Sosialdemokrat

ZENTRALORGAN

DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK

ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XII., FOCHOVA 62. TELEFON 53077

16. Jahrgang

Maginot- Linie

auch nach Süden verlängert

Paris . Nationalverteidigungs. minister Dalabier ist Montag abends in Begleitung des Generalstabschefs Ge­nerals Gamelin in Mühlhausen einge­troffen und hat Dienstag an der fran­ zösisch - schweizerischen Grenze eine In­spizierung unternommen, um die Ents scheidungen über die Verstärkung und den Ausbau der Befestigungsarbeiten in diesem Abschnitt der französischen Grenze zu treffen.

Stickling begnadigt

HERAUSGEBER : SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAK EUR: KARL KERN, PRAG .

Donnerstag, 26. November 1936

Einzelpreis 70 Heller

( einschließlich 5 Heller Porto)

Nr. 275

Nur gegen die Komintern? Krieg in Sicht?

Der deutsch - japanische Vertrag unterzeichnet London befürchtet faschistischen Block

Berlin . Vom japanischen Botschafter in schen, daß sich England und Italien dem Berlin Vicomte Muschakoji im Auftrage des Kai- deutsch- japanischen Abkommen gegen den Kom­fers von Japan und dem Botschafter von Ribben- munismus anschließen. trop im Auftrage des Reichskanzlers wurde Mitt­wohmittags ein Abkommen gegen die Kommu

nistische Internationale unterzeichnet. Nach einer schwungvollen Einleitung, in der der Kommunistischen Internationale Berseßung und Ver­gewaltigung der bestehenden Staaten, Gefährdung des inneren Friedens sowie des Weltfriedens vorge worfen wird, heißt es darin:

1. Die vertragschließenden Staaten tom men überein, sich gegenseitig über die Tätigkeit ber Kommunistischen Internationale zu unterrich­ten, über die notwendigen Abwehrmaßnahmen zu beraten und diese in enger Zusammenarbeit durch­zuführen.

Ungünstiger Eindruck

in London und Paris

cine

London.( Reuter.) An zuständigen briti­fchen Stellen wird der Verdacht ausgesprochen, baß das japanisch- deutsche Abkommen größere Tragweite hat, als aus den offiziellen Veröffentlichungen hervorgeht.

Seit dem Jahre 1933 ist die allgemeine Kriegsgefahr in der Welt gewachsen. Die drei faschistischen Großmächte Deutschland , Japan und Italien , entschlossen die Erd­tarte zu revidieren und die traditionellen Vor­mächte mindestens der alten Welt von ihren Postamenten zu stürzen, gehen mit einer unver tennbaren Planmäßigkeit ans Werk. Man weiß, tvie Mussolini zuerst die Aufrüstung Hitlers ge= deckt, dann die Angst Frankreichs zur Bildung der Stresa- Front" und dem Geheimabkommen über Abessinien benüßt und sich endlich, während der Westen durch Hitlers Vorstoß am Rhein wie ge­lähmt war, Abessinien ganz geholt hat. Man war Beuge der Expansion Deutschlands , die wiederum von den Manövern Mussolinis profitierte, set cs im Einvernehmen mit Italien , sei es, wie am An_gut unterrichteten Stellen werden zwar 11. Juli dieses Jahres, unter offenbarer Aus­die Pressemeldungen, welche von einem mili nüßung einer augenblicklichen Schwäche Roms. tärischen Offensivbündnis spre Man fonnte feststellen, daß Japan die von Hit­chen, nicht bestätigt, doch ist man geneigt, die ler und Mussolini nach Europa getragene Unruhe 2. Die Vertragschließenden werden dritte Nachrichten für wahr zu halten, welche von einem benüßte, um sich auf dem asiatischen Festland Staaten, deren innerer Friede durch die Zerset- Abkommen betreffend einen Austausch deute dauernd einzurichten und einen tiefen Steil awi­zungsarbeit der Kommunistischen Internationale fcher Waffen gegen japanische schen China und das sowjetrussische Gebiet zu bedroht wird, gemeinsam einladen, Abwehrmaß- Rohstoffe fprechen. Großbritannien sei dem treiben. Es ist kein Zweifel, daß dieser Prozeß der nahmen im Geiste dieses Abkommens zu ergreifen japanisch- deutschen Pakt nicht günstig geteils friedlichen, teils triegerischen, auf jeden oder an diesem Abkommen teilzunehmen. finnt, weil dieses Instrument eine Stärkung Fall aber von dauernden Kriegsdrohungen be­Der Begnadigung gingen von reichsdeutscher 3. Dieses Abkommen tritt am Tage der des Systems der einander gegenüberstehenden gleiteten Revision solange weitergehen wird, bis Seite offene Drohungen mit dem Abbruch unterzeichnung in Kraft und gilt für die Dauer ideologischen Blocks bedente, ein System, welches die andere Front, die Gruppe der konservativen, der Beziehungen zu Rußland von fünf Jahren. Die Vertragschließenden wer- dem Geist der britischen Politik zuwider ſei. den status quo und den Frieden verteidigenden voraus, falls Stickling ingerichtet werden würde, hen fich rechtzeitig, vor Ablauf biefer Srift ver­Die Meldungen, daß der deutsche Botschafter in die treitere Gestaltung ihrer Zusammenarbeit bers London , Ribbentrop , dem Premierminister ständigen. et au gebieten. ihm Salt Baldwin diese Maßnahme angedeutet habe und daß daraufhin auch der britische Botschafter in Moskau für die Begnadigung interveniert habe, werden jedoch von amtlicher britischer Seite dementiert.

