Seite 2 Dienstag, 16. Juni 1936 Nr. 140 sagt,.daß die in Aussicht genommene Maßnahme wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse unangebracht ist" und daß seine Freunde die Verkürzung detz Arbeitszeit als Mittel zur Ueberwin- dung der Arbeitslosigkeit für unwirksam halten. Daß es sich den Unternehmern nicht um sachliche Argumente handelt, haben sie dadurch bewiesen, daß sie sich bei jedem Versuch, die Verkürzung der Arbeitszeit in einem bestimmten Lande durchzuführen, darauf berufen, daß eine solche Maß- nahme international, d. h. in allen Industrieländern zugleich getroffen werden müsse, während sie bei jedem Versuch einer solchen internationalen Regelung hervorheben, daß die Verhältnisse von Land zu Land verschieden seien. Der engstirnige llnternehmeregoismus und die Kurzsichtigkeit der bürgerlichen Parteien haben bisher Brüssel . Der erweiterte Generalrat der belgischen Arbeiterpartei hat in seiner angekün- digtrn Abendsitzung mit großer Mehrheit die Beteiligung an der neuen Regierung gebilligt. Ministerpräsident van Zeeland gab hierauf bekannt, daß damit die Regierung in der bereits bekannten Zusammensetzung endgültig gebildet sei. Die neue Regierung kann sich in der auS 202 Sitzen bestehenden Abgeordnetenkammer auf eine Mehrheit von 156 Abgeordneten stützen. In Belgien ist eine umfangreiche Streikbewegung zum Ausbruch gelangt. Der Streik, der vor zehn Tagen unter der Dockarbeiterschaft in Antwerpen begann, hat allmählich auf die Metallarbeiter in den Eisengießereien und in den Waffenfabriken in Herstal und von da auf die Bergarbeiterschaft und die übrigen Industriezweige übergegriffen. Die Ursache der Streik- bewegung sind Lohnforderungen. Die Arbeiterschaft fordert, daß die Löhne im Verhältnis zu den steigenden Preisen nach der Devalvation des belgischen Franken mindestens um 15 Prozent er- PariS . Im Laufe des Sonntags wurde der Barbierstreik beigelegt und auch der Konflikt in der Schuhindustrie geregelt. Hingegen dauert der Lohnkonflikt in den großen Kaufhäusern weiter, ebenso in der Film-Industrie, in den Versicherungen, in den Häfen und in zahlreichen kleineren Branchen. Aus vielen Städten Frankreichs wird gemeldet, daß zahlreiche Arbeiter Montags die Arbeit angetreten haben. Die Arbeiter in den großen Metall- i n d u st r^i ebe t r i e b e n in Paris und Umgebung, insgesamt rund 800.000, haben Montags bis auf kleine AuSahmen die Arbeit wieder angetreten. Auch die Bauarbeiter, aus- genonunen die Maler und Anstreicher, haben den Streik aufgegeben. Auch in zahlreichen anderen Betriebszweigen wurde die Arbeit angetreten. Streikkonflikte bestehen noch in den großen Geschäftshäusern, in den Versicherungsgesellschaften, in den DampfschiffahrtSgesellschasten, in den Docks und auf den Werften, in den Filmateliers u. a. Das technische Personal im Haus der Chemie hat die Räumlichkeiten besetzt und streikt seit drei Tagen. Die großen Rennen in Vincennes um den Preis des Präsidenten der Republik wurden wegen des Streiks des Personals in den einen wirklichen Fortschritt auf diesem Gebiete verhindert, haben also die Waffe, welche die Verkürzung der Arbeitszeit im Kampfe gegen die Krise ist, stumpf gemacht. Alle bisherigen Erfahrungen sowohl bei uns als auch in Frankreich und Belgien lehren, daß die Verkürzung der Avbeitszeit nur bei den sozialdemokratischen Parteien und den Gewerkschaften Unterstützung findet. Die Lehre, die da zu ziehen ist, liegt auf der Hand: ohne politischen Machtzuwachs der sozialistischen Parteien kein sozialpolitischer Fortschritt, kein ernstlicher Kampf gegen die Krise. Sollen die Millionen von Arbeitslosen, die es in