Sosialdemokrat

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TAGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFOR 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR, DR. EMIL STRAUSS, PRAG .

16. Jahrgang

Sonntag, 5. Juli 1936

Einzelpreis 70 Heller

( einschließlich 5 Heller Porto)

Rote Heerschau in Komotau Fruchtbare

Der erste Haupttag des Bundesturnfestes

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Telegramme an Masaryk und Beneš Ein prachtvoller Kinderfestzug Große Bundesfeierrede der Minister Dr. Czech und Ing. Nečas

Wettkämpfe und Hauptvorführungen

Komotau , 4. Juli. ( Eigenbericht.) Unter heiterem warmen, sonnigem Himmel begann der erste Haupttag des Bundestuenfestes in Komotau . Am Vorabend, Nachts und in den Morgen­stunden hat der immer noch andauernde Zustrom der Zehntausende nicht einen Augenblick nach­gelassen. In den Vormittagsstunden bot die Stadt ein Bild wie wohl noch nie in ihrer Geschichte. Alle Plätze und Straßen sind voll mit Atus- Leuten und Festgästen, die in unabschätzbarer Menge mit der Bahn, auf Nädern und zu Fuß in die Feststadt strömen. Ueberall begegnet man Abtei­lungen und Vereinen, oftmals von Kapellen geführt, überall werden Frei- Heil- und Freund­schaftsgrüße ausgetauscht. So farbenprächtig dieses Bild auch ist, wird es noch um ein Vielfaches überboten von dem Anblick auf dem Festplatz und seiner nächsten Umgebung.

Im Stadion herrscht schon seit frühestem Morgen reger Betrieb nicht nur im Uebungsge­lände, sondern auch in den Seitenräumen bei den Zentral- und Vorverkaufsstellen. Was sie erzählen:

Freudig, redeluftig und mitteilsam sind alle, die kamen, trotz der großen Strapaz, die die Reise nach Komotau für viele bedeutet und trotz der Opfer, die die meisten von ihnen bringen muß­ten. Beglückt berichten sie über die Teilnahme, auf die sie schon unterwegs stießen. Vielfach stan­an Bahnstrecken Genossen, zum zuwintten Begeis

Die uniformierte Jugend des Internationa­len Metallarbeiterverbandes marschierte nach­mittags zu einer Tagung in die Partsäle, die Auf­stellung der 300 jugendlichen Metallarbeiter auf dem Schulplatz wurde viel beachtet.

Nr. 156

Parlamentsarbeit

Der Parlamentarismus ist in unserer Zeit vielfach Gegenstand der Kritit, der Anfechtung, des Mißtrauens gewesen. Der Faschismus hat bereits triumphierend den Untergang des Parla­mentarismus verkündet, der in einer Reihe von Staaten tatsächlich zusammengebrochen ist. Auch in unserem Staate, der an der parlamentarischen Demokratie unbeirrbar festhält, hat das Parla­ment im öffentlichen Bewußtsein lange nicht jene Rolle gespielt, die ihm zukommt, wenn die Demo­

Empfang des Genossen Dr. Czech tratie lebendig erhalten werden soll. Nicht etwa, in Komotau

daß die Gefahr bestand, der Parlamentarismus Heute nachmittags um 4 Uhr traf Minister einfach ausgelöscht, durch ein diftatorisches Regime tönnte auch bei uns, wie in den Nachbarstaaten, Genoffe Dr. Ludwig Czech , der den Präsidenten beseitigt werden, wohl aber bestand die Gefahr, der Republik und die Regierung auf dem Atusfest daß eine zu formalistische, zu mechanische Auffas vertritt, in Komotau ein. Er wurde beim Hotel jung des Parlamentarismus playgreift, die in der Scherber offiziell empfangen und begrüßt vom Bereitstellung der notwendigen Abstimmungs­Bezirkshauptmann Koldovffy, vom Bürgermeister mehrheiten das Wesen des Parlamentarismus der Stadt Komotau Viktor Herbrich, vom Vize- bereits erfüllt sieht. Darum muß mit Genug­bürgermeister Genossen Reichl, von Oberst Noset tuung festgestellt werden, daß die eben abgeschlos als Vertreter des Militärkommandos, vom Gen- sene Frühjahrstagung unserer Nationalversamm barmeriestabskapitän Böhm und von einer Reihe lung die Lebenskraft des Parlamentarismus nicht von Vertretern der Bundeshaupt- und Feſtlei- nur durch den Umfang ihrer Arbeiten, durch die tung, u. a. von den Genoffen Počapka, Müller Zahl der verabschiedeten Geseßentwürfe, sondern und Kaufmann. auch durch die lebendige Initiative, mit der das Parlament selbst als nicht bloß genehmigende und zustimmende, sondern als gestaltende Kraft der Gesetzgebung in Erschei nung trat.

