Dienstag, S. Juni 1936 Nr. 134 16. Jahrgang Eiiiniimis 70 Heller (•inuhli.ßlich 5 Haller Parte) IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xii., fochova a. Telefon 53077. HERAUSGEBER) SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR) DR. EMIL STRAUSS, PRAG . Ein groBer Erfolg L6on Blums: Erfolgreiche Vermittlung im Streik Unternehmer geben nach/ Ole Grundlagen eines modernen Arbeitsrechtes geschaffen der 500.000 Leon Blum und fein Innenminister Talengro(gleichfalls Sozialist) haben in der Nacht vom Sonntag zum Montag die Krrhandlungrn mit den Bertrrtern der Arbeiter nnd der Unternehmer anfgenommcn. Es gelang ihnen, ein Einvernehmen in den grundsätzlichen Fragen zustandezubringen. Das Abkommen, au f Grund dessen der Streik in den* ersten Tagen der Woche wahrscheinlich völlig liquidiert werden wird, bringt der Arbeiterschaft große Erfolge. Nicht nur die beträchtlichen Lohnerhöhungen, sondern vor allem die Anerkennung gewisser Funda mental s ätze des Arbeitsrechtes, das in Frankreich bisher sehr im argen lag, dürfen als gewaltiger Erfolg der Arbeiterschaft und der Regierung gebucht«erden. Man hofft, das Abkommen verallgemeinern und die faktische Beendigung des Streiks binnen kurzem erzielen zu können. Die öffentliche Meinung erblickt in der glücklichen Vermittlung allgemein rin Zeichen der Stärke der Volksfront-Regirrung, die unverzüglich an die Durchführung ihres Programms schreiten will. Das abgeschlossene Abkommen sieht vor: 1. Die Einsührung von kollektiven A r b e i t s v e r t r ä g e«, 2. Gewerkschaftsfreiheit der Arbeiter, 3. Erhöhung der Löhne nm sieben Prozent für die höheren b i s z n 1 5 P r o z e«t für die niedrigsten Löhne, jedoch derart, daß die gesamte Nrnbelastnng des Betriebes durch die I Lohnerhöhung nicht mehr als zwölf Prozent betragen darf. 4. Einführung von Arbeiterräten in alle Betrieben mit mehr als zehn Arbeiter«. 5. Keine Strafmaßnahmen gegen die Streikenden, 6. Anfforderung seitens der Arbeiterabord- nungcn zur sofortigen Wiederaufnahme der Arbeit in den bestreikten Betriebe«, sobald die Ar- Vie Bukarester Festlichkeiten durch ein furchtbares Unglück gestört Tribünen-Elnsturz Im Stadion Die Bukarester Entrevue der Oberhäupter der drei Kleine Entente-Staaten erlitt Montag eine tragische Störung durch einen Unglücksfall im Stadion. Bis dahin war die Zusammenkunft festlich und harmonisch verlaufen. Die Gäste der rumänischen Hauptstadt, unser Präsident Dr. Benes und der jugoslawische Prinzregent Pavle, sind von der rumänischen Bevölkerung mit großer Herzlichkeit ausgenommen worden. Die Beratungen der drei Staatshäupter und die parallel laufenden Konferenzen der Außenminister ergaben eine, auch in den Ansprachen und Trinksprüchen immer wieder betonte, völlige Uebereinstimmung in den politischen Ansichten und vor allem in der Ueberzeugung, daß die Kleine Entente als ein Ganzes, als eine Einheit erhalten werden muß. Sonntag wurde über die Entrevue folgendes Kommuniquee ausgegeben: »Heute fand in Srrovistr die zweite vierstündige Beratung zwischen König Carol , dem Präsidenten Dr. Benes und dem Prinzen Paul statt, an der Mnisterpräsident Tatarese«, Minister des Aenßern Titulrseu und der tschechoslowakische Minister des Aeußern Doktor K r o f 1 a teilnahmen. Es wurden sämtliche Probleme