durch einen Sieg der Volksfront zur Macht gekommen ist, in der das französische Proletariat mit'den Mittelschichten gemeinsam aufmarschierte. Aber der Leitartikler des„Teplitz-Schönauer Anzeigers" will mit aller Gewalt das Problem Lion Blum im antimarristischen Sinne„bereinigen" und philosophiert deshalb über die französischen Mittelschichten:„Diese Menschen sehen jenseits der Vogesen in Leon Blum den Führer, wie sie ihn diesseits in Adolf Hitler erblicken", wenngleich diese Führer selber die größten überhaupt denkbaren Gegensätze repräsentieren." An diesem Satze ist vieles unklar: ob mit dem„sie" die französischen oder die deutschenMittelschichten oder die Leser des„Teplitz-Schönauer Anzeigers" gemeint sind, die um jeden Preis Führer sehen wollen,— aber klar ist soviel, daß der verlegene Leitartikler, der auf so halsbrecherische Art die Führerstellung Hitlers durch den Erfolg Leon Blums bestätigt sehen möchte, mit dem zweiten Teil seines Satzes recht hat: zwischen Leon Blum und Adolf Hitler bestehen tatsächlich die größten überhaupt denkbaren Gegensätze, und wenn es währ ist, daß beide vom Vertrauen der Mittelschichten zur Macht getragen wurden, dann fällt der Vergleich für den deutschen Mittelstand vernichtend aus. Der französische Mittelstand hätte demnach.einen Mann an die Spitze Frankreichs berufen, der— um nur ein Beispiel zu nennen— als Goethe-Kenner die„Neuen Gespräche Goethes mit Eckermann" schrieb,— der deutsche Mittelstand aber jubelt einem Führer zu, unter dessen Regime Goethe aus dem deutschen Schullesebuch verschwindet! Wieder zwei Dkenschen vom Blitz getötet. Ueber die kleine Erzgebirgsortschast Frühbuß im Bezirk Neudek entlud sich am Mittwoch um die Mittagsstunden eist außerordentlich schweres Gewitter, dem zwei Menschenleben zum Opfer fielen. In der Umgebung des Ortes war eine Gruppe von Arbeitern beim Torfstich beschäftigt, als sich das Unwetter zu entladen begann. Eine aus fünf Personen bestehende Arbeitergruppe flüchtete sich vor dem dicht herniederrauschenden Regen unter eine zehn Meter hohe Fichte, in die ccher kurz darauf ein Blitzstrahl fuhr. Zwei der Leute, der 45jährige verheiratete Joses Wolfert, der Vater eines Kindes ist, und der 35jährige ledige Rudolf Baumgärtl aus Sauersack wurden von: Blitz sofort getötet, während die übrigen drei Männer betäubt wurden. Erst nach stundenlangen Wiederbelebungsversuchen gelang es, sie aus ihrer Ohnmacht zu erwecken. Das Schicksal der Getöteten ist um so tragischer, als sie jahrelang ohne Arbeit waren und erst vor kurzem aushilfsweise beim Torfstich Verwendung gefunden hatten. Anläßlich der Pfingstfeiertage wird am Montag, den 1. Juni n i ch t g e- arbeitet, so daß unsere Dien-» tagausgabe vom 2. Juni entfällt. Die Verwalt««-. ist die Klarheit, mit der.Aauer den Aufstieg und Niedergang der Arbeiterbewegung im Zusammenhang mit der ökonomischen Konjunktur zeigt oder wie er selbst sagt, die„Beherrschung der sozialen und politischen Entwicklung durch die ökonomischen Konjunkturschwankungen". Die Untersuchung endigt mft der Feftellung, daß eine Planwirtschaft im Kapitalismus unmöglich ist, daß der Be- lebungsmechanismus der Wirtschaft diesmal auf weit stärkere Widerstände stößt, als bei früheren Krisen, daß der Raum für soziale Reformen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft immer schmäler wird, daß aber die ökonomische Entwicklung in den einzelnen Ländern sich verschieden vollzieht, daß also die Entscheidung: Weitere soziale Reformarbe'.t oder soziale Revolution? in jedem Lande anders ausfallen müsse. Demokratie und Diktatur Ein zweiter Abschnitt des Buches befaßt