Berlin . Das deutsche Nachrichtenbüro meldet: Nach offizieller sowjetrussischer Mittei­lung hat der Präsident des Zentralerefutiv­komitees dem Gnadengefuch des Reichsdeutschen Stidling stattgegeben und die Todesstrafe in eine zehnjährige Freiheitsstrafe umgewandelt. Auch zwei weitere Angeklagte im Nowosibirsker Prozeß wurden begnadigt; die sechs übrigen follen bereits erschoffen worden sein.

Wird Franco Barcelona bombardieren?

Teneriffa . Der Nadioklub meldet: Die Flotte der Aufständischen hat vor Barcelona einen norwegischen Dampfer angehalten und auch einen griechischen Dampfer, der gleichfalls Kriegs­material transportierte, gezwungen, seine Rich­tung zu ändern und nach Ceuta zu fahren.

Der Flottenangriff auf Barcelona kanu jeden Tag erwartet werden.

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London . Staatssekretär des Außeren Eden bestätigte im Unterhause, daß die britische Regie­rung noch keine Antwort von der spani­ schen Aufständischen- Regierung auf die englische Forderung nach einer Sicherheitszone in Barce Iona erhalten habe.

Auf die Frage, ob sich das Verbot der Bes förderung von Kriegsmaterial auf britischen Schiffen nach Spanien auch auf Lebensmittel, Stohle u. ä. beziehe, antwortete Eden ver neinend.

*

In einem Zusatzprotokoll heißt es:

Es wird eine ständige Kommission errichtet werden, in der die weiteren zur Befämp­fung der Berseßungsarbeit der Kommunistischen Internationale notwendigen Maßnahmen erwogen

und beraten werden.

An Berliner diplomatischen Stellen wird behauptet, die deutsche Segidung würde wün­

Paris. Die Bestätigung der Nachricht über die Ratifizierung des deutsch - japanischen Abtom mens hat in Paris einen ziemlich ungünsti en Eindruck hervorgerufen.

An politischen Stellen der Linken wird be­tont, es werde notwendig sein, daß sich die eng lische, die französische und die amerikanische Demokratie noch enger zusarimenschließen und gemeinsam den Frieden verteidigen.