geprüft, die auf dem Programm waren. Es wurde konstatiert, daß über sämtliche dieser Probleme dir vollkommene Identität der Anschauungen besteht und daher eine vollkommene Aktionsgrmein- schaft frstgestellt." Montag vormittags fand im Stadion von Cotrocqn bei Bukarest aus Anlaß des Thronbesteigungsfestes Carols II. eine große Jugendfeier des Verbandes der„S t r a j e r i", einer sportlichen und der vormilitärischen Erziehung dienenden Organisation. statt, an der sich etwa 25.000 Knaben und Mädchen aktiv beteiligten. Ueber den Unfall berichtet das Tsch. P.-B. u. a.: Als gegen 11 Uhr dir Formierung zur Defilierung vorgenommen wurde, ereignete sich auf bisher unaufgeklärte Weise ein großes Unglück. Auf dem Stadion, das ursprünglich ein Uebungs- platz war, sind drei kleinere Ehrentribünen, links vom Haupteingang errichtet worden. Auf den anderen drei Seiten des Stadions find je drei große Tribunen für das Publikum. Auf diesen Tribünen warnt unten die Steh-, oben die Sitzplätze. Jede Tribüne faßte schätzungsweise 3000 bis 4000 Zuschauer. Zum Entsetzen aller Anwesenden g a b p l ö tz- lich die äußere Tribüne auf der Seite gegenüber den Ehrentribünen nach und wie ab- gcschnitten brach sie insichzusammen; nur die Hauptpfeiler zu beiden Seiten der Tribünen ragten aus den Trümmern empor. Nach dem ersten Schrecken wurde das Publikum durch Lautsprecher aufgcfordert, Ruhe zu bewahren. In kurzer Zeit wurden die erste« Ber- wundetrn weggetragen. Man sah insbesondere Verletzte an Händen und Fü^n. Nach und nach erscheinen die eingestürzten Balken, Pfosten und Bretter, die dir'Rettungskorps wcgräumen und auf einen Haufen schichten, um zu den Verwundeten zu gelangen. Ambulanzen und Arrzte arbeiten rasch. Unermüdlich arbeiten auch die Skauts, die von allen Seiten mit Tragbahren herankommen. Rasch find Personen- und Feuerwehrkrast- wagen zur Stelle. Das Publikum, von dem Unglück tief erregt, bewahrte musterhafte Ruhe und Ordnung. Wie das Innenministerium abends mitteilt, hat das heutige Unglück bei der Feier der rumänischen Jugend drei Menschenleben gefordert, und zwar eine Frckst, einen Kapitän und einen Privatbeamten. Bon den etwa 300 Verletzten, die im Krankenhaus behandelt wurden, konnten viele Unruhen In polen dauern an Warschau . In dem Jndustriestädtchen Biala im Teschencr Schlesien stehen seit einigen Tagen die Arbeiter der Textilfabrik Lenko, 1400 an der Zahl, im Ausstand.' Zur Unterstützung des Lohnlampfes der Arbeiter dieser Fabrik ist heute im/ ganzen Bielitz -Bialer Jndustrierevier ein allgemeiner Ausstand der Textilarbeiter proklamiert worden. Dieser allgemeine Streik führte im Laufe des Montags zu schweren Ausschreitungen. Im Laufe des Nachmittags drangen einige tausend streikende Textilarbeiter in die Räumlichkeiten der großen Textilfabrik Fischlowitz in Bie- litz ein. Zwischen den Streikenden und den Streik«. beitgeber das grundsätzliche Abkomme» angenommen«nd Verhandlungen über dessen Durchführung angesetzt sein werden. Schnellarbelt in der Kammer Paris.(Tsch. P.