Seite 2 Nr. 277 Donnerstag, 25. November 1937 zialdemokrat und einer der energischesten Män­ner des Kabinetts ist/ sondern weil die Regierung, die Parlamentsmehrheit und die Majorität des französischen Volkes fest hinter ihm stehen. D>e französische Demokratie packt forsch, tatkräftig und überlegt zu, sie kennt kein Zagen und Zau­dern, weil es eine Demokratie ist, die sich auf da? sozialistische Proletariat stützt und deren Exetu- tworgan in diesem Falle ein Sozialdemokrat ist. Während auf der Rechten Uneinigkeit und Zank­sucht herrschen und sich die Führer der Reaktion im Gerichtssaal beschimpfen und in den Kot zer­ren, herrscht auf feiten der Regierung Entschlos­senheit und Einmütigkeit. Die französische Repu­ blik , in der unsere sozialistischen Freunde regie­ren ist stark genug, die Verstecke der Putschisten aufzustöbern, die dunklen Pläne der Faschisten und Monarchisten zu enthüllen und allen Ge­fahren der Gegenwart zu trotzen. So wenig eS Mac Mahon und Boulanger gelungen ist. du Republik zu erdolchen, so wenig wird es Herr« de la Roque und den Cagoulärds gelingen» die' französische Demokratie zu unterhöhlen. Die fran­ zösischen Arbeiter und Bauern sind der Fels, auf dem die Demokratie des Landes auch weiter ruhen wird. Vive la Republiquel berühmtenStenerträgerintereffm" in den Vorder­grund geschoben werden, da gilt rS als eine Ver­geudung des öffeutlichrn Vermögens, Hänser zu baxeir! Ziichka befaßte sich dann mit den Schwierig­keiten der Kreditbeschaffung für öffentliche Bauten und mahnt nochmals die deutschen Gemeinden, all: Mittel auSznschöpsen, die im Baugeseh vorhanden -sind. Sie werden sicher beim Fürsorgeministerium Verständnis finden. Zischka verlangt weiter die Ver­längerung des Baugesehes; auch muffe man daran gehen, ein definitives Baugesetz auf lange Zeit hin­aus zu schaffen. I« der ErnährnngSaktio« mutz auf den besonderen Notstand einzelner Bezirke Rücksicht genommen werden. Man kann daS Problem eventuellerMißbräuche der ErnährnngSaktion" nicht schematisch lösen;»st wirst sich da auch der FiSkaliSmuS der Beamten«nhrilvoll aus. In Be­zirken ohne Arbeitslose kann man natürlich einen anderen Maßstab anlrgen, aber in Notstandsgebieten müssen alle Härten vermieden werden. * Schlußwort Dr. Czechs Gegen Abend wurde die Debatte mit den Schlußworten der beiden zuständigen Minister be­endet. Gesundheitsminister Dr. Tzech hielt ein- einstündige Rede, in der er zu den in der Debatte aufgeworfenen Problemen Stellung nahm und auch auf gestellte Anfragen antwortete; namentlich mit Angriffen des SdP-Abgeordneten Dr. Jilly setzte er sich entsprechend auseinander. Wir werden morgen einen ausführlichen Auszug bringen, ebenso aus dem Schlußwort des Ministers Jng. N e k a s, der sich u. a. mit dem finanziellen Stand der Sozialversicherungsinstitute befaßte. Kastriermesser her! Die neueste Forderung der SdP In der Debatte zum Kapitel Gesundheits­ wesen stellte Dr. Jill(SdP) die ungeheuerliche Forderung ans, die barbarischen KastrationS- methoden auS dem Dritten Reich auch bei«nS einzubürgern. Er verlangtezur Sicherung der Erbgefundheit" ein Sterilisations­gesetz nach reichsdeutschem Muster. Das Absinken der Geburtenzahl führte der Herr Doktor auf die liberaliftisch-materialistische Weltauffaffung zurück; angeblich könne hier nur eine Aenderung der Staats- und Gesellschafts­ordnung Wandel schaffen. Genösse Zischka, dessen Erwiderung wir an anderer Stelle bringen, sprach später bloß noch seine Verwunderung dar­über aus, daß Dr.