Sosialdemokrat
ZENTRALORGAN
DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK
ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB . VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: KARL KERN, PRAG .
16. Jahrgang
Donnerstag, 17. September 1936
Teuerungsdebatte
im Ernährungsausschuß
Freigabe der Vieheinfuhr verlangt Agrarische Ausflüchte Nächsten Donnerstag Ministerexposés
Prag. Dank der Initiative seines Vorsit- eventuellen Vorlage eines Resolutionsentwurfes zenden, des Genoffen I aksch, trat der Ernäh- Abstand zu nehmen. Das würde wieder einen rungsausschuß des Abgeordnetenhauses am Don- Reitverlust für Kompromißverhandlungen zivinerstag zusammen, um zu dem wohl dringend- schen den einzelnen hier vertretenen Gruppen besten Problem der letzten Tage und Wochen, der deuten. Auch wenn auf diesem Wege eine einempfindlichen Verteuerung der meisten Fleischheitliche Resolution vereinbart würde, müßten forten, Stellung zu nehmen. Auch das unzurei- wir doch der Regierung wieder das letzte Wort chende Kunstfettkontingent, die hohen Zuckerpreise lassen. Die heutige Sigung wird vielleicht am und die namentlich für Groß- Prag stark fühlbare besten ihren Zweck erfüllen, wenn die einzelnen Verteuerung der Hausbrandtohle wurden nach Kolleginnen und Kollegen in einer anschließenden einleitenden Worten des Vorsitzenden, die der De- Debatte ihre Wünsche und Anregungen zu den batte das Rückgrat gaben, in die Diskussion ein- aktuellen Versorgungsfragen in Anwesenheit der bezogen. beiden Herren Ressortminister oder ihrer Vertreter vortragen und ihnen dann Gelegenheit geben, im Laufe der Aussprache dazu Stellung zu nehmen.
Der Ausschuß hat keinen Wert darauf gelegt, bloße Resolutionen zu fabrizieren. Die Aue Sprache sollte den Ausschußmitgliedern Gelegenheit geben, die ganze Ernährungslage und die Stimmung der Bevölkerung ungefchminkt darzu legen und der Regierung, die durch die beiden zu ständigen Minister für soziale Fürsorge und Inneres vertreten war, Vorschläge zur Abhilfe vor zutragen.
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Hier zeigten sich allerdings sofort zwei Gruppen. Die nichtagrarischen Parteien- und felbst die Gewerbepartei! verimigten für die Zeit des Mangels an Schlachtvich die rei gabe der Bicheinfuhr, während die Agrarier und in etwas abgeschwächter Form auch der Vertreter der Tschechischklerikalen die Tene rung auf dem Schlachtvichmarkt als bloß vorübergehend hinstellten und deshalb Erleichterungen in der Vicheinfuhr nicht für notwendig hielten.
Die Reihe der Redner, die für die Zeit des Schlachtvichmangels die Oeffnung der Gren3 en für die Wie he infuhr fordern, wurde von der Nationalsozialistin Bátkova eröffnet. Sie verlangte namens ihrer Partei, daß vor allem junges Zucht- und Schlachtvieh eingeführt werde; dadurch würde es den Landwirten ermöglicht, die leberschüsse an Futtermitteln in Ruhe zu verfüttern. Die Wartet werde ſich nicht dagegen ſtellen, daß die Bieheinfuhr wieder eingestellt wird, sobald genug Vich vorhanden iſt. Entſchieden fordert Rednerin auch eine Erweiterung der Kunstfetttontingente.
Der tschechische Genosse Nový geht noch weiter und verlangt überhaupt die Aufhebung der Kunstfettfontingente; kein Staat, der die Margarinesteuer eingeführt hat, kenne eine Kontingentierung. Was die Es wird nun Sache der Regierung sein, in Fleischteuerung betrifft so lasse sich nicht wegdispuden kommenden Beratungen auf Grund dieser tieren, daß der Schlachtvichauftrieb auf unseren Debatte ihrerseits wirksame Maßnahmen zur Be- Märtien geringer ist und man der wachsenden fämpfung der Teuerung zu erarbeiten. Es ist vor- Fleischteuerung nur durch die Einfuhr von Vich gesehen, daß die beiden zuständigen Ressortminifter dann in der nächsten Ausschußßithung, die für Donnerstag, den 24. September, angesetzt ist, im Namen der Regierung bereits konkrete Maßnahmen ankündigen werden.
