Sozialdemokrat

Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik

Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh

Einzelpreis 70 Heller( einschließt.5 Heller Porto)

Aus dem Inhalt:

Aufruf der Internationale für Spanien

Wehrerziehung in Sicht

Ein Piratenstück Francos

Kein Bergarbeiterstreik in Polen

Redaktion und Verwaltung; Prag XII., Fochova 62

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Telephon 53077 Herausgeber: Siegfried Taub - Verantwortlicher Redakteur: Rarl Rern, Prag Donnerstag, 18. März 1937

17. Jahrgang

Kabinettsrat beschließt Blutige Zusammenstöße in Paris

Aufruf zur Ruhe

Paris . Der Kabinettsrat, der Abend unter dem Borfit des Ministerpräsidenten Blum zusam­mentrat, hat keinerlei Sanktionen be= schlossen, da die Untersuchung noch nicht abgeschlof= fen ist. Es wurde beschlossen, daß die Regierung an die Pariser Bevölkerung einen Aufruf zur Ruhe erlassen wird.

Für Mittwoch abends bewilligte die Regie­rung die Tagung der Volksfront im Rathaus von Clichy , jedoch unter der Bedingung, daß die Ta­gung in einem geschlossenen Raum im Rathaus ohne alle Umzüge und Zusammenrottungen auf den Straßen stattfinden müsse.

Der Ministerpräsident wird am Donnerstag die Delegationen der Linksklubs empfangen und dann persönlich an der Sitzung der Linksklubs teilnehmen.

Polizei schießt auf demonstrierende Arbeiter

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Nr. 66

Fünf Tote und 200 Verwundete

Paris . Dienstag abends kam es in dem Pariser Vorort Clichy zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten der Linksparteien, unter die sich offenbar Elemente der äußersten Rechten in provokativer Absicht ge­mischt hatten, und der Zivilgarde. Es entwickelte sich eine Schießerei, bei der die Polizei ganze Salven gegen die Menge abgab. Bisher sind fünf Tote und etwa 200 Verwundete festgestellt.

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Diese beklagenswerten Ereignisse erinnern lebhaft an den 6. Feber 1934, an welchem Tage es ebenfalls durch Provokationen der Rechten­vor der Kammer zu einem Blutbad kam, das den Rücktritt des Kabinetts Daladier zur Folge hatte.

Ueber die Zuſammenſtöße gibt das ich es Blums Kabinettschef choslowakische Preisebüro fol­

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Die Nachrichten von den blutigen Ereignis­sen im Pariser Vorort Clichy, welche sieben Tote teine volle Klarheit darüber zu, wie es zu den und 300 Verivundete gekostet haben, lassen noch Schießereien gekommen ist. Sicher ist es, daß die fleine, aber verwegene Gruppe der französischen Faschisten, die sich jetzt Französische Sozial­partei" nennt, den An I a ß au Unruhen durch ihre Veranstaltung gegeben hat, worauf es zu Gegen­demonstrationen gekommen ist. Es ist durchaus verständlich, daß die Arbeiter von Paris faschi­stische Manifestationen nicht zulassen wollen und daß sie den Faschismus in seinen ersten Regun­gen niedertreten wollen die Erfahrungen der schwer verletzt letzten Jahre geben ihnen da durchaus recht. Da gegen geht aus den bis zur Stunde eingetroffenen Minister des Inneren Dormoy, der von Nachrichten noch nicht hervor, we rzuerst ge= ben Demonftrationen informiert worden war, be- schoffen hat. Waren es faschistische Provo­der Kabinettschef des Ministerpräsidenten Blum, ihrer Gesinnung nicht weit von Herrn de la Roque hab fich fofort ins Rathaus von Clichy , wohin auch fateure oder waren es einzelne Polizisten, die in in Frankreich ein Waffenstillstand der pia" in Clichy einen Unterhaltungsabend für ihre Menge sprechen wollten. Plötzlich aber begann sie wird erfolgen. Dafür bürgt schon der foziali­I auf den Balkon des Nathauses, wo sie zur rücksichtslosen Untersuchung bedürfen und Parteien hergestellt werde, welcher von allen Par- Anhänger veranstalten teien sowohl der äußersten Linken als auch bei tur und das Innenminifterium bewilligten diefemel a wanken, denn er war von zwei Re- ſtiſche Innenminiſter Darmoy, der auch die Ber­volverfchäffen aus den Reihen der antwortung einzelner Funktionäre der Polizei und der äußersten Rechten respektiert werde. Veranstaltung. Dienstag abends begannen sich in Demonstranten getroffen worden. Er ihres Kommandanten prüfen wird. Daß der In­Die auf dem Ausstellungsgebäude beschäf der Umgebung des Lichtspielhauses Gruppen jun- wurde in das Krankenhaus von Baujon gebracht. nenminister und Blums. Kabinettchef herbeieilten, tigten Arbeiter unterbrachen vor Mittag die Arbeit ger kommunistischer Anhänger zu fammeln, die Es handelt sich um Schußverletzungen. Er mußte zeigt, daß die Vertrauensmänner der sozialdemo und versammelten sich in der Stärke von etwa noch vor Beginn der Unterhaltung der Sozialen fich noch in den Nachtstunden einer Operation iratischen Arbeiter ihre Pflicht erkannten, erfüll­6000 Berfonen zu einer Bottsverfamegee Härte Polizeiabteilungen was Steppfifandi terziehen. Das Gefchoß wurde entfernt und fein ten und weiter erfüllen werden, balb einer fame­angenommen, in tartte und Republicaniſdio- 3