^llly nach bewährtem Rezept nicht auch für den Geburtenrückgang die Ju­den verantwortlich gemacht habe... Dr. Jiltz griff dann auch das Gesundheits­ministerium an, weil es zur konstituierenden Sit­zung des Populattonsbeirates nicht die Äerzte« schäft hinzugezogen hätte, den Beirat für lttir- perpflege zu wenig einberufe, usw. In seinem Schlußwort kam Minister Dr. C z e ch auf die Angriffe des Herrn Dr. Jilly ausführlicher zu sprechen. Wir werden darüber morgen berichten. Warum nicht gleichHabtacht! kommandieren? Im Budgetausschuß hatte der SdP-Abge« ordnete K n or r e ein großes Protestgeschrei er­heben, weil in der Rachtsitzung am Montag fast niemand mehr und namentlich auch kein Mi­nister anwesend sei, als sein Klubkollege Rich­ter sprechen wollte. Genosse Zischka erwiderte ihm gestern, er hätte doch auch gleich verlangen sollen, daßalle habtacht stehen, wenn er spricht. Ueberdies sei er(Zischka) in der frag« lichsn Sitzungsnachr dort geblieben, um sich das Theater anzusehen. Dr. Lilly: Was für ein Theater?. Zischka: Das Theater, das dann Jng. Richter gemacht hat, weil man für dieZei- tungen etwas brauchte. Drei Miaii- st e r waren da in dieser Nacht. Warum haben die Herren nicht Krach gemacht, als die Ministet zu Wort gekommen sind, um 1 Uhr nachts? W'r erfüllen unsere Pflicht und sitzen auch viele Stunden da, aber es gehört manchmal viel Ueber« Windung dazu, sich die Reden der SdP anzuhö­ren! So eine Erklärung wie die des Herrn Knorre lassen wir uns nicht gefallen. Wir bestimmen selbst, wie wir uns zu verhalten haben, ebenso wie wir die Linie und die Methoden unseres poli­tischen Kampfes selbst bestimmen und souverän darüber entscheiden, was wir tun und lassen solleni Der 18. Feber und die Postverwaltuns Bei Neuaufnahmen zuletzt 16.4 Prozent Deutsche Im Budgetausschuß befaßte sich Postmiai» ster T u L n h am Dienstag«. a. mit den Ab­machungen vom 18. Feber. Die Postverwaltung wolle den Verpflichtungen, die ihr daraus er­wachsen, nachkommen. Gleich im ersten Viertel­jahr nach diesem Abkommen habe die Zahl der ne» aufgenommenen deutschen Angestellten bei der Post 9.3 Prozent betragen; sie hat sich im zweiten Vierteljahr auf 16.4 Prozent erhöht. Das lege sicher Zeugnis dafür ab» daß sich die Poswerwaltnng bemühe, die Erwartungen der deutschen Bevölkernng z« erfüllen. Rach dem 18. Feber seien deutsche Angestellte auch bei der Post­sparkasse ausgenommen worden. WaS die Versetzung deutscher Angestellter ms tschechische Gebiet betteff«, so muffe man den Er­fordernissen der Dislokation im Postdienft entspre­chen; das betteffe die tschechischen Angestellten ge­nau so wie die deuttchen. Wenn jemand die Unan­tastbarkeit der deuflchen Angestellten fordern wollte» so würde er«in Vorrecht fordern. An konkreten Fäl­len würde man sehen, daß es immer nur aus sehr ernsten Gründen zu einer Versetzung kam. Auch die Beschwerden über die Sprachenpraxis müsse er ab­lehnen, weil die Postverwaltung sich auch dort nach dem Sprachengesetz