In seiner Eröffnungsansprache führte Genoise I aksch aus: Wie uns allen befannt ist, ist die Verbraucherschaft durch eine Reihe von Erscheinungen beunruhigt. Ich möchte nur die wichtigsten Probleme erwähnen:
1. Der Mangel an Schlachtvich und die damit zusammenhängende Vertenerung verschiede ner Fleischsorten. Wie dringend diese Frage ist, Voiveist der am Dienstag begonnene Teilstreit der Prager Selcher.
2. Die Frage der Margarineversorgung. Es häufen sich die Beschwerden großer Konsumenten- Organisationen, daß die bewilligten Kontigente unzureichend sind und daß vor allem die für die minderbemittelte Bevölkerung unentbehrlichen billigeren Sorgen von Kunstfett aus dem Markte überhaupt verschwinden.
freuern kann.
Selbſt der Gewerbeparteiler Luka, der feststellt, daß die Gewerbetreibenden und Händler nicht die Preisverteuerer sind, spricht sich namens seiner Partei dafür aus daß man auf eine allmähliche reigabe der zollfreien Einfuhr es nötigen Viches hinarbeite; dadurch würde man auch unserer Industrie größere Ausfuhrmöglichkeiten schaffen.
Am Nachmittag wies der tschechische Genosse Lansmann darauf hin, daß man nicht nur einzelne
Einzelpreis 70 Heller
( einschließlich 5 Heller Porto)
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Preisauswüchse, sondern die vielmehr dauerndes Teuerung beachten müsse, die sich aus dem dauernden Mißverhältnis zwischen den Lebensmittelpreisen und dem Einkommen der Bevölkerung ergibt. Da bei uns Montag hat Adolf Hitler mit dem Aufgebot die Löhne so niedrig sind, ist auch die Teuerung bei aller Stimmittel und stärkster Kraftausdrücke uns viel schlimmer als in anderen Staaten. Entfeine Schlußrede des Nürnberger Parteitages der weder müsse man die Löhne erhöhen oder die Preise deutschen Nationalsozialisten gehalten- unser der Lebensmittel energisch herabseßen. Wer nicht den Brüsseler Bruderblatt spricht von dem délive Mut hätte, sich für diese zwei Wege auszusprechen, hitlérien" zwei Tage später schon ist es der würde sich für die Stabilisierung des offenbar, daß die ganze Nürnberger Wachtparade Elends einsetzen. In erster Linie sind die Karein ausgesprochener außenpolitischer Mißerfolg telle an der heutigen Situation schuld. Redner ist. Das Organ des Verliner Außenamts, die wünscht daher Aufklärung, wer die Novellierung des Frankfurter Zeitung " tritt auch bereits mit Sartellgesetzes bremse. Des weiteren setzt sich Genosse Wann und Roß und Wagen den Rückzug an. die Zuckerfrage ein und sondiert die Möglichkeiten Blatt, daß die neuen Beweise der Mißdeutung Laušman für die Einschung eines Subkomitees für„ Leider müssen wir feststellen", so schreibt das der Errichtung eines Konsumentenminiſteriums, bzw. der deutschen Ziele unsere Hoffnung, daß Europa einer derartigen Abteilung beim Fürsorgeministerium. sich endlich selbst finden möge, nicht gerade erLane( Nat. Soz.) erklärt, daß angesichts der mutigen." Das Blatt und mit ihm die offiziellen Teuerungswelle das arbeitende Volt neue Lohnfor- Berliner Kreise sind entmutigt, weil Europa Hitderungen werde vorlegen müssen. Die Tenerungs- ler nicht glaubt. welle treibe uns direkt in soziale Kämpfe, von denen man nicht wissen könne, wohin sie führen. Der For derung nach Freigabe der Vieheinfuhr schlossen sich auch Knorre( SDP), knebort( Nat. Ver.) und zwei kommunistische Sprecher an.
Den agrarischen Standpunkt vertrat Frau Mrftošová: Sie seien ebenfalls gegen unbegründete Verteuerungen und hätten sich bereits dafür erklärt, daß das, was wir wirklich brauchen, eingeführt werde, wenn dadurch nicht unsere eigene Wirtschaft untergraben werde. Der Viehmangel auf den Märkten sei eine vorübergehende Erschei nung; au chdie Preisauswüchse seien nur vorüber gehend. An den ben Ställen stehe genug Vieh( was ia niemand bezweifelt!) und die Frage eines gröheren Abverkaufes feit angeblich nur die Frage der nächsten Tage vor dem Eintritt des Winters. Die Rednerin argumentiert auch gegen die Aufhebung der Kunstfettkontingentierung: Es komme nicht dar auf an, was etwas( d. h. die Buzier) loste, sondern mehr daran, wieviel die Leute verdienen und was sie sich leisten können. Wenn heute die Arbeitslosigkeit gesunken sei, so habe man dadurch einer ganzen Reihe von Leuten e Möglichkeit zu kaufen geschaffen.( Die Frau Abgeordnete ſcheint zu glauben, daß die Arbeitslosen, die endlich wieder einen Groschen verdienen, diesen sofort in reine Butter umsetzen werden! D. Red.)