sich mit der Krise der Demokratie. Die Demokratie hat die Arbeiterbewegung nach Bauers Auffassung sehr widerspruchsvoll beeinflußt. Einerseits hat sie Leben und Kultur der Arbeiter unerhört ge- hÄben, andererseits die Arbeiterparteien in bloße Reformpartrien verwandelt, die sich damit begnügen, innerhalb der bürgerlichen Demokratie die Lage der Arbeiter zu verbessern. Da aber die Demokratie die Arbeiter vor den Schlägen von Krise und Arbeitslosigkeit nicht bewahrt hat, verzweifelten die Massen an der Dentokratie und der Faschismus konnte triumphieren. In der Sowjet union wieder griff man zur Diktatur des Prole tariats , die notwendig ist zur Ueberführung des Kapitalismus in den Sozialismus, die aber bei all ihren großen Leistungen für die Sowjetunion , zu denen sich Bauer uneingeschränkt bekennt, allmählich ein Hindernis der Entwicklung wird, denn der Sctzialismus kann der geistigen Freiheit nicht ent- raten, er kann nur demokratisch sein. In einer Untersuchung der Krise unserer Kultur gelangt Bauer zu der Feststellung, daß das Verhältnis von Demokratie und Sozialismus das größt«' und entscheidende Kulturproblem unserer Zeit ist. Bauer hält zwar an der Notwendigkeit einer proletarischen Diktatur als Uebergang zum Sozialismus fest, glaubt aber nicht, daß diese Diktatur in Westeuropa dieselben Formen annehmen muß wie in der Sowjetunion . Er läßt— wenngleich er gerade in diesem Punkte nicht ganz klar ist— auch die Möglichkeit der Diktatur einer demokratischen Parlamentsmehrheit offen. und eines demokratischen Ueberganges zum Sozialis- muß in den kleinen, für die Wellentwicklung nicht entscheidenden Ländern— er liefert also, wenn man so sagen will, auch eine Theorie für den demokratischen Sozialismus in der Tschechoslowa kei . Die Untersuchung endet damit, daß eine Synthese notwendig sei ,,des demokratischen -Sozialismus des Westerts und des tetiiflutiönareN Sozialismus des Ostens, die Synthese geistigpolitischer Freiheit und ökonomisch-sozialer Befreiung"— die sich vollziehen wird im Weltensturm der Zukunft, in dem Kriege, den die demokratischen Staaten des Westens im Bund mit der Sowjetunion gegen den Faschismus führen werden. Lpaltung und Vereinigung Der letzte Abschnitt des Werkes ist der jeden Sozialisten brennend interessierenden Frage der Krise des Sozialismus gewidmet. Bauer unterscheidet einen reformistischen und revolutionären Sozialismus, die er beide aus bestimmten geschichtlichen Bedingungen als'Notwendigkeiten ableitet. Dem revolutionären Sozialismus Marxens folgte der reformistische seit den siebziger Jahren aus dem Tageskampse um die Hebung des sozialen Niveaus der Arbeiter, wobei aber die Ideologie dieser Bewegung weiter marxistisch war.„Blieb die Theorie des kontinentalen So- Weltkrise und Sozialismus Ein grundlegendes Werk des Marxismus Marxismus in unserer Zeit Die Sozialdemokratie hat vor dem Weltkriege über die reichhaltigste und bedeutsamste politische Literatur verfügt, der Marxismus hat alle Theorie und Ideologie anderer Parteien turmhoch überragt. Das wissenschaftliche Werk von Karl Marx und Friedrich Engels war die blendendste politische Theorie aller Zeiten und Völker, eine Lehre, die geschöpft war aus der kapitalistisch-industriellen Entwicklung des 19. Jahrhunderts, der Wirtschaft und Gesellschaft Europas , wie sie dem klassischen Kapitalismus entsprach. Aber weder Engels noch Marxens Schüler blieben bei den Ergebnissen der Lehren ihres Meisters stehen, sondern erklärten die Ereignisse der folgenden Jahrzehnte mit Hilfe der Marx'schen Methode. So wie Marx in seinem Hauptwerk, dem„Kapital", den Kapitalismus etwa der