halle, wo sie das nicht tun müßte. Freilich seien auch die Beschwerdeführer manchmal launenhaft und hi« und da könne eS auch zu Uebergriffen des Poftpersonals kommen. Wenn die Poftverwaltung auf solche Ding« konkret aufmerksam gemacht werde, dann stelle sie die Miß­stände ab. Mll allem Nachdruck versichert« der Minister auch, daß in der ganzen Poswerwaltnng das Brief­geheimnis voll eingehallen werde. Die Post führe keine Zensur durch; wer dies versuchen sollte, würde strengstens bestraft werden. Der Präsident der Republik empfing am Mittwoch, den 24. November, den außerordent­lichen Gesandten und bevollmächtigten jugoslawi« scheu Minister Dr. Basil Protki, ferner die Vertreter der Städte Neu-Bistritz, Vamberk und Senftenberg , welche ihm Ehrenbürgerdiplome überreichten. Brünner Posttparkasse bltibt. Postminister TuLny erklärte im Budgetausschutz, daß die Zweigstelle der Postsparkasse in Brünn erhallen bleiben wirst! Es sei das ein Beschluß der Re- gierüüg. Am Leben erhalten, was lebt Abs. Zischka Uber die Aufgaben des Gesundheitsressorts und dem Kampf gegen alle Krankheiten der Erwach­senen gellen, die das Leben bedrohen. Die wichtigste Fürsorge für die werdende Mutter ist das Bewußt­sein, haß der Vater Arbeit hat. Löst man dieses soziale.Problem, so fördert man wohl auch am besten denWillen zum Kinde". Für den Säugling muß ausreichend in sanitärer Hinsicht gesorgt wer­den. Der Kampf gegen den Bevölkerungsrückgang wird am besten geführt werden, wenn man es nicht zuläßt, daß über 30.000 Säuglinge jährlich sterben. Die Fürsorge ist beim Schulkind fortzusetzen, die sozial gefährdeten Kinder müssend« staatliche Für­sorge genommen werden. In einer heftigen Kontroverse mit Dr. Jilly weist Zischka energisch dessen Zumutungen zurück, als ob bei der Auswahl der Kinder für die staat­lichen Kinderakttonen parteipolitische Rücksichten eine Rolle spielten. Mit derarttgen durch nichts tegrün- deten Pauschalverdächtignngen müsse Dr. Jilly auf­hören. Zischka spricht den Wunsch aus, daß die Kinderakttonrn fortgesetzt und auSgebaut werden. Man macht das Volk nicht allein widerstands­fähig, wenn man ihm Waffen in die Hand gibt, sondern wenn man die Menschen auch physisch und geistig«rtüchttgt. Dazu gehört auch die Sorge um die physisch besonders gefährdete Jugend. Die Fürsorge muß den fürsorgebedürstigen Menschen mich weiterhin begleiten, denn er hat ein Recht auf öffentliche Hilfe. Deshalb muß der Kampf gegen die Vollskrankheiten systematisch ge­staltet werden. Den Vertretern der SdP sagt Zischka, daß man mit einer rein negativen Einstellung zu all den Dingen nicht weiterkomme. Genau so wie die SdP versucht, den Staat und seine Einrichtungen bei d:r deutschen Bevölkerung zu diffamieren,- so setzt sie auch alles herab, was vom GesundheitS- und vom Fürsorgeministerium geschieht. Wir anerkennen die große positive Arbeit, die von beiden Ministerien im Kampfe gegen Not und Verelendung geleistet wurde, und wünschen nur, daß diese Arbeit noch weiter ausgebaut werden soll. Redner fordett, daß im Zusammenhänge mit der Wehrerziehung in den Stätten Sport­plätze und Stadionanlagen errichtet werden und be­grüßt es, daß ein neues Krankenhausgesetz in Vor­bereitung ist. Er kommt schließlich zu