Auch Minister Genoffe Ing. Nečas traf im Laufe des Nachmittags in Komotaa ein.

The Steffenben guanten und geriefen. Weg Der große Begrüßungsabend

stert erzählten sie von dem Empfang auf dem Komotauer Bahnhof, von wo sie Musik abholte.

Zwei junge Atusturnerinnen erzählen, wie fie Freitag früh um 3 Uhr aus ihrer Heimat El­ bogen zu Fuß aufgebrochen und wie sie sich auf dem 70 Kilometer langen Fußmarsch kaum eine Rast gönnten, um nur ja an der Eröffnungsfeier teilnehmen zu können. Andere berichten, wie sie sich schon seit Wochen jede Krone vom Munde ab­sparten, um ihr Scherflein für das Fest aufzu­bringen. Viele bringen ihren Proviant für beide Tage mit.

Ein Festzug der 5000 Atus- Schüler

alim Stadion

Samstag um 20 Uhr abends begann im Stadion die große Begrüßungs- und Festveran­staltung. Sie wird eingeleitet durch das Heulen der Fabrikssirenen, die den Abschluß der Arbeit symbolisieren, durch Fanfaren, die den Beginn des Festes kennzeichneten. Als die Minister Dr. C3 e ch und Ing. Ne čas um 9 Uhr abends vor dem Beginn der großen Feier das Stadion be= treten, tverden fie von allen Seiten herzlich st und stürmisch begrüßt. Nach einem großen Fahnenmarsch und dem ,, kde domov můj " sprach als s Vertreter des Präsidenten der Repu­blik und der Regierung

Minister Genosse Dr. Czech:

Der Präsident der Republik, Dr. Eduard die aufrichtigsten Wünsche

Verlauf Ihres Bundesfestes für den schönen

Er

an Ihrer Veranstaltung erfönlich teilnehmen zu können, doch haben dringende Umstände, die eine Aenderung der ursprünglichen Dispofitionen er.

Heute um halb elf Uhr setzte sich der Fest­zug der Atus- Schüler und Schülerinnen aus dem gesamten Atus- Gebiete, die im Gymnasiumgarten Aufstellung genommen hatten, in Bewegung. Der überaus stattliche Zug, der an 5000 Teilnehmer zählte, marschierte durch die untere Stadt, über die Lessingstraße und den Graben zum reich be­flaggten Marktplaß, auf dem sie viele hundertened, übersendet Ihnen die herzlichsten Grüße Menschen erwarteten. An der Spitze des Zuges schritt eine Abteilung NW( die übrigens in Ko­ motau 1500 Mann start vertreten ist), dann folgten Vertreter der Verbände und die Festlei tung mit Genossen Taub in der Mitte, Abtei­lungen der DTI- Jugend, dann die Atus- Mädel und Jungen, geführt von einer prachtvoll spie= Tenden Arbeiterkapelle aus Maierhöfen . An der Spiße des Schülerinnenzuges wurde die große Prager Atus- Fahne getragen, gefolgt von hun­derten von roten Fahnen und Wimpeln. Doppelt soviel Fahnen gingen dem Knabenfestzug voran. Insbesondere auf dem Marktplatz wurde unsere Jugend mit Frei Heil-, Freiheit- und Freund­fdjaftsrufen empfangen, die von den feinen Stim­men der Mädchen und den hellen Knabenstimmen herzlichst erwidert wurden. Auch Zdar- Nufe wur­

heischten, dies Teiber unmöglich gemacht. Er hat mich daher mit seiner Vertretung betrant.