Mitte des Jahrhunderts untersuchte und die Gesetze seiner Entwicklung erforschte, so versuchte Hilfevding in seinem wenige Jahre vor dem Weltkriege erschienenen„Finanzkapital" die kapitalistische Wirtschaft um die Jahrhundertwende zu erklären, die Entwicklung vom„freien" Kapitalismus und Liberalismus zum Monopolkapitalismus und Imperialismus darzulegen, die sozialistische Politik jener Zeit auf feste wissenschaftliche Grundlagen zu stellen. Die ersten Jahre nach dem Weltkriegs waren dem wissenschaftlichen Marxismus nicht günstig. Die großen, ökonomischen, sozialen und politischen Umwälzungen waren zu rasch gekommen, um sie dem alten Weltbild rasch einreihen zu können— außer der genialen Schrift Lenins über „Staat und Revolution ", die aus einem augenblicklichen Bedürfnis geboren war, weist der Sozialismus der allerersten Nachkriegsjahre kein Werk auf, das die sozialistische Bewegung dauernd beeinflußt hat und noch heute wirkt. Wohl sind dann später bedeutsame theoretische Werke von sozialistischen Schriftstellern erschienen, welche den Marxismus nach irgend einer Selle— ökonomisch, historisch, philosophisch— vertieft haben, aber das große Werk, welches die Gesamtentwicklung unserer Zeit umfaßt, die treibenden Kräfte der Gesellschaft der Nachkriegsjahre aufdeckt und uns damit den Weg in die Zukunft weist, ist uns der Marxismus schuldig geblieben. Seit den katastrophalen Erschütterungen, die die sozialistische Bewegung in den letzten Jahren erlebt, insbesondere seit der Niederlage, welche die Sozialdemokratie in dem Geburtslande des Marxismus erlitten hat, macht sich das Bedürfnis nach einer neuerlichen lleberprüfung der Ge- samtlage der Arbeiterschaft unv des Sozialismus stärker geltend und nach verschiedenen Beiträgen, welche auch Angehörige unserer Partei zu den Schicksalsproblemen unserer Zeit geleistet haben, meldet sich nun der theoretische Kopf der marxistsschen Schule, Otto Bauer , zu Wort. Bauer hatte die Absicht, ein mehrbändiges Werk über„Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkriege" zu schreiben, von dem seinerzeit der erste Band(„Rationalisierung und Fehlrationalisierung") erschienen ist. Die Ereignisse seither haben den Plan des Autors gestört und er begnügt sich in einem knappen Bande, das wichtigste zur„Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus" zu sagen. Gerade dadurch hat er ein lebendiges Werk geschaffen, das jedem, der in dieser verworrenen Zeit, in dieser Zeit faschisttschen Ungeistes nach Erkenntnis sttebt, der heißen Herzens mithelfen will, die Menschheit aus dem Tal der Tränen hinaus- zuführen, reiches Wissen bringt und viel Antwort auf die Rätsel der Gesellschaft gibt, immer nach Beurteilung der Gesamtentwicklung strebt, ohne sich in Nebenfragen zu verlieren und mit brennendem Interesse zu Ende gelesen wird— wenn es auch noch manche schicksalshafte Fragen unbeantwortet läßt und zu manchem Zweifel anregt.* Wirtschaftskrise Getreu der Marx'schen Methode untersucht Bauer zunächst die Krise der Weltwirtschaft. Er zeigt die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft nach dem Weltkriege, legt die Ursache der großen Krise bloß, zeigt, was sie von den früheren Krisen unterscheidet, erläutert gewisse neue Erscheinungen in ihrer Bedeutung für die Arbeiterschaft, wie Devalvation, Deflation und vor allem die„dirigierte Wirtschaft".„Die bürokratische Regulierung der Wirtschaft ist", so sagt er„zum Mittel der Entwicklung vom liberalen Kapitalismus der freien Konkurrenz zum bürokratisch dirigierten Monopolkapitalismus geworden". Das Wertvollste an dieser ganzen Untersuchung *) Otto Bauer ;„Zwischen zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschast, der Demokratie und de->Sozialismus". Erschienen im Eugen Prager-Nirlag 1936. Preis Ki 32.