dem Ergebnis, daß auf dem Gebiet: der öffentlichen Gesundheits­pflege vorbildlich gearbeitet wird. Zum Expofl des Fürsorgeministers erklärt Zischka, er erfülle namens der deuttchen Ar» beittrschaft eine Pfticht, wenn er dem Minister für die geleistete Arbeit danke. Er begrüßt eS, daß noch ein größerer Betrag als sonst- zur Verfügung steht, um neue Häuser nach dem Bauaesetz bauen zu können. Das Baugesetz giü für alle. Warum gehen die deutschen Gemeinden nicht daran, eS entsprechend auSzunützrn? Dr. Jilly: Sie haben ja Einfluß auf die Gemeinde! Zischka: Wo wir Einfluß haben, machen wir Prag . Im Budgetausschuß sprach Mitt ­woch in der Debatte über die Ressorts für soziale Fürsorge«nd Gesundheit Genosse Zischka, der u. a. verschiedene Anmaßungen, die sich SdP- Redner leisteten, gebührend zurückwies»nd un ­angebrachte Angriffe der SdP ans diese von So ­zialdemokraten geleiteten Refforts sehr energisch abwehrte. Zischka würdigte auch eingehend die große Arbeit, die in diesen Refforts unermüdlich für die sozigl schwachen Bevölkerungsschichten ge ­leistet wird und brachte verschiedene Wünsche und Anregungen vor. Er sagte«. a.: Die Bedeutung des öffentlichen Gesundheits ­wesens sttigt von Jahr zu Jahr. Leider ist eS aber heute so, daß die Vorsorge für das Leben zurück ­gedrängt wird von Vorbereitungen zur Vernich ­tung dieses Lebens. Es mag ein Stück Trost sein in einer aufs neue dem Wahnsinn des Krieges ver ­fallenen Zeit, daß wir doch nicht vergeffen. uns energisch den Aufgaben zu widmen, die in dem Ex­pose des Gesundheüsministers gekennzeichnet sind. Diese Aufgaben ändern sich mit der Zeit. So war es'vor einigen Jahrzehnten völlig überflüffig, sich mit dem Geburtenproblem zu be ­fassen, heute ist es die große Sorge aller Kulturstaa ­ten. Die Gebuttenkonttolle ist eine internatio ­nale Erscheinung. Es ist allerdings falsch, wenn mein Vorred ­ner Dr. Jilly behauptet, derMaterialismus" der Bölter und Staaten sei daran schuld'. Für diese Herren ist doch Rußland die Inkarnation des Ma ­terialismus, und ausgerechnet Rußland hat einen BevölkerungSüberschutz von 3.5 Millionen pro Jahr! Die abnehmenden Geburtenziffern sind von den Weltstädten ausgegangen . Paris war die erste große Stadt, die damit schon in der Vorkriegszeit ernste Sorgen batte. Redner erinnert an die Vor ­aussage des Herrn Jng. Jung in einem Buch , das deutsche Volk habe es nicht notwendig, sich mit Frankreich n.-ch einmal miiiiärisch aucei.iaderzu ­setzen, denn wenm^ie-Entwicklung ruhig weiter-' laufe, werde Frankreich sozusagen aussterben, während Deutschland einen großen Bevöllerungs- überschuß aufweisen und Berlin beispielsweise in absehbarer Zeit die Zehnmillionengrenze erreichen werde. Der Traum ist ausgettäumt. Nicht einmal die Tatsache konnte etwas daran ändern, daß nun Herr Jng. Jung sich persönlich in die Gegend von Berlin begeben hat! Im Geburtenrückgang gibt es eben keinenUnterschied zwischen den demokratischen und autoritären Staaten. Unser Grundsatz muß hier sein, daß alles, waS lebt, möglichst lange am Leben zu erhalte« ist. Aig. Jilly; Alles, waS gesund ist... Zischka: WaS krank ist, muß gesund gemacht werden, zumindest muß man eS versuchen! Unsere Sorge muß deshalb der werdenden Mutter,.dem