-B.) Die Regierung bereitet einen A m n e st i e-G esetzentwurf, weiters Entwürfe für dir40-stündigeAr- beits woche und über Kollektivverträge vor«nd wird sie am Dienstag Nachmittag der Kammer mit dem Ersuchen vorlegen, sofort eine Sonderkommission zu wählen, welche sie beraten«nd dem Plenum zur Annahme empfehlen würde. Die Regierung hat die Absicht, das Parlament zu ersuchen, gleichzeitig mit der Annahme dieser Vorlage der Negierung die Ermächtigung zur praktischen Anwendung der Texte, deren Prinzipien das Parlament annehmen wird, zu geben. Es handelt sich nicht, wie Leon Blum in der Kammer ausdrücklich erklärt hat, um irgendeine außerordentliche Vollmacht, sondern nur«m Delegierung, d. i. Verleihung der Vollmacht. Minister Netas in Nordböhmen Reichender g. Amtlich wird gemeldet: Sonntag vormittag fand im Rathaus von L lebe n a u bei Rrichrnberg eine Beratung des Ministers für soziale Fürsorge Jng. N e k a s mit den Vertretern der staatlichem Behörden und autonomen Faktoren über wirtschaftlich« und soziale Fragen in dem schwer heimgesuchten Reichenberger Gebiet statt. Außer industriellen Fragen wurde die Frage der öffentlichen Investitionen durchberaten«nd über die Hilfe für die Selbstverwaltung beraten. An den Beratungen nahmen die Bertreter der tschechischen nnd der deutschen Bevölkerung teil. nach Anlegung von Verbänden in häusliche Pflege entlassen werden. Die Verletzungen bestehen zum größten Teil aus Frakturen. Bon den ausländischen Gästen wurde nie- niand verletzt. Auch verhältnismäßig wenig Jugend ist von dem Unglück betroffen. Schon knapp bei Beginn des öffentlichen Auftretens ereignete sich ein kleinerer Unfall auf einer anderen kleinerm Tribüne beim Eingang zum Stadion, wo gleichfalls einige Stufen mit den Zuschauern einstürzten und wo nach den ersten Meldungen auch einige Personen verletzt wurden, darunter auch Kinder. Trotz des Unfalls fand die D e f i l i e r u n g programmgemäß und während man noch mit den Bergungsarbeiten beschäftigt war statt. Nachmittags reiste der Prinzregent Pavle aus Bukarest ab. brechern dieser Fabrik kam es zu Schlägereien. Die Polizei vertrieb mit Hilfe von Tränengasbomben und unter Anwendung der blanken Waffe die Streikenden, wobei einige Streikende verletzt wurden. In Thorn begaben sich Arbeitslose nach einer Straßenkundgebung vor das Gebäude der Woiwodschaft. Eine Deputation wurde hier empfangen. Die Demonstranten gaben sich mit der Antwort nicht zufrieden und versuchten,än das Wojwodschaftsgebäude einzudringen. Die Polizei schoß. Es wurden zwei Arbeitslose, darunter der Sekretär eines Ar>>-iterverbandes getötet, vier Llrbeitslose wurden schwer.verletzte Entlarvung des Sudetofaschismus Von Dr. Ludwig Czech Auf dem prächtig verlaufenen Kreisarbeitertage in Tachau , über den wir im Innern des Blattes berichten, hielt der Parteivorsitzende Dr. Czech eine Rede, in der er zu den wichtigsten außen« und innenpolitischen Ereignissen Stellung nahm. Er überbrachte den Böhmer- Wald-Arbeirern zunächst den Gruß der Gesamtbewegung, gedachte der schönen Tage von Bodenbach und fuhr dann fort: Die ganze Welt verlebt jetzt bange Stunden. Der Geist der Brachialgewalt hat sich in Mittel europa an die Macht htrangearbeitet. Er hat die Sinne großer Teile des deutschen Volkes betört und schwerstes Unglück über die deutschen arbeitenden Menschen gebracht. Vergessen sind die fürchterlichen Auswirkungen d e s W e l t k ri e g e s, vergessen das Blutbad, das viele Millionen an Menschenopfern erheischte. Vergessen das fürchterliche Leid der Millionen von Witwen, Waisen und Krüppeln, vergessen die Brandschatzung unermeßlicher Kulturwerte, die Vernichtung der Weltwirtschaft, die zwangsläufig den Zusammenbruch der Wirtschaft der kleineren Staaten im Gefolge haben mußte. Und wieder ist Europa auf dem besten Wege, in ein neues gewaltiges Kriegsabenteuer hineinzuschlittern, das uns eine zweite, aber sicherlich noch tragischere Auflage des Weltkrieges bringen könnte. Bon verblendeten, der Verzweiflung verfallenen Menschen aus den Schild gehoben, ist der Faschismus eben daran, in Europa einen n e u e n B r a n d a n z u z ü n d e n, gegen den— angesichts der ins Unheimliche und Wahnwitzige gesteigerten Mordtechnik—; der Weltkrieg nur ein Kinderspiel sein würde. Und so steht die ganze zivilisierte Welt wieder vor den größten Gefahven, die zu bannen die brennendste Aufgabe der Stunde ist. Aber diese Aufgabe vermag einzig und allein dassozia- listische Proletariat zu meistern. Nur das klassenbewußte Proletariat, um dessen Schicksal es geht und das allein die Kraft besitzt, den schweren Kampf aufzunehmen, vermag den Faschismus in seinem Vormarsch aufzuhalten, sich ihm entgegenzuwerfen, ihm in den Arm zu falle.: und ihn niederzuschlagen. Darum muß es sich an die Spitze dieses Kampfes stellen und seine Führung übernehmen. Der Faschismus schützt vor, daß sein Kampf ausschließlich gegen den Marxismus gerichtet ist, aber in Wirklichkeit ist er nur der D e ck m a»> i e l für die Auseinandersetzung des Kapitalismus mit dem Sozial is- m u s, für die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arheit. Im Bereiche dieser Auseinandersetzung bÄvegt sich in Wirklichkeit die Kampflinie. Hier verlaufen die Barrikaden, auf denen um die Entscheidung gerungen wird. Das hat die sozialistische Arbeiterklasse längst erkannt und längst den wahren Charakter des Faschismus entlarvt. Darum konzentriert sie alle ihre Kraft auf die Niederwerfung dieses Feindes, dessen Vernichtung die Vorbedingung für die Befreiung der Welt von dieser fürchterlichen Geißel, die Vorbedingung für die Zusammenarbeit der Völker und Staaten, für die Wiederaufnahme der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, für den wirtschaftlichen Umschwung ist— nach dem die ganze Welt und vor allem die Arbeiterklasse lechzt—, da sie auch hier wieder den hauptsächlichsten Teil der Opfer zu tragen hat. Das spüren die Arbeiter unseres Landes und besonders die unserer Randgebiete. Daran hatten auch unsere Böhmerwäldler schwer zu tragen. Das hatten auch unsere Arbeitslosen schwer zu büßen, vor deren Heroismus wir uns in Ehrfurcht beugen. Bald werden es sieben Jahre, sein, seitdem die Wirtschaftskrise ins Land gezogen ist. Rur mühevoll und unter den schwersten Entbehrungen vermochten sich die arbeitenden Menschen unseres Landes während dieser Zeit über das Schlimmste Hinwegzubringen. In, diese» Stunden ist unsere ganze Bewegung ununterbrochen an der Seite unserer tapferen Arbeiter gestanden. Unter Anspannung aller.Kräfte haben sich all« Funktionäre, alle unsere Vertrauensmänner an allen hiefiir in Betracht kommenden Stellen: in der Regierung, im Parlament, in den Gewerkschaften und den Genossenschaften ganz in
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16 (9.6.1936) 134
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