—. Sn dieser Stelle sei mit Anerkennung des rührigen Verlegers gedacht, der kurz hintereinander die Bücher von Jakfch und Franzet und mm auch dar von Bauer berauSgebracht hat. «Der Tag“ Höllenfeuer vor dem Skagerak „Auf den Tag" stießen lange vor 1914 die deutschen Marine-Offiziere an, wenn sie in feierlicher oder weinseliger Stimmung waren. Die Gesichter wurden hart, die Augen brannten heiß und halblaut prosteten sie, als gelte es noch immer ein Geheimnis:„Der Tag!" Gemeint war: der Tag der großen Seeschlacht, der Abrechnung mit England, der Tag, an dem die jüngste Schlachtflotte der Welt, eine Motte ganz ohne Traditton und Kriegserfahrung, der ältesten, ruhmreichsten,' seebeherrschenden Flotte begegnen sollte, um ihr den blutigen Lorbeer und die Macht Über die Meere zu entreißen. Das Echo von drüben, von jenseits des Kanals, war nüchterner. Im Jahre 1905 erwogen der Erste Lord der Admiralität und ein paar Hartköpfe um ihn, ob es nicht das beste sei, die deutsche Flotte, ehe noch das große Hauptprogramm von 1899 fertig sei, in ihren Hafen aufzusuchen und ohne Kriegserklärung zusammenzuschießen. Dann wieder kam Cur» chills boshaftes Wort von der.Zuxirsflotte" der deutschen Vettern.Zwischendurch verhandelte man mit Berlin über«in Kompromiß im Wettrüsten. Denn wenn auch Britannien in der Lage war, für jedes yeue deutsche Schiff zwei englische auf Kiel zu legen, wenn es auch zu immer größeren Bauten überging, zu den Dreadnoughts zuerst und dann zu den Ueber- DreadnoughtS der„Queen Elizabeth "-Klaffe, wenn auch England von den 28 Zentimeter-Kalibern seiner Langrohre zu den 34 und schließlich zu 88 Zentimeter überging, so kostete das doch mehr, als die englischen Steuerträger auf die Dauer zahlen wollten. Einmal mußte man an der Grenze halten, wo cs zu entscheiden galt: Schlagen oder abrüstenl Diese Erwägung spielte für Sir Edward Grey , als er seit 1905 den Eintritt Englands in einen Festlandskrieg systematisch vorbereitete, eine entscheidende Rolle. Als es 1914 so weit war, hielten beide Regierungen ihre Flotten sorgsam in den Häfen. Die schwimmenden Festungen von 20.000 bis 80.000 Tonnen Wafferverdrängung, mit»mdetthaDtausend Mann Besatzung mit ihren Gefechtstürmen und ihren zwölf und mehr Riesenkanonen, hatten jedes ein Vermögen gekostet. Sollte man sie bern Risiko der Schlacht, sollte man sie dem GlückStteffer eines winzigen Torpedobootes anSsetzen?! Die Deutschen blieben im Schutz von Helgoland und die Politiker und Hofadmirale erfanden die These von der Aufbewahrung deS Faustpfands der Motte bis zum FriedenSschluß; die Briten sandten die„Grand Meet" nach dem Norden, nach Scapa flow. Der erste Winter schon bewies, daß ein modernes Schlachtschiff selbst den Unbilden von Stürmen und hohem Wellengang nicht immer gewachsen ist. Die Briten hatten zeitweise einen so hohen Ausfall an großen Schssfen, daß die Deutschen die Schlacht unter sehr günstigen Verhältnissen hätten wagen können. Aber der deutsche Nachrichtendienst war schlecht. Die Deutschen erfuhren erst viel später, welche Gelegenheit ihnen entgangen war. Zwei KriegSjochre beinahe vergehen, ohne daß die Hochseeflotte und die Grand fleet einander begegnen. Einmal stoßen die Schlachtkreuzer aufeinander, an der Doggerbarck. Die Deutschen verlieren den ganz verbauten„Blücher ". Sie lernen aber aus der Schlappe und verbeffern manches an ihren Schiffen und viel an ihrer Munition.' Zweimal wechselt das deutsche Flottenkommando. Erst der