Säugling, dem Heranwachsenden Kind l eS auch. Wo aber euer Einfluß größer ist, wo die VON E U G I NE DABIT Berechtigt« üebertragun«? aus dem Französischen von Bejot Er taucht seine Hand ins Weihwasser und benetzt damit meine Finger. Dann bekreuzigt er sich. Er geht ganz leise. Ich folge ihm. Ich afme Kellerluft, Staub, Weihrauch. Vor einem Altar bleibe ich stehen und lausche. Jemand mur­melt ein Gebet. Pierre kniet hm. Ich lehne mich an einen Pfeiler und sehe auf zu der nachtdunklen Kuppel. Eine Frau streift mich und gleitet weiter auf den Fliesen. Pierre betet, mit dem Gesicht fast den Boden berührend. Auf einem Sarkophag liegt ein Bischof mit gefalteten Händen. Mir ist- als müsse der schmale Mund in dem fahlen Antlitz sich öffnen. Ich kann nicht beten. Wer ich fühle Ruhe, Vergessen und zugleich eine dumpfe Bellemmung. Ich sehnte mich danach, besser zu werden, befreit van meinen Lügen und Schwächen. Die in meinem Herzen keimender Liebe weihe ich meinem Freunde Pierre. Er erhebt sich. Seine Sttrn ist faltenlos, das Auge ist klar; es geht ein Leuchten von seinen Zügen aus wie von einem Helligen. Bist du glücklich?" fragt er mich in­brünstig. Jo. Aber ich schäme mich. Laß uns hinaus- gehen. Wollen wir aufs Land?" Das verdämmernde Tageslicht blendet mich. Weinen konnte man", flüstert Pierre. Oder ausschreien vor Glück. Man denkt nicht mehr an Kaserne und Krieg, man fühlt sich rein .,..d gleichgültig gegenüber allem, was nicht Gott ist." Bald sind wir auf freiem Feld. Ist eS nicht, als wären wir noch in der I Kirche?" setzt Pierre seine Betrachtung fort.Der Himmel, die Bäume, die Wiesen.. Ja, ein schöner Tag. Du verläßt mich nicht,| Pierre!" Man kann uns kennen. Wer Er wird dich nie verlassen." Auch wenn ich niemals in die Kirche gehe? Bei uns zu Hause kümmerte man sich nicht um den lieben Gott. Ich bin getauft. Doch ich bin nie zur Kommunion gegangen. Vater wollte nicht." Jetzt bist du frei. Man kann nicht leben ohne Glauben, Kleiner. Du hast gesehen, wohin man kommt." Man hat mich ja nie aufgeklärt. Nur ein ­mal, als ich in der Lehre war, kannte ich«inen Arbeiter, der so ähnlich sprach wie du." Was sagte er denn?" Ich erinnere mich nicht mehr. Es war ein Protestant." Ich bringe dich zu einem Priester. Du wirst sehen.. Aber ich glaube nicht an Gott, Pierre. Ich kann nicht an ihn glauben. Du willst doch nicht, daß ich wieder Komödie spiele? Später viel­ leicht." Gott wird dich erlösen. Bon dir selbst und von den Menschen. Er allein kann dir vergeben, dir Trost gewähren." Langsam gehen wir zur Kaserne zurück. Am dunllen Himmel, hinter Wolken, funkell ein Stern. Die Lichter flammen auf. Es weht ein leichter Wind, und in den Büschen am Wege rascheü es leise. * Diese Woche ist Pierre mit einer Ersatzkom­panie zur Front gegangen. Ich wiederhole unseren letzten Spaziergang wie eine Wallfahrt. Bei jedem Schritte steht mein Freund vor mir. Er zeigte mir ein Insekt, einen Bogel, eine Blume, um mich auf ihre Schönheit hinzuweisen, mich Bewunderung zu lehren. Oder er sprach, den Arm über das Land vor uns auS- streckend , von Gott und seinem Reiche. Du hast mich sehend gemacht, Pierre, daß ich die Schönheit entdecke- wo immer sie sich ver­birgt, die Freude, wo sie zu finden ist. Ehe du