Die Regierung der Tschechoslowakischen Republik schließt sich dem Gruße und den Wün­fchen des Herrn Präsidenten mit gleicher Herz­lichkeit ait. ar

abftumpfenden und schädigenden Auswirkungen der

modernen Erwerbsarbeit. Bei Erfüllung dieser

Zwei große gesetzgeberische Werke erfüllten die Tagung. Vor allem das Gesetz über die Staatsverteidigung, das durch die Verschärfung der Spionage- Bestimmungen des Schußgesetzes ergänzt und durch die Ausschreibung der Verteidigungsanleihe vollends wirksam ge­ses Wert der Gesetzgebung, eines der allerwich­macht worden ist. Es ist hier nicht der Play, die­tigsten in unserer jungen parlamentarischen Ge­Wohl aber muß festgestellt werden, daß das Par­schichte, in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen. lament den umfangreichen Entwurf einer zwar Das Gesundheitsministerium begrüßtraschen, aber sachlichen Prüfung unterzog, eine diese Mitarbeit Ihres Arbeiter- Turn- und Sport- Reihe von Aenderungen vornahm und so nicht verbandes auf das herzlichfte. Es fieht ihre weit- bloß formell erledigte, sondern wirklich bear­reichenden gesundheitlichen, wirtschaftlichen und beitete. fozialen, aber auch staatspolitischen Auswirkungen

Funktionen greift der Arbeitersport über den engen Rahmen der Körperkultur hinaus und betritt die Sphäre der öffentlichen Gesundheitspflege, in deren Dienst er sich dadurch als bedeutsam mit helfendes Glieb einfügt.

Die zweite große Aufgabe des Parlaments flar vor sich und weiß, daß die planmäßig und war die Steuernovelle. Hier hat das Ab­systematisch durchgeführte Körperschulung der geordnetenhaus, vor allem das Subkomitee des arbeitenden Menschen nicht nur die Stählung ihrer Budgetausschusses wahrhaft schöpferische Arbeit Widerstandskraft und damit ihrer Gesundheit, geleistet. Das Parlament hat die Vorlage nicht fondern auch zwangsläufig die Stärkung ihres nur gründlich durchberaten und umgearbeitet, Willens und ihres Selbstbewußtseins im Gefolge sondern auch neue Gedanken hineingetragen und hat. Und so werden die der Erziehungssphäre des insbesonders auf dem Gebiete des Steuerstrafver­Arbeiter Turn- und Sportverbandes eingeglieber- fahrens wertvolle Reformen verwirklicht. So ist ten Arbeiter nicht nur physisch, sondern auch geistig ein Gesetz entstanden, das aus der lebendigen par= und seelisch für das Leben ausgerüstet und werden lamentarischen Arbeit selbst hervorging und, bei badurch zur festen Stütze in unserem Mingen um aller Berücksichtigung der fiskalischen Bedürfnisse, den Frieden, die Freiheit und die Demokratic, unser Steuerrecht um neue Gedanken bereicherte. ohne die es kein Leben und kein freies Atmen gibt. Für alles, was der Atus in dieser Nichtung getan hat, sei ihm von dieser Stelle der herzlichste Dant gefagt.

Das Miniſterium für öffentliches Gefund. Möge er auf bem bisherigen Wege fortführet. ten und der Arbeiterjugend, deren Atem uns hier in so erfrischender Weise entgegenströmt und die biefem Bundesfeft

heitswesen ist mit Freude Ihrer Einladung ge­folgt. Es gedenkt des stolzen Aufmarsches des Atus gelegentlich der letzten Prager Arbeiter- Olympiade und der unvergeßlichen Huldigung Ihres Verban­bes für unseren ersten Präsidenten T. G. Mafaryt, die im Herzen unferes Staates und weit darüber Gesundheitsministerium ist fich der großen Bebeu­tung des Arbeiter- Turn- und Sportverbandes voll

bewußt. Mit großem Intereffe verfolgt es feine

ben eifrig gewechselt. Luſtig klangen die Marsch- hinaus den stärksten Widerhall gefunden hat. Das lieber, die die Kinder sangen und paar Abteilun gen zogen, die Internationale singend, vorbei. Vom Marktplatz bis zum Festplatz schritt der Zug durch ein dichtes Spalier von Turnergenossen und -Genossinnen und Neugierigen. Immer wieder wurden zwischen Marschierenden und Zuschauern Grüße gewechselt. Die Sonne hatte sich schon wie­der hinter Wolken versteckt, so. daß die Kleinen ideales Marschwetter hatten. Nach dem Festzug wurden die Kinder zum Mittagessen geführt.. Auf dem Festplatz wurden 2400 Portionen Reisfleisch berteilt.