genden offenbar start einseitig auf In­formationen durch die Polizei fußenden Be richt wieder:

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Die Kommunisten und die extremen Links­elemente unter der Arbeiterschaft fordern, daß die Megierung mehrere Polizeiinspektoren bestrafe und strenge Maßnahmen gegen die Partei de la No­ques sowie gegen die Volkspartei Doriots ergreife. Die französische Soziale Bartei", deren Dagegen fordern die Nadikalsozialisten, daß für Vorsitzender Oberst de la ift, teilte im Nino

die Zeit der Internationalen Pariser Ausstellung vor einigen Tagen mit, bacque Olym" mel, tam. Minister Dormoy begab sich mit entfernt sind? Diese Frage wird einer genauen,

Bugang für die Anhänger de la Rocques frei.

die strenge Bestrafung der Provokateure verlangt Garde hinderten sie jedoch daran und machten den wird. Es wurde eine Delegation gewählt, welche diesen Wunsch dem Ministerpräsidenten bekannt­geben soll.

Vom Kriegsschauplatz

Madrid . Der Ausschuß für die Verteidi­gung Madrids meldete Dienstag abends, um 22 Uhr: An der Front von Guadalajara versuchten die Flugstreitkräfte des Generals Franco, unsere Pofitionen zu bombardieren, wurden aber durch wegs in die Flucht getrieben. Die Flugzeuge der Regierung bewarfen dann die feindlichen Positio­nen mit Bomben. Bei Fliegerkämpfen wurden vier feindliche Flugzeuge abgeschossen.

Im Abschnitt Toralba an der Arragon­Front unternahm der Feind einen drei Stunden dauernden Angriff. Derfelbe wurde mit großen Verlusten für die Abteilungen Francos zurückge­schlagen.

Valencia . Der neue Sowjetbotschafter in Spanien , Leo Gajtis, übergab am Dienstag dem Präsidenten der Spanischen Republik sein Beglaubigungsschreiben.

Wieder in einem Tag überzeichnet

Paris . Das Amtsblatt veröffentlicht das Dekret, womit die Zeichnung der zweiten Tranche der französischen Nationalverteidigungsanleihe in der Höhe von drei Milliarden Franks eingestellt wird, weil diese Tranche am Dienstag bereits voll gezeichnet worden ist.