Europa und die Hunderttausend«, die es in der Tschechoslowakei gibt, Arbeit finden, dann muß die Sozialdemokratie zur entscheidenden Macht in den Regierungen Europas werden. höht werden. Der Sonntag abends stattgefundene Kongreß der Bergarbeiter beschloß den allgemeinen Bergavbeiterstreik, der Montag vormittag» auf alle Kchlenreviere Übergriff. In Lüttich be- schlossen die Streikenden, den Verkehr auf den nach Herstal führenden Straßenbahnen einzustellen. Bisher läßt sich nicht sagen, ob sich die Streikbewegung noch weiter ausdehnen wird. Das Programm der Regierung Brüssel . Der belgische Arbeitsminister Delattre erklärte im Rundfunk, daß die Regierung folgende» Arbeitsprogramm habe: die Arbeitslosenversicherung, die Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung um 5 Prozent, die Herabsetzung der Penstons-AlterSgrenze in einigen gesundheitsschädlichen oder beschwerlichen Fachgruppe« der Industrie, Kürzung der Arbeitswoche unter 48 Stunden in gefährlichen und beschwerlichen Fachgruppen und die Erhöhung der Kaufkraft der Arbeiterbevölkerimg. Pferdeställen auf den September verlegt. Neue größere Streiks werden aus Lyon gemeldet. Der Zentralexekutivausschuß der kommuni- stischm Partei hat mit Dank in seiner samstägigen Sitzung die Worte seine» Generalsekretär» Thorez entgegengenommen, daß es notwendig sei, den Streik zu beenden, nur Kardinalforderungen zu vertreten und em Kompromiß herbeizu- führen. Man dürfe keine Kräfte.verlieren und müsse auftührerische Kampagnen und eine Panik verhindern. Munitionslager explodiert Tallinn . Montag vormittags ereignete sich in der Nähe von Tallinn ein schwere» Explo- fionSunglück. Beim Entleeren von Seeminen flog da» Laboratorium bei den Munitionslagern in die Luft, wobei auch einige Sprengstoffspeicher explo-. vierten. Die Explosion war so stark, daß Fensterscheiben im Umkrei» von vier Kilometern geplatzt sind. Die Anzahl der Toten, unter denen sich eine große Anzahl von Reserveoffizieren befinden, wird auf etwa 25 geschätzt. Schwedische Regierung zurückgetreten Stockholm . Die beiden Kammern des Reichstage» haben Samstag abends eine Regierungsvorlage über eine Erhöhung der AlterSpen- fioncn in besonders teuren Orten abgelehnt. Nachdem der Reichstag erst kürzlich in der Bertei- digungsfrage gegen eine Regierungsvorlage entschieden hatte, hatte die Regierung die Annahme des neuen Pensionsgesetzes zur Bertraucnsfragc gemacht. Rach der Abstimmung ist die Regierung zurückgetreten. Der König hat den Führer der Bauernpartei Pehrsson mit der Bildung der Regierung ans breiterer Grundlage beauftragt. Andauern der Unruhen In Palästina Jerusalem . Auch Sonntags ist es zu schweren Unruhen gekommen. In einem großen Mietsge- bäude inHaifa, in dem viele britische Familien wohnen, ereignete sich eine schwere Explosion. Ein Araber wurde unter dem Verdacht, einen Bombenanschlag verübt zu haben, verhaftet. Er wird voraussichtlich auf Grund des neuen Sabotage- Gesetzes zum Tode verurteilt' werden.— Die Araber hören nicht auf, die Straßen und die Eisenbahnen anzugreifen. Es werden auch einige neue Angriffe gegen jüdische Kolonien in den verschiedensten Teilen des Landes gemeldet. Militärabteilungen sorgen überall für die Anfrechterhal- tung der Ordnung.— Auf der Straße Jaffa- Jerusalem wurde abermals ein Lastkraftwagen beschosien. Bei einem nächtlichen Feuerkampf zwischen Christen und Mohammedanern wurden zwei Christen verwundet, drei Moslems wurden verhaftet. 