*

Bis Samstag nachmittags wurden weder vom Festplaß, noch von der Straße irgendwelche ernste Unfälle gemeldet. Die Samariter hatten ficherlich nicht zuletzt auch dank der mäßigen Tem­peratur, nur bei ganz wenigen leichten Unfällen einzugreifen.

Die fortdauernde Wirtschaftsnot brachte es mit sich, daß auch ansonsten finanzpolitische Fra­gen einen bedeutenden Staum in der parlamenta rischen Tätigkeit einnahmen. Es soll hier neben

der schon angeführten Verteidigungsanleihe nur auf die Unifizierung der Staats­schuld und auf die Abänderung des Artikels

gibt, ein tapferer charakteristische Gepräge XX des Finanzgesetzes hingewiesen werden. Die

Wegbahner fein.

Dies wünsche ich Ihnen aus ganzem Herzen! Czech die Grüße des Präsidenten der Republik Die einleitenden Säße, in denen Genosse Dr. und der Regierung berdolmetschte, sprach er zu nächſt tschechisch und wiederholte sie dann deutsch.

Nach Dr. Czech nahm das Wort der tschechis

Minister Ing. Nečas:

Ich bin gekommen, um die Grüße der tfche ifen Sozialdemokratie zu überbringen. Ich bemerkte mit besonderer Frende

Arbeiten, feine Entwicklung und feinen Aufstieg und ist froh, in ihm ein so starkes Glieb im ge famtstaatlichen Gefüge der Drganisationen der fche Genosse, Körperkultur zu befihen. Das Gefundheitsmini­sterium kennt die große und schwierige Mission bes Arbeitersportes. Es weiß, daß ihm in der Zeit der Mechanisierung, ber Rationalisierung des Produk­tions- und Arbeitsprozesses überaus schwierige und verantwortungsvolle Aufgaben gestellt find. Es übersicht in feinem Augenblick die schweren Schäden, die die durch ben Krifennotstand in Mit­leidenschaft gezogene Wirtschaft für die Gesundheit der arbeitenden Schichten mit fich bringt. Es er mißt auch die große Bebeutung des Arbeitersportes als eines ausgleichenden Faktors gegenüber den

Rundgebung barftellt. Es ist eine Rundgebung, die nicht nur der körperlichen Erziehung gewidmet ist. fondern aud der Demokratie und der: Nepublik, für deren Sicherheit die tschechische und deutsche Arbeiterschaft, wenn, notwendig, bis zum Tekten

( Fortfehung auf Seite 2.)

erstere Vorlage bedeutet nicht nur eine Vereinfa= chung, indem sie die bisher verschiedenartigen und bringt, durch Verlängerung der Laufzeit, der ganz verschieden verzinsten Staatspapiere in einige wenige Typen zusammenfaßt, sondern Staatstasse auch eine Entlastung im Tilgungs­dienste. Die Novelle zum Finanzgesetz ist aber ein

Erfolg unserer Selbstverwaltung. Hatte der Arti­tel XX in seiner ursprünglichen Fassung die Zu­wendungen für die Schuldenregelung empfindlich gekürzt, so werden nach der Novelle für diesen Bwed rund 140 Millionen zur Verfügung stehen, was im Zusammenhang mit der Zinsfuß­fentung doch eine fühlbare Schuldenab­bir dung für unsere Selbstverwaltungskörper bebeutet.

feststellen, daß die abgelaufene Sessionsperiode Mit besonderer Befriedigung können wir auch an sozialpolitischen Leistun berung 3 gesetz, dessen günstige Auswir genfruchtbar war. Ein neues Bauför fungen schon sichtbar werden und das Tausende