kamst, sah ich nur Leere. Ich hatte ja nie die Stadt verlassen, und was ich außerhalb ihrer Grenzen kannte, war armselige Natur, ohne Größe, ohne Einsamkeit. Dank dir kenne ich jetzt eine andere Natur! Du bist fort, aber deine Be- geifterung hast du mir zurückgelassen. Wenn ich mich geweigert habe, dir zu einem Priester zu folgen, so nur, well ich glaubte, wählen zu müssen und entsagen einem Leben, nach dem mich dürstet und das ich zu ahnen beginne. Ich möchte diesem Leben, das ich ja kaum kenne, nicht auSweichen. Ist nicht der Wunsch, mit allen Fibern im Son­nenlicht zu leben, auch Liebe und Religion?" Das Gesumm, das auflteigt aus blühenden Obstgärten, betäubt, der Duft berauscht mich. Ich taumle. Die Beine werden mir so schwer, daß ich halttnachen, mich im Schatten eines Baumes ins Gras werfen muß. AuS der Tasche hole ich ein Stück Brot her­vor und beiße hungrig hinein. Würziger Erd­geruch steigt mir in die Nase. Ich pflücke ein paar Blätter von einem Zweige, der mein Gesicht strei­chelt, und genieße ihre Kühle zwischen den Lip­pen. Dann strecke ich mich aus, die Arme weit von mir gebreitet, und starre auf das Spifl der Wol­ken am Himmel. Zu Pferde bin ich ebenso geschwind wie sie. Gestern bin ich mit dem Regiment querfeld­ein geritten. Die Bäume wirbelten vorüber, die Felder reihten sich einander wie Perlen einer Kette, die Dörfer verschwanden, eins nach dem anderen. Die Zügel fest in der Hand, stand ich in den Bügeln und trieb mit lauter Stimme mein Pferd, das weißer Schaum bedeckte, zu immer schärferem Galopp an. Jetzt liege ich auf dem Bauch und entdecke im Grase em Gewimmel geheimnisvoller Tier­chen, rastlos tätig, und doch so gebrechlich, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Die Korn­felder wogen, die Bäume entsenden Botschaften zum Himmel. Ein Bauer geht vorüber. Ich hätte Lust, ihm ein fröhlichesHeda!" zuzurufen, uw meine Freude mit einem Menschen zu teile«. Das Summen der Insekten, das Rauschen der Blätter, das Säuseln des Windes wird ein ein­ziger Ehor. Ich singe mit. Der Klang meiner Sttmme hallt wider. Ich bin allein mit meinem Glück, das mir so fremd ist, daß eS mich fast be­drückt. Plötzlich beunruhigen mich Stille und Einsamkeit. Die Landschaft rückt, wie«ine feindliche Well, immer dichter an mich heran. Ich springe auf und erreiche auf Feldwegen die Landsttaßs- Schwalben stressen im Flug den Boden. Die Abendkühle umfängt mich. Ich bin froh, daß ich wieder Menschen sehe, froh, daß ich in die Stadt zurückkehre. Auf der Place d'Armes ist ein Korso von Soldaten, von sonntäglichen Bürgern und Scha­ren junger Mädchen. Auf den Terrassen schlürfe« Offiziere den Apiritif. Ich bin stisch wie nach einem Bade und hungrig. Ein paar Kameraden begegnen mir. .Kommst du mit uns essen, Kleiner?" fragt Tavernier. Gern. Ich habe noch nichts im Magen." Eine Garküche mit langen, wachstuchbcdeck- teN Tischen und Bänken. Es sieht aus wie in der Kaserne, aber es riecht appetitlicher. Wir setze« uns. Einer von uns tritt die Suppe aus, heiße Gemüsesuppe, die den Schlund verbrennt und dem Magen.oohltut. Das Brot ist weiß, der Wein kratzt nicht ü« Halse. Ein Mädchen bringt Braten, Kartoffelmus, Salat nach Belieben; man fühlt sich wie 5« Hause. ^Fortsetzung folgt.).