17 Arbeiter verletzt Bei einem EisenbahnunfaH Budapest . Am Montag hat sich vor dem Heizhause der Staatsbahnen ein Eisenbahnunfall ereignet, bei welchem 17 Arbeiter mehr oder weniger schwer verletzt wurden. Eine Garnitur, die von einer Lokomotive geschoben wurde, geriet infolge falscher Weichenstellung auf ein Rebengeleise und stieß mit dort stehenden Güterwagen zusammen. Dabei wurde der vorletzte Wagen des Zuges, in welchem sich etwa 40 Arbeiter befanden, zertrümmert. In Kurze Wien . Da» Verbot der reichsdeutschen Zeitungen wurde neuerdings um weitere drei Monate verlängert. Athen . Reichsbankpräsident Dr. Schacht ist Montag früh nach Sofia abgereist. Santiago de Chile . Im Zentrum von Valpa raiso ereignete sich Sonntag ein blutiger Zusammenstoß zwischen Angehörigen der chilenischen Faschisten und Anhängern der Linksparteien, wobei drei Personen getötet und neun schwer und viele leicht verletzt wurden. Tokio . Bei den kürzlichen Wahlen in die Ge- meindevertretung der japanischen Hauptstadt errang die sozialdemokratische Partei 21 der 112 Sitze. Bisher verfügte sie über einen einzigen. sssssssssossssssssssssWssssssssoW» Weiteres Ansteigen des Außenhandels Nach den Erhebungen des Statistischen Staatsamtes weist unser Außenhandel im resnen Warenverkehr im Mai 1936 folgende Daten aus: es betrug die Einfuhr 639,233.000 KL, die Ausfuhr 650,091.000 KL, wa§ gegenüber dem Vorjahre eine ziemliche Steigerung bedeutet. Im Mai 1935 betrug nämlich der Wert der Einfuhr 539,345.000 KL. die Ausfuhr 531,547.000 KL. Der Wert der Einfuhr ist also um 100 Millionen, der Wert der Ausfuhr fast um 120 Millionen KL größer als in derselben Zett des Vorjahres. Vergleichen wir den Außenhandel in den ersten fünf Monaten des heurigen Jahres mit dem des Vorjahres, erhalten wir folgendes Resultat: es betrug in dieser Zeit 1936 die Einfuhr 2955,462.000 KL(1935: 2404,964.000 KL), die Ausfuhr 1936: 2953,627.000 KL(1935: 2734,057.000). Es ist also die Einfuhr um rund 550 Millionen KL größer, die Ausfuhr um 220 Millionen größer als in den fünf Monaten des Vorjahres. Bildungsarbeit der tschechischen Sozialdemokratie Die„Dilniekä osvLta" bringt einen Bericht über die letztjährige Tätigkeit der„DLl- nickä Akademie", der Bildungszentrale unserer tschechischen Bruderpartei, dem wir einige Zahlen entnehmen: Danach wurden im Jahre 1935 von der Zentrale aus 6131 Veranstaltungen mit 574.495 Teilnehmern durchgeführt. Davon waren 372 Kurse, 3337 Einzelvorträge (mit 223.615 Teilnehmern) und 2104 künstlerische und sonstige Veranstaltungen. Die„DölnickäAkademie" besitzt 76Zweisst eilen(um drei mehr als 1934), davon 34 in Böhmen , 20 in Mähren -Schlesien , 15 in der Slowakei und 7 in Karpathorußland. Bon diesen Zweigstellen haben 37 noch weitere, eigene Veranstaltungen in 128 Gemeinden durchgeführt. Die Sozialistische Hochschule in Prag hatte im 1. Jahrgang 35, im 2. Jahrgang (Seminar für die Teilnehmer der 1.) 32 eingeschriebene Hörer. Außer den regelmäßigen Vorträgen veranstaltete sie 14 aktuelle Abende(jeden Mittwoch), wo vor einem breiteren Publikum über politische, wirtschaftliche und kulturelle Themata referiert wurde. Verlängerung einiger Bestimmungen der Pressegesetz-Novelle. Am 80. Juni sollte die Wirksamkeit einiger Bestimmungen der Preffenovellen Nr. 126/33 und 140/34 ablaufen. Diese Bestimmungen betreffen das Verbot der Kolportage und des Verkaufes in den Tabaktrafiken u. ä. sowie den Entzug des Post- und EisenbabnbeförderungS« Rechtes oder der TranSportbegunstigungen für einige die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdende Zeitschriften. Da die Gründe, die zu diesen Maßnahmen geführt haben, weiter bestehen, hat die Regierung dem Senate der Nattonalversamm- lung einen Gesetzentwurf unterbreitet, durch welchen die angeführten Besttmmungen auf