Aehnliche Ansichten bezüglich der Frage der Vieheinfuhr, wenn auch in abgeschwächter Form, vertritt nur noch der tschechische Volksparteiler Bayer. Auch er glaubt, daß die Fleischteuerung nur vorübergehend sei; es sei genug junges Vich vorhanden, das sicher auf die Märkte kommen werde. Den Preisauswüchsen könne man nicht entgehen, solange die Regierung nicht an die Stabilisierung der Preise der tierischen Produkte schreiten werde.
Sozialdemokratischer Erfolg bei den Landsthing- Wahlen
Kopenhagen . Auf den Inseln Seeland heit im Landsthing noch nicht erhalten. Ber( ohne Kopenhagen ), Lolland - Falſter und Born- lingske Tidende" schreibt unter anderem, daß die holm fowie im füdlichen Teile Jütlands , haben 3. Immer wieder wird die bereits vor am Dienstag die Wahlen von Wa hlmännern einem Jahre ventilierte Herabsetzung der Zucker- stattgefunden, die am 22. November 28 Abgeordpreise in der Oeffentlichkeit urgiert. Nachdem sich nete des Landthings zu wählen haben. Seit der unser Ausschuß seinerzeit auch mit diesem Pro- letzten Landsthing- Wahl find in diesem Teile des blem befaßt hat, ist es seine Aufgabe, es erneut Landes acht Jahre vergangen. Soweit sich auf zu prüfen und den maßgebenden Faktoren in Er- Grund des vorläufigen Ergebniffes überschen innerung zu bringen.
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Der Nürnberger Parteitag war abgestimmt auf den Kampf gegen Bolschewismus und Judentum, was beides gleichgesetzt wird. Zu welch tollen Behauptungen diese Gleichsetzung führt. zeigt die Rede Rosenbergs, der behauptet hat, der spanische Bürgerkrieg sei das Werk der Marannen, das sind die Nachkommen jener Juden, welche anläßlich der Vertreibung ihrer Glaubensgenossen
Spanien 1492 zum Christentum übergetreten sind und sich jetzt am nationalen Spanien damit sind wahrscheinlich die marokkanischen Schüßen Francos gemeinträchen. Genau 444 Jahre hat es also gedauert, bevor sich die Marannen, die hunderte von Jahren Christen sind.. zu dieser Rache entschlossen haben. Wie man in Nürnberg mit der Wahrheit umgeſprungen, iſt, lehrt vielleicht am augenscheinlichsten, daß der= selbe Herr Rosenberg, der als Balte eine Art Fachmann der Hakenkreuzler für die Sowjet union ist, behauptet, Stalin sei zwar kein Jude, aber sein Schwiegervater sei der Jude Kagano witsch und der letztere sei es, der Stalin beein Flusse . In Wirklichkeit ist Stalin Witwer, hat nicht wieder geheiratet und Kaganowitsch hat keine erwachsene Tochter. Hätten die Zuhörer während Rosenbergs Rede auf die Decke geschaut, hätten sie gesehen, daß sich die Balken biegen. Was es aber mit der Behauptung, Bolschewismus und Judentum sei eins, auf sich habe, geht am besten: daraus hervor, daß der Begründer der Sowjet union , Lenin , fein Jude gewesen ist und daß es der grimme Judenhasser Ludendorff war, der es gestattet hat, daß Lenin 1917 im plombierten Waggon über Deutſchland nach Rußland_ge= reist ist.