Der soeben verstorbene Sir Austen Chamberlain

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mit fchive­Auch der Bürgermeister von Clichy hat ren Verwundung büßte, zeigt die unerschrocken­ziemlich bedeutende Kontusionen erlitten. heit der beiden Funktionäre, die eben dort waren, In den Seitengassen sammelten sich dann Während diefer Demonstrationen wurde das wo sich die Lage am kritischesten gestaltete. Sieben nach und nach ungefähr 6000 bis 7000 Anhän Bergnügungsprogramm des Abends der Sozialen Tote und dreihundert Verletzte sind eine Mahnung ger der äußersten Linken an und ihre Zahl wuchs Partei im Kino Olympia" weiter fortge- und Warnung, daß von Seite der Regierung und beständig. Die Demonstranten näherten sich von fet. Als es zahlreichen Demonstranten aus den der staatlichen Eretutive mit aller Umsicht und einigen Seiten trok den ziemlich starken Polizei- Reihen der Linken gelungen war, bis zum Ge- Tatkraft eingegriffen werde, damit Frankreich nach nbteilungen dem Kino. Die Polizei begann fie su bäude des Lichtspieltheaters heranzukommen und wie vor das Land bleibt, das fest und ungebrochen zerstreuen. Die Lage verschlechterte sich, als plök- fie auf das Dach des Theaters Steine warfen, be- feinen großen politischen und geistigen Aufgaben lich aus den Neihen der Demonstranten( von fetzte die Polizei die Umgebung des Kipos und nachkomme und seine europäische Sendung im In­Provokateuren aus dem faschistischen Lager? führte die Teilnehmer an dem Unterhaltungsabend teresse des Friedens und der Kultur, der Demo­D. Neb .) geschossen wurde. Der Polizei der Sozialen Partei, ungefähr 150 Perfo- tratie und der Freiheit erfülle. präfekt ließ weitere Verstärkungen herbeirufen nen, durch Seitentüren aus dem Kino und machte und forderte die Demonstranten zum Auseinan- ihnen den Weg frei. Dieser Aufgabe ist sich die Regierung Léon dergehen auf. Diese jedoch verbarrita. Blums bewußt. Die Verhandlungen, die der Mi­nisterpräsident mit seinen Partnern der Volksfront dierten sich in den Seitengassen und began- Ministerpräsident Léon Blum besuchte noch tagsüber geführt hat, zeigen, daß er eine gemein­nen die Polizei mit Steinen aus dem aufge- in der Nacht und Mittwoch vormittags fämtliche fame Auffassung der Regierung der Massen" er­riffenen Pflaster zu bewerfen. Nachdem einige im Krankenhaus liegenden Verwundeten. Der arbeiten will. Das ist notwendig, da die versteck­Polizisten verwundet worden waren und als aus Bustand eines derfelben ist sehr ernst. Die Mehr- ten und offenen Gegner der Demokratic den Reihen der Demonstranten geschoffen wurde, zahl der verletzten Polizeibeamten, von denen an lauern, der Volksfrontregierung ein Bein zu stel gab der Polizeipräfekt nach zwei vergeblichen 90 Verlegungen davongetragen haben, wurden im len. Der letzte große Erfolg, den Blum und sein Aufforderimgen zum Auseinandergehen Befehl Laufe des Vormittags in häusliche Pflege ent- Finanzminister Auriol mit der Rüstungsanleihe Tassen. Nur sechs blieben im Krankenhaus.

zum Schießen.

Die Opfer der Schießerei

Dem Polizeibericht von Mittwoch nachmittags zufolge ist die Bilanz der blutigen Ereigniffe in Clichy folgende: Fünf Tote, 87 Verletzte, die in den Krankenhäusern in Behandlung stehen, darunter 58 Schwerverletzte. Die Zahl der Leichtverletzten und derjenigen Personen, welche Ab­schürfungen erlitten haben, beträgt rund 200.

Auf feiten der Polizei wurden 84 Personen, größtenteil leicht, verletzt. Nur drei Poli­zisten haben ernste Verlegungen erlitten, zwei davon durch Revolverschüsse. 18 verhaftete Personen werden sich vor Gericht zu verantworten haben.