Die Niederlage der Kommunisten

im Ostrau - Karwiner Revier

Mähr. Ostra u. Bei den Wahlen in die Betriebsräte der Bergarbeiter im Ostrau- Karwi­ner Revier wurde das Skrutinium auf vielen Gruben erst Dienstag nach Mitternacht beendet. Trotzdem die Zahl der Belegschaften auf den Gruben zurückgegangen ist und sich damit die Ges samtzahl der Betriebsräte von 305 auf 271 ermäßigt hat, erhielten:

Bergarbeiterverband( Tsch. Soz.- Dem.) Union d. Bergarbeiter( Deutsche Soz.- Dem.) Industrieverband( Kommunisten) Nationale Vereinigung( Gelbe) Jednota( Nationalsozialisten) Christlichsoziale Agrarier

Stimmen

Mandate 10.029( 10.248) 105( 103) 195( 400) ( 3) 54 5.859( 10.018) ( 92) 7.899( 9.080) 81( 86) 1.930( 1.260) 19 1.175( 1.474)

78

( 0)

( 9)

9 1

( 10)

( 0)

so

feit der Kommunisten deutlich vor Augen: Erst Bolschewisierung, dann Faschisierung, dann zialdemokratischer Wiederaufbau.

Das hervorstechendste Merkmal der Ergeb­niffe der Betriebsrätewahlen im Ostrau - Karivi­ner Revier ist die schwere Niederlage der Kommu­London.( Neuter.) Am Montag wurden nisten, die fast die Hälfte ihres bis Die zweite Ursache der Niederlage der Meldungen über Verschiebungen in der englischen herigen Besit standes verloren Kommunisten liegt in ihrer demagogischen und Mittelmeer - Flotte verbreitet, und einige Blätter haben. Diese Tatsache ist um so bedeutender, da unsachlichen Vertretung der Interessen der Berg­haben in diesem Zusammenhang fenfationelle es sich diesmal nicht um allgemeine, sondern um arbeiter. Geradezu klaffisch hat man dies an der Kombinationen veröffentlicht. Das Marinemini- reine Arbeiter wahlen gehandelt hat. Verhalten der Kommunisten zum sogenannten fterium teilt hiezu mit, daß über die Flottenver- also eine Abkehr von Arbeitern von der Kommu- Prager Abkommen gesehen, das Massenentlassun schiebungen im Mittelineer, welche zur Beit durch- nistischen Partei. Während noch 1985 die Kom- gen verhindert und für die Bergarbeiter in der geführt werden, bereits vor einigen Wochen Be- munisten im tschechischen Gebiet Stimmen gevons trise segensreich gewirkt hat. Die Kommunisten schluß gefaßt worden ift. nen haben im deutschen haben sie schon im haben das Abkommen nicht unterschrieben ein Paris . Wie aus qut unterrichteter Duelle Vorjahre verloren greift der Stück Jahr später jedoch seine Verlängerung gefordert. gemeldet wird, hat der französische Torpedoboot- gang der KPC nun auch auf das Auch diese Demagogie beginnen die Arbeiter zu jäger Verdun" Barcelona verlassen, um sichtschechische Gebiet über. durchschauen. nach Toulon zu begeben. Der Torpedobootsäger La Palme" habe Toulon mit der Bestimmung Palma de Malorca verlassen.

Deutsches Konsulat

als Waffenlager

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Der Verlust der Kommunisten bei den Be- Die Niederlage der Kommunisten straft auch triebsrätepahlen in Ostrau scheint zwei Ursachen am besten die von der reichsdeutschen Propaganda zu entspringen. Die eine ist die allgemeine Poli- verbreiteten Tendensmeldungen Lügen, daß sich tif der NPC. Die Kommunisten sind bestrebt, die eine Bolschewiſierung der Tschechoslowakei voll­Unterschiede zu den übrigen sozialistischen Par ziehe. Im Ostrauer Revier findet eher eine teien zu verwiſchen; ſo a. B. in der Frage der Entbolfdewisierung statt. Demokratie. Da nun erscheinen den Arbeitern Was die Union der Bergarbeiter" betrifft, In Cartagena hat die Polizei eine weitver die anderen sozialistischen Par hat sie im Ostrauer Revier dreimal weniger giveigte nationalsozialistische Spionages und teien, welche seit je an der Demokratie feftae- Stimmen erhalten als 1933. Das ist zur Gänze Propaganda- Organisation aufgedeckt und im Gehalten haben, als die perläßlicheren auf die Auflaffung zweier Schächte im Hultschiner bäude des ehemaligen deutschen Konsulate ein e motrat e n. Die Arbeiter gelangen all- Gebiet und den dadurch bebingten Rüdgang wahl­wahres Waffenlager aufgefunden. Dieses Ge- mählich zu einer nüchterneren Auffassung und berechtigter deutscher Bergarbeiter zurückzuführen. bäude sowie auch das Gebäude der deutschen lernen die aufbauende Tätigkeit der Koalitions- Das Hauptwirkungsgebiet der Union sind die Schule wurden nach Abbruch der diplomatischen sozialisten vom Wortraditalismus der Gottwald Brauntohlenreviere von Aussig bis Komotau so­Beziehungen mit Deutschland dem republita agitatoren unterscheiden. Gerade im Ostrauer wie von Falkenau, wo die Wahlen heute und kischen öffentlichen Dienst übergeben. Revier haben die Arbeiter die zerstörende Tätig morgen stattfinden.