dritte Kommandant, Reinhold ;S ch e e r, ist ein Draufgänger. Er läßt die englische Küste angreifen. Das Unerhörte geschieht, daß britt- sche Häfen bombardiert werden, während noch keine britische Granate die deutsche Küste erreicht hat. Admiral Jellicoe erhält den Auftrag, die Deutschen zu„züchttgen", wenn sie noch einen Vor- stoß wagen sollten. Der vorsichttge, nüchtern rechnende Seemann wartet also auf den Tag, an dem die Deutschen aus dem Bau kommen würden. Da die britischen Funkstattonen die deutschenSignale mitlesen und alle Chiffreschlüssel binnen kürzester Zett finden, ist Jellicoe über die Bewegungen Scheers jederzeit unterrichtet. Scheer wieder hofft darauf, gelegentlich Teile der Grand fleet zum Kampf stellen zu können, oder, wenn es zum Treffen mit dem Gros kam, die U-Boote und die Zeppelin» einsetzen zu können. Als er in den grauenden Morgenstunden des 81. Mai 1916 die Jade verläßt, hat er aber weder die Zepps zur Hand, noch darf er mit den Tauchbooten rechnen, die schon auf der Heimfahrt sind, da sie zu lange hatten warten müssen, während die Hochseeflotte eines ihrer besten Schiffe, den Schlachtkreuzer„Seydlitz", der eine Havarie hatte, gefechtsklar machte. In London weiß man, daß Scheer, 100 Kilometer voran die fünf Schlachtkreuzer des Admirals Hipper, mit der Hochseeflotte nach Norden marschiert, gegen den Skagerak, das minengesperrte Tor zwischen Nordsee und Sund. Jellicoe erhält Weisung, den Kampf aufzunehmen. Von Scapa flow dampft er nach Osten. Früher als er, wird Admiral Beatth mit seinen sechs Schlachtkreuzern am Platz des blutigen Rendezvous erscheinen, dinn er hat von dem schottischen Rosyth her den kürzeren Weg. Hippers Flagge weht vom„Lützow ", Harmlose Signale ergehen von Zeit zu Zeit und auf den Schiffen wird mit Kartuschen geschossen, wird exerziert, gearbeitet wie' im tiefsten Frieden. Hippers Riesen voran, rennen die Kleinen Kreuzer, die Aufklärungskräfte. Nach vier Uhr sichten sie einen kleinen Handelsdampfer, untersuchen ihn auf Konterbande, verweilen bei dem gemütlichen Geschäft. Da tauchen Rauchwolken und bald auch Schlote und Aufbauten über dem Horizont auf. Beatty braust heran. Sein Kommandoschiff ist der ,^hon". Fünf ebenso große laufen noch unter seinem Kommando. Es ist Hipper um ein Schiff und in der Zahl wie im Kalber der Rohre überlegen. Um 5 Uhr 49 feuert„Lützow " den ersten Schuß. Bald ist die Hölle los, sind alle Schrecken der modernen Seeschlacht furchtbarste Wirklichkeit geworden. In dieser Schlacht kämpfen Schiffe, kämpfen Maschinen gegeneinander. Die Menschen sind nur hilflose Bestandteile der Maschinen, Gewürm im Leib der eisernen Riesen. Kein Mann weiß, was draußen vorgöht. Es ist glühendheiß in den Türmen, Kammern, vor den Kesseln. Durst quält und Pulverdampf beizt die Schleimhäute. Die Nerven sind zum Reißen gespannt, in den Eingeweiden wühlt die Erregung der bangen Stunde. Wird das Schiff getroffen, dröhnen die stählernen Wände, dann spüren die tausend Menschen eS. Manchmal fangen sie einen Wortfetzen auf, den die Beobachter dmchgeben, hören, wie eS draußen steht. Aber sonst sehen sie— wenigstens auf den großen Schiffen— nichts. In ihren stählernen Gräbern erfüllen sie den Dienst an der Mordmaschine: Laden, Richten, Feuern, Laden, Richten, Feuern... Wird ein Turm gettoffen, wie auf der„Seydlitz", so brennt er in riesiger, 100 Meter höher Sttchflamme im Bruchteil einer Sekunde auS. Die 80 Mann in seinem Innern sterben einen entsetzlichen und in aller Grauenhaftigkeit
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16 (31.5.1936) 128
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