Die Welt hat sich auch von den Hitler und Heß, den Goebbels und Rosenberg nicht täuschen lassen, daß der barnumhaft aufgezogene Nürn= berger Kreuzzug gegen den Bolschewismus ein Vorhang ist, hinter dem Hitler ängstlich seine wahren Ziele verbirgt. Die französische Presse hat erkannt, daß Hitler die Koalition zerschlagen will. die den Frieden zu erhalten bestrebt ist, die nüch teren Engländer seßen dem„ Kanzler und Führer" auseinander, daß eine Regelung in Europa , die Deutschland umfasse, aber Rußland ausschließe, keine Aussicht habe, angenommen zu wer Wahl die Stellung der Regierung Stauning geden"(" Daily Herald"). Ebenso verurteilt die festigt habe und daß die Frage einer Ver- amerikanische öffentliche Meinung den Ton und faffungsänderung durch Abschaffung des Lands- die Agressivität der Nürnberger Reden und sogar Italien rückt von der tollen Bolschewistenheze ab, thong in den Vordergrund gerückt sei. die in Deutschlands , Garküche hergestellt wurde. Der italienische Außenminister hat wohl den bit Dieses Wahlergebnis ist geeignet, bei den tersten Wermutstropfen in Hitlers Freudenbecher läßt, ist mit einem Gewinn von zwei Man- Sozialisten der ganzen Welt aufrichtige Genug getan, indem er noch dazu im Gespräch mit mit der Kontrolle ver Kartellpreise zusammen. Konfervativen, beides auf Kosten der gemäßigten das Ergebnis jahrelanger fachlicher Arbeit der so- lien werde die regulären Beziehungen zu So4. Die Frage des Zuckerpreiſes hängt ena batet bere, 3 i al be motrat en und der ſeinem öſterreichiſchen Stollegen- erklärte, Itas Wir werden daher auch diesem Thema wieder Linken, zu rechnen. Bei den Wahlen haben die zialdemokratischen Regierung und macht die wjetrußland aufrecht erhalten eine deutliche Sozialdemokraten und die Radikalen auf der einen Hoffnung der Reaktion zuschanden, daß derLands- Absage, sich an dem deutschen Feldzug gen Osten unsere Aufmerksamkeit schenken müssen. 5. Schließlich wäre noch auf die Frage der und die gemäßigte Linke und die Konservativen thing( die zweite Kammer), in dem die reatzu beteiligen. Verkaufspreise für Hausbrandtohlen zu verweis auf der anderen Seite je 23 Wahlmänner durch- tionäre Oppoſition bisher die Mehrheit hatte, auch Ganz Europa hat eben erkannt, worum es fen. Auch dieses aktuell gewordene Thema gehört bringen können, ſo daßt das Los darüber zu entfernerhin zur Verhinderung der ſozialiſtiſchen ſich Deutschland handelt. Das Reich ſteht vor der Aufbauarbeit mißbraucht werden kann. Auch wenn zum weiteren Bereich der Versorgungsfragen, die fcheiden haben wird, wem das Mandat und weldie von Stauning geführte Regierung in diesem uns hier beschäftigen. chem Läger die Mehrheit im Landsthing 3- Wahlgang noch nicht die Hare Mehrheit erreichen Es fehlt also unserem Ausschuß nicht an fallen foll. Beratungsstoff und wir würden uns wahrscheins In den Kreifen der Regierungsparteien iſt konnte, wurde doch der Reaktion, bewiesen, daß die lich einer Pflichtvernachlässigung schuldig machen, das Wahlergebnis mit großer Zufriedenheit auf- Entwicklung Dänemarks in der Richtung zunt Soim Westen zu garantieren, nicht aber im Osten. wollten wir uns von den diesbezüglichen Erörte- genommen worden. Ministerpräsident Stauning zialismus nicht aufgehalten werden kann. Er will das rumänische Petroleum und er schielt, rungen, die im vollen Gange find, ausschließen. erklärte, daß das Ergebnis nicht ohne Wirkungen Das Wahlergebnis läßt gewisse Schlüsse zu wie aus seiner lezten Rede hervorgeht, nach den Gestatten Sie mir noch einen Vorschlag in bleiben werde. Im Sozialdemokraten" auf den Ausgang der bevorstehenden Wahlen in Erzen des Urals und sogar nach den Naturformaler Richtung. Mit Rücksicht auf die Dring- wird n. a. angeführt, daß die Wahl ein Ver- Norwegen und Schweden . Es wird die Kraft der Schäßen Sibiriens . Deutschland will die Vorherrlichkeit mancher Versorgungsfragen empfehle ich trauensvotum für die feit sieben Jahren am Ruder dortigen Sozialisten und ihr Selbstvertrauen beschaft über Mittel- und Osteuropa , der preußische von der Bestellung eines besonderen Referenten befindliche Regierung Stauning bedeute, doch festigen. Der Norden wird rot blei Kommißstiefel will nach Osten marschieren und zu diesem Puntt der Tagesordnung und von der hätten die Regierungsparteien bisher die Mehr ben! dic. hatenkreuzlerische Nilpferdpeitsche soll west
für
von den Engländern betriebenen Locarnokonfe=
renz, von der es Nußland ausschalten, weil es fertigt bereit, ein behalten will tea
Hand im Osten- behalten