Eine schicksalsschwere Frage ist es nun, ob der diplomatische Feldzug, der Wirt­schafts- und Propagandakrieg sich in diesem Augenblick in einen allgemeinen Strieg mit den Waffen verwandeln werden.

In den letzten Wochen hat es wiederholt den Anschein gehabt, als wäre der Zeitpunkt nicht mehr fern, da sich am Widerstand einer oder der andern alten Mächte gegen die dauernden Provo­fationen durch die revisionistische Politik der Krieg entzünden würde.

Hitler hätte sicher ein gewisses In­teresse daran, einen europäischen Krieg in absehbarer Zeit au entfesseln, wenn er ihn mit Aussicht auf Erfolg führen will. Die deutsche Aufrüstung wird im nächsten Jahre von der englischen, was die Zahl der technischen Waffen, vor allem aber was ihre Qualität betrifft, wahrscheinlich überholt werden. Auch die neuen Anstrengungen Frankreichs ( Bau der Daladier - Linie etc.) verschlechterten die Chancen Deutschlands im Westen. Die antibol­schewvistische Verblödungspropaganda hat im Zuge der spanischen Ereignisse gewisse Erfolge zu ver­zeichnen gehabt, wenn auch nicht die von Berlin vielleicht erhoffte durchschlagende Wirkung er­zielt. Auch diese Welle wird wohl wieder ver­ebben, die Welt wird durch den Goebbels­Nebel dringen und sehen, daß die..bolschewistische Gefahr" ein lächerliches Phantom ist. Auch das fönnte Hitler bewegen, i et f loszuschlagen. Er fann endlich gerade jetzt mit einem größeren Grad von Wahrscheinlichkeit auf italienische Waffen­hilfe rechnen, da es in Spanien doch um wesent­und Mussolini den Vertrag mit England noch lich mittelländische, italienische Interessen geht nicht in der Tasche hat. In nicht zu ferner Frist wird die deutsch - italienische Freundſchaft ja doch wieder brüchig werden. Endlich hat Deutschland gerade jeßt, wie es scheint, mit den Japanern ein festes Abkommen gegen Rußland geschlossen.

Nun haben die Ereignisse vor Madrid die Frage zweifellos weiter kompli ziert und die Kriegsgefahr erhöht. General Franco hatte gehofft, Madrid durch einen Handstreich zu nehmen, die Stegierungs­truppen auf Katalonien zurückwerfen und sich während des Winters in dem beſetzten Großteil Spaniens halten zu können. Der Angriff auf Madrid aber ist zu einem furchtbaren Aderlaß für die Rebellen, zu einer verlustreichen Post­tionsschlacht geworden. Sie fann mit der Ein­nahme der Stadt enden, aber auch dann würde Franco auf Monate hinaus geschwächt und viell leicht überhaupt zu weiteren Angriffen unfähig sein. Sie fann aber auch täglich zur Kriſe der Belagerungsarmee führen. In dieser Lage hat Franco sich die Anerkennung durch Deutschland , und Italien als Schüßenhilfe erbeten. Er ist auch waffentechnisch durch beide Mächte aufs