weitere zwei Jahre verlängert werden. Die Steuernovelle im Budgetausschuß. In der Generaldebatte über die Steuernovelle, welche Montag im Budgetaujschuß des Abgeordnetenhauses fortgesetzt und beendet wurde, sprachen der slowakische BolkSparteiler Prjinskh, der Nationaldemokrat Dr. Stüla und Nitsch(Zipser Partei). Der Ausschuß beschloß hierauf auf Antrag des Referenten Dr. Noväk, mit der Spezialdebatte Dienstag zu beginnen. Riesenstreik In Belgien Die neue Regierung im Amt Streik-Ende in Frankreich 18 Wir suchen ein Land Roman einer Emigration Von Robert Grötzsch Copyright by Eugen Pra«er-Verla«. Bratislava . „Die Seele der Steine?", fragte der junge Mann verwundert.„Wenn sie überhaupt eine haben, ist sie wohl ein wenig verhärtet, nich?" „Moritz, das Lichtgefunkel im einfachsten Glimmer— ist das hart?" Das Mädchen senfte die Stimme, denn sie schritten hinter Justus' Rücken vorüber und der hatte den Kopf herumgerissen, als wollte er sich in das Gespräch mischen. „Werfen Sie von sich alle landläufigen Vorstellungen, wenn es um das innere Leben der Steine geht, denn wir sehen ja nur* Nichts hörte Justus mehr, obwohl seine Ohreir hinter den beiden herliefen. Herrgott, die Mädchenstimme— wie kam die hierher? Bor zehn Jahren, in Wien , Maria hieß sie— es war dieselbe Stimme. Derselbe leise Alt, dieselbe Klangfarbe im Senken... Gab es dasselbe genau so zweimal? Aber diese hier, die könnte ja beinahe Marias Tochter sein.., Das Paar verschwand im Abenddunst. Bon Steinen sprechen sie, dachte Justus. Junge Menschen flüchten zur Seele des Leblosen, weil die der Menschen ver- steinte... Er hätte ihr nachgehen sollen... War es denkbar, daß eS diese Mariä noch einmal gab? Nach einer Weile erhob sich Justus, ging stromauf und bog zur Spinne ab. Der Kopf hing nachdenklich vornüber. Ein Stück hinter ihm schlenderte Moses heran. Auch sein.Kops lag nicht stolz im Nacken. Unten bei der ersten Fabrik hatte sich Eva von ihm verabschiedet, freundlich, nett und gleichmäßig wie Immer. Moses seufzte. So kam er nicht Wetter. Nachts träumte er von ihr, morgens schwor er sich, am Abend deutlicher zu werden, den Arm um ihre Hüfte zu legen— und dann fand er allemal den Mut nicht. Seit einer Woche begleitete er sie immer ein Stück nach Hause, einmal faßte er mitten im lebhaften Erzählen nach ihrer Hand. Dawar mißlungen. In ihrem Gesicht leuchtete Verwunderung auf und ihre Hand verschwand brüsk nach oben, um dort sanft übers Haar zu streichen — und zwar über ihr eigenes, blondes... Ehe er in die Eisenhandlung kam, hatte er in der Seidenbranche gearbeitet. Da lernte man Frauen kennen. Jeder mußte man den Stoff anders unter die Augen halten, jede kam mtt geheimen Wünschen, Neigungen, Stimmungen, die der Berkäufer zu erspüren hatte. Manchmal erriet es MoseS schon aus dem Gesicht— aber diese Eva... Eine Woche schon kannte er sie und nicht» wußte er von ihr, als ihren Schwarm für Steine. Ausgerechnet Steine... Liebe, nein, Liebe war das nicht! Nie wurde sie mal richtig verlegen, wenn er mit ihr sprach... Von Stein ist sie— nun gut, ich bin von Eisen! Gebettelt wird nicht... So mit einem abwesenden Mädchen hadernd» schritt er an Justus vorüber. Der sah nur Rük- ken, Haarzipfel und Badezeug... Mit ein paar Schritten war er neben ihm.»Entschuldigen Sie, die junge Dame vorhin.——" Er suchte nach paffenden Worten.„Darf man fragen, wer das war?" Sie erinnere ihn an etwas Bekanntes aus früheren Tagen. MoseS sah den Mann von der Seite her an. Ein paar kräftige Augen funkelten durch die Brille. Die Dame wohne da im Ort drin, mehr wiffe er nicht. Und schwieg. Könnte dem so paffen, einen Emigranten auszuhorchen. „Ich fragte nur wegen der Stimme", murmelte Justus in Gedanken verloren.