Strenge Untersuchung angeordnet

bisten erklären, sie hätten alle blind und in die Luft geschoffen, um die Manifestanten zu zer­streuen.

Nach den Berichten der Sonderausgabe des Petit Parifien" schoffen die Polizisten scharf aus Revolvern. Es wird jedoch erklärt, baß sie in Notwehr gehandelt haben,

befchoffen wurden.

Der Minister des Innern Dormoy begab fich um 2.45 Uhr ins Ministerium und erklärte, daß fofort eine rasche Untersuchung angestellt wer­den wird, wer für die Ereignisse in Clichy ver­antwortlich ist, möge er wer immer fein. Er fügte Reihen der Wanifestanten eie direkt aus den hinzu, die Regierung bedauere fehr, daß es zu Der Bürgermeister der Stadt Clichy , der folchen Zwischenfällen tam, und verneige fich vor ben Opfern. Die Ereignisse sind außerordentlich schmerzlich. Die Regierung verlangt bloß, daß jeber Raltblütigkeit bewahrt.

e darauf

erzielt haben, hat die Wut der Faschisten gestei­gert und sie zu einem verwegenen Versuch verlei­tet, der nicht zu ihrem Erfolg ausschlagen wird. Denn die jeßige Regierung Frankreichs ist start, Kabinette feit Clémenceaus Kriegstabinett. Dic das Land hat eines der stärksten und stabilsten Regierung Blum hat alle Schwierigkeiten zur Ueberraschung und zum Leidwesen aller Neaktio= näre Europas bisher überwunden und sie wird unter der geschickten Leitung des Staatsmannes und Sozialisten Blum auch in dieser schwierigen Lage ihren Mann stellen, wenn alle Teile der Boltsfront von dem Willen beseelt sind, zusam= menzuhalten und weiter zu regieren. Wenn man die Lage Frankreichs am 17. März 1937 mit jener am 6. Feber 1984 vergleichen sollte, da die Demonstrationen jenes Tages den Rücktritt des Ministerpräsidenten Daladier zur Folge hatten, so darf man nicht vergessen, daß diese Regierung.

Blum weit stärker ist als es jene Dalabiers ge=

wesen ist und daß Blum sine geschlossene Parla­mentsmehrheit hinter sich hat. Blum hat sich in kommunistische Deputierte Auffray, erklärte trauen erivorben, daß man gerade ihn als den ben zehn Monaten ein solches Ansehen und Ver­Journalisten, daß ſeiner Ansicht nach die Haupt- Mann ansehen kann, der Frankreich die Ruhe und fchuld att den Zusammenstößen in Clichy die Partei de la Rocques trägt, deren den innern Frieden zurüdgeben wird. Bersammlung von der Arbeiterschaft in Clichy So sehr der Verlust an Menschenleben zu als Bro votation angesehen wurde. betlagen ist, er wird für die. Regierung wohl der welche es Blum und seinen Mitarbeitern ermög Anlaß sein, entschiedene Maßnahmen zu treffen, lichen werden, ihr großes Wert der sozialen Er­neuerung und demokratischen Stärkung Frant­Die Gerichtsbehörden, die vormittags ble Die kommunistische umanité" schreibt, reichs weiterzuführen. Ein starkes, vom Geist der Untersuchung aufgenommen haben, stellen genau daß die Polizei auf die Anhänger der Bollsfront Freiheit erfülltes Frankreich ist die Stüße aller fest, wer scharf geschoffen hat, ob die Manifestan- gefchoffen hat, und verlangt die Auflösung der Menschen, die ein freies und demokratisches ten oder die Polizei. Die republikanischen Gar- Partei de la Rocques und Doriots. Guropa anstreben.

Sämtliche Geschoffe, die bei ben Operierten ber verwundeten Personen entfernt wurden, wur. ben dem Minister des Innern für die amtlichen Der sozialistische Populaire" bezeich­Nachforschungen übergeben. Es sind dies fämt- net die Ereignisse in Clichy als Provokation feitens der Partei der ehemaligen Feuerkreuzler.

lich Sechs- Millimeter- Nevolvergeschoffe.

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