„Es könnte die Tochter sein..." Mose » kitzelte etwas im.Halse.„Oder-ine jüngere Kusine", meinte er leichthin und dachte: völlig meschugge. „Nein, das kaum, eine jüngere Kusine hatte sie nicht..." „Dann vielleicht die Tante", schlug Moses vor und lächelte belustigt.„Es gibt sehr junge Tanten." Justus sah nur zur Seite. Aha, mein Junge, Spaß.„Jawohl", sagte er ernst,„ich hab mal eine Tante gekannt, die war fünf Jahre jünger als ihre Nichte, und ihr Neffe war der Onkel ihre» Vaters. Als es zum Erbschaftsstreit kam, legte der Richter den Vorsitz nieder, weil er sich in die Familienbeziehungen nicht hineinfand." Ein armer Narr, dachte Moses . Was will er eigentlich von mir?— Beide blieben stehen. Man war an die Spinne gelangt. Beide warteten stumm.„Hier müffen wir uns trennen", brach Moses das beharrliche Schweigen. „Durchaus nicht", entgegnete der andere» „ich bleibe an Ihrer Sette, wo immer Sie gehen und stehen, Herr!" In Moses Augen glomm ein fahles Licht auf Weiß Gott, ein richtiger Verrückter... Mit einem Satz war der Junge am Tor— der andere auch Es gab ein kleines Gedrängle zwischen Tür und Angel. „Was wünschen Sie?" fragte Moses und fühlte sich wie hinter der Ladentafel, nur nicht so sicher. Verrückter oder Spion?„Halloh!" rief er nach hinten, um die Spinne zu alarmieren «Wer sind Sie, wenn ich ftagen darf?" „Justus", antwortete der mit einer Verbeugung. Moses verdrehte die Augen. Ich Idiot, ich Idiot. Er biß sich auf die Lippen und stotterte etwas wie:„Herzlich willkommen... Alles steht zu Ihrem Empfang bereit!" Und wirklich quollen sie schon durch die Tür des Hauses: Gusti, der Kleine, Herkner und die übrigen. Alle liefen sie zusammen, umringten die beiden— und so wurde JustuS in» HauS geleitet. Bald darauf sah man den Kleinen mit einem großen irdenen Kruge die Straße entlang sausen,, der nächsten Schänke entgegen. Justus hatte in die Tasche gegriffen, um seinen Eintritt in die Gemeinschaft der Spinne zu feiern. Bis spät in die Nacht zeichnete der Lichtschimmer des Eßzimmers seinen Halbkreis in den Hof. Dann erlosch er, die Spinne ging schlafen. Nur Herkner stand noch eine Weile im Hofe. Justus hatte erzählen müffen, von den dunklen Burschen, die ihn umlauerten, von der Grenze und alles, was er von„drüben" wußte. Abwesend hatte Herkner vorbeigehorcht. Er sah nur das Grenznest, die Sttaße, da er seiner Frau entgegen ging ... Noch immer war keine Nachricht da, kein Lebenszeichen. Wie lange noch hielt er das aus? Da drinnen, unter der Kolonne, da mußte er sich beherrschen; sie hatten ja alle mit sich zu tun... Aber wenn keine Nachricht kam... keine... Hielt er das aus? Schon mancher ging auf und davon, hinüber zu den Seinen, auf Leben und Tod. Lieber erschlagen laffen, als diese marternde Ungewißhett. In den Wiesen ringsum zirpten die Grillen ihre ewig zirrende Musik. Oben knipste Mose » das Licht aus. Der Kleine räkelte sich auf seinem Strohsack:«Du, Moses , hast du den. Herkner beobachtet? Der sttert ja Löcher in die Dielen. Und fällig wird er um die Backen, was? Un die Gusti— die wird ooch immer stiller..." „Und immer dicker, Kleiner. Ja, das Leben ist eine ernste Sache." „Hast du geschn, wie mich Herkner heute angeglotzt hat, wegen dem Bier, weil so'ne mächtge Schmnnleiste uffm Bier war? Ich schwöre dir, MoseS,— ich hab nich geleckt unterwegs, schwöre ich....' Moses spürte, daß der Kleine einige Glas zuviel getrunken hatte. Wie ein Wasserfall plätscherte seine Rede. (Fortsetzung folgt.)
Ausgabe
16 (16.6.1936) 140
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten